Reconquista
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Reconquista

Dieser Artikel erläutert die „Reconquista“ auf der Iberischen Halbinsel; Städte mit diesem Namen finden sich unter Reconquista (Argentinien) und Reconquista (Chile).

Reconquista (span. und port. Rückeroberung, dt. selten Rekonquista) ist die spanische und portugiesische Bezeichnung für die Rückeroberung der Iberischen Halbinsel durch christliche Nachkommen der Bevölkerung des Westgotenreichs, nachdem im frühen 8. Jahrhundert aus Nordafrika kommende muslimische Eroberer (Araber und Berber) das Westgotenreich vernichtet und die Iberische Halbinsel unterworfen hatten.

Inhaltsverzeichnis

8. Jahrhundert

Im Frühjahr 711 landete der Berber Tāriq ibn Ziyād mit seinem Heer in der Region von Algeciras/Gibraltar, um das seit dem 5. Jahrhundert auf der Iberischen Halbinsel bestehende Westgotenreich zu unterwerfen. Die Westgoten wurden im Juli 711 in der Schlacht am Rio Guadalete geschlagen, wobei ihr König Roderich den Tod fand. Bis 719 eroberten die „Mauren“ die Iberische Halbinsel. Unter den westgotischen Adligen, die sich mit den neuen Machthabern arrangierten, war auch Pelayo (Pelagius), dessen Einflussgebiet sich im Norden der Halbinsel in Asturien befand. Asturien wurde damals von einem muslimischen Gouverneur namens Munuza verwaltet. Pelayo geriet mit Munuza in einen persönlichen Konflikt wegen einer Heiratsangelegenheit und begann darauf eine Rebellion in einem entlegenen Berggebiet Asturiens. Er ließ sich von seinen Anhängern zum König (oder Fürsten) wählen. 722 besiegte er in der Schlacht von Covadonga eine muslimische Streitmacht und konnte so seinen Herrschaftsbereich behaupten, aus dem dann das Königreich Asturien wurde. In der Höhle von Covadonga (Picos de Europa) findet sich noch heute eine Gedenkstätte an dieses Ereignis, das als Beginn der Reconquista gilt.

719-725 drangen die Muslime über die Pyrenäen vor und eroberten Septimanien, einen Landstrich um Narbonne, der zum Westgotenreich gehört hatte. Ihr Vorstoß in das Frankenreich wurde aber durch Karl Martell 732 in der Schlacht bei Tours und Poitiers abgewehrt. Septimanien konnten sie noch bis 759 halten.

9. bis 12. Jahrhundert

Im Verlauf des 9. bis 12. Jahrhunderts erlangten die christlichen Königreiche allmählich die Herrschaft über weite Teile der Iberischen Halbinsel. Zugleich bestanden aber auch viele enge wirtschaftliche und persönliche Verbindungen zwischen Christen und Muslimen. So entstammten die früheren Könige von Navarra der Familie Banu Qasi von Tudela. Der Kampf gegen die Araber hielt die christlichen Könige nicht davon ab, auch Handel mit ihnen zu betreiben und untereinander Kriege zu führen. Christliche Heerführer wie El Cid schlossen Verträge mit muslimischen Königen der Taifas, um an deren Seite zu kämpfen.

Im Hochmittelalter wurde der Kampf gegen die Muslime von den christlichen Herrschern Europas als Kampf für die gesamte Christenheit und als Heiliger Krieg wahrgenommen. Die muslimische Seite kannte den kriegerischen Aspekt des Dschihads schon seit Mohammeds Kriegszügen gegen seine Nachbarn und hatte auch die Eroberung Spaniens in diesem Sinne unternommen. Ritterorden nach dem Vorbild der Tempelritter, wie der Santiagoorden, der Orden von Calatrava, der Alcántaraorden und der Orden von Montesa, wurden gegründet oder gestiftet; die Päpste riefen die europäischen Ritter zum Kreuzzug auf die Halbinsel.

