Heim

Tierzucht

Unter Tierzucht versteht man die züchterische Bearbeitung von Tierrassen: Durch gezielte Selektion und Anpaarung von Tieren wird ein Zuchtfortschritt erreicht. Hierbei orientiert man sich an den jeweiligen Zuchtzielen.

Durch Auslese (Zuchtwahl) der sich vermehrenden Tiere wird für eine Verstärkung gewünschter Eigenschaften gesorgt - z. B. mehr Milch bei Kühen, mehr Eier bei Hühnern, höhere Geschwindigkeit und Belastbarkeit von Pferden, geändertes Aussehen von Hunden oder Katzen usw..

Dies geschieht üblicherweise durch gezielte Paarung von Tieren, die eine starke Ausprägung gewünschter Eigenschaften aufweisen. Hierdurch wird allerdings der genetische Pool, das heißt, die Summe der unterschiedlichen Eigenschaften der Population kleiner (genetische Variation|genetische Varianz), wodurch die Schärfe der Selektion beschränkt wird. In vielen Zuchten sind die Folgen der geringeren genetischen Varianz auch eine Inzuchtdepression. In der Praxis wurden aber Hühnerlinien in der Vergangenheit stark züchterisch bearbeitet, ohne dass sich dieser Effekt beobachten ließ. Daher ist die Auswirkung der Inzuchtdepression bei scharfer, gezielter Selektion und Zucht wesentlich vermeidbar.

In heutiger Zeit ist bei der Tierzucht künstliche Befruchtung sehr wichtig, da dadurch die Zuchtwertschätzung verbessert werden kann und die besten Eigenschaften weltweit eingekauft werden können. Daneben hat der Natursprung immer noch seine Bedeutung, insbesondere bei Pferden und Kleintieren. Die Gentechnologie spielt momentan eine Rolle bei der Diagnose von Krankheiten, der Feststellung der Herkunft usw. und wird wohl noch wichtiger werden, mit allen damit verbundenen Chancen, Risiken und ethischen Diskussionen.

Inhaltsverzeichnis

Nutztiere

Grundsätzlich lassen sich vier Arten von Zuchtstrategien bei den landwirtschaftlichen Nutztieren feststellen:

Reinzucht

Bei der Reinzucht werden nur Tiere derselben Rasse miteinander verpaart. Die Rasse stellt eine so genannte Reinzuchtpopulation dar. Ausnahmsweise werden in solche Reinzuchtpopulationen auch Tiere anderer Rassen eingekreuzt (sogenannte Veredelungskreuzung). Das Zuchtziel wird durch Selektion innerhalb der Rasse erreicht.

Verdrängungskreuzung

Dabei werden in eine Rasse immer wieder Tiere derselben anderen Rasse eingekreuzt, sodass schließlich die eine Rasse durch die neue, andere Rasse verdrängt wird. Das Ergebnis einer Verdrängungskreuzung ist eine neue Reinzuchtpopulation.

Rotationskreuzung

Bei der Rotationskreuzung werden nacheinander nach einem festen System eine Anzahl von Reinzucht-Rassen miteinander gekreuzt und meist die weiblichen Nachkommen nach Selektion wieder zur Zucht verwendet. Dabei werden üblicherweise Zwei- und Drei-Rassen-Rotationskreuzungen durchgeführt. Das bedeutet, falls die drei Rassen A, B, C verwendet werden (Drei-Rassen-Rotationskreuzung): Tiere der Rasse A werden mit Tieren der Rasse B gekreuzt, die Kreuzungsnachkommen AxB mit der Rasse C. Die Nachkommen dieser Drei-Rassen-Kreuzung (AxB)xC werden wieder mit Tieren der Rasse A gekreuzt und so weiter. Durch die Kreuzung kommt es zu Heterosis-Effekten, wodurch die Produkte einer Rotationskreuzung bessere Gebrauchseigenschaften aufweisen als die Ausgangstiere. Auch bei der Rotationskreuzung findet die Selektion nach Eigenschaften in den Reinzuchtrassen und durch die Auswahl der geeigneten Kreuzungsrassen statt. Weiterhin werden die Tiere, die zur Rotationskreuzung weiter verwendet werden, ebenfalls selektiert. Die Rotationskreuzung wird nur sehr selten angewandt, hat aber insbesondere in der Rinderhaltung Bedeutung.

Gebrauchskreuzung

Bei der Gebrauchskreuzung werden gezielt Tiere verschiedener Reinzucht-Rassen miteinander gekreuzt. Man kennt hierbei ebenso verschiedene Formen, z. B. Zwei-Rassen-Kreuzung, Drei-Rassen-Kreuzung, Vier-Rassen-Kreuzung. Entscheidend ist hierbei, dass mit dem Endkreuzungsprodukt nicht mehr weiter gezüchtet wird, sondern nur genutzt wird, z. B. zur Milch- oder Fleischerzeugung. Durch die Kreuzung kommt es zu Heterosis-Effekten, wodurch die Produkte einer Gebrauchskreuzung bessere Gebrauchseigenschaften aufweisen als die Ausgangstiere. Allerdings ist er Heterosis-Effekt größer als bei einer Rotationskreuzung.

