Heim

Meister Eckhart

Eckhart von Hochheim, bekannt als Meister Eckhart (* um 1260 bei Gotha - Hochheim, Tambach oder Wangenheim; † vor 30. April 1328 in Avignon oder Köln) war ein bedeutender Theologe und Philosoph des christlichen Mittelalters. Seine Zuordnung als Mystiker ist umstritten.

Bei der Schreibweise seines Namens weisen die Handschriften die unterschiedlichsten Varianten auf (wie Aycardus, Ekhartus oder Hechard).[1] Ein Bildnis oder Autograf Eckharts ist nicht überliefert, doch lässt sowohl die deutsche wie auch die lateinische Überlieferung seine Redaktion erkennen.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Das erste gesicherte Datum aus Eckharts Leben ist Ostersonntag, der 18. April 1294.[2] An diesem Tag predigt er als Lektor der Sentenzen in der Kirche des Dominikanerkonvents St. Jacques in Paris. Seine „Antrittsrede“ als Lektor hält er bereits im Herbst 1293. Nach den Statuten der Universität musste er mindestens 33 Jahre alt sein, um dieses Amt antreten zu können. Die Mitschrift einer Predigt von 1302/03 nennt als einziges Dokument seinen vollen Namen: magistri Echardi de hochheim. Am 19. Mai 1305 bestätigt und beglaubigt Eckhart als Provinzial der Dominikanerprovinz Saxonia im Zisterzienserinnenkloster Hl. Kreuz in Gotha ein Privilegium domini Eckardi militis de Hocheim (worin der verstorbene Ritter dem Kloster eine Hufe Land im Buflebener Felde mit der Bestimmung vermacht, für ihn und seine Frau jährlich je ein Jahrzeitgedächtnis zu halten) mit seinem Ordenssiegel.

Eckhart wird somit um 1260 als wahrscheinlicher Sohn des Ritters Eckhardus, dictus de Hocheim (der in den Diensten der thüringischen Ministerialen von Wangenheim stand) geboren.

Vermutlich um 1275 tritt er in Erfurt in den Orden der Predigerbrüder ein. Er erhält seine Grundausbildung mit einem Studium artium (der Künste), naturalium (der Naturphilosophie), solemne (der Theologie) und generale (Studium generale), die mit seiner Priesterweihe beendet ist. Diese Studien finden in den Konventen statt, die gerade über die entsprechenden Lehrer (Magister) verfügen. Die jeweiligen Ausbildungsorte werden auf den jährlichen Provinzkapiteln festgelegt, wobei die Akten der Provinz Teutonia aus diesen Jahren (bis auf einige Fragmente) nicht mehr erhalten sind. Es ist möglich, dass er dabei ein oder mehrere Jahre in Köln verbrachte, wo er bis zu dessen Tod 1280 auch Albertus Magnus kennen gelernt haben könnte. Vielleicht immatrikuliert er sich um 1290 an der Universität Paris, wo er 1293/1294 als Lektor der Sentenzen des Petrus Lombardus bezeugt ist.

1294 wird er Prior des Erfurter Dominikanerklosters und Vikar der Ordensnation Thuringia (die sieben Männerkonvente umfasst - ein achter, Göttingen, wird 1296 gegründet. Ein Dominikanerinnenkloster gehört nicht dazu, wohl aber die Seelsorge über einige andere Frauenklöster). Die Predigerkirche ist wohl das einzige noch erhaltene Bauwerk, in dem er predigte. In den folgenden Jahren entstehen die Erfurter Reden (Reden der Unterweisung oder Reden der Unterscheidung) und vermutlich ab 1298 der Predigtzyklus Von der ewigen Geburt (Steer) 101 - 104.

1302 promoviert er in Paris zum Magister sacrae Theologiae. Aus den Jahren 1302/03 sind zwei seiner vier Quästionen überliefert und eine Quästio des späteren Generalministers der Franziskaner, Gonsalvus Hispanus, in der dieser sich auf einige von Eckharts Thesen bezieht.

Auf dem am 8. September 1303 erstmals stattfindenden Provinzkapitel in Erfurt wird Eckhart zum ersten Provinzial der zu Pfingsten auf dem Generalkapitel letztendlich bestätigten, aus der Teilung der Teutonia neu hervorgegangenen Ordensprovinz Saxonia gewählt. Zu diesem Zeitpunkt besteht die Saxonia aus 47 Männer- (drei weitere werden bis zum Ende seines Provinzialats noch hinzukommen) und neun Frauenklöstern. Auf dem Generalkapitel in Toulouse Pfingsten 1304 wird seine Wahl bestätigt. Wahrscheinlich aus diesem Anlass hält er vermutlich auf dem Provinz- wie dem Generalkapitel je eine Predigt und Vorlesung über Jesus Sirach, Kap. 24. Zu dieser Zeit oder vielleicht auch schon während des ersten Pariser Magisteriums entwirft Eckhart den Plan zu seinem Opus tripartitum, dem dreigeteilten Werk. Während seines Provinzialats entstehen die Vorreden, eine erste Redaktion seines ersten Genesiskommentars, der Beginn des Exoduskommentars, ein fast vollständig ausgearbeiteter Kommentar zu Sapientia (Buch der Weisheit) und die Bearbeitung von Jesus Sirach. Welche Predigten er hält, ist (noch) nicht bekannt, es werden aber einige (von einem Redaktor gekürzte) Texte aus der Predigtsammlung Paradisus anime intelligentis (die 32 seiner Predigten enthält) dieser Zeit zugeordnet.

Zu Pfingsten 1307 wird Eckhart auf dem Generalkapitel in Straßburg zum Generalvikar für die böhmische Provinz ernannt. Von dieser Tätigkeit ist nichts weiter bekannt. An Pfingsten 1308 erhält der Provinzial der Boemia den Auftrag, die Angelegenheit zu prüfen und die Schuldigen zu bestrafen. Außerdem besteht die Möglichkeit der Gründung eines Konvents in Groningen. 1309 werden gleich zwei Neugründungen in Arbeit genommen, in Braunschweig und Dortmund.

