Heim

Tarnung (Biologie)

Tarnung, in der Verhaltensbiologie auch als Krypsis bezeichnet, ist bei Tieren der Vorgang oder Zustand, der darauf abzielt, irreführende Signale an ein anderes Lebewesen zu senden. Es ist der simpelste und effektivste Mechanismus zur Reduktion des Prädationsrisikos. Diese Irreführung kann sich gegen alle Sinnesorgane richten, also das Auge täuschen, das Gehör, den Geruchssinn. Als Sonderform der Tarnung können auch bestimmte Mimikry-Varianten aufgefasst werden, bei denen zum Beispiel wohlschmeckende oder wehrlose Arten äußere Merkmale übelschmeckender oder wehrhafter Arten kopieren und sich so gegenüber potenziellen Fressfeinden tarnen.

Wird das visuelle (das äußerlich sichtbare) Erscheinungsbild eines Tieres zur Tarnung genutzt, bezeichnet der Fachmann dieses Aussehen als Tarntracht. Geruch und Laute werden gleichfalls zur Tarnung benutzt, dies ist jedoch bis heute kaum erforscht worden.

Inhaltsverzeichnis

Formen der Tarnung

Der Austausch von Signalen ist eine wesentliche Voraussetzung für jegliche Kommunikation und erfordert mindestens einen Sender und einen Empfänger von Signalen. Die Tarnung bei Tieren kann daher beschrieben werden als eine im Verlauf der Stammesgeschichte erworbene Befähigung, zumindest unter bestimmten Umständen nur solche Signale zu senden, die sich in möglichst geringem Maße von den Gegebenheiten unterscheiden, die das Individuum umgeben. Die Tarnung kann sowohl dem Verbergen vor Fressfeinden dienen als auch dem Verbergen vor potenzieller Beute (Angriffstarnung).

Somatolyse

Eine häufige - und gelegentlich vom Beobachter als geradezu kontraproduktiv empfundene - Form der Tarnung ist die Somatolyse. Die Anpassung an die Struktur und Färbung der Umgebung erfolgt dabei meistens durch Musterung oder Tarnfarben.

Somatolyse (wörtlich: Auflösung des Körpers) beschreibt das Verschmelzen eines Lebewesen mit seiner natürlichen Umgebung durch eine besonders gemusterte und manchmal auch farblich mit der Umgebung abgestimmte Tracht - das Tier wird gewissermaßen unsichtbar. Diese Form der Tarnung dient meist dazu, natürlichen Feinden zu entgehen oder auch, wie zum Beispiel beim Tiger (einem Jäger) und anderen Großkatzen, von seiner potenziellen Beute so spät wie möglich entdeckt zu werden.

Die Musterung und der Farbton können bei der Somatolyse, für sich allein betrachtet, sehr auffällig wirken. Das erstaunlichste Beispiel hierfür ist das schwarz-weiß gestreifte Zebra. Im Zoo ist es nicht zu übersehen, doch in der Savanne – aus dem Blickwinkel einer geduckt am Boden umher streifenden Löwin – vereinen sich die seitlich vertikalen, an Kopf und Hinterleib eher horizontalen Streifen einer dicht an einander gedrängt stehenden Herde visuell mit den hochgewachsenen Gräsern und dem Flirren der tagsüber oft erhitzten, bodennahen Luft - und so lösen sich die Konturen des einzelnen Tieres auf. Hinzu komm, dass es generell schwierig ist, einzelne Tiere innerhalb einer sich bewegenden Herde zu fixieren. [1]

Umgekehrt ist eine jagende Löwin selbst aus nächster Nähe aufgrund ihres braunen Fells kaum von den in Trockenperioden ebenfalls braunen Steppengräsern zu unterscheiden. Ähnliches gilt für viele andere Katzen, so für den Gepard und für den Leopard. Auch die Schnee-Eule wirkt in der Voliere eines Tierparks aufgrund ihres strahlend weißen, mit braunen Flecken gesprenkelten Gefieders recht auffällig. In leicht mit Schnee überdecktem Laub hingegen sitzend, ist sie kaum vor der Umgebung zu unterscheiden.

