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Siegesallee

Die Siegesallee war ein von Kaiser Wilhelm II. 1895 in Auftrag gegebener und finanzierter Prachtboulevard im Tiergarten in Berlin, der 1901 vollendet wurde. 32 Denkmäler aus Marmor stellten sämtliche Markgrafen, Kurfürsten und Könige Brandenburgs und Preußens zwischen 1165 und 1888 dar. Den Hauptfiguren standen je zwei Büsten mit Personen zur Seite, die im Leben oder in der Zeit der jeweiligen Herrscher eine wichtige Rolle spielten. Die 750 Meter lange Allee verlief vom früheren Königsplatz (heute Platz der Republik), dem damaligen Standort der Siegessäule, als Sichtachse bis zum Kemperplatz mit dem Rolandbrunnen.

Die repräsentative Allee gilt als Ausdruck des Historismus in der Bildenden Kunst. Der monumentale Boulevard war bereits kurz nach seiner Fertigstellung umstritten, da Kritiker Wilhelm II. vorwarfen, durch die glorifizierende Darstellung der Hohenzollernherrscher den imperialen Machtanspruch des Kaiserreichs unterstreichen zu wollen. Teile der Berliner Bevölkerung belächelten die Skulpturen als „Puppenallee“.

Inhaltsverzeichnis

Ankündigung und Zielsetzung

Die 32 Denkmalgruppen spannten einen geschichtlichen Bogen von Albrecht dem Bären, dem Begründer der Mark Brandenburg im Jahr 1157, bis zum ersten deutschen Kaiser Wilhelm I. im Jahr 1871, den Wilhelm II. in der ersten öffentlichen Ankündigung des bleibenden Ehrenschmucks betonte.

Rede Wilhelm II. 1895

Am 27. Januar 1895, seinem 36. Geburtstag, führte er unter anderem aus:

„Als Zeichen Meiner Anerkennung für die Stadt und zur Erinnerung an die ruhmreiche Vergangenheit unseres Vaterlandes will Ich daher einen bleibenden Ehrenschmuck für Meine Haupt- und Residenzstadt Berlin stiften, welcher die Entwickelung der vaterländischen Geschichte von der Begründung der Mark Brandenburg bis zur Wiederaufrichtung des Reiches darstellen soll. Mein Plan geht dahin, in der Siegesallee die Marmor-Standbilder der Fürsten Brandenburgs und Preußens, beginnend mit Albrecht dem Bären und schließend mit dem Kaiser und König Wilhelm I., und neben ihnen die Bildwerke je eines, für seine Zeit besonders charakteristischen Mannes, sei er Soldat, Staatsmann oder Bürger, in fortlaufender Reihe errichten zu lassen. Die Kosten der Gesamtausführung will Ich auf Meine Schatulle übernehmen.“

Zitiert nach Uta Lehnert: Der Kaiser und …[1]

Politisches Ziel

Wilhelm II. hatte den Wunsch sich durch den Boulevard, ebenso wie seinerzeit der Große Kurfürst, als Kunstkenner und Mäzen zu profilieren, was das Renommee des Kaisers heben sollte. Die glanzvolle Prachtstraße war somit Teil der kaiserlichen Öffentlichkeitsarbeit, die seine Beliebtheit in der Bevölkerung steigern sollte.

Gleichzeitig äußerte Wilhelm II. mit der Siegesallee seine Vorliebe für die Mode des Historismus. Auf der Eröffnungsrede zum Boulevard 1901, der so genannten „Rinnsteinrede“, machte er deutlich, dass ihm die Moderne Kunst widerwärtig erschien. Wegen der Deutlichkeit seiner Rede wurde Wilhelm II. vorgeworfen, die Richtung der Bildenden Kunst von oben verordnen zu wollen. („Rinnsteinkunst“, s. u.)

Wegen des Umfangs der in den Jahren um 1900 in Berlin verwirklichten Denkmalprojekte wurde der Kaiser von Teilen der Bevölkerung Denkmalwilly genannt.[2]

Im Ausland sollte durch die Siegesallee der Ruf des Kaiserreiches gesteigert werden, indem die Hauptstadt Berlin ihre Bedeutung durch Gedenkstätten nationalen Ranges unterstrich.

