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Dunkle Jahrhunderte

Als Dunkle Jahrhunderte oder Dunkle Zeitalter werden Zeiträume bezeichnet, in denen die Vor- bzw. Frühgeschichte einer bestimmten Region mangels Schriftquellen oder archäologischer Funde wenig bis gar nicht erforscht ist. In der Regel gehen diesen Dunklen Jahrhunderten Zeitabschnitte voraus, die relativ besser bekannt sind.

Im übertragenen Sinn bezeichnet man auch Zeiten, in denen das zivilisatorische Niveau (z. B. durch Krieg, Unterdrückung und Ausbeutung, Kreuzzüge, Pogrome, Inquisition oder Seuchen) niedrig war, als dunkel, resp. dunkle Jahrhunderte. In diesen Zeiten ist ein Rückgang des Kulturschaffens und damit auch der Schriftproduktion zu verzeichnen, wodurch die Wahrscheinlichkeit, dass informative Schriftquellen überliefert wurden, drastisch reduziert wird. Ein etwa durch Seuchen oder Kriege verursachter Rückgang der menschlichen Besiedlungsdichte verringert auch die Möglichkeit archäologischer Funde.

In der Renaissance prägten Humanisten den Topos vom „dunklen“ oder „finsteren Mittelalter“, das ihrer eigenen, nun erleuchteten Zeit voranging und in dem religiös begründeter Dogmatismus den Geist verfinstert habe.

In der Altertumsforschung wird der Ausdruck „Dunkle Jahrhunderte“ vor allem für die griechischen und die anatolischen Dunklen Jahrhunderte angewendet. Häufig werden auch Teile des europäischen Frühmittelalters, sowie das sich an den Rückzug der Römer aus der Provinz Britannia anschließende Zeitalter als Dunkle Zeitalter bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Antike

Antikes Griechenland

Mit dem Dunklen Zeitalter Griechenlands ist die Zeit zwischen dem Ende der mykenischen Kultur etwa um 1200 v. Chr. und dem Aufschwung in der orientalisierende Zeit etwa ab 750 v. Chr. gemeint. Weil man aus diesem Zeitraum keine Schriftquellen und - von Keramik abgesehen - kaum archäologische Funde kennt, gilt die Zeit als „Dunkles Zeitalter“. Klar ist, dass das der Schrift mächtige Griechenland nach der Zerstörung der mykenischen Zentren für einige Jahrhunderte in Schriftlosigkeit versank, sich während dieser Zeit aber das „Griechentum“ (gemeint ist die griechische Kultur der archaischen und klassischen Zeit) vorbereitete. In den letzten 30 Jahren wurden Entdeckungen gemacht, die etwas mehr Licht in die „Dunklen Jahrhunderte“ brachten. Besonders das 12. Jahrhundert v. Chr. und das frühe 8. Jahrhundert v. Chr. sind etwas besser erforscht, so dass nur noch für die Periode zwischen circa 1050 v. Chr. und 800 v. Chr. von „Dunklen Jahrhunderten“ gesprochen werden kann.

Das 12. und frühe 11. Jahrhundert v. Chr. (Späthelladisch III C)

Eine der wichtigen Erkenntnisse war, dass die mykenische Kultur noch circa 150 Jahre lang die Umbrüche von 1200 v. Chr. überdauerte. Um 1200 v. Chr. wurden viele mykenische Siedlungen, vor allem aber die Paläste zerstört. Einher damit ging der Zusammenbruch der Strukturen, in denen die Wirtschaft von den mächtigen Herrschern (Wanax) gelenkt war (Palastwirtschaft). Zwar waren die Umwälzungen gravierend, sie bedeuteten jedoch nicht das sofortige Ende der mykenischen Kultur. Viele Zentren wurden wiederbesiedelt und die mykenische Keramik knüpft ohne Bruch an die der Palastzeit an. Auch der Fernhandel wurde in der Phase Spätmykenisch C (oder Späthelladisch III C) weiter betrieben. In Tiryns wurde die Oberstadt teilweise wiederaufgebaut und innerhalb des darniederliegenden alten Palastes wurde ein neuer Bau errichtet, dessen Wände man mit Fresken verzierte und der von einer neuen aristokratischen Schicht bewohnt wurde. Zentren, wie Pylos, wurden nach der Zerstörung um 1200 v. Chr. aber nie mehr besiedelt, andernorts sank die Bevölkerungszahl.

