Wertewandel
Heim

Wertewandel

Der Begriff Wertewandel kennzeichnet einen Wandel gesellschaftlicher und individueller Normen und Wertvorstellungen.

Inhaltsverzeichnis

Bleibende und sich wandelnde Werte

Häufig wird irrig vermutet, dass der Wertewandel erst in neuerer Zeit, zum Beispiel seit den 1970er Jahren, wirke. Tatsächlich haben sich die Wertvorstellungen der Menschheit im Laufe der historischen Entwicklung zu allen Zeiten verändert. Ein Beispiel ist das Vergeltungsprinzip bei Körperverletzungen, wie es im Alten Testament aufgestellt wird („Auge um Auge, Zahn um Zahn“): Während heute mit einer Körperverletzung rechtlich und auch was die moralische Einschätzung betrifft ganz anders umgegangen wird, stellte der Grundsatz „Auge für Auge“ seinerseits bereits einen Wendepunkt dar. Er wirkte strafmildernd und sollte ausufernde Blutrache vermeiden.

Wertvorstellungen sind dann relativ dauerhaft, wenn sie sich zwingend aus Gründen der Selbst- und Existenzerhaltung zu ergeben scheinen.

Mit sich ändernden Denkstilen werden alte Begründungen als unlogisch, als'nur' religiös begründet oder als nutzlos empfunden, und entsprechende Wertvorstellungen (zum Beispiel Schamhaftigkeit, Feiertagsheiligung, Nahrungstabus) entfallen im Laufe der Zeit bzw. werden neben abweichenden neuen allenfalls toleriert.

Eine Theorie über die Änderung der Werte in einer Gesellschaft kann nicht ohne die Betrachtung der psychologischen Verhaltensmuster der handelnden Personen und ihrer Auswirkungen auf die Kultur aufgestellt werden. Entsprechende Untersuchungen hierzu wurden bereits in den 1930er Jahren von dem deutsch-britischen Soziologen Norbert Elias in seinem Hauptwerk Über den Prozeß der Zivilisation durchgeführt. Einen anderen Ansatz wählte in den 1950er Jahren der US-amerikanische Psychologe Clare W. Graves der eine Theorie der zyklisch auftauchenden Ebenen der Existenztheorie veröffentlichte. In jüngster Zeit wurde diese Theorie im Konzept der Spiral Dynamics des amerikanischen Psychologen Don Beck weiter ausgebaut und kann als Beschreibungsmodell des Wertewandels heutiger Gesellschaften dienen.

Soziologische Modelle des Wertewandels

Bei den soziologischen Untersuchung des Wertewandels hinsichtlich der Richtung des Wertewandels in der "heutigen Zeit" konstituiert sich eine Situation dergestalt, dass zwei Extrema- und eine differenzierte Position vertreten wird: Einerseits findet nach Ronald Inglehart seit den 1970er Jahren eine Abwendung von materiellen Werten und eine Zuwendung zu postmateriellen Werten statt. Als zukünftiges Ergebnis bzw. "Richtung des Wertewandels" wird ihm nach eine höhere Engagementbereitschaft und Freiheit angenommen. Andererseits gibt es nach Elisabeth Noelle-Neumann seit 1968 einen kontinuierlichen Werteverfall. Als Symptome werden Bedeutungsverluste von Kirche und Religion, Autoritäts- verluste, sowie die Erosion zahlreicher vermeintlicher Tugenden (jetzt eher als "Sekundärtugenden" gesehen), abnehmender Gemeinsinn und ein sinkendes politisches Engagement genannt. Die differenziertere Position bezieht Helmut Klages mit seinem "Konzept der Wertesynthese". Eine postulierte Annahme geht dabei davon aus, dass Wertewandel ein Erfordernis moderner Gesellschaft ist und ein Zwang zur Individualisierung herrscht.