Geschichte und Odyssee der Figuren

32 Gruppen und zwei Nachzügler

Unter der Leitung des Architekten Gustav Friedrich Halmhuber und des Bildhauers Reinhold Begas schufen zwischen 1895 und 1901 27 Bildhauer 32 Standbilder der Brandenburger und Preußischen Herrscher von jeweils 2,75 Meter Höhe. Die Markgrafen, Kurfürsten und Könige standen zentral auf einem halbrunden Sockel, der hinten von einer Sitzbank geschlossen war. Die beiden Nebenfiguren waren in die Sitzbank eingepasst und teilten sie in drei Abschnitte.

Nach dem Entwurf von Ernst von Ihne kamen 1903 noch die Gruppen 33 und 34 hinzu und 1904 das von Adolf Brütt geschaffene Standbild des Prinzen Wilhelm von Preußen, des späteren ersten Kaisers, in der Uniform der Befreiungskriege – was eine Verbindungslinie zu den gleichfalls von Brütt geschaffenen, 1906 in Weimar vollendeten Reliefs der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zog. Am 18. Dezember 1901 erfolgte die Fertigstellung der Siegesallee. Nach Uta Lehnert wurde die Siegesallee zur „Kraftprobe für die Berliner Bildhauerschule[3], die in all ihren unterschiedlichen Strömungen bei den Arbeiten vertreten war.

Statue des Großen Kurfürsten im Lapidarium

Kosten

Die Kosten betrugen pro Denkmalgruppe, also für jeweils drei Figuren, das Podest und die Sitzbank 50.000 Mark, bei 32 Gruppen also 1,6 Mio. Mark. Wilhelm II. übernahm die Finanzierung des Projekts. Neben den erwirtschafteten Erträgen seiner Güter verwandte er hierfür Teile seines Etats aus öffentlichen Mitteln. So lastete die Bezahlung der Siegesallee nicht allein auf dem Haus Hohenzollern, da de facto auch Steuergelder eingesetzt wurden. Der spätere Streit um die Fürstenenteignung 1926 sollte beweisen, wie schwierig öffentliche Gelder des Reiches und private Mittel des Kaiserhauses zu trennen waren.

Hinzu kam, dass die Kosten von 1,6 Mio. Mark noch nicht die Infrastruktur- und Folgekosten wie Straßenbau, Beleuchtung, Gartengestaltung, Wartung, Reinigung oder Bewachung enthielten.[4]

Planung der Nationalsozialisten und Vergrabung

Die aus Marmor gefertigten Denkmäler nahmen in der Zeit des Nationalsozialismus eine zentrale Funktion in Albert Speers Planungen für Berlin ein und wurden deshalb von den Nationalsozialisten ab Mai 1938 in die Große Sternallee verlegt, wo sie zusammen mit der ebenfalls versetzten Siegessäule, dem Bismarck-Nationaldenkmal und , den umgesetzten Denkmälern von Albrecht von Roon und Helmuth Karl Bernhard von Moltke ein sogenanntes Forum des II. Reiches, also des Kaiserreiches, bilden sollten. Zur Parade zum 50. Geburtstag Adolf Hitlers am 20. April 1939 säumten die Statuen der Siegesallee bereits die Große Sternallee.

Im Zweiten Weltkrieg wurden einige der Figuren beschädigt. Die Alliierte Kommandantur ordnete 1947 die Einebnung der Allee an. Mit Ausnahme der Denkmäler von Albrecht dem Bären und Friedrich Wilhelm IV. waren die Denkmäler zunächst am Schloss Bellevue aufgestellt, bis sie der damalige Landeskonservator Hinnerk Scheper 1954 zum Schutz im Schlosspark vergraben ließ.

Verbleib heute

1978 wurden sie im Rahmen der Aktion Rettet die Denkmäler wieder ausgegraben und zum größten Teil provisorisch im Lapidarium in Berlin-Kreuzberg aufgestellt. Die Skulpturen von Friedrich Wilhelm IV. und Albrecht dem Bären stehen heute in der Zitadelle Spandau, die Marmorbüste des Freiherrn vom Stein in der Spandauer Mönchgasse. Am 13. September 2005 fanden die Gruppen Markgraf Otto der Faule und Friedrich Wilhelm II. von Adolf Brütt sowie Kaiser Wilhelm I. von Reinhold Begas vor dem Neuen Flügel des Schlosses Charlottenburg im Rahmen der Ausstellung „Die Kaiser und die Macht der Medien“ vorübergehend einen neuen Platz.

Die Trasse der ehemaligen Allee wurde nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961 Teil der Entlastungsstraße und ist nach deren Rückbau und Ersatz durch den Tiergartentunnel seit 2006 zum Teil wieder als Fußweg begehbar.

