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Masse (Soziologie)

Masse bezeichnet in der Soziologie eine große Anzahl von Menschen, die konzentriert auf relativ engem Raum physisch miteinander kommunizieren und/oder als Kollektiv gemeinsam sozial handeln. Der Begriff wird oft abwertend gebraucht („dumme Massen“, „Vermassung“), andererseits können Massen als soziale Bewegungen auch kulturell hochstehende Werte wie Gerechtigkeit und Gleichheit ins Bewusstsein der öffentlichen Meinung bringen oder sie als „revolutionäre Massen“ aktiv politisch durchsetzen.

Inhaltsverzeichnis

Begriffsbestimmungen

„Masse“ wird umgangssprachlich auch oft als Synonym zu „einfachen Leuten“, „Ungebildeten“, zur „Arbeiterklasse“, allgemeiner auch zum „Volk“ bzw. zur „Bevölkerung“ gebraucht. Gegenbegriffe sind dann „Individuen“, „bedeutende Einzelne“, auch „die Gebildeten“. Der Soziologe Vilfredo Pareto stellt die „Masse“ den „Eliten“ und „Reserveeliten“ gegenüber, ähnlich unterscheidet Charles Wright Mills zwischen „Masse“ und „Machtelite“.

Andererseits ist ein zweiter, soziologischer Gegenbegriff auch die „Menge“. Während „Massen“ oft (meist spontane, manchmal aber auch geplante) Hierarchien aufweisen (insbesondere in Form von Anführern und Rädelsführern), sind „Mengen“ unstrukturiert, nur situativ verbunden (z. B. alle Passanten in einer Einkaufsstraße) und tendieren im Gegensatz zu „Massen“ nicht dazu, geschlossen, also aktiv und intentional zu handeln.

Soziologische Merkmale

In der Regel geht Massenbildung mit einer Verhaltensenthemmung und einer temporären Überschreitung von sozialen Normen einher. Dies kann sowohl positive Affekte freisetzen (insbesondere soziale Nähe bei Festen und Feiern) als auch negative wie Hass und Aggression (etwa in Form des Lynchmobs). Mitunter können Massenstimmungen sehr rasch umschlagen (der redensartliche „Wankelmut der Massen“), wenn äußere Ereignisse eintreten oder sich Gerüchte innerhalb der Masse verbreiten.

Dennoch folgt das soziale Handeln von Massen eigenen Gesetzmäßigkeiten (vgl. „Figuration). Ihre Teilnehmer werden dabei von gemeinsamen Intentionen und Interessen, aber auch von kollektiven emotionalen Affekten und unbewussten Regungen koordiniert. Oft orientieren sich Massen auch an kollektiven Symbolen und Ideen, etwa politischen oder religiösen Konzepten.

Eine aktuelle Masse ist alsdann zur Schaffung eigener sozialer Dynamik in der Lage: Im negativen Fall reichen diese von Gerüchtverbreitung, Plünderung, Panik bis hin zu Pogrom und Lynchjustiz, im positiven Fall aber auch von einer pazifistischen Kundgebung oder Demonstration über den politischen Widerstand gegen despotische Tyrannei und die Befreiung von Diktaturen in Aufständen und Revolten – bis hin zur revolutionären Ausrufung einer neuen Gesellschaftsform, wie es in der Französische Revolution 1789 in Frankreich oder in der Novemberrevolution 1919 in Deutschland, insbesondere in der Münchner Räterepublik, der Fall war.

Nicht zwangsläufig, aber oft werden Massen dabei von einzelnen (Rädels-)Führern angeleitet und dabei mitunter zu Taten verführt, die sie außerhalb der Masse als Individuen nicht begehen würden. Die negativen Aspekte der Manipulierbarkeit des Individuums, sein „Aufgehen“ in der Masse sind insbesondere in bzw. vor Kriegen (vgl. Hurra-Patriotismus) sowie im Massenkult des Dritten Reichs zum Vorschein gekommen. Eine anschauliche Beschreibung des rauschhaften Massengefühls beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Deutschland bietet Heinrich Mann in seinem Roman Der Untertan:

„Hurra, schrie Diederich, denn alle schrien es. Und inmitten eines mächtigen Stoßes von Menschen, der schrie, gelangte er jäh bis unter das Brandenburger Tor. Zwei Schritte vor ihm ritt der Kaiser hindurch. Diederich konnte ihm ins Gesicht sehen, in den steinernen Ernst und das Blitzen, aber ihm verschwamm es vor den Augen, so sehr schrie er. Ein Rausch höher und herrlicher als der, den das Bier vermittelt, hob ihn auf die Fußspitzen, trug ihn durch die Luft. Er schwenkte den Hut hoch über allen Köpfen in einer Sphäre der begeisterten Raserei, durch einen Himmel, wo unsere äußersten Gefühle kreisen. Auf dem Pferd dort unter dem Tor der siegreichen Einmärsche und mit Zügen steinern und blitzend ritt die Macht.“

Herrschende beriefen und berufen sich zu ihrer Legitimation nicht selten auf eine Unterstützung der Massen, erwartbar in Demokratien, aber auch in ‚populistischen‘ Diktaturen (vgl. Tyrannis).

