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Alexander VI.

Alexander VI. (eigentlich Rodrigo de Borja y Borja, italienisch Borgia; * 1. Januar 1430(?) in Játiva bei Valencia; † 18. August 1503 in Rom) war von 1492 bis 1503 Papst. Sein katholischer Gedenktag ist der 18. August. Er war nicht nur einer der schillerndsten Päpste seiner Zeit, sondern auch ein Renaissance-Fürst und ein skrupelloser Machtpolitiker. Nach heutiger Auffassung müsste er eigentlich Alexander V. heißen, weil der vorhergehende Papst dieses Namens seit dem 20. Jahrhundert als ein Gegenpapst angesehen wird.

Inhaltsverzeichnis

Kirchliche Karriere

Sein Onkel Alfonso Borgia, der als Kalixt III. von 1455 bis 1458 als Papst regierte, ermöglichte ihm den Aufstieg in der kirchlichen Hierarchie. Rodrigo Borgia studierte zunächst – ab etwa 1453 – in Bologna kanonisches Recht, nachdem er von seinem Onkel bereits mit zahlreichen lukrativen Pfründen ausgestattet worden war (unter anderem als Kanonikus in Játiva). Er war zwar kein Priester – das wurde er, wie damals nicht unüblich, erst Jahre später – dennoch ernannte ihn sein päpstlicher Onkel im Februar 1456 zum Kardinal und bereits im darauffolgenden Jahr zum Vizekanzler der Kirche. Dieses auf Lebenszeit verliehene Amt und seine zahlreichen Pfründen – Rodrigo stand etwa 30 Bistümern als Titularbischof vor – machten ihn zu einem der reichsten Männer Europas.

Der Liebe war er trotz seiner Kirchenwürden zugetan und bemühte sich – typisch für die Renaissance – kaum, dies vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Dass sein freizügiger Lebenswandel, der zwar für viele der zeitgenössischen Prälaten üblich war, durchaus auch in der Kurie Widerspruch hervorrief, ist durch ein Schreiben Papst Pius’ II. dokumentiert, in dem er den jungen Prälaten wegen seiner Verhaltensweisen rügte.

Mit Vanozza de’ Cattanei, der Mutter seiner Kinder Juan (später Herzog von Gandía), Cesare (später Herzog der Romagna), Lucrezia (später Herzogin von Ferrara) und Jofré, lebte er in seiner Zeit als Kardinal etwa 20 Jahre lang zusammen. Es sind legendäre Schilderungen über Orgien an seinem Hof überliefert, die allerdings auch der Phantasie seiner Widersacher entsprungen sein können.

Pontifikat

Am 11. August 1492 wurde er zum Papst Alexander VI. gewählt, wobei es sich zeittypisch um Simonie (Ämterkauf) gehandelt hat. Da der zum Papst Gewählte mit seiner Krönung seine Pfründe abgeben musste, boten sich für reiche Kardinäle wie Rodrigo eine Vielzahl von gut dotierten Kirchengütern, die sich bei einer Wahl als Handelsgut einsetzen ließen.

Im Konklave standen sich mit dem Neffen von Papst Sixtus IV., Giuliano della Rovere, und Ascanio Sforza zwei mächtige Kardinäle gegenüber. Della Rovere, der nach dem Tod des Borgia tatsächlich als Julius II. Papst werden sollte, hatte eine mächtige Gruppe von Verbündeten um sich gesammelt: Neben Florenz und Neapel unterstützte mit Venedig eine dritte italienische Großmacht seine Kandidatur, ebenso Genua und der französische König Karl VIII. Doch die Stimmenverteilung im Konklave entsprach nicht den Machtverhältnissen der Unterstützer. Die Gruppe der Della-Rovere-Gegner führte Ascanio Sforza, der Bruder des Mailänder Herzogs Ludovico Sforza an, der eigentlich selbst Papst werden wollte, doch mit siebenunddreißig Jahren zu jung und als Bruder des Mailänders als zu stark politisch vorbelastet galt.

Schon frühzeitig hatten sich Rodrigo Borgia und Ascanio Sforza auf eine gemeinsame Vorgangsweise geeinigt. Wie der Humanist Giovanni Lorenzi schon vor dem Konklave festhielt: „Der Vizekanzler (Rodrigo Borgia, Anm.) und Ascanio haben den Weltkreis untereinander aufgeteilt, und zwar wie folgt: Der Vizekanzler soll Papst werden, Ascanio aber Über-Papst.“ Zusätzlich hatte Ascanio von seinem Bruder Ludovico eine Blankovollmacht zum Stimmenkauf erhalten, da sie hofften, dass der Borgia eine willige Marionette an den Fäden Sforzas sein werde. Ascanio und Rodrigo setzten sich durch, naturgemäß standen aber die ersten Jahre des Pontifikats unter dem massiven Einfluss der Sforza, von dem sich Alexander VI. erst nach den Auseinandersetzungen um die neapolitanische Krone, die den Niedergang der Sforza zur Folge hatten, lösen konnte.