Siehe auch: Denkmäler in Spandau

Gestaltung und Auswahl der Figuren

Figuren, Nebenfiguren und ihre Details

Die Standbilder der Askanier, Wittelsbacher, Luxemburger und Hohenzollern wurden jeweils flankiert von zwei kleineren Büsten mit der Darstellung von Personen, die im Leben der Herrscher eine wichtige Rolle spielten. Bei Albrecht dem Bären waren das beispielsweise Bischof Wigger von Brandenburg und Bischof Otto von Bamberg. Zur Seite seines Sohnes und zweiten Brandenburger Markgrafen Otto I. standen die Büsten seines Taufpaten Pribislaw-Heinrich und des ersten Abtes Sibold aus dem Kloster Lehnin, das Otto I. gestiftet hatte. Johann Gans zu Putlitz, Nebenfigur zu Otto II., hält im rechten Arm das Kloster Marienfließ in der Prignitz und in der linken Hand die von ihm ausgestellte Stiftungsurkunde.

Auch die Sockel der Denkmäler und Büsten wurden zum Teil mit detaillierten Darstellungen ausgestattet. Der Bildhauer Max Unger stellte beispielsweise in seinen Reliefs am Sockel Otto I. das Kloster Lehnin und den Gründungstraum Ottos um dieses Kloster dar (siehe ausführlicher bei Otto I.).

Bei späteren Gruppen sind persönliche Bezüge der Haupt- zu ihren Nebenfiguren nicht immer zu erkennen. So gesellte der Bildhauer Joseph Uphues zu Friedrich dem Großen den Komponisten Johann Sebastian Bach, auch wenn der Alte Fritz zu seinem Hofmusiker Carl Philipp Emanuel Bach eine ungleich tiefere Beziehung hatte. Friedrich Wilhelm II. bekam von Adolf Brütt Immanuel Kant zugesellt, auch wenn Kants 15 letzte Lebensjahre durch den sich stetig zuspitzenden Konflikt mit der Zensurbehörde, deren Leitung Friedrich Wilhelm II. dem neuen Kultusminister Wöllner übertragen hatte, gekennzeichnet waren. Christian Daniel Rauch stellte eine Büste Alexander von Humboldts neben die Statue von Friedrich Wilhelm IV.

Gestaltung nach der Phantasie

Da von den Askaniern und weiteren Geschlechtern keine Abbilder existierten, wurde die Gestaltung der ersten Denkmalgruppen nach der Fantasie und Vorstellung der einzelnen Bildhauer vorgenommen. Walter Schott zum Beispiel zeichnete einen kühnen und entschlossenen Albrecht den Bären in kriegerischer Ausrüstung, der gestützt auf sein Schwert ein Kreuz in die Höhe hält und mit dem Fuß ein slawisches Götzenbild in den Staub tritt. Diese Darstellung sollte symbolisieren, dass Albrecht nach vielen vergeblichen deutschen Versuchen zuvor 1157 die slawischen Stämme in den Regionen Zauche und Havelland endgültig besiegen konnte und damit „das christliche Kreuz über die slawischen Götzen triumphieren ließ“[5].

Nach heutigem Kenntnisstand wird diese Darstellung dem ersten Brandenburger Markgrafen nur zum Teil gerecht. Denn der deutsche Landesausbau nach Osten lief in den 1150er-Jahren, von Ausnahmen abgesehen, weitgehend unblutig ab und die nachhaltige Konsolidierung dieser Gebiete ist eher der geschickten, diplomatischen Ansiedlungspolitik der ersten Askanier geschuldet.

Die Gesichtszüge Albrechts formte Schott nach seinem eigenen Kopf. Für die Nebenfiguren, die Bischöfe Wigger von Brandenburg und Otto von Bamberg, suchte er per Zeitungsannonce nach Modellen. Unter den rund 40 Bewerbern wählte er nach eigener Angabe einen märkischen Fischer, einen reizenden alten Mann und für den Bamberger einen dicken Kölner Küfer aus. Denn von dem Brandenburger habe er die Vorstellung eines mageren, halbverhungerten Priesters gehabt, da es in der Mark nicht so viel zu essen gegeben habe, während er bei dem Bamberger aufgrund dessen gutsituierten Erzbistums an einen gebildeten, sehr behäbigen und runden Mann gedacht habe.[6]

