Politeia
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Politeia

Die Politeia (griechisch πολιτεία „Staat, Staatswesen“), verfasst um ca. 370 v. Chr., ist das bedeutendste Werk Platons und gehört zweifelsohne zu den wichtigsten Schriften in der Geschichte der Philosophie. Zentrales Thema der Politeia ist die Frage: Was ist Gerechtigkeit?

Inhaltsverzeichnis

Im Dialog auftretende Figuren

Einordnung

Im Kern dreht sich die Diskussion nicht um die Frage, was gerecht ist, sondern viel konkreter, was die 'Gerechtigkeit an sich'[1] ist. Um diesen Unterschied zu verdeutlichen, verwendet Platon das Höhlengleichnis: Die Schattenbilder auf der Höhlenwand sind nicht identisch mit den abgebildeten Gegenständen. Ebenso verhält es sich mit den Meinungen (grch. doxa) über das Gerechte und der 'Gerechtigkeit an sich' (grch εἶδος [eidos]). Platon liefert uns in diesen Gespräch keine Erklärung der 'Gerechtigkeit an sich'. Er nähert sich dem Gegenstand des Gespräches mit einem Vergleich: Die Idee der Gerechtigkeit findet sich in dem Staat verwirklicht, in dem die Philosophen Könige und die Könige Philosophen sind (473d). Hier regieren idealerweise Einsicht und Vernunft durch ihre Teilhabe (Methexis, grch μέθεξις) an der Idee der Gerechtigkeit. Nur in einem Gemeinwesen, wo die Regierenden interesselos und besitzlos[2] herrschen, kann die Idee der Gerechtigkeit umgesetzt werden. Das Streben der Philosophenkönige gilt allein der Weisheit, daher auch der Name Philosophie (grch φιλοσοφία). Die Feststellung einiger moderner Interpreten, daß Platons Philosophenregime totalitär sei, greift zu kurz: Platon braucht das Bild des Idealstaates, um später diesen Entwurf mit den tatsächlichen Regierungsformen (Aristokratie und Demokratie) zu vergleichen. Durch diesen Vergleich kann er zeigen, wie diese von seinem Idealbild immer weiter abrücken.[3] Besonders interessant sind für den heutigen Leser die Verfallsformen der Demokratie. Die Probleme der 'entarteten' Polisdemokratie liefern reichlich Anknüpfungspunkte für die moderne Mediendemokratie.

Aufbau

Die Politeia besteht aus zwei Teilen. Im ersten Buch, das möglicherweise ursprünglich als eigenständiger Dialog konzipiert war, unterhält sich Sokrates zunächst mit Kephalos, dem Gastgeber der Versammlung, sodann mit Polemarchos und dem Sophisten Thrasymachos. Es geht um die Frage, was Gerechtigkeit sei. Polemarchos schlägt vor, Gerechtigkeit bestehe darin, jedem das zu geben, was er verdiene. Im folgenden Gespräch gelingt es jedoch nicht, daraus eine allgemeingültige und informative Definition zu entwickeln. Daraufhin greift Thrasymachos polternd in das Gespräch ein und behauptet, dass das Gerechte nichts anderes als der Vorteil des Stärkeren sei. Thrasymachos kann jedoch Sokrates' Nachfragen nicht standhalten: Er muss zugeben, dass der Herrscher ein Wissen davon benötigt, was gut ist, also nicht willkürlich entscheiden kann, was gut für ihn ist. Daraufhin dreht Thrasymachos gewissermaßen seine Definition der Gerechtigkeit um und behauptet, dass der Gerechte, derjenige, der sich an die Spielregeln hält, der Dumme ist und der Ungerechte, der die Spielregeln bricht, immer im Vorteil ist. Aber auch damit kommt er gegen Sokrates nicht durch. Das erste Buch endet in einer Aporie (Ratlosigkeit), denn es ist nicht gelungen, eine positive Bestimmung der Gerechtigkeit zu finden.