Übelgenommen wurde ihm später sein Nepotismus: Seinen Sohn Cesare ernannte er gegen dessen Willen zum Bischof von Valencia und später zum Kardinal; auch andere, von ihm ins Land geholte Spanier wurden begünstigt. Es kursierte das nie bewiesene Gerücht, dass er mit seiner Tochter Lucrezia geschlafen und lästige Rivalen mit dem berüchtigten „Borgia-Gift“ aus dem Weg geräumt habe. Seinen Sohn Johann (Juan) ernannte er zum Herzog des von Neapel für den Kirchenstaat zurückerworbenen Benevent.

Später nutzte die Familie Farnese den Einfluss der langjährigen Mätresse Giulia Farnese auf den Papst, um insbesondere deren Bruder Alessandro Farnese in der kirchlichen Hierarchie aufsteigen zu lassen. Im Alter von 25 Jahren wurde dieser tatsächlich zum Kardinal ernannt, und der beim römischen Volk mit den Ausdrücken „Cardinale Gonella“ („Röckchen“) und „Cardinal Fregnese“ („Möse“) verhöhnte junge Mann sollte mehr als 30 Jahre später zum mächtigen Papst Paul III. der Gegenreformation werden. Diesen Aufstieg verdankte Alessandro Farnese vor allem seiner Schwester Giulia, die schon mit 15 Jahren zur Geliebten Rodrigo Borgias wurde, als er noch Kardinal war. Wie der Schreiber der Kurie süffisant anmerkte, nannte der römische Volksmund die römische Schönheit, die sich auch während Alexanders Pontifikat an seiner Seite zeigte, blasphemisch „sponsa christi“ – die „Braut Christi“.

Die Vielzahl der dem neuen Papst nachgesagten Exzesse rief Kritiker auf den Plan. Ihr prominentester Vertreter wurde schließlich der Dominikanermönch Girolamo Savonarola in Florenz, der sich anfangs noch um ein gutes Einvernehmen mit Alexander bemühte und keine Bedenken hatte, ihm offiziell zur Hochzeit seiner Tochter Lucrezia zu gratulieren. Er forderte jedoch später sowohl die Absetzung des Papstes wie auch kirchliche Reformen und predigte: „Ihr Kirchenführer, ... nachts geht ihr zu euren Konkubinen und morgens zu euren Sakramenten.“ Bei einer späteren Gelegenheit meinte er: „Diese Kirchenführer haben das Gesicht einer Hure, ihr Ruhm schadet der Kirche sehr. Ich sage euch, diese halten nichts vom christlichen Glauben.“

Um Savonarolas Schweigen zu erkaufen, bot ihm Alexander VI. die Kardinalswürde an. Savonarola lehnte ab, woraufhin er exkommuniziert und in der von ihm abgefallenen Stadt Florenz verhaftet, erhängt und verbrannt wurde.

Giovanni della Rovere, der nach seiner Niederlage im Konklave nach Frankreich geflüchtet war, versuchte zusammen mit anderen Kritikern des Pontifikats den französischen König Karl VIII. dazu zu bewegen, ein Konzil einzuberufen, um die Absetzung Alexanders zu bewerkstelligen. Karl, der schließlich an der Spitze einer Armee 1495 nach Italien marschierte, um sich Neapel einzuverleiben, einigte sich aber mit dem Papst, ohne dessen Absetzung zu betreiben.

Die zahlreichen Winkelzüge Alexanders, der nach Bedarf die Verbündeten wechselte, diente in erster Linie dem Ziel, seinen Kindern ein erbliches Reich zu verschaffen. Wie schon sein Onkel Kalixt III. hatte er zunächst das Königreich Neapel dazu ausersehen. Als sich die Situation durch die Intervention Karls vorübergehend änderte und der kinderlose Ferrandino Ferdinand II. 1496 starb und seinen Onkel als Erben bestimmte, rückte zeitweise auch die Romagna in das Visier der Borgia. Als 1497 Karl VIII. mit erst 28 Jahren starb (er war im Schloss Amboise gegen einen Türbalken gelaufen und hatte offensichtlich infolge der Kopfverletzungen einen Schlaganfall erlitten), wurde Ludwig XII. aus dem Haus Valois-Orléans König von Frankreich. Dieser erhob, gestützt durch seine Verwandtschaft mit den Visconti, auch Anspruch auf das Herzogtum Mailand.