Am 23. Januar 1310 erteilt Papst Klemens V. die Erlaubnis zur Gründung von Kloster und Kirche der Dominikaner in Braunschweig, Dortmund und Groningen. Im Herbst ereignet sich auf dem Provinzkapitel der Teutonia ein einmaliger Vorgang: Eckhart wird auch zum Provinzial der Teutonia gewählt. Diese Wahl wird aber vom Ordensgeneral nicht bestätigt. Das Generalkapitel in Neapel entbindet Eckhart am 30. Mai 1311 auch seines Amtes als Provinzial der Saxonia und schickt ihn zu einem zweiten Magisterium wieder an die Universität Paris. Er besetzt dort zum zweiten Mal einen der beiden Lehrstühle für Nichtfranzosen, eine Auszeichnung, die vor ihm nur Thomas von Aquin zuteil wurde. Aus dieser Zeit sind zwei weitere Quästionen bekannt, die jedoch als stark gekürzte Nachschriften vorliegen und Thesen Eckharts nur in Stichworten wiedergeben. Zusammen mit den drei Quästionen von 1302/03 werden sie als Quaestiones parisiennes bezeichnet. Eckhart bezieht sich in mehreren deutschen Predigten auf seine Pariser Zeit, so in den Prr. 14, 15 und 24 (Quint). Es wird vermutet, dass er jetzt seine erste Auslegung zur Genesis überarbeitet und den Exoduskommentar erweitert. Außerdem beginnt er vielleicht mit den Arbeiten zu seinem zweiten Genesiskommentar und der Auslegung zum Johannesevangelium, seinem umfangreichsten Werk, das er noch vor seinem Tode beenden wird.

Eckharts Aufenthalt in Straßburg, oft als sein "Straßburger Jahrzehnt" tituliert, ist seit 2006 wieder in die Diskussion geraten, da dieser tatsächlich nur durch drei Dokumente gestützt wird. Am 14. April 1314 erscheint er in seiner Eigenschaft als Professor als Zeuge bei einer Schenkung an die Dominikaner. Am 15. November 1316 genehmigt er als Vikar des Ordensgenerals eine Schenkung an das Dominikanerinnenkloster St. Markus in Straßburg. Am 10. Dezember 1322 bestätigt der Ordensgeneral disziplinäre Anweisungen, die Eckhart als Vikar bzgl. des Frauenklosters Unterlinden bei Kolmar erlassen hat. Nur dieses Dokument kann mit der cura monialium in Verbindung gebracht werden, d.h. der Seelsorge der dominikanischen Nonnen seitens der Brüder. Dieses Dokument und die bezeugte Anwesenheit Eckharts in den Frauenklöstern Katharinental und Ötenbach in Südwestdeutschland begründen die zahlreiche Literatur, die Eckhart in diesen Jahren als Seelsorger der Frauenklöster sehen. Tatsächlich ist nicht bekannt, wo sich Eckhart zwischen 1313 und 1323 aufgehalten hat. Ebenso wenig ist bekannt, welche Predigten er gehalten oder an welchen Schriften er gearbeitet hat. Sicher wohl arbeitet er an den oben genannten lateinischen Kommentaren und sehr wahrscheinlich am Buch der göttlichen Tröstung (der Titel ist eine spätere Zuschreibung) und zusammen damit an der Predigt Vom edlen Menschen. Am Schluss des Trostbuches geht er auf Anfechtungen gegen ihn ein, wodurch zumindest der Schluss des Buches bereits in die Kölner Zeit verweist.

Um 1324 ist Eckhart als lector primarius am Studium generale in Köln. Dort wird er 1325 durch Ordensbrüder (vermutlich Hermann de Summo und Wilhelm von Nidecke, die im Jahr darauf auch offiziell als Ankläger in Erscheinung treten) beim Kölner Erzbischof Heinrich II. von Virneburg wegen angeblich häretischer Glaubensaussagen denunziert, woraufhin dieser einen Inquisitionsprozess gegen Eckhart eröffnet. Im Verlauf des Herbstes 1326 kommt es zu mehreren Untersuchungsverhandlungen, in denen ihm zwei Listen vorgelegt werden. Die erste enthält 49 (48) Auszüge aus seinen lateinischen Werken, dem Trostbuch und den deutschen Predigten (ins Lateinische übersetzt) und die zweite Liste zählt 59 Auszüge aus seinen deutschsprachigen Predigten.

Danach begibt sich Eckhart in Begleitung auf den Weg nach Avignon, wo es wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des Jahres 1327 in seiner Anwesenheit zu einer Anhörung vor einer päpstlichen Theologenkommission kommt, die ein Gutachten erstellt, in dem noch 28 seiner Aussagen diskutiert werden. Ob Eckhart dieses Votum noch zu Gesicht bekam und wo er starb (im Dominikanerkloster in Avignon, auf der Heimreise, in Köln) ist ungewiss.

Nach einer späteren Tradition des Ordens wurde am 28. Januar seiner gedacht.

Werk

Die Überlieferung der deutschen und der lateinischen Texte ist recht unterschiedlich. Die deutschen Texte (Predigten und Abhandlungen) sind in mehreren hundert Handschriften erhalten. Die Eckhart gegenwärtig zugeschriebenen Sätze sind auf die unterschiedlichsten Arten überliefert. Sie reichen von kompletten Texten über (in Aussagen anderer Schriftsteller eingearbeitete) Passagen oder Zitate und über alle Weisen der Bearbeitungen bis zu winzigsten Textfragmenten. Die Findung, Sichtung und Edition ist noch nicht abgeschlossen. Die Er- und Bearbeitung der Predigten ist bei aktuell 110 angelangt (die ersten 86 (92 mit 5a, 13a, 16b, 20b, 36b, 54b) wurden von Josef Quint ediert, ab Predigt 87 von Georg Steer). Weitere 17 Predigten sollen bearbeitet werden. Zu den bekanntesten Predigten Eckharts zählen Pr. 2 (Quint) Intravit Iesus in quoddam castellum und 52 (Quint) Beati pauperes spiritu.

