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Todesmarsch

Dieser Artikel beschreibt eine Zwangsmaßnahme. Weitere Bedeutungen finden sich unter Todesmarsch (Begriffsklärung).

Ein Todesmarsch ist ein Marsch, zu dem eine Gruppe von Menschen – meist Häftlinge oder Kriegsgefangene – gezwungen werden und auf dem ein großer Teil der Marschierer aufgrund der Bedingungen umkommt.

Die hohe Todesrate bei solchen Märschen kann auf Gleichgültigkeit bei den Bewachern und ihren Vorgesetzten zurückzuführen sein – die Todesfälle werden zwar nicht aktiv angestrebt, aber auch nicht als Problem betrachtet, sondern schlicht billigend in Kauf genommen. Daher sind die Marschbedingungen so, dass viele der Marschierer aufgrund von Unterernährung, Überbeanspruchung oder Krankheit sterben, ohne dass Gegenmaßnahmen getroffen werden. Todesmärsche können aber auch bewusst so gestaltet werden, dass viele oder alle der Marschierer sterben sollen. Dann kommen oft zu den oben genannten Bedingungen noch Gewalttaten durch Aufseher oder auch durch eine feindliche Bevölkerung.

Inhaltsverzeichnis

Beispiele

Trail of Tears

Die US-Regierung ließ im Herbst und Winter 1838/1839 unter Präsident Martin Van Buren diverse Indianerstämme, u. a. Cherokee, in Reservate umsiedeln; siehe Pfad der Tränen

Armenier 1915

durch die osmanische Regierung; siehe Völkermord an den Armeniern

Todesmarsch von Bataan (1942)

Der Todesmarsch von Bataan führte 70.000 amerikanische und philippinische Gefangene an 6 Tagen über 100 km in japanische Kriegsgefangenschaft. 16.000 Gefangene starben auf dem Weg.

Die Tragödie von Bleiburg

Im Anschluss an ihre bedingungslose Kapitulation in Bleiburg in Kärnten wurden kroatische, slowenische und weitere Truppen, die auf der Seite der Wehrmacht gekämpft hatten, nach Ende des Zweiten Weltkriegs von britischen Armeestellen an die Tito-Partisanen ausgeliefert. In der Folgezeit kam es auf dem Transport dieser entwaffneten Truppen in Lager in Slowenien und Nordkroatien zu den Massakern von Bleiburg. Aus diesen Lagern wurden sie, ebenso wie deutsche Kriegsgefangene, in Märschen in Lager in der Vojvodina getrieben, teils über hunderte von Kilometern. Bei diesen Todesmärschen kam es zu einer großen Zahl von Opfern, darunter waren Tausende von deutschen Kriegsgefangenen. Viele der Marschierenden sollen an Entkräftung, Krankheiten oder Folgen von Mißhandlungen gestorben sein, aus Willkür erschossen worden sein, oder weil sie das Marschtempo nicht mehr mithalten konnten.

Todesmärsche in der Zeit des Nationalsozialismus

Mit der überstürzten Räumung der Lager von Auschwitz im Januar 1945 begannen die Todesmärsche der Gefangenen. Beim Herannahen der Roten Armee beziehungsweise der westalliierten Truppen wurden die Häftlinge in Marschkolonnen evakuiert oder mit Eisenbahnzügen – oftmals in offenen Güterwagen - abtransportiert. Vom KZ Neuengamme wurden noch Mitte April 1945 mehr als 10.000 Häftlinge evakuiert.

Die Anzahl der auf diesen Todesmärschen zu Tode gekommenen Menschen ist nicht genau feststellbar. Die Schätzungen dazu bewegen sich weit auseinander. Von den im Dezember 1944 registrierten 714.000 KZ-Häftlingen kamen bis Mai 1945 wahrscheinlich mindestens ein Drittel[1] ums Leben: Durch Hunger, Kälte und Erschöpfung während der Todesmärsche sowie durch gezielte Tötungen, die sich nicht allein auf geschwächt Zurückbleibende beim Fußmarsch beschränkten, durch Seuchen und Mangelernährung in überfüllten Aufnahmelagern oder als Opfer von Kampfhandlungen.

Der Entscheidungsprozess zur Räumung der Lager lässt sich wegen der lückenhaften Quellenlage nicht rekonstruieren. Möglicherweise gab Heinrich Himmler schon im Frühjahr 1944 einen Befehl, die KZ-Häftlinge nicht einfach in die Hände der alliierten Befreier fallen zu lassen. Die Höheren SS- und Polizeiführer erhielten die Befugnis, bei unmittelbar bevorstehendem Angriff die Evakuierung anzuordnen.