Das 12. Jahrhundert v. Chr. war aber im wirtschaftlichen, künstlerischen und demographischen Bereich von einer starken Rezession geprägt. So kommt es auch im Verlaufe der Spätmykenisch-C-Phase immer wieder zu lokalen Zerstörungen. Da Schriftfunde aus dieser Phase fehlen, wird vermutet, dass mit dem Zusammenbruch der Palastwirtschaft auch die Kenntnis der Schrift, die auf die Oberschicht beschränkt existierte, verloren ging. Vasen mit Schiffsdarstellungen zeigen jedoch, dass die Schifffahrt offenbar noch eine Rolle spielte. Im Laufe des 11. Jahrhunderts v. Chr. verändert sich nicht nur die Keramik (Übergang zur Protogeometrischen Keramik, auch in den Bestattungsriten treten Veränderungen auf. Es wird vermutet, dass zu dieser Zeit (ca. 1050 v. Chr.) die Dorische Wanderung begann, bzw. dass sich die Zeusreligion, deren Aufkommen laut Mythos mit schweren Kämpfen verbunden gewesen zu sein scheint, genau zu dieser Zeit etablierte.

Das späte 11. bis 9. Jahrhundert v. Chr.

Die folgende Phase der griechischen Antike ist die Periode, über die am wenigsten bekannt ist. Die meisten Funde sind Tongefäße, nach deren Verzierung die Zeit bis ca. 900 v. Chr. die protogeometrische heißt. Die Zeit zwischen ca. 900 und 700 v. Chr. nennt man geometrische Zeit. Die Keramik stammt fast ausschließlich aus Gräbern. Siedlungen wurden nur wenige entdeckt. Eine typische Siedlung dieser Phase ist Nichoria in Messenien, eine kleine Siedlung mit kleinen, einstöckigen, rechteckigen Gebäuden. Ovale oder apsidenförmige Gebäude sollten die Kultbauten dieser Zeit gewesen sein. In einem etwas größeren, aber sehr schlichten Bau wohnte die Führungsfamilie. In ihm wurden offenbar auch Versammlungen und Feiern abgehalten. Die materielle Hinterlassenschaft zeugt nicht von größerem Wohlstand. Artefakte, die auf intensiven Fernhandel schließen lassen, fehlen. Es wurde offenbar mehr Viehhaltung und Jagd betrieben als in mykenischer Zeit, in der der Schwerpunkt eindeutiger auf dem Ackerbau lag. Eisen wurde erstmals in nennenswertem Umfang als Werkstoff genutzt, war aber noch sehr kostbar.

Der Eindruck, dass die Periode ein niedriges Kulturniveau hatte und Griechenland isoliert war, wird durch andere Siedlungsfunde verstärkt. Daher waren ab Ende der 1970er Jahre auf Euböa gemachte Entdeckungen sensationell. Bei Lefkandi wurde eine Siedlung ausgegraben, die ein etwas anderes Bild lieferte. In den Nekropolen des 10. und 9. Jahrhunderts v. Chr. wurden die Toten oft mit kostbaren Beigaben bestattet, die Wohlstand und Handel bezeugen. Noch eindrucksvoller sind die Reste eines 45 m langen apsisförmigen Gebäudes, in dem wohl der Fürst von Lefkandi mit seiner Frau bestattet wurde. Neben vier Pferden wurden den Toten ein Messer, ein Schwert aus dem damals neuartigen Material Eisen, sowie Gegenstände und teilweise reich verzierter Schmuck aus Gold, Elfenbein und Fayence ins Grab mitgegeben. Vieles stammte aus Ägypten und dem Vorderen Orient. Die Funde von Lefkandi stehen in deutlichem Kontrast zu den übrigen Fundstellen in Griechenland. Offensichtlich gab es im 10. und 9. Jahrhundert v. Chr. Gegenden, in denen die Bevölkerung (auch) durch intensiven Handelsaustausch zu Wohlstand gekommen war.