Ronald Inglehart: Die stille Revolution

Grundlegende Hypothesen

Als Gründe für den durch empirische Studien (1970-1977) festgestellten Wertewandel benennt Inglehart zum einen die Mangelhypothese nach Abraham Maslow. Der Mensch versucht demnach, zuerst die Bedürfnisse der niedrigen Stufen (Nahrung, Kleidung, Unterkunft) zu befriedigen, bevor die nächsten Stufen Bedeutung erlangen. Wer in einem "niedrigen" Bedürfnis frustiert wurde, das heißt, es nicht befrieden konnte, für den wird dieses Bedürfnis übermäßig wichtig werden. Wer zum Beispiel in absoluter Armut lebt und hungrig ist, für den wird das Essen die allergrößte Priorität haben. Alle anderen Bedürfnisse werden in den Hintergrund treten und das ganze Streben wird darauf ausgerichtet sein, genug zu Essen zu haben. Für einen Menschen der hungrig ist, wird das Paradies ein Ort sein, wo es immer genug zu essen gibt. Ein Mensch, der in großer Armut aufgewachsen ist, wird vielleicht für den Rest seines Lebens glücklich sein, solange er nur genug zu Essen hat. Für einen Menschen hingegen, der Hunger nie gekannt hat, wird Nahrung keinen Wert haben. Die Tatsache, dass er genug zu Essen hat, wird ihn nicht glücklich machen. Stattdessen wird er schezlich Bemerken, dass andere Bedürfnisse, wie etwa das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung nicht erfüllt sind. Inglehart: "Den größten subjektiven Wert misst man Dingen zu, die relativ knapp sind."

Zum anderen vertritt Inglehart die Sozialisationshypothese, welche besagt, dass die grundlegenden Wertvorstellungen eines Menschen weithin jene Bedingungen widerspiegeln, die während der formativen Phase (Jugendzeit) vorherrschend waren. Wer also in einer Situation existenziellen Mangels aufgewachsen ist (z. B.: im Krieg), wird tendenziell eher materialistische Wertvorstellungen vertreten als jemand, der einen solchen Mangel nicht erfahren hat. Diese Hypothesen legt Inglehart zu Grunde und erklärt so den Wandel der Wertevorstellungen (in westlichen Ländern) vom Materialismus zum Postmaterialismus.

Zu den materiellen Bedürfnissen zählen außer der Deckung physiologischer Bedürfnisse aller Art auch wirtschaftliche Stabilität, Wirtschaftswachstum, Preisstabilität, ferner Ruhe und Ordnung in Staat und Gesellschaft und darüber hinaus leistungsstarke Streitkräfte, also das Bedürfnis nach (physischer) Sicherheit.

Zu den postmateriellen Bedürfnissen zählen vor allem die Bereiche des Sozialen und der Selbstverwirklichung, zumal auch geistige, schöpferische, ästhetische und kontemplative Bedürfnisse, aber auch Zugehörigkeitsgefühl, Bedürfnisse nach Mitsprache in Staat und Gesellschaft, Meinungsfreiheit sowie Naturschutz.

Materialisten sind in der Regel, religiöser und auch patriotischer als Postmaterialisten. Sie haben konservative Werte und lehnen zum Beispiel Abtreibung, Scheidung oder auch Homosexualität ab. Inglehart führt das darauf zurück, dass "absolute Werte" wie Religion und Patriotismus Halt und Sicherheit bieten. Dies ist in Armutssituationen besonders wichtig. Postmaterialisten jedoch, die Armut selten selbst erfahren haben, haben kein Bedürfnis nach diesem Halt. Materialisten haben ein traditionelles Familienbild. Das Geburtendefizit in den Industrieländern wird von Inglehart darauf zurück geführt, dass die Menschen dort hohe formative Sicherheit erfahren haben, Postmaterialisten geworden sind und die im traditionellen Wertesystem verwurzelte Gründung großer Familien ablehnen.