Modell Heinrich Zille

Der bedeutende Grafiker Heinrich Zille hatte bereits einige Jahre vor seiner Aufnahme in die Berliner Secession, die der Kaiser in seiner „Rinnsteinrede“ im Blick hatte (s. u.), seinem Freund August Kraus für die Büste des Ritters Wedigo von Plotho, genannt der Bauernschlächter, Modell gestanden. Die Büste war eine Nebenfigur zum Markgrafen der Jahre 1319/1320 Heinrich das Kind. Die Kreuzzeitung amüsierte sich in ihrem Bericht zur Einweihung des Denkmals am 22. März 1900 königlich: „So ist z. B. das bärbeißige Raubrittergesicht des biederen Grafen Plotho mit der so charakteristischen urgermanischen Kartoffelnase, das die Heiterkeit des königlichen Auftraggebers in so hohem Maße erregte, nicht etwa ein Phantasiegebilde des Künstlers, sondern das wohlgelungene Porträt eines ehrbaren Charlottenburger Spießbürgers und technischen Leiters einer bekannten Großen Kunstanstalt […].“[7]

Zeitgenössische Kritik

„Bis in die Puppen“ und Otto der Faule

Die zeitgenössische Kritik an der Siegesallee wurde aus den unterschiedlichsten Richtungen geäußert. Die Bezeichnung des Volksmunds „Puppenallee“ für die Siegesallee hinterließ die noch heute gebräuchliche Redewendung „bis in die Puppen“. Ursprünglich war damit der weite Weg zu den ehemaligen mythologischen Figuren am damals abgelegenen Großen Stern gemeint.[8] Auch Namen wie Marmorameer und Nippes-Avenue machten die Runde. Nachdem die Figuren gelegentlich durch vandalistische Angriffe beschädigt wurden, kreierten die Berliner in Anlehnung an die Invalidenstraße den Begriff Neue Invalidenstraße für den Prachtboulevard.

Kritische und satirische Blätter wie Kladderadatsch, Simplicissimus oder Lustige Blätter nahmen das Thema dankbar auf. Insbesondere die Darstellung Otto des Faulen aus dem Bayrischen Haus Wittelsbach beflügelte die Karikaturisten. Adolf Brütt hatte den Markgrafen der Jahre 1365 bis 1373 „in ziemlich lascher Haltung und mit herunterhängenden Augenlidern, kurz mit blödem Gesicht“[9] dargestellt. Durch diese Darstellung fühlten sich einige Bayern angegangen, die eine Stichelei des preußischen Künstlers für möglich hielten.

Dichter und Schriftsteller reimten sarkastische Verse wie beispielsweise Christian Morgenstern im Vierzeiler „Neo-Berlin“.[10] Arno Holz persiflierte die Allee in seinem kaiserkritischen Niepepiep-Dialog in der „Blechschmiede“ (1902) und verlegte sie im späteren „Deutschen Dichterjubiläum“ (1923) ironisierend nach Timbuktu.[11] Mit der Titelwahl Lieder aus dem Rinnstein für seine Sammlung verarbeitete Hans Ostwald den Kunstbegriff der Eröffnungsrede Wilhelms II. und damit die geäußerte Weltanschauung auf satirische Weise.

Rinnsteinkunst

Mit der „Rinnsteinrede“ zur Eröffnung der Siegesallee am 18. Dezember 1901 hatte der Kaiser die kritischen Reaktionen verstärkt. Seine Ansicht, die künstlerische Moderne sei in den Rinnstein niedergestiegen, da sie das Elend noch scheußlicher hinstelle als es schon sei, wandte sich gegen sogenannte moderne Richtungen und Strömungen. Durch die nachträgliche Veröffentlichung bekam diese Rede, in der der Kaiser seinen Kunstgeschmack in aller Deutlichkeit unterstrich, eine offizielle Note. „Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr, ist Fabrikat, ist Gewerbe […].“[12] Das negative Echo in den Medien sorgte dafür, dass sich Wilhelm II. um die Reputation seines bleibenden Ehrenschmucks sorgen musste. Dennoch: „Das Experiment Siegesallee dürfe als gelungen betrachtet werden, verkündete der Kaiser, der Eindruck, den sie mache, sei ein ganz überwältigender, überall sei ein ungeheurer Respekt für die deutsche Bildhauerei zu spüren.“[13]

Für die angesprochenen Impressionisten und Modernisten wie Max Liebermann, Käthe Kollwitz, Heinrich Zille, Max Slevogt, Lovis Corinth, Hans Baluschek oder die weiteren Mitglieder der späteren Berliner Secession avancierte das die Äußerung Wilhelms II. zu einer Art Gütesiegel, weil es jemanden bezeichnete, der nicht zur offiziellen Hofkunst, sondern zur Avantgarde gehörte.[14]

