Manie
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Manie

Eine Manie (v. griech.: μανία manía = die Raserei) ist eine affektive Störung und verläuft meist phasenweise. Der Antrieb und die Stimmung sind in einer Manie weit über dem Normalniveau, das wird - der derzeit gängigsten Theorie zufolge - durch eine zu hohe Konzentration der Neurotransmitter Noradrenalin und Dopamin verursacht. In einer Manie reduziert sich der Schlaf und es kommt zu einer Überanstrengung von Gehirnbereichen, wodurch dann, wenn es nicht zu einer Behandlung kommt, psychotische Symptome ausgelöst werden können.

Inhaltsverzeichnis

Symptome und Zeichen

In vielerlei Hinsicht kann man eine Manie als das "Gegenteil einer Depression" bezeichnen oder als eine physiologische unkontrollierte Immunreaktion des Körpers gegen die tieferliegende Depression. Typische Symptome und Krankheitsanzeichen sind beispielsweise

Der Antrieb und die Stimmung sind weit übernormal - mitunter bis ins äußerste Extrem gehoben - am Limit. Übermäßige Beschäftigung mit angenehmen Dingen ist typisch; fanatisch und exzessiv wird ein Teilbereich ausgeübt, während andere, oft wichtigere Dinge, völlig vernachlässigt werden. Häufig geben die Betroffenen mehr und schneller Geld aus als üblich. Mitunter werden von Erkrankten während einer Manie aufgrund ihrer Größenideen sogar massenweise Geschäfte getätigt, die für die Betroffenen und ihre Angehörigen sehr unangenehme Folgen wie hohe Verschuldung haben können. Die Libido ist gesteigert, die Geselligkeit und die Gesprächigkeit ebenso, die Betroffenen können allerdings auch völlig enthemmt werden, die Kontrolle über sich selbst verlieren. Selbst wenn sie dies noch wahrnehmen, verausgaben sie sich völlig, obwohl ihnen bewusst ist, dass dies schädliche Folgen haben kann.

Das Gesamtbild einer Manie unterscheidet sich von Fall zu Fall, oft auch von Episode zu Episode bei einem einzigen Patienten. Man kann zwischen der klassischen Manie (mit einer im Vordergrund stehenden Antriebssteigerung und gehobener Stimmung) und der gereizten Manie (mit zornig-gereizter Stimmung) unterscheiden. Bei extremer Beschleunigung von Denken und Sprechen ist eine verworrene Manie möglich, ein Krankheitsbild, das einem Verwirrtheitszustand, wie er bei hirnorganisch bedingten psychischen Störungen vorkommt, sehr ähnlich sein kann. Eine Manie kann je nach Ausprägung für den Betroffenen und die Angehörigen sehr belastend sein und schwerwiegende soziale Folgen haben. Den von der Manie Betroffenen wird dies erst bewusst, wenn die Manie abgeklungen ist. Es kommt dann nicht selten zu schweren Schamgefühlen.

In der Manie zeigen Patienten oft völlig unangepasstes, distanzloses Verhalten: beispielsweise werden fremde Leute einfach angesprochen und in Gespräche verwickelt, die weit jenseits gesellschaftlicher Konventionen liegen. In Gaststätten werden Lokalrunden ausgegeben, Geld und Wertgegenstände werden an Fremde verschenkt; häufig kommen auch sexuell anzügliche Verhaltensweisen sowie häufige und wahllose sexuelle Kontakte mit fremden Personen vor. Freunde und enge Angehörige, der Ehepartner usw. können den Betroffenen nicht von diesen Verhaltensweisen abhalten, ein Maniker lässt sich kaum oder nicht bremsen oder belehren. Heftige Streitigkeiten mit lautstarken und schweren Beleidigungen gegenüber nahestehenden Personen sind dann meist die Folge. Alle diese Handlungen können völlig persönlichkeitsfremd sein.

