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Labyrinth

Dieser Artikel erläutert das Wegesystem; zu anderen Bedeutungen siehe Labyrinth (Begriffsklärung).

Labyrinth (griech.: labyrinthos), ist ein Lehnwort aus der vorindoeuropäischen Sprache auf Kreta. Die Herkunft des Wortes, das häufig mit Doppelaxt, Haus der Labrys übersetzt wird, muss als ungeklärt gelten. Ein Labyrinth bezeichnet heute jede Art eines verschlungenen Wegesystems, das den Weg hinein, hinaus oder hindurch zu einem Rätsel oder zumindest zu einer besonderen Erfahrung macht.

Labyrinthe sind in weiten Teilen Europas verbreitet. Es gibt sie als Gebäude, Fußbodenmuster, Heckengärten, Einschnitte in vollflächig bepflanzten Feldern (Mais, Hanf), oder als Zeichnung, Symbol oder Felsritzung. Als letztere finden sie sich in sehr großer Zahl auf den Schären vor Stockholm und selbst in der arktischen Zone von Russland.

Inhaltsverzeichnis

Zwei Arten

Die Formen von Labyrinthen sind vielfältig. Es können zwei Grundtypen klar auseinandergehalten werden:

  1. Ein in sich verschlungener oder gefalteter Weg, der sich aber nicht verzweigt, sondern eindeutig zu einem Ziel (meist einer besonders hervorgehobenen Stelle in der Mitte) führt. In einem solchen Labyrinth ist es nicht möglich, sich zu verirren. Bewegt man sich ununterbrochen voran, erreicht man mit Sicherheit das Ziel, und kehrt man dort um, erreicht man ebenso sicher wieder den Eingang. Das abgebildete Labyrinth an der Kirche in Beyenburg ist, wie alle Labyrinthe an und in Kirchen, von diesem Typ. (Bei Fingerlabyrinthen ist die erhabene, hier im Bild hellere Linie der „Weg“.)
  2. Ein Irrgarten, also ein unübersichtliches Gebiet mit Wegen, die sich verzweigen und von denen viele (typisch: alle bis auf einen) nicht zum Ziel führen, sondern in Sackgassen enden oder als Schleifen in sich zurück kehren. Hier müssen beim Begehen immer wieder Entscheidungen getroffen werden, und ein Verirren ist möglich: man kann sich beliebig lange in dem System umher bewegen, ohne zum Ziel oder zum Ausgang zu kommen. Wenn kein Rundgang möglich ist, kann man diese Art von Labyrinth wieder verlassen, indem man sich stets an der rechten (oder stets an der linken) Wand hält (aber nicht wechselt), aber in bereits betretene Abzweigungen nicht noch einmal hineingeht, läuft man alle Verzweigungen nacheinander ab. Da man so keine Abzweigung, die vielleicht zum Ziel führen könnte, auslässt, gelangt man zum Ende des Labyrinths. Diese Methode wird auch Rechte-Hand-Regel genannt.
    Dieser Typ von Labyrinth unterscheidet sich auch im übertragenen, symbolischen oder spirituellen Sinn vom unverzweigten Typ.

Mit dem Labyrinth, das beiden Gattungen den Namen gegeben hat, dem sagenhaften Bauwerk des Daidalos (siehe unten), muss ein verzweigtes gemeint sein, da sonst das Motiv der Orientierung mittels des Ariadnefadens sinnlos ist. Auch der Palast von Knossós - falls dieser das Namen gebende Objekt sein sollte (siehe unten) - ist ein stark verzweigtes Wegesystem. Jedoch werden offensichtlich schon seit der Antike die beiden Arten miteinander verwechselt, denn an einem Haus in der römischen Stadt Pompeji findet sich die Graffito-Darstellung eines unverzweigten Labyrinths mit dem Text LABYRINTHUS HIC HABITAT MINOTAURUS (Labyrinth, hier wohnt der Minotauros). Auch später ist in der Kunst immer wieder das unverzweigte Labyrinth zusammen mit Elementen der Minotaurossage dargestellt worden.

Obwohl das unverzweigte Labyrinth älter oder ebenso alt wie die Minotaurossage ist (siehe unten) und vermutlich einen von ihr unabhängigen Ursprung hat, gibt es anscheinend - abgesehen von der regionalen Bezeichnung Trojaburg in Skandinavien (siehe unten) - keinen anderen Namen dafür. In Großbritannien wird wohl in Anlehnung an nordische Vorbilder, und verbunden mit Orten mit nordischen Ortsnamen/endungen, von Troys, Troy towns oder Wall of Troy bzw. vom "Game of Troy" gesprochen.