Weitere Ursachen des Wertewandels

In seinem 1989 erschienen Buch Kultureller Umbruch führt Inglehart weitere, auf weiterführenden Forschungen basierende Ursachen für einen immer globaler werdenden Wertewandel an. Neben der Prosperität nennt er:

Noelle-Neumann: Die Gefahr des Werteverfalls

Während Inglehart die beobachteten Wertveränderungen in der Bundesrepublik als Fortschritt zu einem qualitativ höherwertigen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungsniveau interpretiert, warnen andere vor den Gefahren des Wertewandels. Elisabeth Noelle-Neumann sagt voraus, dass das Vordringen von Selbstentfaltungswerten auf Kosten traditioneller bürgerlicher Pflichten (Preußische Tugenden) gesellschaftliche Auflösungserscheinungen zur Folge haben werde. Der Werteverfall moderner Jugendlicher habe einen 1968 deutlich gewordenen und in seiner Intensität bis dato unbekannten Generationenkonflikt zur Folge gehabt.

Beispielhaft nennt Noelle-Neumann:

In dieser Entwicklung sieht sie eine Gefahr für die pluralistische Gesellschaft. Einwirkungsmöglichkeiten sieht sie ansatzweise in einer stärker werteorientierten Erziehung und einer Änderung der öffentlichen Meinung.

Befürworter des Werterelativismus bezeichneten die diesbezüglichen Untersuchungen Noelle-Neumanns als unwissenschaftlich; andere als tagespolitisch.

Helmut Klages: Wertesynthese statt Werteverfall

Typologie des Wertewandels

Helmut Klages beabsichtigt eine ordnende Beschreibung der Realität bzw. des gedanklichen Gebildes „Wertewandel“ mithilfe eines Typisierungsansatzes zu bewerkstelligen. Dabei bezieht er sich zum einen auf die „Dimension Selbstentfaltungswerte“, die weitgehend mit dem Inglehart`schen Postmaterialismus korrespondiert, zum anderen auf die Dimension Pflicht- und Akzeptanzwerte. Die Selbstentfaltungswerte setzen „sich [dabei] aus zwei eher heterogenen Wertkomplexen zusammen: Zum einen aus den Werten eines gesellschaftsbezogenen Idealismus, … , zum anderen aus individualistischen bzw. hedonistischen Werten …". (Klages 1984)

Durch die Kreuzklassifikation der beiden Dimensionen bzw. Variablen spannt Klages eine Vierfelder-Matrix auf, anhand derer er vier Wertetypen erhält. Neben den „reinen“ Wertetypen, die entweder zu einer nahezu geschlossen Antwort hin nach >Pflicht- und Akzeptanzwerten< neigen (Konventionalisten), oder aber hin zu Selbstentfaltungswerten (Idealisten), erhält er auch zwei Mischtypen. Diese Mischtypen zerfallen einerseits in den Typ, der geringe Ausprägungen bei den beiden Dimensionen aufweist (Resignierte), sowie andererseits und demgegenüber hohe Ausprägungen zeigt (Realisten). Unter dem Typus der "Realisten" versteht Klages weiterhin die sogenannte Wertsynthese.

Bei Klages ist "Wertesynthese" der zentrale Begriff . Danach müssen alte und neue Werte nicht in Opposition zueinander stehen, sondern können bei vielen Menschen (vor allem bei Aktiven Realisten) sogar eine produktive Wechselwirkung entfalten. Gensicke zeigte im Anschluss an Klages, dass die heutige Jugend sogar eine generelle Neigung zur Wertesynthese hat. Beide zeigen (siehe Literaturliste) wie das Konzept der Wertesynthese entwickelt wurde und wie die Wertesynthese funktioniert.