Neben den Predigten sind in relativ großer Anzahl die Abhandlungen Reden der Unterweisung, Buch der göttlichen Tröstung und Von Abgeschiedenheit erhalten, wobei letztere Zuordnung umstritten ist ebenso wie die Echtheit der Predigt 86 (Quint) angezweifelt wird. Schließlich sind da die Eckhart-Legenden, Fragmente oder Geschichten, die sich um Meister Eckhart ranken und seine mutmaßliche Verfasserschaft am Kommentar zum Granum sinapis, der dem Gedicht vorausgeht. Auch ein Gebet ist erhalten.

Aus der lateinischen Überlieferung sind seit Ende des 19. Jahrhunderts 15 Handschriften aufgefunden worden (die letzte 1985), die ausschließlich oder in Teilen Texte Eckharts enthalten. Den größten Raum nimmt dabei das Opus tripartitum ein, das aus drei (bzw. vier) Büchern bestehen sollte. Das erste Buch sollte das Opus propositionum (Werk der Thesen) sein, das "tausend und mehr Thesen" enthalten sollte, verteilt auf 14 Abhandlungen. Das zweite Buch sollte das Werk der Fragen oder Probleme sein (Opus quaestionum) und gestaltet nach der Art der Summa des Thomas von Aquin, nur nicht so ausführlich. Das dritte Buch schließlich sollte aus zwei Teilen bestehen, dem Opus expositionum, in dem alle Bücher beider Testamente kommentiert werden sollten, und dem Opus sermonum, in dem er ausgewählte Predigten versammeln wollte. Alle drei Teile sollten sich aufeinander beziehen. Von diesem gewaltigen Plan existieren heute nur einige Vorreden (Prologi) und Kommentare zu einigen Büchern der Bibel:

Weiterhin sind erhalten

und

sowie

Lehre

Gottesbild

Wesen Gottes und Schöpfung

Einige Interpreten betonen als wesentliches Moment in der theologischen Lehre Meister Eckharts das Denken in prozesshaften Strukturen. Damit trete Eckhart in scharfen Kontrast zur Substanzontologie des Thomas von Aquin. Während bei Thomas Gottes Sein sein (Gottes) Denken begründet, ist das Verhältnis in Eckharts quaestiones umgekehrt: „Deus est intelligere“, Gott = Denken. Insofern kann man bei Eckhart von einer Geistphilosophie sprechen. In den Predigten vor den Generalkapiteln sowie in den lectiones zu Jesus Sirach differenziert Meister Eckhart diese Aussagen genauer. Das Sein steht nun nicht mehr im Unterschied zum Denken Gottes, sondern ist integrativer Bestandteil: Esse est Deus.

Nach einer harmonisierenden Interpretation wird durch Eckhart die Identität von Sein und Erkennen in Gott nach Thomas von Aquin nicht aufgegeben, wenn man "nur hinzufügt, dass das, was man in Gott Sein nennt, ihm durch das Erkennen zukommt". In den scheinbar widersprüchlichen Sätzen "Deus est intelligere" und "Esse est Deus" geht es jedenfalls in gleicher Weise darum, die absolute Transzendenz Gottes zum Ausdruck zu bringen: einmal als reiner Intellekt, das andere Mal als Fülle der Vollkommenheit.

Der Hintergrund für diese Überlegungen war ein grundsätzliches Problem der scholastischen Theologie: Wie kann der Gott, der als personales Gegenüber angesprochen wird, mit dem Schöpfergott zusammengehen, dessen Sein im Rahmen aristotelischer Ursachenlehre gefasst wurde? Lässt sich dieser Gott, wie es bei Thomas, der Lehrautorität nicht nur im Dominikanerorden, den Anschein hatte, mit dem Substanzbegriff adäquat fassen? Wird er nicht erst im Selbstbezug zu dem, was er sein soll?

Über die Ursachenlehre und Intellekttheorie des Thomas geht bereits Dietrich von Freiberg hinaus. In den quaestiones Eckharts wird Gottes Sein als Denkvollzug gefasst (Deus est intelligere). Gott produziert die Weltphänomene, indem er aus sich herausgeht und anderes auf sich zurückbezieht. Als allumfassendes Denken ist Gott das Sein allen geschöpflichen Seins, ein Allgrund, der von aller Bestimmbarkeit frei zu halten ist. Der Schöpfungsvorgang ist bei Eckhart eine unendliche Selbstdifferenzierung. Alle Dinge sind virtualiter in Gott. Die Schöpfung wird jedoch nicht als Emanation (Philosophie) verstanden, noch ist Gott ein bloßer Demiurg. Die Schöpfung ist ein inneres Wirken (actio immanens) Gottes, der "in sich aus dem Nichts schafft."

Wie Thomas von Aquin sieht Eckhart keine philosophischen Gründe, die gegen die Annahme einer zeitlichen Anfanglosigkeit der Schöpfung sprechen. Schöpfung ist entscheidend Seinsabhängigkeit. Seitens Gottes ist die Schöpfung ewig, zeitlos, im ewigen Jetzt, immer, eine fortwährende Schöpfung (creatio continua), ohne die die Geschöpfe ins Nichts fallen. Nur als "Resultat des Schöpfungsaktes", sozusagen aus der zeitlichen, linearen Perspektive der Welt ist die Schöpfung zeitlich. Gott hat keine Zeit. Für Gott ist alles gleichzeitig.

Da Gott im Jetzt schafft, kann er mit der Schöpfung nicht aufgehört haben, d. h. andererseits, er kann niemals nicht geschaffen haben. „Es gibt da kein Werden, sondern ein Nun, ein Werden ohne Werden, ein Neusein ohne Erneuerung, und dieses Werden ist Gottes Sein“, sagt Eckhart in Predigt 50. Ein tragendes Element in Eckharts Gottesbild ist die „Dynamik des ewig aus sich fließenden und in sich zurückfließendes Gottes“ (N. Winkler).