Ludwig, der kinderlos verheiratet war, betrieb nach der Thronbesteigung sofort die Annullierung seiner Ehe mit Johanna von Frankreich, um die Witwe seines Vorgängers (Anne de Bretagne) zu heiraten und so deren Erbe, die Bretagne, weiterhin im französischen Königreich zu halten. Dazu benötigte er den Dispens des Papstes, und Alexander sah die Chance gekommen, für seinen Sohn Cesare ein Herzogtum zu erhalten. Am 17. September 1498 verzichtete Cesare auf das Kardinalat, ein unerhörter Skandal, den Alexander herunterzuspielen versuchte. Für den Dispens des französischen Königs erhielt Cesare das Valentinois (eine alte französische Landschaft mit der Hauptstadt Valence) verliehen, die im Anschluss zum Herzogtum erhoben wurde.

1498 versuchten die Sforza neuerlich – diesmal mit Deckung der Könige von Spanien – ein Konzil anzuzetteln, das den Papst absetzen sollte. Doch die Franzosen brachten ein Bündnis mit Venedig zustande, das die Sforza, deren Stern im Sinken begriffen war, weiter unter Druck setzte. Cesare wurde in der Zwischenzeit mit Charlotte d’Albret verheiratet. Ihre Zustimmung zu der Ehe (vier hochadelige Französinnen hatten vorher entrüstet abgelehnt) wurde ihr mit dem Kardinalshut für ihren Bruder versüßt. Die Sforza hatten sich in der Zwischenzeit mit Sultan Bayezid II. verbündet, doch dessen Expeditionskorps, mit dem er Venedig angreifen sollte, war zahlenmäßig stark unterlegen. Nach dem Sturz der Sforza, die nach Österreich (Bianca Maria Sforza war mit Kaiser Maximilian I. verheiratet) ins Exil gingen, wollte sich Ludwig XII. nach Neapel wenden, um dort eine alte Rechnung mit den Aragonesen zu begleichen. Alexander VI., der noch immer hoffte, Neapel für seine eigene Familie in die Hand zu bekommen, versuchte daraufhin vergeblich von Venedig die Zustimmung zur Eroberung des Herzogtums Ferrara für seinen Sohn zu erhalten.

Daraufhin begann Alexander die Barone des Kirchenstaates unter Druck zu setzten. Erstes Opfer wurden die Caetani: Sie verloren ihre Besitzungen an die Borgia. Und noch im März 1499 – also bevor der französisch-venezianische Bund geschlossen war – erklärte er das Vikariat der Sforza-Riario in Forlì und Imola für erloschen und übertrug es Cesare. Dieser rückte mit französischen und italienischen Truppen vor, um sein neues Herrschaftsgebiet in Besitz zu nehmen. Imola ergab sich kampflos und Forlì konnte eingenommen werden. Dabei geriet die Vikarin von Forlì, Caterina Sforza, von der Zeitgenossen behaupten, sie wäre der einzige wirkliche Mann in ihrer Armee gewesen, in Gefangenschaft.

Die Herrschaft der Franzosen wurde in Mailand aber schon nach kurzer Zeit so unpopulär, dass die Mailänder Ludovico Sforza zurückriefen. Schon am 5. Februar 1500 zog er wieder in Mailand ein. Doch ohne französische Unterstützung musste Cesare die Kämpfe einstellen, und so kehrte er nach Rom zurück. Ludovico sollte jedoch schon bald seine Herrschaft endgültig verlieren: bereits im April wurde er von seinen Schweizer Söldnern, die er nicht mehr bezahlen konnte, an die Franzosen ausgeliefert.

Ende April 1500 kündete ein in Rom verbreitetes Flugblatt nicht nur vom ellenlangen Sündenregister des Pontifex Maximus, sondern dem Unbußfertigen auch den baldigen Tod an. Am Peter-und-Pauls-Tag, dem 29. Juni, tobte ein schwerer Sturm über Rom, der nicht nur die Decke des Palastes zum Einsturz brachte, sondern auch den Baldachin, unter dem der Papst thronte. Doch der Stützbalken hielt stand, und Alexander kam mit ein paar Abschürfungen davon. Natürlich beschäftigten sich die römischen Gerüchte eifrig mit dem Ereignis, und die Pilger, die Rom reichlich bevölkerten (es war ein „Heiliges Jahr“) rätselten, was die Vorsehung noch bereit halten sollte. Besonders populär war die Version, der teufelbündnerische Papst sei mit seinem höllischen Vertragspartner etwas zu hart aneinandergeraten.