Eine Forschergruppe der Universität Freiburg berichtete Mitte 2006 über ein Experiment mit teils auffällig gefärbten Schmetterlings-Attrappen, die sie - stets mit toten Mehlwürmern bestückt - an unterschiedlichen Baumstämmen platziert hatten.[2] Nach einer bestimmten Zeit wurde jeweils kontrolliert, ob der Mehlwurm verschwunden war, was als "Falter gefressen" bewertet wurde. Ergebnis: Am längsten "überlebten" jene Falter-Attrappen, die an den Flügelrändern gemustert waren; deutlich häufiger verschwanden die Mehlwürmer aus den im Flügelinneren gemusterten Attrappen. Dies galt selbst für blau-rosa gefärbte Attrappen auf einer moosbewachsenen Eiche. Aus ihren Beobachtungen schlossen die Forscher, dass die Auflösung der Körperkonturen durch gefleckte Flügelränder dazu führt, dass die angeborenen Auslösemechanismen der potenziellen Fressfeinde den so getarnten Schmetterling nicht mehr als "Beute" detektieren, und zwar unabhängig vom Untergrund. Durch Fleckung im Flügelinneren könne sich ein Schmetterling hingegen nur in Abhängigkeit vom passend gefärbten Untergrund tarnen.

Gegenschattierung

Im Unterschied zu vielen landlebenden Tieren, die in einem gleichsam zweidimensionalen Habitat leben, besiedeln Vögel und Fische ein dreidimensionales Habitat; ähnliches gilt für baumbewohnende Arten. Solche Tiere sind nicht nur potenziellen Angreifern von den Seiten und von oben ausgesetzt, sie können vielmehr auch von unten attackiert werden. Nun scheinen Sonne und Mond aber stets von oben, was eine einheitliche Tarnfärbung unzweckmäßig machen würde: Einheitlich dunkle Tiere wären von unten gegen den hellen Himmel gut sichtbar, einheitlich helle Tiere hingegen von oben gegen den dunklen Untergrund.

Die im Verlauf der Stammesgeschichte entstandene "Lösung" dieses Problems kann in jedem gut sortierten Fischgeschäft beobachtet werden: Viele Fische sind unterseits wesentlich heller gefärbt als oberseits. Diese Tarnungsformung, die auch als Konterschattierung oder Counter Shading bezeichnet wird, lässt sich auch für Vögel und Säugetiere nachweisen.

Mimese

Nicht ganz sauber abgrenzbar gegen die Somatolyse ist die Mimese, die ebenfalls als eine Form der Tarnung angesehen werden kann. Während unter Somatolyse alle Fälle zu fassen sind, die auf ein Unsichtbar-Werden hinzielen, bleiben Tiere bei Mimese sehr wohl sichtbar, können jedoch aufgrund von Körperfärbung und Körperbau leicht mit Dingen ihrer Umgebung verwechselt werden. Hinsichtlich ihrer Körperfarbe ahmen Tiere bei der Mimese unter Umständen zwar die Umwelt ebenfalls nach, ihre Körperfarbe ist aber, anders als beim Farbwechsel, dauerhaft.

Die Mimese ist besonders häufig bei Wirbellosen anzutreffen. Sie ahmen meist unbelebte Objekte ihrer Umgebung wie etwa Steine, Blätter oder Ästchen nach. So erinnert der Körperbau einiger Gespenstschrecken zum Beispiel an ein Blatt (sie werden daher auch häufig als Wandelnde Blätter bezeichnet). Stabschrecken hingegen sehen aus wie ein Ast, so dass sie etwa in Sträuchern nur schwer zu erkennen sind.

Weitere Beispiele für Mimese sind diverse Arten von Krabbenspinnen, die wie Reste von abgestorbenen Pflanzen aussehen und bewegungslos warten, bis sich ihnen zum Beispiel eine Biene oder Wespe hinreichend stark angenähert hat – um diese dann rasch anzuspringen und zu packen. Einige Krabbenspinnen ähneln Vogelkot, werden von mineralien-suchenden Schmetterlingen für diesen gehalten und auf diese Weise durch Krabbenspinnen erbeutet. Möglicherweise spielen bei dieser Variante der Tarnung auch geruchliche Merkmale eine Rolle.