Eckharts Denken nimmt viele Einflüsse des letzten großen Systems der griechischen Philosophie auf, des parallel zur christlichen Theologie entstandenen Neuplatonismus. Nach einigen Interpreten transzendiert Eckhart dabei den personalen, dreieinigen Gott zum neuplatonischen Einen. In Predigt 2 (Quint-Nummerierung der Diogenes-Ausgabe) sagt Eckhart etwa: „Dies ist leicht einzusehen, denn dieses einige Eine ist ohne Weise und ohne Eigenheit. Und drum: Soll Gott je darein lugen, so muss es ihn alle seine göttlichen Namen kosten und seine personhafte Eigenheit; das muss er allzumal draußen lassen, soll er je darein lugen.

Der Begriff der Gottheit spielt in Eckharts Predigten eine wichtige Rolle. Für ihn ist Gottheit ein „Abgrund des Nichts“. Dies unterscheidet sich von einem Gott, der schulmäßig in Kategorien von Wesen und Sein gedacht wird und so in Entsprechung zu Natur und Seele gesetzt wird.

Negative Theologie

Das Eine kann sich nicht in sich erkennen, denn dort liegt nach Eckharts Aussage in Predigt 23 (Quint) „das verborgene Dunkel der ewigen Gottheit und ist unerkannt und ward nie erkannt und wird nie erkannt werden.“ Die Selbsterkenntnis des Einen kann nur im Weltlichen stattfinden, da das Erkennen eine Struktur der Welt ist. Dieser Umstand begründet den Sohn oder Logos. Was ist das Besondere dieser ersten und ursprünglichen Erkenntnis und wie soll dieses darin erkannte „verborgene Dunkel“ benannt werden?

Meister Eckharts Schüler Heinrich Seuse definiert in seinem „Buch der Wahrheit“ den „Kern der Heiligen Schrift“. Dieser ist für Seuse in einem Werk des Neuplatonikers Dionysius zu finden, und heißt (auch als gleichzeitige Definition der negativen Theologie), dass das verborgene Dunkel als das Eine „endlos, unermesslich und unbegreiflich für alles kreatürliche Denken ist“. Das gilt dann auch für die Sohn-Erkenntnis, d.h. gerade die wahre Gotteserkenntnis verfestigt sich nicht als ein bestimmtes und sicheres Wissen in der Zeit und fließt als solches nicht als ein bestimmtes Sein (einer Religion) in die Welt aus.

In der vollkommenen Gotteserkenntnis im Sohn-Sein wird gemäß einer konsequenten negativen Theologie auch die höchste und ursprünglichste Erkenntnis in dem armen, heiligen Geist wieder zunichte. Die höchste Erkenntnis ist nur die beste Annäherung, aber letztlich stets nicht zutreffend und nicht wahr. Nur dadurch kann sich die jenseitige Einheit immer wieder erneut vollziehen – um das wiederum zu erkennen usw. In diesem von Eckhart in Predigt 57 (Quint) genannten „nichterkennenden Erkennen“, in dem er immer wieder „all unser Heil in ein Unwissen setzt“ (Quint Predigt 58), wird die Gotteserkenntnis zu einem momenthaften Geschehen, zu einem bloßen „Fünklein“, in dem Erkennender und Erkanntes in einem heiligen Geist immer wieder zu Eins verschmelzen. Die Trinität als fortlaufende Gottesgeburt ist hier ein dynamisches und prozesshaftes Geschehen von Erkennen oder Gebären und Vergehen an der Grenze der Welt. Der große weltliche Prozess von Werden und Vergehen wird hier in seiner Dauer minimiert. Darin wird bestmöglich und wesenhaft erkannt, dass Erkennen ein Schaffen von Sein ist und dass in Raum und Zeit getrenntes Sein nur im Erkennen oder nur in der Seele besteht und nicht unabhängig davon als an sich seiendes Sein.

In dem Erkennen, das nicht funkenhaft ist, sondern als ein Wissen in der Zeit und in einer in der Zeit seienden Kreatur besteht, kann diese letztendliche Wahrheit der Welt dagegen nicht erkannt werden. In diesem weltlichen Erkennen und Sein erscheint es so, als würden die Welt und die Kreaturen real, an sich und unabhängig vom Erkennen existieren und darin sogar den Tod überwinden. Auch das Jenseitige existiert hier nur in einem weltlichen Sein, in einem festen Bild (etwa als person- und darin kreaturhafte Trinität), in einem Begriff und einem Namen, aber nicht in seinem eigentlichen Wesen, das in der negativen Theologie und im Neuplatonismus „endlos, unermesslich und unbegreiflich für alles kreatürliche Denken ist“. Die Jenseitserkenntnis, die in Vorstellungen, Begriffen, Sein und allgemein weltlichen Strukturen ohne Zunichtewerden verharrt, ist darin keine wahre Selbsterkenntnis des Jenseitigen und auch keine wahre Selbsterkenntnis des Weltlichen.

In der negativen Theologie Eckharts ist Gott „über allem Erkennen“ (Quint Predigt 42). Eckhart spricht dort dem Einen nicht alle weltlichen Eigenschaften wie „gut“ oder „weise“ ab. Mehr noch, auch „Sein“ sei von ihm nicht aussagbar: „Sage ich ferner: Gott ist ein Sein - es ist nicht wahr; er ist (vielmehr) ein überseiendes Sein und eine überseiende Nichtheit“.

Verschiedene Interpreten betonen, dass eine solche negative Theologie für das Religionsgespräch positive Folgen haben sollte.

