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KZ Majdanek

Das Konzentrationslager Majdanek (offiziell KL Lublin, KZ Lublin, auch in der Schreibweise K.L. Lublin; Majdanek ist ein Vorort von Lublin) war das erste Konzentrationslager der SS-Inspektion der Konzentrationslager (IKL) im besetzten Polen. Wie Auschwitz-Birkenau wurde Majdanek zeitweise auch als Vernichtungs-/Todeslager genutzt. Es bestand von Oktober 1941 bis Juli 1944. Am 23. Juli 1944 wurde das bereits großteils geräumte Lager befreit.

Inhaltsverzeichnis

Entstehung und Konzeption des KZ Majdanek als Kriegsgefangenenlager

Am 17. Juli 1941 beauftragte Hitler Himmler als Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei mit der polizeilichen Sicherung der neu besetzten Ostgebiete in der Sowjetunion. Damit nahm er im Zusammenhang mit dem neuen Feldzug gegen die Sowjetunion eine Aufgabenteilung mit der Wehrmacht vor. Himmler seinerseits ernannte noch am selben Tag Brigadeführer O. Globocnik, den SS- und Polizeiführer Lublins, zu seinem Beauftragten für die Errichtung der SS- und Polizei-Stützpunkte im neuen Ostraum, einem Plan für ein ausgedehntes Netz von militärisch befestigten SS- und Polizeistandorten einschließlich Wohnbezirken für deren Familien. Ausgangspunkt und Zentrum dieser SS- und Polizeikasernenviertel sollte die deutsch zu besiedelnde Stadt Lublin werden. Die gewaltigen Baupläne für ein „deutsches“ Lublin sollten von Zwangsarbeitern und Häftlingen verwirklicht werden.

Am 20. Juli 1941 besuchte Himmler Lublin und befahl Globocnik die Errichtung eines KL von 25.000 bis 50.000 Häftlingen zum Einsatz für Werkstätten und Bauten der SS und Polizei. Dabei gab er allem, was er unter Globocniks Regie vonstatten gehen sah, den Namen „Programm Heinrich“. Die tatsächliche Bauleitung für das Konzentrationslager lag, wie sonst im Reich üblich, beim SS-Hauptamt Haushalt und Bauten unter SS-Oberführer Dr.-Ing. H. Kammler. Kammler erteilte am 22. September 1941 den Baubefehl für den ersten Bauabschnitt des Konzentrationslagers zur Unterbringung von 5.000 Häftlingen. Durch die riesenhaften Zahlen sowjetischer Kriegsgefangener nach dem militärischen Erfolg der Schlacht um Kiew wurden die Planungen wenige Tage später angepasst. Kammlers revidierter doppelter Baubefehl für Lublin und Auschwitz-Birkenau vom 27. September 1941 lautete jetzt:

In Lublin und Auschwitz sind sofort am 1. Oktober Kriegsgefangenenlager mit einem Fassungsvermögen von je 50.000 Gefangenen gemäß den in Berlin gegebenen Weisungen und den überlassenen Zeichnungsunterlagen zu errichten.
DMS DMS
Warschau
Lage im heutigen Polen

Die Bauarbeiten der beiden Kriegsgefangenenlager Auschwitz-Birkenau und Lublin begannen zeitgleich eine Woche später. Anfang November erweiterte Kammler die Planung des Kriegsgefangenenlagers auf 125.000, im Dezember auf 150.000, im März 1942 gar für unglaubliche 250.000 sowjetische Kriegsgefangene. Realisiert davon wurde nur ein Bruchteil. Mitte Dezember 1941 waren Baracken für rund 20.000 Kriegsgefangene fertiggestellt. Unter mörderischen Bedingungen waren die Bauarbeiten bis dahin von etwa 2.000 sowjetischen Kriegsgefangenen verrichtet worden. Von ihnen waren Mitte November nur noch 500 am Leben, davon waren mindestens 30 Prozent arbeitsunfähig. Ab Mitte Dezember wurden 150 Juden aus Globocniks Lubliner Zwangsarbeitslager Lipowa-Straße in L-Majdanek eingesetzt. Etwa gleichzeitig brach hier eine Flecktyphusepidemie aus. Im Januar/Februar 1942 war die Baustelle unbesetzt: sämtliche sowjetischen Kriegsgefangenen und das jüdische Arbeitskommando waren tot.

Aktion Erntefest

Siehe auch Aktion Erntefest

Am 3./4. November 1943 wurden unter dem Decknamen „Erntefest“ die Juden des Distrikts Lublin von SS-Einheiten ermordet. Das Massaker fand in den drei Konzentrationslagern Majdanek, Poniatowa (Ort) und Trawniki statt. An diesen zwei Tagen wurden 40.000 bis 43.000 Menschen umgebracht. Insgesamt – so im Jahre 2006 die polnische Zeitung Gazeta Wyborcza – wurden allein in Majdanek 79.000 Menschen ermordet.