Diskussion der Hypothesen Ingleharts

Helmut Klages stimmt mit Inglehart darin überein, dass in den Industriegesellschaften ein Wertewandel stattgefunden hat und kommt durch empirische Studien zu dem Rückschluss, dass Werte wie Gehorsam und Unterordnung deutlich zurückgehen, hingegen Selbstständigkeit und freier Wille normativ ansteigen. In der Tatsache, dass das Wertepaar Ordnungsliebe und Fleiß dauerhaft auf relativ konstantem Niveau bleibt, sieht Klages einen Fehler in der Inglehart'schen These, dass der Wertewandel komplett in eine Richtung verlaufe.

Klages' zweiter Kritikpunkt richtet sich an die These, dass die Korrelation zwischen Höhe des Bruttosozialproduktes und der Ausprägung eines individualistischen Wertekomplexes weniger mit der Zunahme postmaterieller Werte zusammenhängen als vielmehr eine Entwicklung darstellt, deren Ursachen in unserem Bildungs- und Beschäftigungswesen liegen.

Drittens stimmt Klages mit Ingleharts These darin überein, dass es einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen individualistischen Werten und der Höhe des Bildungsniveaus gibt.

Zusammenhang von Bildungsniveau und individualistischen Werten

  1. Das vermittelte Wissen gibt den Jugendlichen eine Möglichkeit der Relativierung von Wertvorstellungen ihres sozioökonomischen Umfeldes. Dazu kommt, dass sich die Sozialisation Jugendlicher heutzutage meist in peer groups vollzieht, was zu einer Wertevorstellung in Richtung Selbstständigkeit und Selbstentfaltung führt.
  2. Zumeist Kinder aus den unteren Sozialschichten grenzen sich bei zunehmendem Bildungsniveau bewusst extrem von den Wertvorstellungen ihrer Eltern ab.
  3. Das moderne Schulsystem stellt die Anforderung der Selbstständigkeit an jeden Schüler. Daran gebunden ist die Forderung zur Fähigkeit der Reflexion, welche eine Notwendigkeit für das Bestehen im Bildungsalltag darstellt. Dieser Zwang zur Selbstentfaltung stellt einen bedeutenden Faktor in der Werteorientierung dar.
  4. Das moderne Bildungssystem offeriert den Schülern die Möglichkeit der Selbstdarstellung, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat.

Folgen des Wertewandels

Selbstentfaltung entspricht den Erfordernissen moderner Gesellschaften

  1. Der Wegfall der großen wertegebenden Institutionen wird durch Bildung kleinerer autonomer Subsysteme aufgewogen oder ganz kompensiert
  2. Von Seiten der Subsysteme sind vor allem Kreativität, Beweglichkeit und Neugier gefragt, was analog zu individualistischen Selbstentfaltung liege.
  3. Selbstentfaltung ist keine affektiv betonte und lustvoll erlebte Triebbefriedigung, sondern der Zwang des Individuums, seine Qualitäten zu fördern und ins gesellschaftliche Leben einzubringen
  4. Von einem Verlust von Werten wie Ordnungsliebe, Fleiß und Pflichterfüllung könne von empirischer Seite keine Rede sein. Vielmehr werden diese situationsangemessen gehandhabt und dadurch weniger offensichtlich
  5. Selbstentfaltung bedeutet keinesfalls Egoismus und Verantwortungslosigkeit. Dies lässt sich aus der steigenden Toleranz gegenüber diversen Minderheiten belegen.
  6. Selbstentfaltung hat keine Anonymisierung zu Folge, was durch das Entstehen ganz neuer sozialer Netzwerke bewiesen ist
  7. Der Wegfall universaler Wertevorstellungen wird durch neue, alle Subsysteme verbindende Werte ersetzt, wie instrumentelle Intelligenz, Flexibilität, Anpassungs- und Umstellungsgeschick oder hochentwickelte Fähigkeit, Misserfolge oder Versagen zu ertragen und produktiv zu verarbeiten

Siehe auch

Literatur

Main; Campus. Kapitel 1, 2, 3, 11 und Anhang.

http://www.bpb.de/publikationen/VVDQUI,0,0,Wertewandel.html