Alexander, der in der Zwischenzeit die Stellvertreter der Kirche im Norden summarisch ihrer Ämter enthoben hatte, versuchte Venedig, das dort als Schutzmacht fungierte, zum Rückzug zu bewegen. Hatte Venedig sich bereit erklärt Forlì, Imola und Pesaro den Borgia zu überlassen, so wollte Alexander auch die Preisgabe der Manfredi in Faenza und der Malatesta in Rimini erreichen. Um den nächsten Kriegszug in der Romagna zu finanzieren, wurden neue Kardinäle ernannt, die, wie damals üblich, für diese Würde zu bezahlen hatten. Pesaro und Rimini fielen kampflos in die Hände Cesares, nur die Manfredi wollten sich nicht kampflos geschlagen geben. Die Belagerung musste im Winter unterbrochen werden, und führte erst im nächsten Frühjahr zum Erfolg. Doch entgegen den Kapitulationsvereinbarungen ließ Cesare Astorre Manfredi und seinen jüngeren Bruder, denen freies Geleit zugesagt worden war, festnehmen und in der Engelsburg festsetzen. Im darauffolgenden Jahr wurden die beiden erwürgt aus dem Tiber gezogen.

Venedig versuchte 1500 den Pontifex zu einem Kreuzzug gegen die Türken zu bewegen; aber vorerst hatte die Romagna als Borgia-Herrschaft Priorität. Alexander benötigte schließlich jeden Dukaten für seine eigenen Interessen und so beließ er es bei einer blumigen Rhetorik. Ein Krieg gegen die Türken schien zwar damals für alle europäischen Herrscher ein wünschenswertes Anliegen, aber jeder hatte eigene Interessen, die vorgingen. So konnte sich Alexander darauf beschränken, von den spanischen und französischen Königen zu verlangen, mit gutem Beispiel voranzugehen, weil er darauf vertrauen konnte, dass es dazu nicht kommen würde. Er organisierte zwar europaweite Hilfsmaßnahmen und erlaubte Sonderabgaben zur Finanzierung des Kreuzzuges, aber diese brachten knapp 40.000 Dukaten ein – und damit lediglich ein Drittel jener Summe, die er aus der letzten Kardinalsernennung lukriert hatte. Als der venezianische Gesandte dem Papst ziemlich unverblümt im März 1501 Vorhaltungen machte, warf er den Venezianern vor, sie verfolgten mit dem Kreuzzug ausschließlich eigennützige Ziele.

Im Juni 1501 ließ Alexander den König von Neapel endgültig fallen, weil er einsehen musste, dass er die Borgia als Thronerben nicht würde etablieren können. Frankreich und Spanien hatten sich über eine Teilung des Gebietes verständigt, und König Federico wurde vom Papst abgesetzt. Schon im Juli 1501 wurde Capua eingenommen, und Federico begab sich nach Ischia, wo er sich dem französischen König unterwarf. Er erhielt dafür ein französisches Herzogtum, und die Geschichte der Aragonesen auf dem neapolitanischen Thron war damit endgültig zu Ende.

Zu dieser Zeit suchte Alexander auch nach einem passenden Ehemann für seine Tochter Lucrezia Borgia. Der vorige, der Herzog von Bisceglie, war – zwar ohne Wissen des Papstes, aber auf Befehl Cesares – im Vatikan ermordet worden. Lucrezia weigerte sich zunächst, doch konnte sie sich gegen ihren Vater nicht durchsetzen. Nach einigem Überlegen entschied er sich für Alfonso d’Este, den ältesten Sohn von Ercole I. d’Este, und damit für den Erben des Herzogtums Ferrara und Modena.

In den Grenzgebieten zu Neapel und allen Teilen Latiums wurden jetzt die Burgen der Colonna und ihrer Verbündeten, der Savelli, erobert und dem Besitz der Borgia zugesellt. Beide Familien wurden überdies im August 1501 feierlich exkommuniziert.

Im Frühjahr 1502 war das Einvernehmen zwischen Spanien und Frankreich in Neapel dem üblichen Krieg zwischen den beiden Mächten gewichen, und Cesare streckte seine Hand nach dem Herzogtum Urbino aus, das den Montefeltre gehörte. Auch hatte man Jacopo d’Appiano aus Piombino vertrieben und die Stadt umgehend zum Bischofssitz erhoben.

Im Juni 1502 kündigte Alexander seinen Besuch von Ferrara in Begleitung aller Kardinäle an, aber dieses Manöver diente lediglich dazu, den Aufbruch seines Sohnes, der mittlerweile zum Bannerträger Gonfaloniere des Papstes befördert worden war, an der Spitze einer Armee in Richtung Spoleto zu verschleiern. Es sollte das Herzogtum von Urbino überfallen werden, und Cesare hatte sich einer grauenhaften List bedient, um die Eroberung auch der Stadt sicherzustellen. Er hatte sich zuvor über einen gedungenen Agenten die Artillerie und auch einige Söldnerkontingente von Guidobaldo da Montefeltro, dem Herzog von Urbino, ausgeliehen – so jedenfalls die Version, die die Venezianer überlieferten.