Unter den Begriff Mimikry fällt die Nachahmung aposematistisch gefärbter Tierfarben. Aposematismus ist das Gegenteil einer Tarnung: Tiere signalisieren damit gegenüber Fressfeinden ihre Ungenießbarkeit, weil sie entweder giftig oder wehrhaft sind. Einige wenige Tierarten ahmen solche aposematistisch gefärbten Tiere nach. Dieses Phänomen ist sowohl für einige Schlangenarten als auch Schmetterlingsraupen beschrieben.

Farbänderung

Die Fähigkeit zur Änderung der Körperfarbe, um sich der Umgebung so nah wie möglich anzugleichen, ist oft eine Schutzvorrichtung und wurde von den unterschiedlichsten Tierarten unabhängig von einander entwickelt. Am bekanntesten und geradezu sprichwörtlich geworden für Personen, die es verstehen, sich jeder Umgebung anzupassen, sind die Chamäleons. Chamäleons bewegen sich zudem extrem langsam und schaukeln beim Vorwärtsbewegen vor und zurück, so dass sie im Geäst eines vom Wind bewegten Baumes kaum noch wahrgenommen werden können.

Der Schneehase, der u.a. in Nordeuropa und im Alpenraum lebt, wechselt im Jahresverlauf sein Fell: Im Sommer ist er grau-braun gefärbt, sein Winterfell ist hingegen weiß. Auch das Hermelin wechselt seine Fellfarbe derart markant im Jahresverlauf.

Besonders eindrucksvoll ist der Farbwechsel auch bei vielen Kraken und Kalmaren, da sich die Tönung ihrer Haut nahezu von einem Augenblick zum nächsten ändern können. Sepia officinalis versucht sich beispielsweise, mit Hilfe gelber, orangeroter und dunkelbrauner Chromatophoren zu tarnen. Das Tier bewertet mit einem einzigen Rezeptortyp in seinem Auge die Helligkeitskontraste des Untergrunds (bei 492 nm Wellenlänge). Es ist faszinierend, solche Tiere zum Beispiel in einem Aquarium zu beobachten (wo sie allerdings nur selten über längere Zeit erfolgreich gehalten werden können), wenn sie relativ dunkel aus einer Höhle gleiten und umgehend die helle, getüpfelte Farbe des angrenzenden Kiesbetts nachahmen. Diese Tiere besitzen zudem noch einen weiteren, wirksamen Schutzmechanismus, der ihnen nicht ohne Grund den Spitznamen Tintenfische eintrug: Von einem Fressfeind in die Enge getrieben, können sie eine dunkle Flüssigkeit hinter sich ins Wasser spritzen, die eine so dichte Wolke bildet, dass sie aufgrund dieser Tarnung reelle Chancen auf ein Entkommen haben.

Industriemelanismus

Hauptartikel: Industriemelanismus

Unter Melanismus versteht man eine besonders ausgeprägte Einlagerung von dunklen Pigmenten (speziell von Melanin) in die Haut. Beim Birkenspanner trug sich Ende des 19. Jahrhunderts in englischen Industriegebieten ein derart drastischer Wandel des äußeren Erscheinungsbilds zu, dass sich hierfür der Begriff „Industriemelanismus“ einbürgerte.

Der Begriff unterstellt eine Veränderung der Häufigkeitsverteilung von hellen und dunklen Varianten des Schmetterlings als Folge der Luftverschmutzung durch Industriebetriebe. Diese Deutung ist heute jedoch umstritten.

Chemische Tarnung

Ein bekanntes Beispiel sind die Anemonenfische: Sie leben in einer Seeanemone, ohne von dieser genesselt zu werden. Dies gelingt ihnen, indem sie von der Seeanemone bestimmte chemische Substanzen als Schutzstoffe übernehmen. Die Seeanemone kann den Fisch dann nicht mehr von ihren eigenen Tentakeln unterscheiden. Wenn man die auf den Schuppen der Fische befindlichen Schutzstoffe im Experiment abwischt, werden auch die Anemonenfische genesselt.