Die Selektion nach Eigenschaften findet bei Gebrauchskreuzungen in den Reinzuchtpopulationen und durch die Auswahl der geeigneten Kreuzungsrassen statt.

Eine Sonderform der Gebrauchskreuzung ist die Hybridzucht. Bei der Hybridzucht werden reine Linien erstellt, die in vielen Fällen stark ingezüchtet sind. Diese reinen Linien werden miteinander gekreuzt. Durch die starke Auslese bei der Zucht der Linien lassen sich die Heterosis-Effekte bei der Kreuzung wesentlich besser voraussagen bzw. vergrößern.

Streng genommen ist die Gebrauchskreuzung keine züchterische Bearbeitung eines Nutztieres, weil mit dem Produkt der Gebrauchskreuzung nicht mehr weiter gezüchtet wird.

Werden die Kreuzungstiere aber untereinander angepaart, splittet sich die nächste Generation in ihren Eigenschaften wieder nach den mendelschen Regeln auf. Werden die Eigenschaften der Hybriden durch Kreuzung untereinander stabilisiert, spricht man auch von der Erschaffung einer neuen Rasse.

Beispiele für die Zuchtmethoden

Die meisten Rassen werden in Reinzucht gehalten. Extrembeispiele der Reinzucht ist das Englische Vollblut und der Vollblutaraber, die keinerlei weitere Einkreuzungen dulden. Die meisten anderen Rassen erlauben ausnahmsweise Einkreuzungen von fremden Rassen zur Verbesserung von Eigenschaften, z. B. Fleckvieh von Red-Holstein. Der Übergang von der Veredelungskreuzung zur Verdrängungskreuzung kann fließend sein (z. B. Entstehung der deutschen Holstein-Population).

Die Gebrauchskreuzung findet Verwendung bei allen Nutztieren, um qualitativ hochwertige Tiere zu erzeugen. In der Rinderzucht werden die Reinzuchtpopulationen von den einzelnen Züchtern gehalten und bei Bedarf mit anderen Rassen gekreuzt. Dies ist insbesondere in der Milchkuhhaltung (z. B. Braunvieh, Jersey-Rind) bzw. in der Mutterkuhhaltung zur Erzeugung von mastfähigen Tieren der Fall. Auch in der Schweinezucht sind Gebrauchskreuzungen üblich. Hierbei werden oftmals die Rassen Pietrain als Vater (gute Mastleistung) und Deutsche Landrasse als Mutter (gute Fruchtbarkeit, Muttereigenschaften) eingesetzt. Die aus dieser Paarung entstehenden Ferkel (Kreuzungsferkel, ab und zu auch als Hybridferkel bezeichnet) werden nur zur Mast genutzt.

Die Gebrauchskreuzung in der speziellen Ausgestaltung der Hybridzucht findet im Wesentlichen in der Schweinezucht und Geflügelzucht Anwendung. Dabei werden reine Linien als Basispopulationen gezüchtet (ähnlich der Reinzucht) und sehr stark selektiert. Zur Erzeugung der Nutztiere werden die verschiedenen Basispopulationen miteinander gekreuzt. Die Basispopulationen etwa in der Schweinzucht werden von Zuchtunternehmen gehalten (Basiszuchtbetriebe, zum Beispiel JSR Hybrid Hirschmann, Schaumann, PIC, BHZP, SZV (Schweinezuchtverband Baden-Württemberg). Die Tiere aus der Kreuzung zweier Basispopulationen aber auch Tiere der Basispopulation selbst werden z. B. an "Vermehrungszuchtbetriebe" verkauft. Die Vermehrungszuchtbetriebe erzeugen Jungsauen für die Ferkelerzeuger. Die Mastferkel werden schließlich von den Ferkelerzeugern erzeugt, diese belegen (durch künstliche Befruchtung oder Natursprung) die Zuchtsauen (Mutterlinie) mit Ebern anderer Rassen/Linien oder Kreuzungen entsprechend dem System des Hybridzuchtprogrammes. Nach 21 bis 27 Tagen werden die Hybridferkel entwöhnt (= abgesetzt). Mit circa 30 kg Lebendmasse, die Tiere heißen jetzt Läufer, werden sie an den Mäster verkauft. Der Mastbetrieb mästet die Tiere nun bis zu einem Gewicht von etwa 100 kg bis zur Schlachtung. Die Aufgabenteilung zwischen Basiszuchtbetrieb, Vermehrerbetrieb und Ferkelerzeuger kann auch variieren und wird absätziges oder arbeitsteiliges System genannt.

Die Weiterzucht von Kreuzungstieren wurde z. B. bei der Entstehung der meisten Tierrassen verwendet. Beispiel aus jüngster Zeit ist die Zucht des Deutschen Reitponys.

Siehe auch