In den Büchern zwei bis zehn läßt Platon Sokrates eine positive Bestimmung der Gerechtigkeit entwickeln. Leitend ist dabei die Aufforderung durch Glaukon und Adeimantos, Sokrates' Gesprächspartner in diesen Büchern, Sokrates möge sie davon überzeugen, dass ein gerechtes Leben besser ist als ein ungerechtes, und zwar unter Absehung von allen äußeren Vorteilen, die mit dem Anschein der Gerechtigkeit einhergehen mögen, und sogar dann, wenn ungerechtes Handeln unentdeckt bleibt (wie bei Gyges). Die Antwort auf diese Frage gibt Sokrates erst im neunten Buch. Bis dahin erstreckt sich eine weit ausgreifende, aber klar aufgebaute Argumentation: Mit dem Argument, dass sich die Dinge im Großen besser und klarer erkennen lassen als bei einem Einzelnen, entwirft Sokrates zunächst ein Modell des gerechten Staates und überträgt die gewonnenen Erkenntnisse anschließend auf den Menschen. Leitend ist dabei, dass der Staat und die menschliche Seele in analoger Weise in funktionale Teile gegliedert sind, deren jedes eine eigene Aufgabe zu erfüllen hat. Nachdem so im vierten Buch eine vorläufige Bestimmung der Gerechtigkeit gefunden worden ist, wird zunächst das Staatsmodell um besonders provokante Aspekte wie die Auflösung der traditionellen Familie und die weitgehende Gleichberechtigung von Frauen und Männern erweitert, um danach die Idee der Philosophenherrschaft näher zu erläutern. Dabei geht es Sokrates vor allem darum, überhaupt Verständnis für das besondere Wissen zu wecken, das die Philosophen auszeichnet und ihre Herrschaft legitimieren soll. Zu diesem Zweck dienen auch die berühmten Gleichnisse (Sonnengleichnis, Liniengleichnis, Höhlengleichnis) im sechsten und siebten Buch. Im achten und neunten Buch legt Sokrates schließlich die Verfallsformen des Staates und die Übergänge vom idealen Staat zu diesen Verfallsformen dar.

Struktur des platonischen Staates

Der Staat entsteht für Platon aus Gründen der Arbeitsteilung, weil keiner von uns sich selbst genügen kann, er besteht jedoch um eines höheren Ziels willen: der Gerechtigkeit. Platons Staat ist gegliedert in den Handwerker- und Bauernstand (unterer Stand), den Stand der Wächter (mittlerer Stand) und den der Regenten (Führerschicht). Die Angehörigen dieser Stände zeichnen sich nach Platon jeweils durch besondere Eigenschaften ("Tugenden") aus.

Weil vor der Geburt den Menschen unterschiedliche Fähigkeiten zugeteilt wurden (Mythos der Lachesis), entscheiden die Philosophenkönige, da sie die Idee des Guten gesehen haben und so nur richtig handeln können, zu welchem Stand ein Kind gehören wird. Es wird den Eltern weggenommen und unter völliger Gleichberechtigung von Jungen und Mädchen von Erziehern herangezogen. (Nicht-taugliche Säuglinge werden nach dem Vorbild von Sparta nicht weiter aufgezogen.) Die Regeln der Erziehung werden lange erörtert, wobei alle Menschen die gleiche Erziehung durchlaufen, mit dem einzigen Unterschied, dass die Menschen, die in den Nährstand (Bauern, Handwerker usw.) kommen, die Ausbildung ab einem gewissen Punkt beenden, während diejenigen, die für den Wehrstand (Wächter) geeignet sind, die allgemeine Ausbildung zu einem späteren Zeitpunkt beenden - und die Regenten die Erziehung bis zum Ende durchlaufen. Danach sind sie automatisch Regenten.

Die Philosophen (Regenten) besitzen eine von Natur aus gegebene Veranlagung zur Intelligenz. Diese wiederum muss durch weitere Ausbildung und Erziehung gefördert werden, zum Zwecke der Hervorbringung der diesem Stand zufallenden Tugend, nämlich der Weisheit. In Analogie zur menschlichen Seele ist hiermit der rationale Seelenteil angesprochen, welcher ebenfalls die Tugend der Weisheit anstreben soll. Die besondere Veranlagung ist hierbei die Vernunft des rationalen Seelenteils. Platon schreibt, dass nur Philosophen Herrscher sein sollen, da nur sie das nötige Wissen um die Idee des Guten haben und nur sie den Staat nach dem Prinzip der Gerechtigkeit regieren. Zudem schließt Platon das weibliche Geschlecht als Herrscher/in nicht aus, da nicht die Physiognomie oder Natur der Frau von Belang sei, sondern nur die Erkenntnis der Idee des Guten. Als entscheidend wichtig sieht Platon an, dass die Philosophen freiwillig auf den Erwerb von Privateigentum verzichten sollen, um ihre Kräfte voll und ganz auf die weise Lenkung des Gemeinwesens konzentrieren zu können. Hier wird bereits die Tugend der materiellen Bedürfnislosigkeit aus Staatsräson explizit betont; gerade das Erhabensein über materielle Bedürfnisse stellt eine wichtige Charaktereigenschaft des - staatstragenden und staatsführenden - Philosophen im Sinne Platons dar.