Die Christen betrachteten den Apostel Jakobus den Älteren wegen des ihm zugeschriebenen Beistandes in der Schlacht von Clavijo (844) als ihren Schutzheiligen. Er wurde zur Integrationsfigur des christlichen Spanien. Noch heute ist er der Patron Spaniens und wird auch Santiago Matamoros („Hl. Jakob, der Maurenschlächter“) genannt. Zentrum des Kults war sein angebliches Grab in Santiago de Compostela. Eine der größten christlichen Niederlagen (und ein äußerst wichtiges Motiv zur Reconquista) war die Eroberung und Zerstörung Santiagos 997 durch den muslimischen Heerführer al-Mansûr, der jedoch die Reliquien des Hl. Jakobus verschonte. 1037 wurde Santiago von den Christen zurückerobert. In der Folgezeit wurde das maurisch beherrschte Gebiet im Süden immer kleiner.

Begriffskritik

Von den unterlegenen Muslimen wird die Reconquista nicht als „Rückeroberung“, sondern als Eroberung (Conquista) verstanden, da der christliche Vormarsch seit dem Tod Almansors, dem Untergang des Kalifats von Córdoba und der Eroberung der weitgehend unbesiedelten Zwischenzone (Verwüstungsgürtel) im 11. Jahrhundert Gebiete betraf, die zum Teil seit dem 8. Jahrhundert von Muslimen besiedelt waren, sowie Städte, die überhaupt erst von Muslimen gegründet worden waren.

Als Beginn der christlichen Eroberung wird daher von arabischer Seite oftmals erst der Kreuzzug gegen Barbastro (1064) bzw. der Fall Toledos (1085) betrachtet. Die Rückeroberung der alten westgotischen Hauptstadt markierte demnach das Ende der Reconquista und den Beginn der Conquista. Um diesen Angriff abzuwehren, riefen die andalusischen Muslime ihre marokkanischen Glaubensbrüder zu Hilfe, die den Dschihad zur Verteidigung des Islam proklamierten und den Vormarsch der Christen vorübergehend stoppten.

Repoblación

Auf die erfolgreichen militärischen Offensiven der christlichen Herrscher folgte die Repoblación (Wiederbesiedlung), die meist von Königen, Adligen, Bischöfen oder Äbten organisierte Ansiedlung von Christen in Gebieten, deren muslimische Bewohner getötet oder vertrieben worden waren. Mit der systematischen Entvölkerung von Grenzgebieten schufen insbesondere asturische Könige auf ihren Feldzügen einen Verwüstungsgürtel, mit dem sie ihren Machtbereich vor Angriffen der Muslime schützen wollten; nach weiteren militärischen Erfolgen wurde später die Neubesiedlung in Angriff genommen. Ein Teil der Siedler kam aus dem gesicherten christlichen Gebiet, andere waren Christen, die aus dem muslimischen Süden fortgezogen waren. Zu einem großen Teil geschah die Repoblación in grundherrlicher Form, anfänglich mit Unfreien, doch waren auch freie Bauern beteiligt. Auch Muslime, die sich zum Christentum bekehrten, wurden im Rahmen der Repoblación angesiedelt. Im Spätmittelalter spielten Ritterorden eine wesentliche Rolle. Diese Maßnahmen fanden ihren Abschluss 1609/14 mit der Ausweisung der letzten, inzwischen zwangschristianisierten Mauren. Mit der Repoblación ging eine erneute Christianisierung und eine erneute Romanisierung bzw. weitgehende Kastilisierung der Halbinsel einher.

Entscheidende Wende

Als der entscheidende Wendepunkt im Kampf zwischen den christlichen und den muslimischen Heeren gilt die Schlacht bei Las Navas de Tolosa am 16. Juli 1212, in der die Truppen der verbündeten Königreiche von Kastilien, Navarra, Aragón und León sowie französische Kontingente unter Alfons VIII. die Almohaden unter Kalif Muhammad an-Nasir besiegten.