An einer Manie Erkrankte haben während der manischen Phase typischerweise keinerlei Krankheitseinsicht; sie kommen sich nicht krank vor, sondern "fühlen sich blendend". Angehörige oder andere Experten der Krankheit hingegen vermögen die Krankheit zu erkennen. Wenn die Phase abgeklungen ist, sitzen die Erkrankten vor einem großen Scherbenhaufen und sind voller Schamgefühle wegen ihres Verhaltens. Aufgrund der Selbstüberschätzung kann es auch zu selbstgefährdendem Verhalten bis hin zum Suizid kommen; seltener besteht eine Fremdgefährdung, welche durch die gesteigerte Kraft, Ausdauer und Widerstandsfähigkeit (etwa gegenüber manchen Beruhigungsmitteln) akuter Maniker noch potenziert werden kann.

Neben reinen Manien kann auch eine gemischte Phase (Mischzustand) auftreten: Neben manischen kommen dann auch depressive Symptome vor: Meist hat man dann die Getriebenheit der Manie mit dem schlechten Gefühl der Depression, in diesem Zustand spielt Suizidalität eine große Rolle.

Formen

Am häufigsten ist die bipolare Verlaufsform der Manie, d. h. ein Betroffener erlebt sowohl manische als auch depressive Krankheitsphasen. Dabei sind die manischen Phasen in der Regel kürzer als depressive Phasen; erstere dauern normalerweise einige Wochen, letztere eher einige Monate. Jedoch verlaufen diese Phasen bedeutend kürzer, wenn der Kranke mit Medikamenten und/oder Psychotherapie behandelt wird.

Deutlich seltener ist die Verlaufsform mit ausschließlich manischen Episoden.

Ein großes Problem besteht darin, dass zwischen Ausbruch der Krankheit und der richtigen Diagnose (z. B. bei vorher vorhandenen Hypomanien) oft zu viel Zeit vergeht, bis eine angemessene Behandlung erfolgt. Es gibt Hinweise dafür, dass - wenn vorher bereits viele Krankheits-Episoden stattgefunden haben - die Phasen dazwischen kürzer werden, und die Ausbrüche heftiger werden können. Mitunter können sie dann auch durch Medikation nicht ganz verhindert werden und zudem können Residualzustände verbleiben.

Eine abgeschwächte Verlaufsform einer Manie, die allerdings immer noch deutlich über den Normalschwankungen liegt, bezeichnet man als Hypomanie.

Ursachen

Man geht derzeit von einer vorübergehenden Störung der Neurotransmitter im Gehirn aus. Auch wurden bis jetzt vier Gene lokalisiert, die für die bipolare Störung relevant sind (manisch-depressive Krankheit). Allerdings können diese auch bei Nichterkrankten in ebensolcher Weise verändert sein, so dass noch andere Komponenten dazu kommen müssen, um bipolar - manisch und depressiv - zu werden.

Die Auslöser krisenhafter Krankheits-Episoden sind oft bedeutende Ereignisse im Leben wie zum Beispiel eine Hochzeit, Scheidung oder ein Stellenwechsel. Verlusterfahrungen wie Tod eines nahen Angehörigen, Zerbrechen einer Beziehung, Arbeitslosigkeit, etc. sind ebenfalls stressende Ereignisse, die bei Disposition für diese Krankheit Episoden auslösen können. Episoden der Krankheit können aber auch ohne äußere Ursachen auftreten.

Die genauen Ursachen sind bisher nicht geklärt und sind Gegenstand intensiver Forschung. Aus physiologischer Sicht scheint es sich um eine körpereigene jedoch unkontrollierte Immunreaktion gegen die Depression zu handeln, denn in seichter Form würde man die manischen Aktivitäten einem depressiv Erkrankten durchaus auch als Verhaltensweise verordnen wie lediglich nur erhöhte Aktivität und mehr Selbstbewusstsein etc.