Labyrinthe in der Antike

Labyrinth von Pylos, Archäologisches Museum Athen

Undatierbar alt sind die vielleicht ältesten Labyrinthe, die sich als Felsritzungen im Alpenraum, auf Sardinien und im Rocky Valley in Cornwall (bei Tintagel) fanden. Die Felsritzungen sind fast immer unverzweigte Labyrinthe. Die ältesten wissenschaftlich sicher datierbaren Funde in Pylos (Griechenland) und Tell Rifa'at (Syrien) stammen aus der Zeit um 1220 v. Chr.

Der Totentempel des Königs Amenemhet III. (1844-1797 v. Chr.) mit vermutlich 3000 Räumen legt über die Irrgartenstruktur ein Zeugnis ab, nicht aber über das Urlabyrinth als solches. Herodot und andere antiken Autoren berichten über ein gewaltiges Bauwerk in Ägypten, das Herodot als das Labyrinth bezeichnet (II 148). Es handelt sich dabei um den Totentempel bei der Pyramide von Amenemhet III. in Hawara; er hieß in der hieroglyphischen Schreibweise l-p-r-n-t, was heutzutage als lo-pe-ro-hunt gelesen wird und Palast am See bedeutet. Von den Kretern wurde das Wort als da-pu-ri-to (s. u.) übernommen. (Quelle: Hans H. Hermann: Europa kam aus Afrika. Hamburg 1980, S. 197)

In der griechischen Mythologie bezeichnet Labyrinth ein von Daidalos für den kretischen König Minos von Knossós errichtetes Gebäude, aus dessen verschlungenen Gängen niemand herausfand und das als Gefängnis des gefährlichen Minotauros, eines Mischwesens aus Mensch und Stier, diente. Theseus vermochte mit Hilfe des Ariadnefadens den Weg heraus zu finden.

Das Labyrinth von Knossós ist das Labyrinth, auf das die Bezeichnung und der Begriff des Labyrinths in der Kulturgeschichte zurückgeht. Das Wort Labyrinth bezeichnete im mykenischen Griechisch (um 1200 v. Chr.) offenbar nur den Palast in Knossós. Wir finden es dort als „da-pu-ri-to“ (gesprochen etwa „laburintos“).

Labyrinthe wurden etwa 400 v. Chr. auf kretische Münzen geprägt. Unverzweigte Labyrinthe finden sich später als dekoratives Motiv römischer Fußbodenmosaiken.

Hinweise auf Labyrinthe in Asien und Amerika stammen aus viel späteren Zeiten. In Skandinavien wurden unverzweigte Rasen- und Steinlabyrinthe, oft mit elf Umgängen, gefunden, die ihrem Alter nach sicher nicht der Megalithkultur zuzurechnen sind.

Labyrinthe in germanischer Zeit

Die heutigen Rasenlabyrinthe leiten sich von Anlagen ab, die in altgermanischer Zeit Kultstätten waren. Durch rituelle Tänze in den labyrinthförmigen Linien sollten Weltanschauung und Lebensordnung mit den die Menschen umgebenden Naturgewalten versöhnt werden. Heute gibt es noch vier historische Rasenlabyrinthe in Deutschland. Dies sind das „Rad“ im Stadtwald Eilenriede in Hannover, der Wunderkreis in Kaufbeuren, der Schwedenhieb in Graitschen und der Schwedenring in Steigra.

Labyrinthe im Mittelalter

Mittelalterliche unverzweigte Labyrinthe finden sich in vielen Kathedralen, zum Beispiel in Notre-Dame de Chartres, Notre-Dame de Amiens und im Dom von Siena als Fußbodenlabyrinthe. Ein Fingerlabyrinth befindet sich am Eingang des Doms in Lucca, Norditalien. Aber auch als Wandzeichnungen in skandinavischen Kirchen wie:

In der Kunstgeschichte bezeichnet Labyrinth eine in Handschriften auftretende oder in den Fußboden von Kirchen eingelegte Figur nach dem Grundriss eines von der Urform abgewandelten unverzweigten Labyrinths, die den Weg der Büßer nach Jerusalem symbolisiert.

