Roddy Doyle
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Roddy Doyle

Roderick Doyle (* 8. Mai 1958 in Dublin, Irland) ist ein irischer Schriftsteller und Drehbuchautor.

Inhaltsverzeichnis

Kindheit und Familie

Doyle wuchs in Kilbarrack, County Dublin, auf. Seine Eltern Rory und Ita Doyle, ein Schriftsetzer und Ausbilder im Druckereigewerbe und eine ehemalige Krankenhaussekretärin, waren für irische Verhältnisse liberal und aufgeschlossen. Roddy Doyle wuchs mit protestantischen und jüdischen Freunden in einer "gemischten" Gemeinde auf. Rory Doyle lehrte seinen Sohn schon in frühen Jahren die Liebe zur Literatur. Roddy Doyle arbeitete - trotz des großen Erfolgs als Schriftsteller - bis Ende der 1990er Jahre als Lehrer für Englisch und Erdkunde, bevor er den Beruf zugunsten seiner Kunst aufgab. Roddy Doyle lebt mit seiner Frau Belinda und seinen beiden Söhnen in Dublin.

(Quelle für die Infos in diesem Absatz: Roddy Doyle: 'Rory & Ita'. London, 2003. ISBN 0099449226)

Werke

Romane

Diese drei Romane werden zusammengefasst unter dem Titel Barrytown Trilogy, da in diesen Werken das Leben der Familie Rabbitte aus dem fiktiven Dubliner Vorort Barrytown im Mittelpunkt steht.

Kurzgeschichten

Biographien

Drama

Drehbuch

Kinderbücher

Verfilmungen

Barrytown Trilogy

Beschreibung des schriftstellerischen Werks (frühe Werke)

Humor als Ausweg aus der Krise

Nachdem Doyle 1993 für das Werk Paddy Clarke, Ha, Ha, Ha den Booker Prize bekommen hatte, konnte er sich mit seinen fünf ersten Romanen als der wichtigste irische Vertreter des zeitgenössischen Comic Writing etablieren. Trotz der scheinbar heiteren Szenen, der bizarren Geschichten und der urkomischen Begebenheiten der Protagonisten, sind Doyles Figuren dennoch innerlich vereinsamt, abgrundtief traurig und verzweifelt auf der Suche nach Lösungen ihrer Probleme und Konflikte. Das Lachen und der Humor - dargestellt durch das literarische Stilmittel des Comic Relief - sind oftmals der einzige Weg, das Leben, wenn es droht, im Chaos zu versinken, dennoch mit Würde zu bestehen. Das von Hoffnungslosigkeit bestimmte Dasein der Protagonisten ist nur mit Humor einigermaßen erträglich. Ihr Humor sorgt dafür, dass keine der Romanfiguren in Depression verfällt. Der Humor ist für die Figuren überlebenswichtig, um nicht unterzugehen. Ein wichtiges Beispiel des comic relief von Doyles Figuren ist die Schlussszene im Roman The Snapper. Sharon Rabbitte liegt im Krankenhaus und hält das Kind, das sie nach der Vergewaltigung durch den Vater ihrer Freundin zur Welt gebracht hat, zum ersten Mal im Arm. Von Ihrer Bettnachbarin besorgt gefragt, ob sie geweint hätte - und Sharon hat eigentlich sehr viele Gründe, eben genau das zu tun - erwidert Sharon nur, sie hätte gelacht.

Are yeh alrigh', love?
It was the woman in the bed beside Sharon.
Yeah, said Sharon. - Thanks; I'm grand.
She lifted her hand - it weighed a ton - and wiped her eyes.
Ah, said the woman. - Were yeh cryin'?
No, said Sharon.- I was laughin'.

(Roddy Doyle: The Snapper. In: The Barrytown Trilogy, London, 1993, p. 340.)

(ISBN 0749397365)

Dann ist der Roman beendet und hinterlässt eine betroffene Leserschaft, die zutiefst Mitgefühl mit Sharon hat und für sie hofft, dass sie eines Tages doch noch Gerechtigkeit und Glück erfahren wird.