Fachkritik

Auch die Fachkritik für diese deutsche Bildhauerei war überwiegend hart. Als ideenlose und austauschbare Verherrlichung ohne Herausarbeitung der charakteristischen Züge der dargestellten Würdenträger betrachteten viele den modernen Strömungen zugewandte Künstler die Arbeit der Kollegen. Ein vernichtendes Urteil fällte der Kunstkritiker und Publizist Karl Scheffler: „Malerisch drapierte Mäntel, kühne Helmsilhouetten, gebietende Armbewegungen, protzige Schlächterdarstellungen, bohrende Blicke, Kostümexegesen von Bärenfell bis Hermelinmantel, Krone, Kanonierstiefel, kurz: Panoptikum. […] Nicht einer, mit Ausnahme vielleicht von Begas und Brütt, hatte eine Ahnung, wie eine Büste mit dem Postament und dieses mit der Bank organisch zu verbinden ist. […] die Künstler haben kaum hier und da die schematische Routine des Handwerkers überarbeitet, so daß überall eine gleichmäßige Brutalität der Ausführung herrscht. […] kaum eine Form ist recht verstanden, keine Silhouette schön: patriotische, schauderhaft verstimmte Blechmusik.“[15]

Für den Kunstkritiker Max Osborn hob sich allein Adolf Brütts volkstümliches Standbild zu Otto dem Faulen durch seine künstlerische Qualität aus einer schematischen Darstellungsreihe heraus, die ansonsten den Beweis dafür lieferte, „daß die alte Kunst großer dekorativer Anlagen ums Jahr 1900 untergegangen war. […] Die Siegesallee […] ist zugleich ein Spiegelbild der ganzen Epoche, […] der es mehr auf Quantität als auf Qualität ankam, die sich damit begnügte, die Kunstformen und Stilmotive aller früheren Zeiten treulich, aber geistlos zu wiederholen […].“[16]

Allerdings wurden die Ausstattungsdetails der Figuren wie Rüstungen und Mäntel durch die Kritiker überwiegend als historisch gut recherchiert und passend empfunden. Und bei allem Spott besuchten die Berliner in großen Scharen die Siegesallee und die Puppen entwickelte sich zu einem beliebten touristischen Anziehungspunkt.[17]

Kritik an der Personenauswahl

Neben der Gestaltung wurde vielfach die Auswahl der dargestellten Personen und die Zusammensetzung der Gruppen in Frage gestellt. Umstritten blieb beispielsweise die Aufnahme des Standbilds für Heinrich II. (das Kind), der zwar der letzte askanische Markgraf war, in seinen beiden „Regierungsjahren“ 1319/1320 als Elfjähriger für die märkische Geschichte aber keine bleibende Bedeutung erlangte. Allerdings befanden die Kritiker, dass die von August Kraus gestaltete Gruppe in künstlerischer Hinsicht zu den eher gelungenen Arbeiten zu zählen sei. Für den knabenhaft gestalteten Markgrafen diente der französische Cellist Paul Bazelaire als Modell, der gerade in Berlin zu Gast war. In dieser Gruppe ist auch das Zille-Porträt in der Nebenfigur des Wedigo von Plotho enthalten.

Dass zudem keine einzige Frau unter den heroischen Skulpturen abgebildet war, stieß insofern auf Unverständnis, als dass beispielsweise die Kurfürstin Sophie Charlotte oder Königin Luise populärer waren und zu der Entwicklung des Königreichs wesentlich mehr beigetragen hatten als viele der dargestellten Personen. Wie Uta Lehnert mitteilt, bedauerte auch der Leiter des historischen Programms der Siegesallee, der Historiker und Präsident des Preußischen geheimen Staatsarchivs Reinhold Koser, dass „keine Frauen berücksichtigt werden sollten, sonst hätte er für das Denkmal des Markgrafen Otto mit dem Pfeil gern die »edle, kluge und schöne Gemahlin Ottos« vorgeschlagen.“[18]

Ein einziges Bildnisrelief fand in der Siegesallee seine Verwirklichung: Die erste brandenburgische Kurfürstin Elisabeth fand Platz auf der Rückenlehne einer Marmorbank – das Relief zeigte sie betend zu Füßen ihres Mannes.[19]

Die Beinstellung der Denkmäler in der Siegesallee

Die vom Kaiser erhoffte Aufmerksamkeit als Réclame Royale[20] wurde der Siegesallee trotz der Kritik beziehungsweise nicht zuletzt auch wegen der – aufmerksamkeitsverstärkenden – Kritik in hohem Maß zuteil. Ebenso erfüllte das Projekt den gewünschten Effekt der Volksbildung als steingewordene Historie, die als Sehenswürdigkeit der Bevölkerung das Bewusstsein für die eigene Vergangenheit näher brachte. Schulklassen nahmen den Boulevard als Ausflugsziel ins Programm und Schüler mussten die Figuren in ihrer Reihenfolge und somit deren geschichtliche Einordnung auswendig lernen.