In Nordeuropa entstanden zu dieser Zeit etwa 400 so genannte Trojaburgen, Steinsetzungen aus unbearbeiteten Feldsteinen. Ähnliche Formen existieren als Rasenlabyrinthe. In Skandinavien sind an verschiedenen Orten noch Trojaburgen erhalten, auf den britischen Inseln und in Deutschland noch einige Rasen- oder Torflabyrinthe (engl. Mize Maze), in

Beispiele für Trojaburgen:

Labyrinthe im Barock - Irrgärten

Irrgärten sind kulturhistorisch als eigenständige Entwicklung anzusehen. Die ersten Irrgärten finden sich in Gärten der späten Renaissance. Sie sind meist als Spalierhecken ausgeführt, geschnittene Hecken dürften erst im Barock auftreten. Im Gegensatz zu einem unverzweigten Labyrinth, in dem es nur den Weg vom Eingang bis zur Mitte gibt, zeichnen sich Irrgärten durch ein komplexes Wegenetz mit Abzweigungen aus; auch Kreuzungen, Sackgassen und Wegeschleifen kommen vor, so dass die Mehrzahl der möglichen Wege nicht das Ziel erreicht (siehe oben). Die insbesondere in Großbritannien und Frankreich sehr beliebten Heckenanlagen in Parks mit vielen Abzweigungen sind Irrgärten. Auch das unten erwähnte Gesellschaftsspiel hat als Spielplan eigentlich einen Irrgarten. Irrgärten vermitteln als Reize die Gefahr, sich zu verirren, aber auch die Spurensuche. Viele Irrgärten wurden bei Residenzschlössern zur Erholung und zum Zeitvertreib als Lustgärten angelegt.

Labyrinthe in der Gegenwart

Heute werden (im Allgemeinen unverzweigte) Labyrinthe sowohl von feministischen (Zeughausplatz Zürich, Frauengedenklabyrinth Frankfurt) als auch christlichen Gruppen für sich entdeckt, angelegt und gepflegt und mit Veranstaltungen lebendig gehalten. Es gibt sowohl in den USA als auch im deutschen Sprachraum eine Labyrinth-Bewegung, die sich mit der Bedeutung des Labyrinthsymbols auseinandersetzt.

In der Literatur spielt das (verzweigte) Labyrinth in verschiedenen Erzählungen von Jorge Luis Borges und im Roman Der Name der Rose von Umberto Eco eine zentrale Rolle; ebenso im Film Pans Labyrinth.

Spirituelle Funktion und Deutung

Bei historischen, begehbaren Labyrinthen ist der Eingang häufig im Westen zu finden, der für die Kelten die Richtung des Todes oder den Eingang zur Anderswelt bzw. Unterwelt bedeutete. Diese Ausrichtung kann als Abwehrzauber verstanden werden; der Teufel, die christliche Umdeutung des Minotaurus, soll sich im Labyrinth verlaufen – obwohl das Verlaufen im unverzweigten Labyrinth (wie in Kirchen zu finden) nicht möglich ist.

Der Weg durch ein unverzweigtes Labyrinth kann auch als Meditation und Erneuerung aufgefasst werden. Er stellt das Abbild einer verschlungenen Lebensbahn und zugleich den Weg zum Selbst dar, fordert zur Umkehr und zum Überdenken des eigenen Lebens auf. Erlösung verspricht das Finden der Mitte des Labyrinthes.

Der Pfad eines kirchlichen Fußbodenlabyrinths galt (zeitweise) als heilige oder magische Linie, die mit Bedacht und Konzentration, meist mit einer Kerze in der einen Hand, abgeschritten werden sollte. In Reims ist dieser rituelle Weg mehr als einen Kilometer lang. Die christliche Umdeutung des antiken Labyrinthsymbols mag einen magischen Platz der Ruhe und Besinnung definiert haben, an dem Augenblicke der Erleuchtung und Einkehr gesucht wurden. Auf Knien rutschende, büßende Mönche sind allerdings Zuschreibungen des 18. Jahrhunderts, für die es keine Belege gibt.

Labyrinthe in Deutschland (Auswahl)

Literatur, Film und Spiele

Es gibt mehrere Filme zum Thema, der bekannteste ist der Fantasy-Film Die Reise ins Labyrinth (Originaltitel: Labyrinth) von Jim Henson aus dem Jahr 1986 mit David Bowie und Jennifer Connelly.

Es gibt auch Gesellschaftsspiele (Das verrückte Labyrinth, Junior Labyrinth, Labyrinth-Kartenspiel, Das Labyrinth der Meister).

Zu beachten ist bei fast allen Spielen, Filmen und vielen Büchern, dass sie sich mit verzweigten Labyrinthen, also Irrgärten, beschäftigen.

Siehe auch

 Commons: Labyrinth – Bilder, Videos und Audiodateien