Das späte 9. und frühe 8. Jahrhundert v. Chr.

Zwar brachten es die Bewohner Euböas bereits im 10. Jahrhundert v. Chr. zu Wohlstand, ein allgemeiner Aufschwung setzte in Griechenland jedoch erst Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. ein, als in großem Umfang orientalische Einflüsse nach Griechenland gelangten. Gleichzeitig begann die erste große Griechische Kolonisation - größere Tempel entstanden und Homer und Hesiod verfassten ihre Werke, die sich über die mittlerweile wieder überall benutzte Schrift schnell verbreiteten.

Die Bildung von Stadtstaaten (poleis) wird abgeschlossen und es entstehen unterschiedliche Verfassungen. Die Saat des rapiden Aufstiegs in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. wurde schon in den späten „Dunklen Jahrhunderten“ gelegt. Es gab griechische Handelsstationen auf Zypern (vor allem Kition) und in Syrien (Al Mina). Von dort kann intensiver Handel mit Griechenland ab dem frühen 8. Jahrhundert v. Chr. nachgewiesen werden. Kontakte insbesondere zu den Phöniziern gab es aber vermutlich bereits im späten 9. Jahrhundert v. Chr. Vermutlich noch im 9. Jahrhundert v. Chr. übernahmen die Griechen das Alphabet von den Phöniziern. Durch Kontakte mit dem Nahen Osten, vermutlich aber auch mit Kreta gelangten nicht nur materielle Güter und künstlerische Anregungen nach Griechenland, sondern auch gesellschaftliche und religiöse Einflüsse. All das führte zu höherem Lebensstandard, einem Anwachsen der Siedlungen und zu wirtschaftlichem und politischem Aufschwung.

Siehe auch: Antikes Griechenland

Antikes Anatolien

Anatolische dunkle Jahre bezeichnet dieselbe Zeitspanne (ca. 1200 v. Chr. bis 750 v. Chr.) wie in Griechenland und wurde vom türkischen Archäologen Ekrem Akurgal in Anlehnung an diese geschaffen. Über die Entwicklungen in dieser Zeit wissen wir - von Ostanatolien und den griechisch besiedelten Küstenstreifen abgesehen - sehr wenig. Das liegt auch hier daran, dass es aus diesem Zeitraum keine Schriftquellen und nur sehr wenige archäologische Funde gibt

Die dunklen Jahre Anatoliens setzen mit dem Zusammenbruch des Großreichs der Hethiter ein. Wie es dazu kam ist unbekannt, denn die jüngsten Schriftquellen aus der Hauptstadt Hattuscha datieren einige Jahre vor der Zerstörung der Stadt. Die Ursachen waren wahrscheinlich multikausal: Autoritäts- und Legitimierungs-Schwierigkeiten des Herrschers Suppiluliuma II., zu viele Feldzüge in zu kurzer Zeit, die sicher die militärische Kraft schwächten, eine Hungersnot, die für ca. 1200 v. Chr. in Kleinasien nachgewiesen ist. Zypern und das wichtige Handelszentrum Ugarit in Syrien wurden vermutlich von den so genannten Seevölkern erobert. Die Philister gelangten nach Palästina. Letztendlich ist aber unklar, ob äußere oder innere Wirren für den Zusammenbruch in Anatolien verantwortlich sind, wo ein Machtvakuum entstand.