Behandlung

Zur Behandlung einer Manie werden atypische Neuroleptika eingesetzt, die antipsychotisch wirken. Sie setzen die Konzentration und die Wirkung der Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin herab. Viele Sedativa sind ungeeignet, da sie in einer manischen Phase paradoxe Wirkung zeigen, so z.B. die Benzodiazepine, die eigentlich die ungefährlichsten Beruhigungsmittel sind. Benzodiazepine wie Lorazepam reduzieren in einer Manie den Schlaf, die Patienten werden umtriebig, und sie können ungeahnte Energien entwickeln. Allerdings steigt der Realitätsverlust ebenfalls an. Es gibt keine Dosis Benzodiazepine, die einen Maniker zum Schlafen bringt. Echter Tiefschlaf wäre aber sehr wichtig für eine schnelle Genesung. Viele Betroffene finden es toll, dass sie kaum oder gar nicht mehr schlafen müssen; sie merken nicht, dass der Schlafmangel ihnen zusätzlichen Schaden zufügt, denn die Benzodiazepine sorgen dafür, dass sie sich noch besser fühlen. Benzodiazepine verstärken die Wirkung von GABA, dieser Mechanismus funktioniert aber in einer Manie nicht mehr. Zudem gibt es eine Linksverschiebung der Dosis-Wirkungs-Kurve, das bedeutet, dass eine zu hohe Dosis keine höhere Wirkung bringt und damit nur die Nebenwirkungen verstärkt auftreten.

Prophylaxe

Lithiumsalze wie z.B. Lithiumcarbonat, aber auch Carbamazepin, Valproat und Lamotrigin wirken außerdem phasenprophylaktisch, d.h. sie verringern die Wahrscheinlichkeit des Auftretens erneuter Krankheitsschübe und können sie teilweise gänzlich verhindern. Voraussetzung ist die langfristige Einnahme.

Bewährt hat sich auch eine auf die Krankheit abgestimmte kognitive Verhaltenstherapie oder eine Psychoedukation. Vor allem kann man lernen, Frühwarn-Symptome bei sich zu erkennen und durch antimanisches Verhalten wie etwa Reizabschirmung und konsequentere Beibehaltung von Strukturen wie Schlafenszeiten gegenzusteuern. Geschieht dies rechtzeitig, kann man eventuell eine Phase verhindern oder abschwächen. Eine zusätzliche Medikation wird meist empfohlen.

Epidemiologie

Die Manie als einzeln auftretende (unipolare) Stimmungserkrankung ist sehr selten. Viel häufiger tritt sie in Verbindung mit einer depressiven Störung auf.

Bei ca. 20% der Patienten, die an einer wiederkehrenden (rezidivierenden) depressiven Störung leiden, kommt es im Laufe der Erkrankung zu manischen oder hypomanischen Episoden. Diese Krankheit hat somit zwei “Pole”: einen manischen und einen depressiven. Man nennt sie somit eine bipolar-affektive (“2-polige Störung der Stimmungslage“) Erkrankung. Diese Erkrankungen haben ihren Beginn früher als die unipolare Depression. Es kann hier schon im 18. Lebensjahr zur Ersterkrankung kommen. Ein zweiter sogenannter Krankheitsgipfel liegt um das 30. Lebensjahr. Männer und Frauen erkranken gleichermaßen. Das Lebenzeitrisiko beträgt ca. 1,5 %. Jeder zehnte Betroffene entwickelt im Verlauf ein “rapid cycling”, einen sehr schnellen Wechsel zwischen Manie und Depression. Bei etwa der Hälfte aller Patienten kommt es zum Auftreten von psychotischen Symptomen.

Umgang mit Erkrankten

Der Umgang mit Menschen, die sich in einer akuten manischen Phase befinden, ist äußerst anstrengend; häufig sind die Angehörigen nach kurzer Zeit am Ende ihrer Kräfte.

Da die Betroffenen keine Krankheitseinsicht haben (sie fühlen sich schließlich ausgezeichnet), bleibt oft nur eine ärztliche Behandlung gegen den Willen der Betroffenen.

Um den Betroffenen vor sich selbst und den Folgen seiner Aktivitäten zu schützen, ist zudem nicht selten eine geschlossene Unterbringung notwendig, bis die akute Phase etwas abgeklungen ist.