Im Marxismus wird die Masse als (zumindest potentiell) revolutionärer, nach Emanzipation strebender Teil der Gesellschaft (insbesondere in Form des Proletariats) als möglicher Träger einer sozialen Revolution gesehen. Gerade der Bezug auf die Interessen der Massen unterscheidet in den Augen der Marxisten die kommunistische Bewegung von anderen historischen sozialen Bewegungen. So schreibt Karl Marx 1848: „Alle bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von Minoritäten oder im Interesse von Minoritäten. Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl.“[1]

Nach Vilfredo Pareto übernimmt jedoch nach einer erfolgreichen Revolution niemals die „Masse“ selber die Herrschaft, sondern immer eine „Reserveelite“, die die Masse auf ihre Seite gebracht und derart instrumentalisiert hat.[2]

Ursachen für Massenbildungen

Spontane Massengeschehnisse, insbesondere in Form von sozialen Protestbewegungen, sind allgemein vor allem in krisenhaften Zusammhängen erwartbar.

Soziale Krisen (Inflation, Hungersnöte, Seuchen, Bürgerkriege, Invasionen, Landnahmen usw.) führten seit jeher zu Massenhandeln – daher auch die Bedeutung von Massen in Gestalt ad hoc zusammen tretender Volksversammlungen oder Heeresversammlungen (im Römischen Reich oft bis hin zur Ausrufung eines neuen Kaisers). Generell liegt eine Hauptursache für Massenhandeln darin, dass neuartige Krisen nicht durch die in gewohnten Gemeinschaften bewährten Notmaßnahmen bewältigt werden können.

Das historische Auftreten von Menschen als Massen ist also nicht nur ein Phänomen höherer Zivilisationen oder gar der Neuzeit, wo es seine Ursache in der mit dem Bevölkerungswachstum verbundenen sinkenden Dichte und Verkleinerung sozialer Netzwerke, zumal bei steigender Urbanisierung und damit der Verunsicherung durch zumeist wirtschaftliche Krisen hat.

In der Neuzeit findet sich dagegen eine ganz neue Form der Massenbildung: die Massenkommunikation durch Massenmedien wie Zeitung, Rundfunk oder Fernsehen. Aufgrund ihrer großen Reichweite und Kapazität bieten Massenmedien einerseits die Möglichkeit, große Menschenmassen kommunikativ miteinander zu vernetzen, andererseits gehen sie aufgrund ihrer starren Sender-Empfänger-Struktur meist mit einseitigen Machtstrukturen einher. In der Regel im Besitz großer Konzerne oder des Staates, bilden Massenmedien eigene Strategien zur Massenformierung aus, um die öffentliche Meinung in ihrem Interesse bzw. im Interesse Dritter zu beeinflussen (Propaganda), um gesellschaftliche Machtpositionen und Herrschaftsverhältnisse zu legitimieren oder um mehr Waren abzusetzen (Werbung, Kommerz).

Theodor W. Adorno kritisierte die industriell produzierte Massenunterhaltung in seinem Schlagwort der „Kulturindustrie“. Eine wesentliche Motivation der kulturindustriell betriebenen „Vermassung“ durch Massenmedien sieht er in der ideologischen Gleichschaltung der Individuen zu gehorsamen Konsumenten und Untertanen.[3]

Arten von Massen

Gerichtete Masse
spontane oder provozierte Gewalttaten, zielgerichtete gegen abweichende Einzelne oder kleine Gruppen
Indifferente Masse
die Masse schlägt in ihrer Meinung ins Gegenteil um: die Euphorie wird zum Hass und zur Aggression („Hosianna-Kreuzige-Effekt“).
Hetzmasse
Demagogie und Hetze vermögen Minderwertigkeitsgefühle auf andere zu projizieren; die Gewissheit der Zugehörigkeit zu den „Guten“ erleichtert das Vorgehen gegen die minderwertigen anderen bis zur Bereitschaft ihrer Vernichtung.
Fluchtmasse
In Momenten drohender Gefahr reagiert die Fluchtmasse meist irrational; sie richtet ihre Bewegung nicht in vernünftiger Erwägung aus, sondern vergrößert durch Panik die Bedrohung mitunter noch.
Verbotsmasse
Das Aufbegehren gegen Benachteiligungen lässt eine Verbotsmasse entstehen: eine fest organisierte Masse (z.B. in einem Streik).
Umkehrungsmasse
Eine unterdrückte Masse wird Umkehrungsmasse genannt, wenn sie gewaltsam gegen ihre Unterdrücker vorgeht, um die Verhältnisse umzukehren (Rebellion, Revolte, Aufstand, Revolution).

Literatur

Untersucht wurde das Massenphänomen u.a. von

Zitatnachweise

  1. Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der kommunistischen Partei, in MEW 4, S. 472. Die „Mehrzahl“ erschien dann in kommunistischer Propaganda häufig als „die Massen“.
  2. Vilfredo Pareto: Trattato di sociologia generale, 1916, dt. 1955: Allgemeine Soziologie.
  3. In diesem Sinne schon 1922 Ferdinand Tönnies in seiner Kritik der öffentlichen Meinung (Bd. 14 der Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2002).

Siehe auch