Im Laufe des 12. Jahrhunderts v. Chr. ziehen die Kaskäer von Nord- nach Ost-Anatolien. Phrygische Elemente breiten sich von der Troas über West- und Zentralanatolien aus. Hethitische Kleinstaaten bestehen in Ost- und Südostanatolien aber bis ins 8./ 7. Jahrhundert v. Chr. weiter. Möglicherweise existieren sie auch in anderen Randregionen eine Zeit lang. Im südlichen Anatolien wurde die Stele eines hethitischen Herrschers gefunden, der sich in der Tradition des Großreichs sieht. Dieser Fund steht bisher isoliert und man kann auch nicht mehr sagen, als dass die Stele während der Dunklen Jahre entstand.

Die Städte Zentalanatoliens werden entweder verlassen oder im Laufe des 12. Jahrhunderts v. Chr. (Hattuscha, Gordion) von neuer Bevölkerung besiedelt, wobei es sich vermutlich um Phryger und Kaskäer handelt. Architektur und Keramik der Neubesiedlungen sind grundverschieden gegenüber der hethitischen. Die Keramik ist handgemacht und die Gebäude sind klein und schlicht. Gegen Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. wird dann ein mächtiges Phrygerreich erkennbar, das weite Teile Anatoliens beherrscht. Wie es zur Herausbildung dieses Reichs kam, ist unbekannt. Ab ca. 750 v. Chr. gibt es auch wieder viele archäologische Funde und die Geschichte Anatoliens tritt erneut aus dem Dunkel.

Antikes Ägypten

Siehe: Ägyptische Chronologie

Mittelalter

In Bezug auf das mittelalterliche Europa werden in der seriösen Geschichtsschreibung bisweilen Zeiten mit geringer Schriftproduktion als dunkle Jahrhunderte bezeichnet, da hier nur wenig Informationsmöglichkeiten für die lange Zeit ausschließlich auf die Interpretation von Schriftdokumenten ausgerichteten Methoden der Geschichtswissenschaft vorliegen. Je nach Region kann man hier ganz verschiedene Epochen und Jahrzehnte als „dunkel“ bezeichnen. Insbesondere die Völkerwanderungszeit und die Zeit nach dem Zerfall des (west-)römischen Reiches, wie auch die Zeit nach dem Zerfall des Karolingerreiches, das 10. und insbesondere das 11. Jahrhundert sind in dem angesprochenen Sinne vielerorts „dunkle Jahrhunderte“.

Von wesentlicher Bedeutung sind hier ethnische, gesellschaftliche und politische Umformungsprozesse, die oft einen starken Bruch mit der Kultur bewirkten. Auch die erst nach und nach erfolgende Christianisierung der paganen Völker Mittel- und Osteuropas, verbunden mit der Tatsache, dass im frühen Mittelalter vor allem die Kirche einziger Inhaber schriftlicher Kultur war, bedingt eine Verminderung schriftlicher Quellen zu dieser Zeit. Ein Grund für diese Umformungsprozesse in Europa wird auch in den Auswirkungen des kühlen Klimas und zugehörigen Klimaschwankungen gesehen, die zwischen dem römischen Klimaoptimum und der Mittelalterlichen Warmzeit liegen.

Neuzeit

Auch in der Neuzeit wird bisweilen von „dunklen Zeiten“ gesprochen. So wurde in Deutschland insbesondere in den ersten beiden Nachkriegsgenerationen die vorangegangene Zeit des Nationalsozialismus als „Deutschlands dunkle Zeit“ bezeichnet. Hier stellen der ethische, damit kulturelle Niedergang und die grausamen Verbrechen der Nationalsozialisten die Leitkriterien dar.

Literatur

Standardwerke aus den 1970er Jahren, mittlerweile veraltet
Ein neues umfassendes Werk zur griech. Epoche
Spezielle Arbeiten