Gott-Mensch- und Gott-Welt-Verhältnis

Vorbemerkungen

In seinem „Buch der göttlichen Tröstung“ schreibt Eckhart: „Gott hat die Welt in der Weise erschaffen, dass er sie immer ohne Unterlass erschafft. Alles, was vergangen und was zukünftig ist, das ist Gott fremd und fern. Und darum: Wer von Gott als Gottes Sohn geboren ist, der liebt Gott um seiner selbst willen, das heißt: er liebt Gott um des Gott-Liebens willen und wirkt alle seine Werke um des Wirkens willen.

Wie Gottes Schöpfung eine dynamische Selbstentfaltung ist, so ist auch der Mensch darauf ausgerichtet und dazu aufgefordert, ein „homo divinus“ zu sein, ein göttlicher Mensch. Als solcher lässt er seine Bestimmtheit durch weltliche und rationale Orientierungen. Er wendet sich in seinem mit Gott weseneins seienden Intellekt zu Gott zurück. Jede seiner Handlungen setzt dann Gott gegenwärtig.

In der neuplatonischen Interpretation der negativen Theologie Eckharts ist der göttliche Mensch derjenige, dem gemäß dem letzten Zitat gewahr wird, dass die ganze Welt und auch die Kreatur des Menschen darin nicht real und an sich existieren. Die Phänomene der Welt werden in ihrem voneinander getrennten Sein „ohn' Unterlass“ von Augenblick zu Augenblick geschaffen, etwa in der Art, wie die Farben nicht als solche in der Welt existieren, sondern im Bewusstsein jedes sie erkennenden Seins geschaffen oder konstruiert werden. Die Weltschöpfung wird hierbei wie schon bei den meisten Platonikern vor Plotin nicht als ein einmaliger Akt verstanden, sondern als ein zeitloses Hervorquellen aus jeder Einzelseele. Plotin zufolge gibt es außer der Seele keinen anderen Ort für dieses All, d.h. die weltlichen Phänomene werden wie bei Kant nur als Erscheinungen gesehen.

Im Urgrund jeder Einzelseele befindet sich das göttliche Eine, die Seele ist hier also keine individuelle immaterielle Substanz, die neben oder in dem Sein einer Natur oder Welt existiert. In diesem Urgrund sind vielmehr alle Einzelseelen und überhaupt alles weltliche Sein nicht nur miteinander verbunden, sondern ununterscheidbar eins. So sagt Eckhart in Predigt 24 (Quint): „Hier [im ‚einigen Einen’] sind alle Grasblättlein und Holz und Stein und alle Dinge Eines.

In der neuplatonischen Interpretation ist das Verhältnis Gott-Mensch daher kein Gegenüber von Gott und Mensch. Die Kreatur des Menschen muss hier in einem armen Geist zunichtewerden, um so die Einheit im Seelengrund zu vollziehen, ganz nach Eckharts Worten in Predigt 42 (Quint): „Du sollst ihn lieben wie er ist ein Nicht-Gott, ein Nicht-Geist, eine Nicht-Person, ein Nicht-Bild, mehr noch: wie er ein lauteres, reines, klares Eines ist, abgesondert von aller Zweiheit. Und in diesem Einen sollen wir ewig versinken vom Etwas zum Nichts. Dazu verhelfe uns Gott. Amen.

Menschwerdung Gottes als Erlösung

Die Erlösungslehre Eckharts stellt die Menschwerdung Gottes (Inkarnation) in den Mittelpunkt. Die Menschwerdung des Verbums ist ein Werk der Trinität. Nach dem kirchlichen Dogma der hypostatischen Union vereinigt Christus in einer Person die göttliche und menschliche Natur. Die göttliche Person verleiht der menschlichen Natur Existenz. Die menschliche Natur Christi ist keine andere als die jedes anderen Menschen: "Wir alle haben die menschliche Natur mit Christus gemeinsam und zwar in gleicher Weise und gleichem Sinne (univoce)". Der einzelne Mensch als Teilhaber an der allgemeinen Menschennatur kann auf Grund der hypostatischen Union mit Gott eins sein wie Christus. "Der Mensch kann Gott werden, weil Gott Mensch geworden ist und dadurch die menschliche Natur vergöttlichte."

Um vergöttlicht zu werden, darf der Mensch sich nicht mehr selbst zum primären Liebesobjekt machen, sondern seine menschliche Natur, die er mit allen Mitmenschen teilt. Daher werden Selbstliebe und Nächstenliebe eins.

Für Eckhart steht die Überlegung im Vordergrund, dass Gott durch die Annahme der allgemeinen Menschennatur die Menschheit insgesamt erlöst hat. Andere Erlösungskonzepte, die den Erlösungswert des Leidens Christi unter dem Aspekt des Opfers (sacrificium), des Loskaufs (redemptio) und der Genugtuung (satisfactio) verdeutlichen wollen, kommen bei Eckhart kaum vor.

In seiner Sündenlehre gibt Eckhart das Wiedergutmachungsdenken der scholastischen Theologie (satisfactio) völlig auf. Die Bedeutung des stellvertretenden Leidens Christi und der Märtyrer, die eine zentrale Rolle bei Anselm von Canterbury (dem Begründer der Satisfaktionslehre) und Thomas von Aquin spielt, kommt in Eckarts Schriften überhaupt nicht vor. Sünde ist bei Eckhart eine willentliche Abkehr von Gott. Sie ist aufgehoben, wenn sich der Mensch im Sinne des „gelassenen Menschen“ wieder Gott zugewandt hat, wenn er seinen Eigenwillen aufgegeben hat, um mit Gott ganz eines Willens und eins zu sein. Eine weitere Korrektur menschlichen Verhaltens, etwa durch Strafe, fordere Gott hingegen nicht. Eckhart hat keinen objektiven Begriff von Schuld. Entscheidend ist für ihn, wie der Mensch selbst mit seiner Schuld umgeht.

Gottwerdung des Menschen als Menschwerdung Gottes

Ein wichtiges Thema der deutschen Predigten Eckharts ist die Lehre von der Gottesgeburt in der Seele. Das Verhältnis von Gott und Seele ist dabei, folgt man etwa der Interpretation von B. Mojsisch, „univok“ zu nennen: es besteht nicht nur Ähnlichkeit, sondern Identität, nämlich insofern das Sein der Seele in den Blick genommen wird.