Im Zuge der Eroberung der Stadt – die Stadttore öffneten sich dem Nepoten durch Verrat – entkam Guidobaldo, der nach einer abenteuerlichen Flucht, bei der ihm einige seiner eigenen Burgherren die Aufnahme verweigerten, endlich Asyl im Einflussbereich der Serenissima fand. Nur kurz danach, am 19. Juli 1502, gelang Cesare die Einnahme von Camerino (wieder durch Verrat), bei der der einstige Generalkommandant der Venezianer Giulio Cesare di Varano von den Borgia gefangengenommen wurde; auch er wurde später in Rom ermordet.

Als nächstes stand Bologna auf dem Speisezettel Alexanders. Der venezianische Stadtschreiber jener Zeit, Marino Sanudo, berichtete, der Papst wäre so versessen auf Bologna, dass er notfalls seine Mitra verkaufen würde, um die Stadt zu besitzen. Bologna war zwar de jure päpstliches Lehen und gehörte zum Kirchenstaat, aber Giovanni Bentivoglio, der Herrscher Bolognas, stand unter dem besonderen Schutz des französischen Königs.

Die Feinde der Borgia versuchten den König, der sich im Sommer 1502 zur Ordnung seiner Angelegenheiten in der Lombardei aufhielt, auf ihre Seite zu ziehen. Cesare aber erreichte in einer persönlichen Unterredung mit dem König ein neuerliches Bündnis, indem Cesare die Eroberung Arezzos einer Eigenmächtigkeit seines Feldherren Vitellozzo Vitelli anlastete und der König die Unterstützung des Papstes im Kampf um Neapel begehrte.

Damit aber verloren die Bentivoglio und die Orsini ihren Schutzherren. Die meisten glaubten aber, Cesare habe die Gunst des französischen Herrschers endgültig verspielt und schmiedeten Rachepläne. Am 9. Oktober 1502 trafen sich in der Nähe des Trasimenischen Sees nicht nur Vertreter der Orsini, sondern auch der besagte Vitelli sowie die Herrscher von Perugia und ein Vertreter der Bentivoglio; sogar der Herr von Siena schickte einen Vertreter. Die Verbündeten machten sich rasch ans Werk. Am 14. Oktober 1502 gehörte Urbino wieder den Montefeltro, und die da Varano kehrten nach Camerino zurück.

Alexander wiegte seine Gegner durch scheinbare Vergebung in Sicherheit. Ein Vertrag wurde unterzeichnet, der alle nun wieder mit Cesare Verbündeten in ihre alten Rechte einsetzte. Während Cesare seine Gegner unter einem Vorwand am 31. Dezember 1502 in der Romagna überraschend festsetzte (und Vitelli und Liverotto da Fermo noch in der gleichen Nacht erdrosseln ließ), ließ Alexander am 3. Januar 1503 den Kardinal Giovanni Battista Orsini sowie Jacopo und Antonio Santa Croce im Vatikan festnehmen.

Angeblich versuchte Alexander auch des Kardinals Giovanni de Medici, des späteren Papstes Leo X. habhaft zu werden, um ihn an die Republik Florenz auszuliefern und diese dadurch zu einem Bündnis zu bewegen. Aber der Medici schlug die Einladung des Papstes aus und verblieb außerhalb seiner Reichweite. Mittlerweile wurde Urbino neuerlich von Cesare erobert, und Alexander verlangte von Venedig die Auslieferung des Guidobaldo da Montefeltro.

Als am 22. Februar Kardinal Orsini im Kerker starb – laut Johannes Burckard war er zuvor verrückt geworden – glaubte trotz einer öffentlichen Untersuchung des Toten jeder an einen Giftmord. Die Orsini, gegen die Cesare jetzt einen Vernichtungskrieg angezettelt hatte, erfreuten sich aber wachsender Unterstützung und waren auch imstande, nicht nur päpstliche Bergwerke zu plündern, sondern ihre Ausfälle bis in die Ewige Stadt auszudehnen.

Mittlerweile jedoch fühlten sich sowohl der französische König als auch Venedig durch die Verbindungen mit Alexander massiv belastet. Ludwig, der in Neapel ins Abseits geriet und dem außerdem ein Gutteil der Borgia-Untaten angelastet wurden, sowie Venedig verlegten sich auf unverhohlene Drohungen gegen den Papst und seinen Sohn.