Nach der Eroberung Cordobas (1236) und Sevillas (1248) durch Kastilien, Valencias (1238) durch Aragon und der Algarve (1250) durch Portugal wurden zwar auch Murcia und Granada unterworfen, doch brach 1262 mit marokkanischer Hilfe ein muslimischer Aufstand in ganz Andalusien aus. Mit der endgültigen Eroberung Murcias durch Kastilien und Aragon 1265 endete die erste Etappe der Reconquista. Nur das Nasriden-Sultanat von Granada blieb als kastilischer Vasallenstaat vorerst noch muslimisch.

Erneut besiegte eine christliche Allianz aus Kastilien, Aragon, französischen Hilfstruppen und (letztmalig) Portugiesen 1340 in der Schlacht am Salado ein Heer des marokkanischen Sultans Abu l-Hasan, der eine letzte Intervention und Gegenoffensive angeführt hatte.

Ende

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts war das nasridische Sultanat von Granada das letzte arabische Herrschaftsgebiet. Zwar besaß Kastilien die militärische Macht, das Sultanat zu erobern, aber die Könige zogen es zunächst vor, Tribut zu erheben. Der Handel mit Granada bildete einen Hauptweg für afrikanisches Gold in das mittelalterliche Europa.

Um den 2. Januar 1492 kapitulierte der letzte arabische Herrscher in Al-Andalus, Muhammad XII. (Boabdil), vor den Heeren von Ferdinand II. und Isabella I. („Los Reyes Católicos“, die Katholischen Könige). Im gleichen Monat erließen die Könige das Alhambra-Edikt, in dem die Vertreibung der Juden aus allen Territorien der spanischen Krone zum 31. Juli des Jahres angeordnet wurde , sofern sie bis dahin nicht zum Christentum übergetreten waren. Damit endete auch die Anwesenheit der seit Jahrhunderte in Spanien ansässigen Sepharden.

Isabella und Ferdinand vereinigten den größten Teil der Iberischen Halbinsel unter ihrer Herrschaft (Navarra wurde erst 1512 eingegliedert). Die großen Gebiete, die damals hohen Offizieren und Adligen zugesprochen wurden, bildeten die Ursprünge der Latifundien im heutigen Andalusien und der Extremadura.

Der „Heilige Krieg“ wirkte nach dem Fall Granadas noch außerhalb Spaniens fort. Das spanische Militär wandte seine Kräfte der Entdeckung und Eroberung des neu entdeckten Amerika zu. Spätestens mit dem Übersetzen nach Nordafrika und mit der spanischen Eroberung von Melilla, Peñón de Alhucemas und Oran wurde aus der Reconquista auch offiziell eine Conquista (Eroberung). Auch die spanischen Eroberer Amerikas wurden Conquistadoren genannt.

Die Heirat von Christen mit Muslimen, Juden und Konvertiten wurde von christlichen Eiferern bekämpft. Sie traten für die limpieza de sangre („Reinheit des Blutes“) ein, wodurch der traditionelle religiöse Gegensatz einen rassistischen Aspekt erhielt. Die zunächst geduldeten Mauren und Juden wurden im 15. und 16. Jahrhundert systematisch drangsaliert, zur Taufe gezwungen oder des Landes verwiesen. Auch die zum christlichen Glauben übergetretenen „Conversos“ waren vor Missachtung, Nachstellungen und Verfolgung nicht sicher. Der spanisch-katholische Fanatismus jener Zeit beförderte auch die Inquisition.

Soziale Gruppen zur Zeit der Reconquista

Mit den Erfolgen und Niederlagen bildeten sich einige soziale Gruppen heraus:

An die Reconquista wird traditionell mit einer Reihe von Festen, mit Schaukämpfen von Mauren und Christen („Moros y Cristianos“), bunten Paraden in historischen Kostümen und Feuerwerken erinnert. Wichtige Feste finden in Villena und Alcoi (span.'Alcoy') statt.

Reconquista in Nordamerika

Als Reconquista bezeichnen auch mexikanisch-nationalistische Bewegungen (z.B. Aztlán) ihre Programme zur Wiedergewinnung der nach dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg) 1848 an die USA verlorenen Gebiete (ungefähr die heutigen US-Bundesstaaten Kalifornien, Nevada, Utah, Colorado, Arizona, Neu-Mexiko und Texas).

Siehe auch

Literatur