Zustandsbeschreibung der irischen Arbeiterklasse

Roddy Doyles frühe Romane sind tief in der irischen Arbeiterklasse verankert. Die Hauptthemen der ersten Werke und die Schwerpunkte seiner schriftstellerischen Kritik sind

Der Nordirlandkonflikt spielt in Doyles frühen Romanen eine untergeordnete Rolle, bzw. er kommt so gut wie nicht vor, wird nur in Nebensätzen thematisiert. Dann aber umso eindringlicher.

The Lord told me to come home. Ed Winchell, a Baptist reverend on Lenox Avenue in Harlem, told me. But The Lord told him to tell me. He said he was watching something on TV about the feuding Brothers in Northern Ireland and The Lord told the Reverend Ed that the Irish Brothers had no soul, that they needed some soul. And pretty fucking quick! Ed told me to go back to Ireland and blow some soul into the Irish Brothers. The Brothers wouldn't be shooting the asses off each other if they had soul.

(Roddy Doyle: The Commitments. In:The Barrytown Trilogy, London, 1993, p. 27.)

(ISBN siehe oben)

Die Sprachlichkeit der frühen Romane

Die frühen Romane bestehen fast nur aus Dialogen und nicht so sehr aus der Beschreibung des "inner turmoil" der Protagonisten. Schon die ersten Sätze sind in Dialogform geschrieben. Der Erzähler kommt sofort zur Sache. Folglich ist der Leser sofort involviert in das Geschehen und das Leben der Protagonisten. Doyle beschreibt das Leben seiner Figuren als eine Mischung aus urkomischen bis bizarren Alltagsszenen, abgrundtiefer Armut und häuslichem Familienchaos. Die Beschreibung kleinster Details und scheinbarer Nebensächlichkeiten macht die Romane lebendig und gibt Einblick in die irische Alltagskultur, bzw. deren komische Verdrehung. Beispiel: In Irland ist es üblich, dass im Haus ein Foto des Papstes an der Wand hängt. Bei der Familie Rabbitte (siehe Barrytown Trilogy) findet sich stattdessen eine Fotografie von Elvis Presley. Doyles Kommentar zum schwindenden Einfluss der katholischen Kirche als Machtfaktor. Das Portrait der irischen Arbeiterklasse ist von den Kritikern einerseits hochgelobt und andererseits immer wieder scharf kritisiert worden. Gelobt wurde Doyle dafür, dass er in seinen Romanen der Arbeiterklasse einen Weg aus der Armut und der Ausweglosigkeit bietet; dieser Weg heißt Bildung. Doyles Credo: Bildung ist das Maß aller Dinge. Wer sich Bildung aneignet, kann sein Leben besser gestalten, hat unter Umständen größere Chancen, in der Welt zu bestehen. Diese Erfahrung machen zahlreiche von Doyles Romanfiguren. Kritisiert wurde Doyle vor allem für die bad language in seinen Büchern, da sie Irland und die irische Gesellschaft angeblich in einem schlechten Licht zeigen würde. Doyle verwendet Slangwörter, eine deftige Umgangssprache in pointiertem irischem Englisch, gälische Flüche und in großer Zahl das F-Wort. Aber gerade die Gossensprache ist es, die Doyles Romane authentisch und nachvollziehbar macht. Doyle beschreibt die Dinge und die Menschen so, wie sie wirklich sind. Ein weiteres Stilmittel Roddy Doyles ist nicht nur die Verwendung des F-Worts sondern auch die in fast allen Romanen wiederkehrende explizite Beschreibung, wenn sich die Figuren übergeben müssen. Das Vorkommen der zahlreichen „Kotz-Szenen“ wird von vielen Literaturwissenschaftlern sogar als eine Form der Katharsis und Mimesis gedeutet. Beispiel: In der Kurzgeschichte Not Just For Christmas sind die beiden minderjährigen Brüder Danny und Jimmy Murphy unerlaubterweise ins Pub gegangen, wo sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben gezielt betrinken wollen. Danny, dem jüngeren der beiden Brüder, ist die Sache von Anfang an nicht geheuer. Er hat ein schlechtes Gewissen, als sie den Barkeeper wegen ihres Alters belügen. Er findet den Geruch und den Geschmack des Bieres widerlich. Dennoch trinkt Danny tapfer ein Glas Guinness nach dem anderen. Er hasst es, aber er will vor seinem großen Bruder, der ihn von Kindheit an immer gequält und gemobbt hat, nicht die Memme spielen. Als es ihm schlecht wird, gibt es keine Lüge und kein Entkommen mehr. Da kann Danny sich nicht länger verstellen. Das Erbrechen ist sozusagen die Beschreibung von Dannys eigentlichem Zustand. Er ist nicht der erwachsene Superheld, sondern ein unreifer Sechzehnjähriger, der in die Welt der Erwachsenen überhaupt noch nicht hineinpasst. Aber sein Bruder Jimmy ebensowenig, da es ihm auch übel wird.