Alexander suchte nach neuen Verbündeten und wollte dafür Spanien gewinnen. Da dies den Finanzbedarf des Papstes neuerlich ansteigen ließ, wurde auf seine Anweisung der greise venezianische Kardinal Giovanni Michiel vergiftet und sein Vermögen eingezogen. Zu Alexanders Enttäuschung hatte der alte Kardinal aber den größten Teil seines Vermögenswerte bereits aus Rom wegschaffen lassen. (Aus den Akten einer Gerichtsuntersuchung, die später Papst Julius II. durchführen ließ, ist dieser Mord zweifelsfrei belegt).

Da in der Zwischenzeit der spanische Heerführer Gonzalo Fernandez die Franzosen in Süditalien schlug und Neapel besetzte, wollte Alexander unbedingt das Bündnis mit den Spaniern zustandebringen. Die Ermordung Michiels hatte jedoch nur einen Bruchteil der erwarteten Summe eingebracht und so wurde eine neue Kardinalserhebung veranlasst, die geschätzte 120.000 Golddukaten in die päpstlichen Kassen spülte.

Doch nun zögerte Alexander, den Kurswechsel auch tatsächlich zu vollziehen. Einerseits hatte sich nämlich Ludwig nicht mit der Niederlage abgefunden und war dabei, ein neues Heer auszurüsten, und andererseits würde ein Wechsel ins spanische Lager auch die Zukunftsaussichten Cesares, der als Herzog von Valence Lehensmann des Franzosen war, massiv beeinträchtigen. Da Alexanders Pontifikat einzig dem Ziel gehorchte, seinen Kindern ein angemessenes Reich zu hinterlassen, vertrug sich ein Seitenwechsel nicht mit der Perspektive eines französischen Herzogtums. Da Neapel außer Reichweite für die Borgia lag, wandte sich Alexanders Interesse wieder der Toskana zu, die zwar kaiserliches Lehen war, aber das für Alexander nur eine Verhandlungssache sein konnte. Angeblich hatte er Anfang August bereits die Fühler zum Kaiser Maximilian I. ausgestreckt.

Während Cesare in Viterbo Truppen aushob, starb in Rom der dienstälteste Nepot der Borgia, Kardinal Juan Borgia-Lanzol, der Erzbischof von Monreale. Sein Vermögen, das mehr als 150.000 Dukaten betrug, fiel natürlich an den Papst. Mord dürfte hier eher nicht im Spiel gewesen sein, denn in diesen unruhigen Zeiten war eine sichere Stimme in der Kurie wichtiger als jeder Reichtum. Überdies hatte der heiße Sommer bereits eine Reihe wohlbeleibter Männer hinweggerafft – kein gutes Vorzeichen für den keineswegs schlanken und mittlerweile 73-jährigen Papst. Sein Wahljubiläum am 11. August wurde weniger imposant gefeiert, als bislang üblich. Doch am nächsten Morgen begann er zu erbrechen, am Nachmittag kam Fieber. Die Nachricht von der Erkrankung ging wie ein Lauffeuer durch Rom, und natürlich wurde über Gift gemutmaßt.

Zunächst erholte er sich jedoch, ehe er in der Nacht vom 17. auf den 18. August einen schweren Rückfall erlitt. Dem rasch ansteigenden Fieber folgten schließlich Atembeschwerden und Bewusstlosigkeit.

Tod

Alexander starb schließlich in den Abendstunden des 18. August. Wie in Rom verbreitet wurde, sei der Körper des Toten binnen kürzester Zeit unnatürlich aufgequollen, habe sich schwarz verfärbt und übelriechende Flüssigkeiten abgesondert.

Natürlich sahen die Zeitgenossen darin die Bestätigung dafür, dass der Papst vergiftet und seine Seele vom Teufel geholt worden sei. Tatsächlich aber hatten nur wenige Menschen den Leichnam mit eigenen Augen gesehen, und die vom päpstlichen Zeremonienmeister Johannes Burckard in seinen Aufzeichnungen bestätigte rasche Zersetzung des Körpers konnte im heißen römischen Sommer nichts Ungewöhnliches darstellen.

Populär wurden vor allem zwei Gift-Versionen: nach der einen wollten Alexander und sein Sohn Cesare beim Gastmahl jemand anderen vergiften, das Gift sei aber von einem seiner Diener – vielleicht absichtlich – verwechselt und den beiden Borgia serviert worden. Dagegen spricht zum einen, dass das Essen nicht im Vatikan stattfand, sondern beim Kardinal Adriano Castellesi da Corneto, der zu den engsten Vertrauten des Papstes gehörte und vom Chronisten der Kurie, wie es Massimo Firpo zitiert, als „omnium rerum vicarium“ des Papstes beschrieben wurde. Es wäre also ungewöhnlich gewesen, hätten sich die Borgia bei ihrem engsten Vertrauten den eigenen Mundschenk mitgebracht (Alexander war darüber hinaus kein besonderer Freund eines zu großen Aufwands an der Tafel).