Eckhart gebraucht für univoke Verhältnisse in Predigt 82 das Bild vom Feuer, welches das Holz „sich selbst, dem Feuer, mehr und mehr gleich“ macht, „bis dass das Feuer sich in das Holz gebiert und ihm seine eigene Natur und sein eigenes Sein übermittelt.

Die Gottesgeburt wird nicht im Sinne einer mystischen Entrückung verstanden, sondern beruht auf der Ansicht, dass der Intellekt seiner Natur inne wird, wenn er den göttlichen Grund in sich freilegt. Nach der aristotelischen Seelenlehre, wie sie u.a. Thomas von Aquin rezipiert, ist der Geist mit dem Körper und der Sinnlichkeit verbunden. Der Mensch kann daher nur unvollkommenes Abbild Gottes sein; es gibt keine vollständige Einheit zwischen Gott und menschlichem Intellekt. In der scholastischen Tradition des Anselm von Canterbury folgert Thomas daraus, dass nur eine außergeistige Kraft, die Gnadengabe Gottes, fähig ist, der Unvollkommenheit des Menschen abzuhelfen.

Ganz anders hingegen Eckhart: Anders als sonst zwischen Urbild und Abbild bildet sich Gott im Intellekt vollständig ab, weil Gott in einem permanenten Schöpfungsakt (s.o.) ohne Unterlass seinen Sohn im Menschen gebiert. Die zentrale Frage Anselms von Canterbury: „Cur Deus homo? / Warum wurde Gott Mensch?“ beantwortet Eckhart so: „Darum, dass ich als derselbe Gott geboren werde.

Selbstentäußerung und Aufgehen in Gott

Die Geburt Gottes in der Seele des Menschen hat zur Voraussetzung, dass der Mensch Gott gleichsam Raum schafft. Ein Grundgedanke der Eckhartschen Mystik ist daher die "Selbstentäußerung und (das) Aufgehen in Gott". "Nach Eckhart ist Gott alles, der Mensch nichts." In dem Maße, wie der Mensch dies realisiert, wird er für Gott empfänglich. Die Vergöttlichung des Menschen durch Gott "ist auf Seiten des Menschen an die Bedingung der Preisgabe seiner selbst gebunden. Die Selbstentäußerung des Menschen ist das Spiegelbild der Selbstentäußerung Gottes in der Inkarnation.

"Du sollst allzumal entsinken deiner Deinesheit und sollst zerfließen in seine Seinesheit und soll dein Dein in seinem Mein ein Mein werden also gänzlich, dass du mit ihm verstehest ewiglich seine ungewordene Istigkeit und seine ungenannte Nichtheit." Die Selbstentäußerung geht einher mit dem "Lassen seiner selbst", der Gelassenheit. Darunter versteht Eckhart ein Loslassen, Abstreifen, Abstrahieren von aus weltlichen und dinglichen Verhältnissen geprägten Denk- und Handlungsstrukturen. Erst der gelassene Mensch ist der Sohn Gottes: „Dieser Mensch“, sagt Eckhart, „muss sich selbst und diese ganze Welt gelassen haben.

Über das "Lassen seiner selbst" hinaus fordert Eckhart ein "Lassen Gottes um Gottes willen". Es geht um die Beseitigung eines Gott-Habens dadurch, dass man Gott als Objekt und als Schöpfer hat. Einzig im Erkennen kann der Mensch zum Grunde seiner selbst, zum göttlichen Grund durchbrechen und Gelassenheit erreichen. Dazu darf der Mensch nicht passiv und weltabgewandt bleiben, sondern muss im höchsten Maße aktiv sein und wie Gott, der reine Aktivität ist, aus seinem Inneren tätig werden. Entsprechend formuliert Eckhart in Predigt 5a: „Was ist mein Leben? Was von innen heraus bewegt wird.“ Wirklich gelassen ist, wer seinen Eigenwillen aufgegeben hat und durch sich Gottes Willen wirken lässt. Er darf auch in seinem Inneren nicht wollen. Der Zweck des menschlichen Daseins ist bei Eckhart, Gott in seinem Wesen gleich zu werden, das Leben aus und zu Gott als reinen Selbstzweck zu begreifen.

Die Folge des Loslassens von Wissen, Willen, Zeit, Ich, usw. ist eine tiefe Gelassenheit. „Wer Gott im Sein hat […] dem schmecken alle Dinge nach Gott.“ (Alle Zitate aus Meister Eckehart: Deutsche Predigten und Traktate, hrsg. von Josef Quint, München 1977)

Meister Eckhart betont dabei, dass das Einüben dieses „Geisteszustandes“ gewöhnlich nur durch langjährige Übung erreicht wird und vergleicht es mit dem Erlernen von Lesen und Schreiben. Obwohl zur damaligen Zeit das kontemplative Gebet in der Bevölkerung stärker verbreitet war als heute, hat die Radikalität seiner Aussagen zum Konflikt mit der päpstlichen Kurie geführt. In der Moderne mögen seine Anleitungen noch schwieriger nachzuvollziehen sein, da Orientierung an „Zeit“ und Verstand die Lebensverhältnisse stark dominieren.

Die Lehre von der alleinigen Gutheit des guten Willens lenkt den Blick von äußeren Tugendwerken auf die innere Verfasstheit dabei. Vollkommenheit besteht darin, dass der Mensch "sich gänzlich und vollkommen seinem lieben Gott zukehre in einer unerschütterlichen Liebe". Das Primat der Gutheit des Willens relativiert zugleich die Empfindung als Kriterium für die Selbstmitteilung Gottes. Die Spiritualisierung der klassischen monastischen "Formen der Weltabwendung - Fremde, Klause, Kloster" durch ihre Fundierung auf den inneren Akt der Entsagung und Preisgabe des Eigenwillens ermöglicht die Universalisierung der monastischen Tugendlehre zu einer "Lehre für jeden Christen" und förderte die devotio moderna.