Erst wenn der Erkrankte die manische Phase hinter sich hat und wieder Krankheitseinsicht zeigt, ist bei Bedarf der Zeitpunkt gekommen für eine psychotherapeutische Behandlung, weitere Betreuung durch einen Facharzt und gegebenenfalls regelmäßige Medikamenteneinnahme.

Bei plötzlichem Einstellen der Medikation können Kältegefühl und Schüttelfrost auftreten. Zudem können Betroffene durch das zu frühe und zu schnelle Absetzen der Medikamente in einen schlimmen Mischzustand geraten in welchem die Selbst - und Fremdgefährdung am höchsten ist. Außerdem geraten sie dadurch nicht selten in einen schweren Rückfall welcher dann nochmals einen Klinikaufenthalt von Wochen bis Monaten notwendig macht.

Leben mit der Manie

Bei Krankheitseinsicht des Betroffenen, einem geregelten und stressreduzierten Leben, regelmäßiger Medikation und Aufarbeiten von Problemen in der Psychotherapie kann dieser manchmal ein durchaus erträgliches Leben führen. Allerdings gehört die manisch-depressive Krankheit (Bipolare Störung, eine solche ist so gut wie immer bei Manie vorhanden) zu den zehn Krankheiten, die weltweit am meisten zu lebenslanger Behinderung beitragen. Das weit erhöhte Suizid-Risiko weist darauf hin, dass für Betroffene oft das Leben unerträglich ist.

Wenn er die Anzeichen einer beginnenden Manie kennt, kann der Betroffene mitunter rechtzeitig durch sein Verhalten (sofortiger Facharztbesuch, evtl. zusätzliche Medikamente, ausreichend Schlaf, Stressabbau) gegensteuern, so dass eine ausgeprägte Manie gar nicht erst wieder entstehen muss.

Für die Betroffenen ist eine Manie immer eine überwältigende Erfahrung und kann wie eine Art Erleuchtung erlebt werden, so dass sich daraus etwas entwickelt wie eine "Verliebtheit" in die Manie oder eine Sehnsucht nach der Manie, besonders wenn man um den grässlichen Zustand einer tiefen Depression weiß.

Umso wichtiger ist darum die Erkenntnis der eigenen Begrenztheit und Endlichkeit, auch ein Annehmen des Durchschnittlichen und Unauffälligen, denn fast immer kommt nach einem Ausschlag in Richtung Manie eine Depression. So kann durch ein Bestreben, die Pendelausschläge geringer zu halten, eine Linderung des Leidens erfolgen, was ein Argument für eine Zielvorgabe in Richtung "Durchschnittlichkeit" sein kann.

Es ist hilfreich, wenn der Patient die Manie als einen >Teil von sich selbst< ansieht. Es ist im Charakter meist schon vor Ausbruch der Manie angelegt, dass diese Menschen sehr schnell für Neues zu begeistern sind und es gibt mitunter eine "manische Aussage" für das, was im Leben zu kurz gekommen ist, was man vielleicht mehr integrieren müsste ins Leben. Allerdings kann das Verhalten von Manikern in der Manie auch völlig wesensfremd sein.

Wenn sich Betroffene an die Medikation halten und außerdem bei Frühwarnanzeichen durch ihr Verhalten gegensteuern, können neue Ausbrüche verhindert oder abgeschwächt werden. Hat man davor mehrere Phasen durchgemacht können allerdings Residualsymptome verbleiben, und die Prognose wird nach mehr und mehr Phasen schlechter.

Mit Manien und der bipolaren Störung sind oft Kreativität und hohe Schaffenskraft verbunden, viele Kreative, Schriftsteller, Musiker und Künstler litten und leiden an dieser Störung. Näher wird dies im Artikel über bipolare Störung (manisch-depressive Erkrankungen) ausgeführt, worunter die Manien als typische Episoden gezählt werden. Insbesondere in der Hypomanie kann viel erreicht werden, mit stimmungsstabiliserender Medikation die Kreativität als ein positiver Aspekt der Krankheit bewahrt werden.

Literatur

Siehe auch

 Wiktionary: Manie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik
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