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Mittelhessische Dialekte

Mittelhessisch bzw. Oberhessisch (von vielen Sprechern als „platt“ bezeichnet) wird in einem Gebiet gesprochen, das im Süden und Westen etwa von den Orten Limburg an der Lahn, Bad Vilbel und Taunusstein begrenzt wird, im Norden bis in das Wittgensteiner und Frankenberger Land und im Osten bis an die Grenzen im Osthessischen vor Fulda heranreicht. Im südlichen mittelhessischen Sprachraum wird der Dialekt durch die städtischen Mundarten des Rhein-Main-Gebiets jedoch umgeformt - und verdrängt.

Inhaltsverzeichnis

Entwicklung

Aufgrund der Dominanz dieses Wirtschaftsraumes ist in den 1950er und 1960er Jahren der Eindruck entstanden, das Frankfurterische sei das Hessische allgemein. Zudem trugen populäre Unterhaltungssendungen wie die Hesselbachs oder der Blaue Bock wie nicht zuletzt die Übertragungen der Mainzer Fastnacht "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht" zu dieser Fehleinschätzung bei. Diese mediale Darstellung - in der Kritik als „Fernsehhessisch“ bezeichnete populäre Sprachkultur - hat mit den unterschiedlichen hessischen Dialekten wenig gemein.

Die mittelhessischen Dialekte in ihren jeweiligen ortsgebundenen Lautgestalten und Prägungen (Topolekte) wurden bis vor etwa 50 Jahren vom überwiegenden Teil der ländlichen Bevölkerung gesprochen. Der Einfluss der modernen Massenmedien, heute der Sprache des Internets, wie auch die sich seit der späteren 1960er Jahren entwickelnde Mobilität und der historischen Veränderungen der Lebens- und Arbeitswirklichkeiten führten dazu, dass diese Dialekte immer weniger gesprochen werden, weil diese sprachgeschichtlich ihren aktuellen Verkehrswert verloren haben.

Die alten Formen der mittelhessischen wie oberhessischen Dialekte werden heute meist nur noch von Angehörigen der älteren, ortsgebundenen Generationen gesprochen oder in der Traditionspflege heimischen Brauchtums beibehalten. Im November 1984 ergab eine Umfrage („Hessischer Dialektzensus“) der „Arbeitsstelle Sprache in Hessen“ der Universität Marburg folgendes Bild: In der mittelhessischen Region gaben von den 48 bis 75-jährigen Befragten 62% an, dass sie „einen oder mehrere Dialekte sprechen“, unter den 31 bis 47-jährigen 65%, bei den 16 bis 30-jährigen aber nur noch 52%. Da gerade im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte das Hochdeutsche in allen Lebensbereichen massiv an Einfluss gewonnen hat, muss man konstatieren, dass die empirischen Befunde des sogenannten Dialektzensus als überholt angesehen werden müssen.

Am Südrand des mittelhessischen Sprachgebietes, beispielsweise in der südlichen Wetterau und in den mittelhessischen städtischen Zentren Wetzlar, Gießen und Marburg, Friedberg und Bad Nauheim sind diese Dialekte bereits verschwunden bzw. im Verschwinden begriffen. An ihrer Stelle haben sich in städtischen Räumen neue Formen des Sprachgebrauchs herausgebildet, die in der modernen Dialektologie als „Neuhessisch“ bezeichnet werden und der Standardsprache nahestehen, wenn auch in eigenständigen, sprachgeschichtlich verwobenen Lautformen.

Von einem Aussterben der mittelhessischen Dialekte kann, entgegen allen Prognosen, zwar nicht gesprochen werden, wohl aber von einer Hinwendung zu regionalen Ausgleichsformen im öffentlichen Leben, zu neuen dialektalen Sprachformen mit dem Phänomen, dass die originären Dialektsprecher sich je nach Kommunikationserfordernis längst zwei- oder dreisprachig bewegen und ausgebildet sind im Sinne eines s.g. Code-Switching, wenn auch mit denselben Zungenschlägen (Bilinguismus).

Es ist auch keinesfalls so, dass die Jüngeren den Dialekt ablehnen. Lediglich werden Dialekte mit kleinräumiger Geltung aufgegeben zugunsten von neu entstehenden allgemeineren Sprachformen (Regiolekt), die eine größere kommunikative Reichweite haben. Sie verzichten dabei auf dialektale Formen, von denen sie wissen , dass sie schon wenige Kilometer weiter nicht oder kaum verstanden werden. Das ist u.a. auch eine Folge der zunehmenden Mobilität durch Beruf und Freizeit.

Eine weitere Sprache Mittelhessens ist das fast ausgestorbene Manisch, das früher im Raum Marburg (Richtsberg und Waldtal), Gießen (Gummiinsel) und Wetzlar (Finsterloh) von sogenannten sozialen Randgruppen benutzt wurde.