Ethische Konsequenzen

Die Forderung nach Gelassenheit hat, wie Eckhart selbst immer wieder betont, weitreichende Konsequenzen für das moralische Tun. Es findet seinen Zweck in sich selbst, wenn der Mensch den göttlichen Selbstzweck zu seiner inneren Haltung macht. Eckharts Ethik ist keine Verhaltensethik, sondern eine Haltungsethik (D. Mieth). Maßstab für ethisches Handeln ist Gesinnung und Einsicht, nicht eine typisierende Vorschrift oder eine reine Folgenabschätzung. Denn der Mensch besitzt aus Gott eine moralische Autonomie.

Eine Problematik, die sich aus dieser Auffassung ergibt, hat Eckharts Schüler Heinrich Seuse deutlich erkannt und zu seinem Thema gemacht: Bei Eckhart ist das Verständnis des göttlichen Ichs an einen Erkenntnisoptimismus gebunden. Seuse betont hingegen die Irrtumsfähigkeit des Menschen als ein schwerwiegendes Problem.

In der neuplatonischen Interpretation der Theologie Meister Eckharts wird die Einheit des Seelengrundes durch den armen und darin heiligen Geist vollzogen. Doch es geht nicht nur um das bloße Zunichtewerden der weltlichen Phänomene, sondern vor allem um das darauf folgende, sozusagen urknallmäßige Wiedereinsetzen der weltlichen Strukturen und Erscheinungen in einem lebendigen Sein als das eigentliche Wunder. Es ist darin ein im wahrsten Sinne des Wortes ur-sprüngliches „Gebären“ weltlicher Strukturen.

In der Ethik Eckharts spielen Nächstenliebe und Gerechtigkeit eine große Rolle:

Wirkungsgeschichte

Am 15. April 1329 befiehlt Papst Johannes XXII. dem Kölner Erzbischof Heinrich II. von Virneburg, die Bulle In agro dominico in seiner Erzdiözese zu veröffentlichen. Diese umfasste außer Köln die Bistümer Lüttich, Utrecht, Münster und Minden, d.h. den ganzen niederdeutsch-niederländischen Raum. Dass die Bulle Sätze aus dem kompletten lateinischen Werk Eckharts und aus einigen seiner Predigten verurteilt (nur die Erfurter Reden fehlen), macht deutlich, dass damit der ganze Eckhart getroffen werden sollte. Eckhart wird aus dem Kanon dominikanischer Schriftsteller entfernt und eine Beschäftigung mit seinen Thesen ist quasi nur noch im Geheimen möglich. Trotzdem werden seine deutschen Predigten und die lateinischen Werke weiter verbreitet. Wohl noch während des Prozesses verteidigt ihn sein Schüler Heinrich Seuse in seinem Büchlein der Wahrheit, wofür er 1330 gemaßregelt wird. Noch im 14. Jahrhundert zitieren Eckhart (wobei er selten als Quelle genannt wird) Johannes Tauler, Jordan von Quedlinburg, Marquard von Lindau u.a. Einige Vertreter der Devotio moderna wie Jan van Ruysbroek und Jan van Leeuwen wenden sich gegen ihn.

Im 15. Jahrhundert findet Eckhart starkes Interesse bei Nicolaus von Cues, der sich eine umfangreiche Abschrift des nahezu vollständigen lateinischen Werkes erstellen lässt, die als einzige Quelle Eckharts lateinische Sermones enthält. Auch Ordenschroniker entdecken ihn wieder. Die Legenden und seine Predigten werden in dominikanischen Nonnenklöstern weiter abgeschrieben und dienen zuweilen als Tischlektüre. 1521/22 erscheinen 55 Predigten (ohne Angabe des Verfassers) in Adam Petris 'Basler Taulerdruck' und in der Nachfolge in weiteren Taulerdrucken. Diese dürften auch Martin Luther vorgelegen haben. Der in Lüttich geborene Daniel Sudermann sucht u.a. in Köln und Straßburg nach Handschriften, die Texte Taulers oder Eckharts enthalten. Im 17. Jahrhundert sammeln Ordensschriftsteller biographische Notizen und sein Ordensbruder Friedrich Steill gedenkt seiner 1691 am 28. Januar.

Im 19. Jahrhundert wird Meister Eckhart von Franz von Baader wiederentdeckt und 1856 durch die mittelhochdeutsche Textausgabe Franz Pfeiffers allgemein bekannt, woran sich viel romantische und idealistische Spekulation knüpft, der der Dominikanerpater Heinrich Denifle einen Dämpfer verpasst, indem er 1886 den „mittelmäßigen Scholastiker“ Eckhart mit seinen lateinischen Schriften vorstellt. Er ediert und kommentiert den 1880 in der Bibliotheca Amploniana in Erfurt entdeckten Codex Fol. 181 (Hs. 'E'). In Trier war er zudem 1885 „in der Bibliothek des Hospitals zu Cues an der Mosel“ fündig geworden (Hs. 'C'). Er kannte auch eine zweite Handschrift aus der Amploniana. Zwei weitere werden 1888 und 1905 gefunden. 1923 ediert Augustin Daniel die bereits 1880 aufgefundene Handschrift in Soest (Hs. 'S'), die die beiden Listen vom 26. September 1326 mit der Responsio Eckharts in lateinischer Sprache enthält.