Bereits seit Ende Oktober 1943 hoben die Insassen des KZ Majdanek hundert Meter lange, sechs Meter breite und bis zu drei Meter tiefe Gräben in unmittelbarer Nähe des Lagers aus. Am Morgen des 3. Novembers wurden die jüdischen Häftlinge separiert, weitere Juden wurden aus den Außenlagern (insbesondere Lipowa, das sogenannte „Flughafen-Lager“) und der Stadt Lublin nach Majdanek geschafft. Sie mussten sich nackt ausziehen und „dachziegelförmig“ – d. h. hintereinander jeweils mit dem Kopf auf dem Rücken des Vorgängers in Längsrichtung – in die ausgehobenen Gräben legen. Ein Kommando aus etwa 100 SS-Männern und Polizisten ging die Gräben ab und tötete die Opfer mittels Genick- oder Kopfschuss. Nachdem der Boden eines Grabens mit Leichen bedeckt war, mussten sich die nächsten Opfer in gleicher Form auf die Toten legen. Jeder Graben wurde bis zur Oberkante gefüllt und anschließend notdürftig mit Erde bedeckt. Die Exekutionen dauerten bis in die Abenddämmerung. Zur Übertönung der Schüsse wurden eigens zwei Lautsprecherwagen bereitgestellt, die Marsch- und Unterhaltungsmusik spielten. Der Aktion fielen in Majdanek 17.000 bis 18.000 Menschen zum Opfer, darunter fast alle jüdischen Häftlinge. Lediglich je 300 weibliche und männliche Gefangene überlebten das Massaker, sie mussten anschließend die Kleidung der Opfer verwerten und später die Leichen exhumieren und verbrennen.

Nebenlager, Sammellager

Außenstellen des KZ Majdanek bzw. Sammellager unter der Bezeichnung Ghetto befanden sich in Radom und in Izbica.

Tötungsmethoden in Majdanek

Hannah Arendt überliefert aus dem Jerusalemer Prozess unter Nennung von Lublin, was auf Majdanek weisen würde (Arendt selbst glaubte Treblinka), folgende Aussage Adolf Eichmanns: (...) hier würde (...) ein Motor eines russischen U-Bootes arbeiten und die Gase dieses Motors würden hier hineingeführt werden, und dann würden die Juden vergiftet werden. (H. A., Eichmann in Jerusalem, Kap. VI ). Diese Angabe findet sich auch bei Thomas Sandkühler in seinem Buch über Berthold Beitz (s. Literatur in dem Artikel). Nach der neuen Veröffentlichung von Eichmann-Dokumenten durch Irmtrud Wojak handelte es sich um den Zeitraum Februar/März 1942, der Motor war ein sowjetischer Panzer-Motor (Quelle bei Wojak, Seite 183 und Anm.). Da Eichmann in dieser Quelle von einer Autofahrt von knapp 2 Stunden ab Lublin spricht, handelt es sich wahrscheinlich um eine Verwechslung; denn es kann sich dann nur um das Vernichtungslager Belzec gehandelt haben, bei dem ja die Verwendung von Panzermotoren-Abgasen bekannt ist (Wojak, S. 182). Für das KZ Majdanek sind Gaskammern bezeugt, in denen Menschen anfangs mit Kohlenstoffmonoxidgas, später durch Zyklon B ermordet wurden.[1]

Das Ende

Ende Juli 1944 wurde das Lager Majdanek geräumt, weil die Rote Armee auf dem Vormarsch war. Vor dem Abtransport der Gefangenen wurden alle Dokumente vernichtet und die Gebäude samt dem großen Krematorium in Brand gesetzt. In der Eile des Rückzugs versäumten die Deutschen jedoch die Zerstörung der Gaskammern und eines Großteils der Gefangenenbaracken.

Bereits im August 1944 gelangten westliche Journalisten zu einer Besichtigung nach Majdanek. Daraufhin wurden Darstellungen des Massenmords auf die Titelseiten US-amerikanischer Zeitungen und in US-Zeitschriften gesetzt. Das Life-Magazin berichtete am 28. August 1944 erstmals in einem ganzseitigen Artikel über M. - Überschrift: Begräbnis in Lublin. Russen ehren Juden, die von Nazis massenweise vergast und verbrannt wurden. Der Artikel enthielt sechs Fotos, darunter eines von einem Gottesdienst für die niedergemetzelten Juden. Am 30. August 1944 brachte die New York Times diese Überschrift auf die erste Seite: Nazi-Massenmord im Lager offengelegt. Opfer der riesigen Todesfabrik von Gaskammern und Krematorien auf 1.500.000 geschätzt. Geschrieben hatte den Artikel der erfahrene Journalist William H. Lawrence, der bereits bei zahlreichen Untersuchungen von Verbrechen (der Deutschen) in der Sowjetunion dabei gewesen war. Sein Artikel beginnt:

Ich habe soeben den schrecklichsten Ort auf Erden gesehen - das deutsche Konzentrationslager in Maidanek (Schreibweise), eine wahre Produktionsstätte des Todes, in der nach Schätzungen von sowjetischen und polnischen Behörden bis zu 1.500.000 Personen aus fast jedem Land Europas in den letzten drei Jahren ermordet wurden. Er schreibt weiter: Niemals wurde ich mit so vollständigen Beweisen konfrontiert, die jede Anschuldigung der Ermittler deutscher Verbrechen klar belegen. Insgesamt nahmen an dieser Reise 30 westliche Journalisten teil. Sie sprachen u. a. mit deutschen Offizieren, die recht freimütig zugaben, daß dies ein Ort hochgradig systematischer Vernichtung war. In Majdanek fand der bis dahin oft ungläubige Westen die fehlenden Beweise für die Massenvernichtung. Lawrence: Nach der Besichtigung von M. bin ich nun bereit, jeder Geschichte über deutsche Greueltaten Glauben zu schenken, seien sie auch noch so brutal, grausam und verderbt. Eigenartigerweise verzichteten sowohl Lawrence als auch sein Herausgeber im Begleittext darauf, die Opfer als Juden zu bezeichnen. Lawrence erfuhr von deutschen Wachen, dass am Spitzentag der Todesproduktion (3. November 1943, Aktion Erntefest)... von den Deutschen insgesamt zwischen 18.000 und 20.000 Gefangene auf unterschiedliche Weise, einschließlich Erschießen, Erhängen und Vergasen umgebracht wurden.

Möglicherweise sind die früheren Angaben zu den Opferzahlen zu hoch. So schätzte Tomasz Kranz nach seinen Forschungen die Zahl in Majdanek auf 78.000 (davon 59.000 Juden) [2] , [3]. Die Forschungen sind aber noch nicht abgeschlossen, daher ist die Zahl noch nicht als abschließend anzusehen.

Der Ort des Lagers heute

Heute befindet sich auf dem Areal eine Gedenkstätte, die im Oktober 1944 errichtet wurde. Da Teile des Lagers erhalten blieben, gibt es dort eine Ausstellung mit einem Archiv.

Die noch bestehenden Teile des Lagers werden von einer Gesellschaft gepflegt. Es wurden auch Forschungsarbeiten über die Geschichte des Lagers im Rahmen des Museums publiziert.


Gerichtsverfahren

Insgesamt taten während der Existenz des Lagers schätzungsweise 1.200 SS-Leute dort Dienst. Als die Rote Armee näherrückte, wurde das Lager verlassen und die noch etwa 1000 Gefangenen fortgeschafft. Am 23. Juli 1944 wurde das Lager befreit. Durch eine polnisch-sowjetische Kommission begann noch im Juli die erste Untersuchung der Verbrechen. Es kam in Lublin zur Gerichtsverhandlung, die im November 1944 zu vier Todesurteilen führte. Zwei Jahre danach, ebenfalls in Lublin, wurde gegen 95 SS-Angehörige verhandelt. 1948, nach zweijährigem Prozess, wurden darin 7 der Angeklagten zum Tode verurteilt, darunter auch die frühere Kommandantin des Frauenlagers, Else Ehrich, die anderen erhielten Haftstrafen.

Der Majdanek-Prozess von 1975 bis 1981 war ein Prozess gegen 16 ehemalige SS-Angehörige in Düsseldorf. Acht Beschuldigte erhielten Freiheitsstrafen, Hermine Ryan geb. Braunsteiner eine lebenslange Freiheitsstrafe, die anderen sieben, darunter Hildegard Lächert, zwischen drei und zwölf Jahren. Fünf weitere Angeklagte wurden mangels Beweisen freigesprochen, da viele Zeugen die Täter nach so langer Zeit nicht mehr eindeutig identifizieren konnten. Ein Angeklagter war verhandlungsunfähig geworden, drei weitere starben während des Verfahrens. Diese Gerichtsurteile sorgten in der BRD für eine längere Debatte, da die verhängten Strafen vielen Beobachtern zu gering erschienen.

Siehe auch

Literatur

Film

 Commons: Majdanek – Bilder, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Tomasz Kranz: Das KZ Lublin - zwischen Planung und Realisierung. S. 379. In: Ulrich Herbert, Karin Orth, Christoph Dieckmann: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager.. FiTb, Frankfurt 1998, ISBN 3-596-15516-9
  2. http://www.auschwitz-muzeum.oswiecim.pl/new/index.php?tryb=news_big&language=DE&id=897
  3. Kranz, Thomasz: Die Erfassung der Todesfälle und die Häftlingssterblichkeit im KZ Lublin (übersetzt aus dem Polnischen von Christhardt Henschel). In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 55 (2007), Heft 3, S. 220-244

Koordinaten: 51° 13' 09" N, 22° 36' 21" O