Weiter schreckten die Borgia nicht davor zurück, vor allem körperliche Gewalt einzusetzen, wenn es möglich war. Diejenigen Kardinäle, die diesem Bankett aus Anlass des Jubiläums der Papstwahl beiwohnten, hätten genauso leicht wie etwa Giovanni Orsini festgenommen und in der Engelsburg eingekerkert werden können. Es entsprach auch nicht Cesares Charakter, Gift einzusetzen – das berühmte unfehlbare Borgia-Gift, für das es bezeichnenderweise Dutzende einander widersprechende Angaben bezüglich seiner Zusammensetzung gibt, muss also eher ins Reich der Gerüchte verwiesen werden.

In diesem Zusammenhang sei noch einmal auf die Vergiftung Kardinal Michiels verwiesen; entsprechend der überlieferten Berichte (u.a. bei dem Deutschen Leonhard Cantzler der dem 1504 von Julius II. veranlassten Prozess in dieser Sache beiwohnte) litt der Kardinal nach seiner Vergiftung (das Gift war von seinem Majordomus in zwei Dosen beigebracht worden) an ständigem Erbrechen, einem Symptom einer Arsenvergiftung. Alexander erbrach jedoch nur wenige Male, erst dann setzte das Fieber ein, aber er erholte sich rasch wieder bis zum nächsten Fieberschub eine Woche später.

Die zweite populäre Version der Vergiftung des Borgia sieht den oben erwähnten Kardinal Castellesi als Täter, der mit der Ermordung Alexanders seiner eigenen Beseitigung zuvorkommen wollte. Tatsächlich war Castellesi für damalige Verhältnisse geradezu unermesslich reich. Auch er hatte, wie so viele andere Kardinäle jener Zeit, den Purpurhut gegen die Zahlung einer enormen Summe erhalten. Quellen wie Burckard oder Giovio sprechen von 20.000 Dukaten – ein Handwerker verdiente damals einige Dutzend Dukaten im Jahr. Unter Julius II. stiegen die Preise eines Kardinalhuts auf 50.000 Dukaten, etwa bei Petrucci 1511.

Doch im Gegensatz zum Venezianer Michiels war Castellesi ein deklarierter Parteigänger der Borgia und noch dazu mit Giuliano della Rovere, der seit Beginn des Pontifikats von Alexander dessen Sturz betrieb, intensiv verfeindet. Zudem waren jene Kardinäle, die meinten, von den Borgia etwas befürchten zu müssen, zu diesem Zeitpunkt bereits aus Rom geflohen. Castellesi konnte also nichts gewinnen, sondern nur verlieren. Sobald Alexander abtrat, verlor er seinen Protektor. Er musste jedenfalls damit rechnen, dass Della Rovere, Neffe von Sixtus IV., der bereits Innozenz VIII. am Gängelband geführt hatte, nun selbst nach der Tiara greifen würde (was nach dem kurzen Pontifikat des Borgia-Nachfolgers Francesco Todeschini Piccolomini als Pius III. auch tatsächlich gelang), und dann mit der Borgia-Fraktion aufräumen würde. Und wirklich war unter dem Pontifikat Julius’ II. Castellesi gezwungen, die Flucht zu ergreifen, da auch dieser Papst nicht davor zurückschreckte, seine Gegner aus dem Weg räumen zu lassen.

Alexander ist also möglicherweise an Malaria gestorben, aber in den Augen der Rechtschaffenen – und natürlich seiner zahlreichen Gegner, die er sich aufgrund eines rücksichtslosen Nepotismus herangezogen hatte – durfte er nicht einfach eines natürlichen Todes sterben. Da seine Widersacher nicht davor zurückschreckten, ihn als den Antichrist auf dem Papstthron, ja gar als mit dem Teufel im Bunde zu diffamieren, musste auch sein Tod als abschreckendes Beispiel zur moralischen Erbauung dienen.

Seit Alexander ist bislang nie wieder ein Spanier zum Papst gewählt worden. Die nächsten nichtitalienischen Päpste waren seither Hadrian VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI..

Bewertung

Verdienste

Alexanders Verdienste um eine geordnete Verwaltung der Kirche und des Kirchenstaates, sowie der Wiederherstellung von deren Macht sind genauso unbestritten wie sein Verdienst um die Mission Südamerikas, für die er gegen den heftigen Protest der spanischen Krone spanisches Kirchenvermögen besteuerte. Er hatte diese Besteuerung wohl veranlasst, um diese Mission nicht völlig auf Kosten der Indianer gehen zu lassen. 1494 teilte er durch den Vertrag von Tordesillas die Welt zwischen den beiden konkurrierenden Seemächten Portugal und Spanien auf, um eine friedliche Abgrenzung der Interessenssphären dieser beiden christlichen Mächte herbeizuführen.