An der Universität Bayreuth wurde Anfang der 1990er Jahre ein Projekt zum Thema Chemische Tarnung finanziert, in dem es u.a. um die Steigerung des Fortpflanzungserfolgs durch Tarnung ging. Im Projektbericht hieß es hierzu, dass der Fortpflanzungserfolg von Blattlaus-Parasitoiden durch chemische Tarnung optimiert wird, wenn diese Parasiten Blattlauskolonien befallen, die von Ameisen belaufen werden; Ameisen nutzen die süßen Ausscheidungen der Blattläuse als Nahrungsquelle. Hierbei sei von Bedeutung, dass Ameisen räuberische und parasitische Blattlaus-Antagonisten aus der Blattlaus-Kolonie entfernen. Bestimmte Parasitoide sind jedoch durch chemische Tarnung an diese schützenden Tätigkeiten der Ameisen zugunsten der Blattläuse angepasst: Sie werden von den Ameisen also nicht entdeckt und können sich ungestört zu Lasten der Blattläuse entwickeln. [4]

Der Lungenenzian-Ameisenbläuling legt seine Eier vorzugsweise auf Blättern des Lungen-Enzians ab, wo sie sich zu Raupen fortentwickeln. Die Raupen werden von Roten Gartenameisen häufig in deren Kolonien getragen und wie die eigenen Jungtiere versorgt. Dänische Forscher berichteten Anfang 2008, diese Form des Sozialparasitismus beruhe darauf, dass die Schmetterlingsraupen durch chemische Substanzen in ihrer Haut vor einer Enttarnung geschützt werden. [5]

Andere Formen der chemischen Tarnung werden gegen Ameisen angewandt. Viele Wirbellose imitieren die Pheromone, mit denen Ameisen Straßen markieren. Die Ameisen folgen dieser falschen Straße und laufen damit direkt zu ihren Feinden. Einige Spinnentiere, Tausendfüßlerarten und Käfer imitieren speziell die Pheromone der Ameisenlarven. So können sie ungehindert in den Bau zu den Brutkammern eindringen und sich der Larven bedienen.

Akustische Tarnung

Lautäußerungen sind wesentlich schwieriger zu analysieren als visuelle Merkmale, da dies - zumal im Freiland - nur mit einem erheblichen technischen Aufwand gelingt. Daher sind eindeutige Befunde bisher rar.

Ein Beispiel ist der Totenkopfschwärmer: Er kann mit seinem Rüssel einen zirpenden Ton erzeugen, der den Lauten einer Bienenkönigin ähnelt. Hierdurch vermag er sich Zugang zum Bienenstock zu verschaffen, in dem er mit Hilfe seines langen Rüssels dann den Honig aus Waben absaugen kann.

Ein zweites Beispiel sind jene Schwebfliegen, die wie Wespen aussehen, aber auch ihre Fluggeräusche klingen so ähnlich wie jene der Wespen. Dies liegt vor allem an einer extrem ähnlichen Frequenz der Flügelschläge: Bei Schwebfliegen wurden 147 Flügelschläge pro Sekunde nachgewiesen, bei Wespen 150.

Weitere Formen der Tarnung

Neben der erwähnten, auf den Menschen besonders eindrucksvoll wirkenden Formen der Tarnung gibt es eine unübersehbare Vielfalt weiterer Strategien. Hierzu gehört selbstverständlich das Verstecken in Ritzen und Höhlungen sowie das Eingraben in die Erde oder in Sand.

Literatur

Einzelnachweise

  1. www.wdr.de
  2. H. M. Schäfer und N. Stobbe: Disruptive coloration provides camouflage independent of background matching. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, Online-Veröffentlichung im Juli 2006
  3. "Science Band 311 vom 3. Februar 2006, S. 591
  4. Siehe dazu u.a.: Forschungsbericht der Universität Bayreuth 1992-1994.
  5. David R. Nash u.a.: A Mosaic of Chemical Coevolution in a Large Blue Butterfly. Science 319 vom 4. Januar 2008, S. 88–90, doi:10.1126/science.1149180
Dieser Artikel wurde in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.