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Gestalttheorie

Gestalttheorie ist ein allgemeinerer Begriff für den Ansatz, der Anfang des 20. Jahrhunderts unter der Bezeichnung Gestaltpsychologie bekannt wurde. Mit dem Begriff Gestalttheorie wird darauf verwiesen, dass es sich zwar um eine psychologische Theorie handelt, dass diese aber für sich in Anspruch nimmt, auch über die Psychologie hinaus für andere Wissenschaftszweige als Metatheorie relevant zu sein.

Inhaltsverzeichnis

Gegenstand und Kernpositionen der Gestalttheorie

Die Gestaltpsychologie beschäftigt sich vor allem mit der Entstehung von Ordnung im psychischen Geschehen – in der Wahrnehmung ebenso wie im Denken, Fühlen und Verhalten. Menschen werden dabei grundlegend als offene Systeme im aktiven Umgang mit ihrer Umwelt gesehen, die ihre Wahrnehmungen in bestimmten Mustern organisieren (siehe auch Deutungsmuster).

Sie hat ihren Ursprung in den Erkenntnissen von Johann Wolfgang von Goethe, Ernst Mach und besonders Christian von Ehrenfels und in den Forschungsarbeiten von Max Wertheimer, Wolfgang Köhler, Kurt Koffka und Kurt Lewin. Im Rückgriff auf Aristoteles "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile" wandten sie sich gegen die Elementenauffassung des Psychischen, den Strukturalismus, den Assoziationismus, den klassischen Behaviorismus und die ursprüngliche Triebtheorie.

Der Neurologe Kurt Goldstein entwickelt eine ganzheitliche Theorie des Organismus auf der Grundlage der Gestalttheorie, die er allerdings bewusst von der Gestaltpsychologie abgrenzt.

Worum es der Gestalttheorie geht, hat ihr Haupt-Begründer Max Wertheimer allgemein in der folgenden „Formel“ zusammengefasst:

„Es gibt Zusammenhänge, bei denen nicht, was im Ganzen geschieht, sich daraus herleitet, wie die einzelnen Stücke sind und sich zusammensetzen, sondern umgekehrt, wo – im prägnanten Fall – sich das, was an einem Teil dieses Ganzen geschieht, bestimmt von inneren Strukturgesetzen dieses seines Ganzen. … Gestalttheorie ist dieses, nichts mehr und nichts weniger.“[1]

Gestalttheorie ist in diesem Sinn nicht nur auf den Begriff der Gestalt oder des Ganzen und die Gestaltfaktoren der Wahrnehmung beschränkt, wie viele Publikationen nahelegen, sondern wesentlich breiter und umfassender zu verstehen:

Beispiele der Gestaltpsychologie in der optischen Wahrnehmung beinhalten die Wahrnehmung eines unvollständigen Kreises als Ganzes oder einer Ansammlung von Punkten als Form – das Gehirn vervollständigt die fehlenden Teile durch Extrapolation. Studien deuten darauf hin, dass einfache Elemente oder Zusammensetzungen, bei denen die Bedeutung direkt ersichtlich ist, eine geringere Herausforderung an das Gehirn stellen als komplexe und daher erstere gegenüber letzteren bevorzugt werden.

Namhafte Vertreter in verschiedenen Anwendungsbereichen

Nach der Vertreibung der wichtigsten Vertreter der Gestalttheorie durch Nazi-Deutschland ins amerikanische Exil hat der gestalttheoretische Ansatz dort eine durchaus bemerkenswerte Verbreitung und Weiterentwicklung erfahren. Bekannt wurden aus ihrem Einflusskreis vor allem Mary Henle, Solomon Asch (Sozialpsychologie), Rudolf Arnheim (Kunstpsychologie), Abraham S. Luchins und Edith H. Luchins. Im amerikanischen Exil verstorben ist Karl Duncker, einer der bedeutendsten Schüler der Gründergeneration, bekannt vor allem für seine Arbeiten zum produktiven Denken und Problemlösen.

Namhafte Vertreter der Gestalttheorie der zweiten Generation waren in Deutschland vor allem Wolfgang Metzger, Kurt Gottschaldt und Edwin Rausch. Auf Hans-Jürgen Walter, einen Schüler von Wolfgang Metzger, geht die Gestalttheoretische Psychotherapie zurück, die auf gestalttheoretischer Grundlage Erkenntnisse verschiedener psychotherapeutischer Schulen integriert. Weiters ist Paul Tholey zu nennen, der vor allem für seine gestalttheoretisch orientierten Arbeiten zum Klartraum, zur Bewusstseinsforschung und zur Sportpsychologie bekannt geworden ist.

Bemerkenswerte Verbreitung und eigenständige Entwicklungen erfuhr die Gestalttheorie auch in Italien und in Japan. Hier sind für Italien vor allem Cesare Musatti, Fabio Metelli und Gaetano Kanizsa zu nennen.

Die Gestalttheorie hat in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Renaissance in verschiedensten Wissenschafts-, Forschungs- und Anwendungsfeldern erlebt. Um die internationale Vernetzung der einschlägig tätigen Forschungs- und Anwendungspraktiker bemüht sich die 1978 in Deutschland gegründete internationale Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen / Society for Gestalt Theory and its Applications (GTA), die inzwischen Mitglieder in zahlreichen Ländern der Welt organisiert. Sie gibt seit 1978 die Zeitschrift Gestalt Theory - An International Multidisciplinary Journal heraus (ISSN 0170-057 X), in der Beiträge zur Weiterentwicklung der Gestalttheorie in einer Vielzahl von Fachbereichen erscheinen, und organisiert alle zwei Jahre eine internationale wissenschaftliche Arbeitstagung (zuletzt in Deutschland, Österreich und Italien).

Die Gestalttheorie wird heute nicht nur in der Wahrnehmungsforschung verstärkt wiederentdeckt, sondern auch in der Hirnforschung, in der Musikwissenschaft und Sprachwissenschaft, in der Medizin, Psychotherapie und sogar in den Wirtschaftswissenschaften. Zunehmendes Interesse finden in den letzten Jahren im deutsch-, wie im englischsprachigen Raum auch die Beiträge der Gestalttheorie auf dem Gebiet der Psychopathologie: Psychische Störungen waren in ihrer Genese und Dynamik von Anfang an ein wesentliches Arbeitsgebiet gestalttheoretisch orientierter Forscher und Praktiker gewesen - diese Beiträge (siehe dazu auch Heinrich Schulte, Junius F. Brown, Erwin Levy und Abraham S. Luchins) werden nun international wieder verstärkt beachtet.

Wieder entdeckt und zugleich neu interpretiert wird die Gestalttheorie auch in der neueren, interdisziplinären Diskussion zwischen Philosophen, Sozialwissenschaftlern und Designern über die anschlussfähige "Gestaltung" von komplexen intellektuellen, kommunikativen und sozialen Prozessen - etwa im Kontext von Innovations- oder Veränderungsprojekten in Wirtschaft und Gesellschaft. Bernhard von Mutius spricht in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit, eine neue Fähigkeit auszubilden, die er "Gestalt-Kompetenz" nennt.

Siehe auch

Literatur


Quellen

  1. Über Gestalttheorie. Vortrag vor der Kant-Gesellschaft, Berlin am 17. Dezember 1924. Verlag der Philosophischen Akademie: Erlangen 1925