Das 20. Jahrhundert beginnt auch mit ersten Übersetzungen von Gustav Landauer und Hermann Büttner, wobei letztere Eckhart populär macht und noch bis 1959 in Neuauflagen erscheint. Germanisten wie Max Pahncke (1905) und Adolf Spamer beschäftigen sich intensiv mit ihm. Philipp Strauch gibt 1910 das Trostbuch in neuer Edition heraus. Weitere Predigten werden entdeckt, die Echtheit der Predigten und Traktate der Textausgabe Pfeiffers diskutiert. 1925 veröffentlicht Ernst Diederichs die „Reden der Unterscheidung“ (Erfurter Reden) in Übersetzung. 1927 erscheint Meister Eckeharts Rechtfertigungsschrift (..) von Otto Karrer und Herma Piesch. Auch der Literatur bleibt Eckhart nicht unbekannt. 1925 erhält Paul Gurk für seinen Roman Meister Eckehart den Romanpreis der Stadt Köln. Einen weiteren Roman veröffentlicht 1927 Hans Much. 1931 widmet sich ihm Ludwig Fahrenkrog mit dem Titel Richter Irrwahn.

Im Winter 1932/33 kommt es zu zwei Plänen, von denen der eine eine Vorausgabe des gesamten ungedruckten lateinischen Materials (zu diesem Zeitpunkt waren 8 von heute 15 Handschriften bekannt) noch im Laufe der Jahre 1933/34 fertigstellen will, während der andere eine große endgültige Standardedition sämtlicher deutschen und lateinischen Werke ins Auge fasst. Die erste Edition entsteht unter Federführung von Raymond Klibansky, der mit Hilfe aus der Ordenszentrale der Dominikaner in Rom zwei Hefte in Deutschland herausbringen kann, bevor er nach England geht, nachdem Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler gewählt wird. Die konkurrierende Eckhart-Edition wird im Herbst 1934 von der deutschen Forschungsgemeinschaft ins Leben gerufen. Josef Quint wird Herausgeber der deutschen und Josef Koch der der lateinischen Edition.

In der Nazizeit treibt der Eckhart-Kult ideologiekonforme Blüten. Als symptomatisch sei Dorothea Fabeck genannt, die in einem 1938 erschienenen Roman Sätze produziert wie: „...so haben zu allen Zeiten gerade Kämpfer und Krieger diese Unterwerfung des eigenen Willens unter Gottes Willen am redlichsten begriffen ... Nur ein Wille darf gelten, der des Feldherrn zum Siege ... So haben denn die tapferen und kämpferischen Menschen Eckharts Predigt verstanden.“ Sie bezieht sich dabei u.a. auf Alfred Rosenberg, der seit 1930 in wiederholten Auflagen von dem „Rassen- und Edelmenschen“ Eckhart schwärmt und in ihm den „Schöpfer einer neuen, völkischen Religion“ sieht, in der „die nordische Seele“ „zum Bewußtsein ihrer selbst“ kommt.

Die Herausgeber der nun einzigen Edition glaubten noch 1938, „in zwei bis drei Jahren ... die fertige Gesamtausgabe des Meisters überreichen zu können.“ Tatsächlich erscheinen bis Kriegsende drei Lieferungen der deutschen und zehn Lieferungen der lateinischen Edition. Inzwischen sind die deutschen Lieferungen auf 59 und die lateinischen auf 55 angewachsen, womit letztere Edition im Wesentlichen abgeschlossen ist.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts steigt die Anzahl der Veröffentlichungen zu Meister Eckhart (national wie international) exponentiell an (s. Bibliographie), die nun längst nicht mehr von Germanisten und Philologen dominiert wird. Er wird Gegenstand u.a. der psychologischen (C. G. Jung), theologischen (Martin Buber) und philosophischen (Ernst Bloch, Erich Fromm) Forschung sowie des west-östlichen Dialogs (Dürckheim, Suzuki). Aus der marxistischen Interpretation (H. Ley u.a.) erfährt man, Eckhart sei als „Hauptvertreter der antifeudalen und oppositionellen deutschen Mystik“ anzusehen. Die jüngste Forschung hingegen untersucht das Werk Eckharts verstärkt in seinem historischen Kontext. Dabei wird u.a. kontrovers diskutiert, inwieweit und nach welchen Kriterien Eckhart als Mystiker anzusehen ist. Der Philosophiehistoriker Kurt Flasch bestritt dies vehement auf einer 1984 veranstalteten Eckharttagung auf Kloster Engelberg[3] und in weiteren Publikationen[4]. Die Diskussion dauert noch immer an; es wurden u.a. unterschiedliche Vermittlungsmodelle vorgeschlagen, nach dem Muster: „Mystiker“ ja, aber nur, wenn darunter ... zu verstehen ist. Werner Beierwaltes etwa spricht von „philosophischer Mystik“.

Anmerkungen

  1. Die jetzige Schreibweise beginnt sich erst mit der Herausgabe der kritischen Edition ab 1936 allgemein zu etablieren.
  2. Alle Dokumente, die Aufschluss über Eckharts Biographie geben, wurden von Loris Sturlese als Acta Echardiana gesammelt und sind im Band V der Lateinischen Werke (LW V) enthalten.
  3. Vgl. dazu u.a. die in Kurt Ruh (Hg.): Abendländische Mystik im Mittelalter. Symposion Kloster En­gelberg 1984 (Germanistische Symposien Berichtsband 8), Stuttgart 1986, insb. 932ff. dokumentierte Diskussion
  4. Vgl. u.a. Kurt Flasch: Meister Eckhart. Versuch, ihn aus dem mystischen Strom zu retten, in: Peter Koslowski (Hg.): Gnosis und Mystik in der Geschichte der Philosophie, Zürich-München 1988, 94-110 und ders.: Meister Eckhart und die deutsche Mystik. Zur Kritik eines historiographischen Schemas, in: O. Pluta (Hg.): Die Philosophie im 14. und 15. Jahrhundert, hrsg. von O. PLUTA (Bochumer Studien zur Philosophie, 10), Amsterdam 1988, 439-463.

Literatur

Werkausgaben

Monographien

Sonstige Literatur

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 Wikisource: Predigten von Meister Eckhart in englischer Übersetzung – Quellentexte
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Personendaten
Meister Eckhart
Eckhart von Hochheim
Theologe und Mystiker des christlichen Mittelalters
um 1260
Tambach (südlich von Gotha) oder Hochheim (nordöstlich von Gotha)
1327 oder 1328
Köln oder Avignon