Offenbar verfolgten die Verantwortlichen „eine Politik voller Widersprüche“.[2] Himmlers „Judenpolitik“ war in den letzten Kriegsmonaten wechselhaft und inkonsequent.[3] Himmler selbst versuchte, Kontakte zu den Westalliierten zu knüpfen, und hielt darum jüdische Häftlinge lange in Geiselhaft zurück.[4] Noch im März 1945 schickte er Oswald Pohl mit dem unmissverständlichen Auftrag in verschiedene Lager, das Massensterben einzudämmen und insbesondere verbliebene jüdische Häftlinge zu verschonen. Andererseits gab er am 18. April 1945 - oftmals wird fälschlich der 14. April genannt - einen nicht im Original überlieferten Befehl an das KZ Flossenbürg, die Häftlinge unter keinen Umständen lebend der US-Armee zu überlassen, da sich in Buchenwald die befreiten Häftlinge „grauenhaft gegen die Zivilbevölkerung benommen“ hätten und eine Gefahr für die Zivilbevölkerung darstellten.[5]

Für Daniel Goldhagen stellen die Todesmärsche die bewusste Fortsetzung des Holocaust mit anderen Mitteln und eine planvolle Strategie zur Vernichtung des jüdischen Volkes dar.[6] Andere Historiker weisen darauf hin, dass die Mehrzahl der Evakuierten nichtjüdische Häftlinge waren, und führen die zahlreichen Opfer auf das vollständige Chaos der letzten Kriegsmonate und den Zusammenbruch der Versorgung zurück. Der Historiker Eberhard Kolb kommt zum Schluss: Nicht zentrale Anordnungen, sondern „niedrige SS-Chargen haben auf den Todesmärschen über das Schicksal Tausender von Häftlingen entschieden.“[7]

An vielen Orten, besonders in Ostdeutschland, sind Stellen, an denen Menschen auf Todesmärschen starben, auf den Straßen mit Gedenksteinen markiert. Jedoch geben diese, meist in der unmittelbaren Nachkriegszeit errichteten Mahnmale keinen Hinweis darauf, um welche Menschen es sich jeweils handelte.

Einzelne Märsche:

Dieser Marsch nahm nach den vorliegenden Zeugenaussagen am 4. April 1945 seinen Ausgang im Konzentrationslager Buchenwald. Er soll zu Beginn etwa 1.500 Häftlinge umfasst haben und über Flossenbürg nach Oberbayern gelangt sein, wo er am 29. April bzw. 1. Mai 1945 in zwei Kolonnen in Kraiburg ankam.
Es ließ sich feststellen, dass eine Marschkolonne KZ-Häftlinge am 29. oder 30. April und eine weitere wahrscheinlich am 1. Mai 1945 durch Kraiburg zog. Die erste Kolonne marschierte von Kraiburg über Ensdorf, Oberneukirchen mit dem Ziel, über Laufen nach Österreich zu gelangen, während die zweite von Kraiburg aus in Richtung Wasserburg zog. Auf ihrem Weg wurden laufend marschunfähige Häftlinge von der SS-Bewachungsmannschaft erschossen. Die Leichen wurden jeweils neben der Straße liegen gelassen oder nur ganz oberflächlich mit Erde überdeckt.[8]

Todesmärsche nach dem Kriegsende

Nach dem Kriegsende 1945 begann für die Deutschen im Osten und Südosten die Vertreibung von über 15 Millionen Menschen. 3 Millionen überlebten die Vertreibung nicht. In zahlreichen Todesmärschen wurden die Deutschen aus ihren Heimatorten und -städten gejagt. Der bekannteste ist der Brünner Todesmarsch mit 27.000 Beteiligten und 5.200 Toten, ferner etwa der Todesmarsch der Komotauer (Sudetenland) nach Sachsen.

Literatur

Fußnoten

  1. Eberhard Kolb: Die letzte Kriegsphase... , S. 1135 in: Ulrich Herbert, Karin Orth, Christoph Dieckmann: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Fischer TB, Frankfurt, ISBN 3-596-15516-9
  2. Daniel Blatman: Die Todesmärsche... , S. 1068 in: Ulrich Herbert, Karin Orth, Christoph Dieckmann: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager.. Fischer TB, Frankfurt, ISBN 3-596-15516-9
  3. Karin Orth: Planungen und Befehle der SS Führung zur Räumung des KZ-Systems. In: Detlef Garbe: Häftlinge zwischen Vernichtung und Befreiung. Die Auflösung des KZ Neuengamme und seiner Außenlager durch die SS im Frühjahr 1945. Bremen 2005, ISBN 3-86108-799-5, S. 33 - 44
  4. Daniel Blatman: Die Todesmärsche... , S. 1069
  5. Daniel Blatman: Die Todesmärsche... , S. 1076 / Zum Befehl: Herbert Diercks, Michael Grill: Die Evakuierung des KZ Neuengamme und die Katastrophe am 3. Mai 1845 in der Lübecker Bucht. Eine Sammelrezension. In: Kriegsende und Befreiung. Bremen 1995 ISBN 3-86108-266-7 (Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland 2 /1995) S. 175-176
  6. Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Taschenbuchausgabe Berlin 1998, ISBN 3-442-75500-x, Kapitel 13 und 14
  7. Eberhard Kolb: Die letzte Kriegsphase... , S. 1133
  8. Angaben aus den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsakten beim Landgericht München I, 119 b u. JS 3/71