Alexander gewährte vielen nach der Reconquista Andalusiens von dort vertriebenen Juden in Rom Asyl. Den Protest der „allerkatholischsten“ spanischen Könige („Los Reyes Católicos“) Isabella I. und Ferdinand II. beantwortete er damit, dass er den Juden seinen Schutz versprochen habe, und blieb bei seinem Entschluss.

Hartmann Schedel bietet in seiner Weltchronik von 1493 eine positive Bewertung von Alexanders Wahl. Großmut und Klugheit seien dem neuen Papst zu eigen.

Lebenswandel

Alexanders Lebenswandel unterschied sich nicht signifikant negativ von demjenigen anderer (Kirchen-)Fürsten seiner Zeit. Ein Urteil über seine Frömmigkeit ist zweifellos problematisch, doch ist seine aufrichtige Marienverehrung von Zeitgenossen der Kurie bezeugt. Gemessen am Anspruch des Papsttums ist er jedoch kritisch zu sehen. Zweifellos gerierten sich die Päpste jener Zeit eher als Territorialfürsten denn als liturgische und theologische Führungsgestalten. So war er bekannt dafür, Kardinäle gegen Gebühr zu ernennen, wie vorher und nachher üblich. Dass zumindest zwei Kardinäle später ermordet wurden, um den Vatikan in den Besitz ihres Vermögens zu bringen, ist allerdings unbestritten. Dispens wurde ebenso gegen entsprechende Bezahlung erteilt, wie nach Abwägung politischer Nützlichkeiten, verurteilte Mörder begnadigte er gegen eine entsprechende Spende. Überliefert ist sein Sinnspruch: „Der Herr will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er lebt und zahlt.“ Sein unverhohlenes Bekenntnis zu seinen Kindern und vor allem zu der mit ihrer Hilfe betriebenen Machtpolitik, mit der seine spanische Adelsfamilie im Herzen Italiens Fuß fasste, war jedoch ungewöhnlich und erregte beim Adel Italiens, insbesondere Roms, Anstoß. Giovanni de Medici sagte nach der Wahl Alexanders über ihn: „Jetzt sind wir in den Fängen des vielleicht wildesten Wolfes, den die Welt je gesehen hat.“

Alexander war zweifellos lebenslustig, sinnlich und machtbewusst. Dass er sich noch als Siebzigjähriger eine sehr junge Mätresse hielt – Giulia Farnese, die die Römer blasphemisch „sponsa christi“ (Braut Christi) nannten – hat selbst zur damaligen Zeit Anstoß erregt. Andererseits spricht gegen einen mit Trinkgelagen und Orgien ausgefüllten Lebenswandel seine offene Kritik an der ausschweifenden Lebensweise seines Sohnes Cesare und die eigene Arbeitsdisziplin. Der Papst saß regelmäßig schon frühmorgens am Schreibtisch. Dazu gehört auch, dass seine Einladungen zum Essen mehr als gefürchtet waren – nicht, weil man argwöhnte, vergiftet zu werden, sondern weil stets nur ein einziger Gang serviert wurde, was selbst in vielen Klöstern als Zumutung empfunden worden wäre.

Zwingli über Alexander VI.

Der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli attackierte Alexander scharf. Er warf ihm vor, gegen das grundlegende 1. Gebot („Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“, Exodus 20,3) verstoßen zu haben. Dieses untersagt es dem Menschen unter anderem, sich selbst zu einem Gott zu erheben. Weil Alexander sich „Gott“ nennen lasse, sei er vom christlichen Glauben abgefallen. Damit zeige sich, so Zwingli, die Widerchristlichkeit der römischen Kirche.

Hintergrund für Zwinglis Vorwurf war ein Text, der in Rom bei der Krönung Alexander VI. zum Papst zu lesen war: „Rom hat groß einen Cäsar gemacht. Nun hebt Alexander kühn es zum Gipfel empor, Mensch jener, dieser ein Gott!“ Dazu merkte Zwingli in der Vorrede zum Commentarius de vera et falsa religione von 1525 an: „Wir können es nicht leugnen: ‚Gott auf Erden‘ haben wir ihn genannt“. [1]

Quellen

  1. Vera et falsa religione, S.3f; zitiert nach: Fritz Blanke: Hauptschriften von Ulrich Zwingli, Bd. 9, Teil 1: Kommentar Huldrych Zwinglis über die wahre und falsche Religion, übersetzt und erläutert von Fritz Blanke, 1941, S.4; siehe auch: Klabund: Borgia

Literatur

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Personendaten
Alexander VI.
Borgia, Rodrigo; Borja, Rodrigo
Papst
um 1430
Játiva
18. August 1503
Rom