They felt like men. They shared the feeling. They were growing up together. The Murphy brothers.
And Danny did get sick.
On the way home.
Outside the chipper.
He opened his mouth and all the Guinness and everything else he had ever drunk or eaten fell out of him, onto the ground.
"Oh Jesus!" he said.
He wiped his eyes. When he looked again, he saw Jimmy getting sick beside him.

(Roddy Doyle: Not Just For Christmas. Dublin, 1999, p. 21.)

(ISBN 1902602153)

Doyle selber sagt über seine Protagonisten: „The lives are tough, and the language is rough, but beauty and tenderness survive amid the bleakness.“

Beschreibung des späteren Werks

Themenwahl

Am Ende der 1990er Jahre begann Roddy Doyle, sich anderen Themen zuzuwenden. Noch immer richtet sich sein Hauptaugenmerk auf die Entwicklung "irischer" Figuren. Allerdings verlässt Doyle die Gegenwart. Auch Beschreibung familiärer Situationen und Konflikte ist derzeit nicht sein Hauptthema. Der Roman "A Star Called Henry" spielt im Dublin der 1920er Jahre. Im Roman „Oh Play That Thing“ erzählt Doyle von Henry Smart, der 1924 von Irland nach New York City auswandert.

Sprachlichkeit

Die Romane sind nun nicht mehr so dialoglastig. (Eine Entwicklung, die schon bei "The Woman Who Walked Into Doors" merkbar war.) Doyle beschreibt nun Situationen und das Milieu, in dem sich die Protagonisten bewegen. Sinneseindrücke und sinnliche Erfahrungen der Figuren werden nun eher deskriptiv ausgedrückt. Beschreibende Adjektive und Attribute, mehr Hauptsatz-Nebensatz-Konstruktionen und eine Reduzierung der wörtlichen Rede sind nun die sprachlichen Mittel, derer sich Doyle bedient. Die Gedanken und Gedankengänge der Romanfiguren kommen nicht mehr hauptsächlich innerhalb von Dialogen und in Gesprächen mit anderen zutage. Der interior monologue der Figuren gewinnt immer mehr an Einfluss. Die von Doyle verwendete Sprache ist noch immer die der 'einfachen' Leute. Noch immer ist das Irish English, die Verwendung des F-Worts und der derben Ausdrucksweise der Romanfiguren ein wichtiger Faktor, der die Romane authentisch und nachvollziehbar machen kann. Zum Vergleich der jeweilige Romananfang von „The Snapper“ (1990) und „Oh Play That Thing“ (2004):

- You're what'? said Jimmy Rabbitte Sr.
He said it loudly.
- You heard me, said Sharon.
[...]
Sharon was pregnant and she'd just told her father that she thought she was. She'd told her mother earlier, before the dinner.
[...]
- Oh - my Jaysis, said Jimmy Sr.
He looked at Veronica. She looked tired. He looked at Sharon again.
- That's shockin', he said.
Sharon said nothing.
- Are yeh sure? said Jimmy Sr.
- Yeah. Sort of.
- Wha'?
- Yeah.

(Roddy Doyle: The Snapper. In: The Barrytown Trilogy, London, 1993, p. 145.)

(ISBN siehe oben)


I could bury myself in New York. I could see that from the boat as it went under the Statue of Liberty on a cold dawn that grew quickly behind me and shoved the fog off the slate-coloured water. That was Manhattan, already towering over me. It made tiny things of the people around me, all gawking at the manmade cliffs, and the ranks of even higher cliffs behind them, stretching forever into America and stopping their entry. I could see the terror in their eyes.

(Roddy Doyle: Oh Play That Thing, London, 2004, p. 1.)

(ISBN 0099484897)

Personendaten
Doyle, Roddy
irischer Schriftsteller
8. Mai 1958
Dublin