Die Krieger (Wächter) zeichnen sich vor allem durch eine starke emotionale Komponente ihres Charakters aus. Durch Ausbildung in Waffen und Mäßigung sollen sie Mut erlangen, um die Interessen des Staates sowohl nach innen als auch nach außen durchzusetzen und zu stützen. Dieser Stand wird mit der emotionalen Seite der Seele des Menschen gleichgesetzt, dem von Natur aus eine gewisse Erzürntheit innewohnt, die in Analogie zu den Kriegern, durch Erziehung und Mäßigung, zu einem muterfüllten Seelenteil ausgebildet werden soll. Erfährt der Wächter jedoch eine erweiterte Ausbildung und setzt sich selbst mit philosophischen Problemen auseinander, so kann er nach einer möglichen Erkenntnis der Idee des Guten zu einem Herrscher aufsteigen.

Die Bauern und Handwerker sind durch einen hohen Grad an Begehren und damit Begierden charakterisiert. Die ihm entsprechende Tugend ist dabei die Mäßigung. Ähnliches gilt daher auch für die dem Menschen innewohnenden Triebe.

Wichtig ist vor allem noch die hierarchische Einteilung der Stände (später, sehr simplifiziert: "Lehr-, Wehr- und Nährstand"). Wobei die Weisungsbefugnis den Philosophen bzw. dem rationalem Seelenteil zusteht, die Durchsetzung den Kriegern bzw. Emotionen, und letztlich hat der dritte Teil der Gesellschaft bzw. der Seele diesen beiden obigen zu folgen.

Ein Mensch ist nur dann glücklich, und ein Staat auch nur dann gerecht, wenn seine drei Seelenteile bzw. Stände sich im Gleichgewicht befinden, wenn also jeder Teil die ihm obliegende Aufgabe übernimmt (τὰ ἑαυτοῦ πράττειν ta eautu prattein „das tun, was einem jeden zukommt“).

Platon nimmt einen Wandel der Staatsformen an: Aristokratie als beste Staatsform und die „entarteten Verfassungen“ Timokratie, Oligarchie, Demokratie sowie Tyrannis (Lit.: Verfallstheorie, Buch 7 und 8 der Politeia; vgl. Ottmann, S. 56ff.). Diametral entgegengesetzt zur Aristokratie sieht Platon die Ochlokratie - die Herrschaft der Ungebildeten.

Platons Staatslehre wurde bereits von seinem Schüler Aristoteles kritisiert; in neuerer Zeit jedoch besonders von libertär orientierten Philosophen wie Karl Raimund Popper. Popper meint, der "ideale Staat" Platons sei ein totalitär ausgerichtetes Gemeinwesen, denn Platon spricht sich in seiner Politeia explizit für Eugenik, Auslese und Kommunismus aus. Es ist allerdings zu erwähnen, dass Platon viele seiner radikalen Vorstellungen in dem Werk "Nomoi" (Gesetze) relativiert hat.

Zusammenfassung

"Stand" im Staat Seelenteil besondere Tugend
"Philosophen" (Herrscher) vernunftbegabter Seelenteil Weisheit
"Wehrstand" (Krieger / Polizisten) emotionaler Seelenteil Tapferkeit, Mut
"Nährstand" (Gewerbetreibende) begehrlicher Seelenteil Mäßigung / Besonnenheit, Genügsamkeit

Gerechtigkeit im Staat

Platon fragt nun nach der Gerechtigkeit; in seiner Argumentation geht er von folgender Annahme aus: Wenn die Stadt richtig angelegt ist, dann ist sie auch vollkommen gut. Vollkommen gut heißt weise, tapfer, besonnen und gerecht. Wodurch ist nun eine Stadt weise zu nennen, fragt er. Weise ist sie durch die Weisheit der Regenten. Tapfer hingegen müssen in erster Linie die Wächter sein. Tapferkeit ist, so lässt Platon Sokrates argumentieren, eine Art von Bewahren, nämlich der vom Gesetz durch die Erziehung eingepflanzte Meinung über das, was man zu fürchten hat und wie das beschaffen sei.

Besonnenheit ist die Übereinstimmung des von Natur schlechteren und des besseren Teiles in der Frage, welcher von ihnen in der Stadt und in jedem einzelnen Menschen zu regieren habe. Die Besonnenheit muss daher beiden, den Regierenden und Regierten in der Stadt innewohnen, besonders aber den Regierten.

Gerechtigkeit besteht, so schließt Platon seine Argumentation, nun schlicht darin, dass jeder das Seine tut, wenn also der Regentenstand weise ist, die Wächter tapfer und die Regierten besonnen.

Gerechtigkeit beim Menschen

Mit der Gerechtigkeit des Einzelnen verhält es sich analog: Die Seele des Menschen besteht aus drei Seelenteilen, dem vernünftigen (logistikon), dem muthaften (thymoeides) und dem begehrenden (epitymetikon).