1901 ließ Professor Dr. Otto Schroeder, ein „zu Ironie neigender Pädagoge“[21] für Deutsch und Griechisch am Joachimsthalschen Gymnasium, dem Hausgymnasium der Hohenzollern, Primaner einen Aufsatz über die Siegesalleefiguren schreiben. Das Thema lautete: Die Beinstellung der Denkmäler in der Siegesallee. Vier dieser Aufsätze schrieben Geschichte, da sie zu Wilhelm II. gelangten und vom Kaiser höchstpersönlich – teilweise sehr abweichend von der Lehrerzensur – bewertet und mit Randbemerkungen versehen wurden. Im Hohenzollernmuseum unter Verschluss gehalten, dann lange vergessen, wurden die Aufsätze nach dem Zweiten Weltkrieg im Zentralarchiv Merseburg wiederentdeckt und 1960 von Rudolf Herrnstadt[22] publiziert.

Die Schüler hatten die Aufgabe, von der Beinstellung der steinernen Herrscher auf ihren Charakter zu schließen. Der Schüler Walter Zehbe schrieb zu Otto V.: „Seine schwachen Knie, das unter der Last des Körpers zusammenzubrechen droht, zeugt von gänzlichem Mangel an Thatkraft.“ Während der Lehrer den Aufsatz Zehbes wie folgt beurteilte: „In der logischen und stilistischen Verknüpfung der Gedanken noch immer bedenkliche Fehler. Kaum gen[ü]g[en]d.“ notierte der Kaiser milde: „Für einen Unterprimaner auffallend vernünftig für ein solches Thema! W.“.[23] Laut Lehnert zeigen die freundliche Notiz des Kaisers und weitere teils humorvolle Anmerkungen, dass Wilhelm II. die Aufsätze keinesfalls so ernst genommen hat, „wie einige seiner Kritiker glauben machen wollen“ und dass er Verständnis für die prekäre Aufgabe der Primaner aufbrachte.[24]

Belege

  1. Uta Lehnert: Der Kaiser und …, S. 22. Die Verkündung erfolgte am 27. Januar 1895 in einer Extraausgabe des Deutschen Reichs-Anzeigers und Königlich Preußischen Staats-Anzeigers.
  2. Helmut Caspar …, S. 22
  3. Uta Lehnert, Der Kaiser und ... ., S. 92
  4. Helmut Caspar …, S. 31f
  5. Sinngemäß nach Gustav Albrecht, in: Richard George, Hie gut … S. 48
  6. Zitiert nach Helmut Caspar …, S. 34
  7. Zitiert nach Otto Nagel …, S. 80f
  8. BR online: Wissen und Bildung, und weitere [1]
  9. Helmut Caspar …, S. 56
  10. Christian Morgenstern: Neo-Berlin
  11. Klaus M. Rarisch: Niepepiep. Ein Dichter gegen seinen Kaiser, Text der Blechschmiede bei Projekt Gutenberg
  12. Zitiert nach der Wiedergabe in: Die Berliner Moderne 1885–1914 …, S. 571
  13. Helmut Caspar …, S. 110
  14. Helmut Caspar …, S. 113
  15. Zitiert nach Helmut Caspar …, S. 103
  16. Max Osborn …, S. 258f
  17. Helmut Caspar …, S. 32 u.a.
  18. Uta Lehnert: Der Kaiser und …, S. 64, Anm. 2
  19. Helmut Caspar …, S. 26
  20. Uta Lehnert: Der Kaiser und …, S. 15–22
  21. Dieter Hildebrandt in der Vorbemerkung zu: Helmut Caspar …, S. 10
  22. unter dem Pseudonym R.E. Hardt, siehe Rudolf Herrnstadt
  23. Zitate nach Helmut Caspar …, S. 84,85
  24. Uta Lehnert: Der Kaiser und …, S. 276

Literatur

 Commons: Siegesallee – Bilder, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 52° 30' 51" N, 13° 22' 15" O