Merkmale

Lautung

Im Folgenden sollen ausgewählte phonetische und phonologische Merkmale beschrieben werden, die insofern typisch für den mittelhessischen Dialekt sind, als sie den meisten Ortsmundarten gemeinsam sind. Die Lautungen der Mundarten sind grunsätzlich nicht als Abweichungen von der Standardsprache erklärlich sondern sie stellen eigenständige Weiterentwicklungen mittelhochdeutscher Dialekte dar. Dennoch sollen hier der Verständlichkeit halber standarddeutsche mit mundartliche Formen kontrastiert werden.

Besonders charakteristisch ist das gerollte retroflexe r, das in einigen Gegenden dem amerikanischen r (ɻ), manchmal auch dem japanischen r (ɽ) gleicht. In vielen Dialekten bleibt es auch am Wortende und vor Konsonant deutlich hörbar (z. B. in „Wasser“ oder „Ort“).


Vokal standarddeutsch mittelhessisch
langes a Straße Strooß
langes a Hase Håås
langes e Schnee Schnii
langes e Leben Lääwe
langes i lieb läib
langes o groß gruuß
langes ö schön schii
langes u Bruder Brourer
langes ü Kühe Koi
kurzes i ist es
kurzes u Pfund Pond
ai zwei zwaa
ai drei drei
au Baum Baam
au Haus Haus
oi Gäule Goil
oi Feuer Fauer
oi Bäume Bääm
pf Pfeife Paif
p Puppe Bopp
b zwischen Vokalen oben owwe
t, d zwischen Vokalen Futter Fourer
s nach r Wurst, Wirsing Worscht, Wersching

Andere kennzeichnende Merkmale der meisten mittelhessischen Dialekte sind z. B.:

Eine Besonderheit ist auch die dreigeschlechtige Verwendung des Zahlwortes „Zwei“. Sie richtet sich nach dem Geschlecht des Substantivs. Dabei steht „zwie“ für männlich, „zwu“ für weiblich und „zwä“ für sächlich. Beispiele:

Sprachbeispiele

Textbeispiel aus dem Gießener Raum[1]:

Mir kenne also virläufich folgendes feststelle: Mittelhessen muss mer als e Gejend verstieh, däi vo städtische Enklave – wäi z. B. Gäiße oawwer Wetzler – durchlechert eas, wäi en Schweizer Kees. Nur halt met winger Lecher. Un wann en Mittelhesse ean so e fremd Loch kimmt, dann fremdelt er.

Textbeispiel aus dem Hinterland (Hinterländer Platt)[2]:

Wann´s raant, gieh ma heem
Wann´s nit raant, blaiwe ma häi
Raants nit un ma hu ke Lost, gieh ma aach heem
Raants, breache ma suwisu nit ze blaiwe
Gieh ma da heem un wesse nit, woas ma da mache sinn
Kinnte ma jo aach glaisch häiblaiwe
Feräasgesast es raant nit

Der Klein-Karbener Dichter Peter Geibel (1841-1901) verfasste einen Gedichtband mit Namen „Mein schinste Gruß d'r Wearreraa“, in dem alle Texte in Mundart-Schreibung zu finden sind. Ein Auszug[3]:

Di Wearreraa, su schih gelähje,
Meat Wiß ean Wahld, meat Doahl ean Hih,
Die Wearreraa meat all ihrm Sähje,
Meat Frücht ean Obst, meat Mensch ean Vieh -
Däi läiw ich üwer alle Moaße
Meat ihrer Luoft ean meat ihrm Wih;
Si eaß m'r su ohs Herz gewoase,
Wäi uf d'r ganze Welt nix mih.

Blues aus Friedberg - südliches Mittelhessen:

Ean Friddbersch, ean de Wearrera
Ihr Leut, do eas was luus!
Do spielt e dicke Dickworzfraa
Ean dicke, dicke Dickworzblues
De Laandroat, dear kimmt aach vorbei
He freet - woas eas da luus?
Ei do, do spielt e Dickworzfraa
Ean dicke, dicke Dickworzblues

Quelle: spontanifax in a-dur

Sprichwörter und Redensarten (Beispiele)[4]:


Siehe auch

Literatur

Quellen

  1. Siegward Roth: Der Knotterbock – Grondlejendes zoum mittelhessische Charakter o sich. Wolfram Schleenbecker Verlag, Wettenberg (ISBN 3-9803797-1-X)
  2. Kurt Werner Sänger: schwortswaise raabooche. Jonas Verlag, Marburg 1987 ISBN 3-922561-53-5
  3. Emerich Reeck (Hrsg.): Mein schinste Gruß d'r Wearreraa! Gedichte von Peter Geibel. Verlag Hessische Volksbücher, Darmstadt 1951, für den Buchhandel: Carl Bindernagel, Friedberg (Hessen)
  4. Hans Friebertshäuser: Land und Stadt im Wandel. Mundart und bäuerliche Arbeitswelt im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Sparkasse Marburg-Biedenkopf, Wenzel, Marburg, 1991