Genau wie die einzelnen Stände im Staat müssen auch diese Seelenteile in Harmonie zueinander stehen. Der vernünftige Seelenteil muss die anderen durch seine Weisheit lenken, das muthafte Element, der Wille, muss durch die Tapferkeit die Beschlüsse des ersten vollziehen, und alle müssen darin übereinstimmen, dass der Vernunft die Regentschaft zukommt.

Philosophenkönige

Wenn nicht entweder die Philosophen Könige werden [...] oder die, die man heute Könige nennt, echte und gründliche Philosophen werden, und wenn dies nicht in eines zusammenfällt: die Macht in der Stadt und die Philosophie [...] so wird es mit dem Elend kein Ende haben.[...] Denn es ist schwer einzusehen, dass nur in einer solchen Stadt das Glück für den einzelnen und die Gesamtheit zu finden sein sollte. (473d) In diese Worte fasst Platon seine Forderung, die Philosophen sollten den Staat regieren. Wie kommt er dazu? Platon erklärt dies in mehreren Gleichnissen, in denen er seine Lehre von den Ideen, den Urbildern darstellt (siehe auch Ideenlehre, Höhlengleichnis).

Die Welt ist für Platon zweigeteilt in eine Welt der Erscheinungen und eine Welt der Ideen. Ideen sind die Urbilder, die ewig und unwandelbar sind und die wirklicher als ihre Abbilder sind. Die Ideen sind hierarchisch geordnet, von trivialen Dingen wie der Idee des Stuhls bis hin zur höchsten Idee, des Guten, die im Sonnengleichnis der Metapher der Sonne, die durch ihr Licht alles bescheint, wachsen lässt und das Sehen ermöglicht, zugrundeliegt. Ziel des Philosophen ist die Erkenntnis, die Schau der Ideen. Nur wer diesen schwierigen Weg beschritten und am Ende die wahre Welt gesehen hat, ist nach Platon in der Lage, den Staat zu regieren. Wenn sie das Gute selbst gesehen haben, so sollen sie es zum Vorbild nehmen und danach ihr übriges Leben lang abwechselnd die Stadt und die Mitbürger und sich selbst in Ordnung bringen.

(siehe auch → Philosophenherrschaft)

Literatur

Zu weiteren Angaben siehe die Bibliographie in der Stanford Encyclopedia of Philosophy Eintrag (siehe unten).

Übersetzungen

Sekundärliteratur

Anmerkungen

  1. “Als Musterbild also, ..., suchten wir das Wesen der Gerechtigkeit an sich” u.a. (472 St.) 5. Buch, nach der Übersetzung von Wilhelm Siegmund Teuffel
  2. ”In Platons gerechtem Staat sollen die Philosophen regieren, die Tapferen sollen den Staat und seine Bewohner gegen Unruhen von innen und gegen Angriffe von außen schützen, und die am Erwerb und Genuss Interessierten sollen für die leiblichen Bedürfnisse sorgen. Damit die beiden ersten Stände, die einander in Symbiose verbunden sind, die ihnen verliehene absolute Macht nicht missbrauchen, hat Platon in seinem Staat privates Eigentum untersagt, um persönliche Bereicherung zu unterbinden, und alle familiären Bande gekappt, um die Entstehung von Dynastien zu verhindern. Platon schafft Familie und privates Eigentum als Institutionen nicht ab, weil sie per se zu verurteilen seien, sondern weil sie sich in seinem Staat verhängnisvoll auswirken könnten.” Joachim Starbatty: Wenn Ethik inhuman wird, FAZ 16.02.2008, Nr. 40, S. 13
  3. "Nicht wahr, nach diesem müssen wir nun die ausgearteten charakterisieren, zuvörderst den Kämpferischen und Ehrgeizigen, der der lakedaimonischen Verfassung entspricht, hierauf den Oligarchischen, dann den Demokratischen, endlich den Tyrannischen, damit wir nach Anschauung des ungerechtesten Menschen ihn dem gerechtesten gegenüberstellen können, und damit also die Untersuchung unserer zweiten Hauptfrage: Wie doch die vollkommene Gerechtigkeit sich zur vollendeten Ungerechtigkeit in Absicht auf Glückseligkeit und Elend bei ihrem Inhaber verhalte? Wir wüßten dann, ob wir entweder nach der Lehre des Thrasymachos entweder den Weg der Ungerechtigkeit verfolgen, oder in dem jetzt hervortretenden Lichte unserer Beweisführung den der Gerechtigkeit." Ebenda (545 St.) 8. Buch