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Popkultur

Der Begriff Populärkultur in seiner allgemeinen Bedeutung bezeichnet verschiedene kulturelle Erezugnisse und Alltagspraktiken, die vor allem seit dem beginnenden 20. Jahrhundert im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierung als Massenkultur Verbreitung finden. Populärkultur unterscheidet durch ihren „populären“ (von lat. populus, „Volk“), volkstümlichen oder auch proletarischen Charakter von der sogenannten Hochkultur. Beispiele für Populärkultur sind Sport, Massenmedien, Trivialliteratur und Popmusik. Vor allem im Kontext der Popmusik hat sich zudem eine Popkultur im engeren Sinne als Subkultur herausgebildet, die sich etwa von der Rockszene abhebt. Im allgemeinen Sinne, wie er etwa in der Soziologie und den Cultural Studies gebraucht wird, bezeichnet Populärkultur dagegen gesamtgesellschaftliche Phänomene, die nahezu alle kulturellen Sparten umfasst. Die wichtigste soziale Voraussetzung für das Aufkommen der Populärkultur war die Etablierung des Massenkonsums im 20. Jahrhundert.

Inhaltsverzeichnis

Wesen

Für marxistische Kritiker in der Tradition der kritischen Theorie ist das Wesen von Popkultur ein konformistisches. Sie entsteht in einer kapitalistischen Gesellschaft stets als Warenform und folgt deshalb ihren „Gesetzen“ – der Logik des Marktes. Adorno und Horkheimer prägten in diesem Zusammenhang das Schlagwort der „Kulturindustrie“, Guy Debord in seinem Werk Die Gesellschaft des Spektakels den Begriff des Spektakels.

Für eine jüngere Linke in der Tradition der Cultural Studies ist die Popkultur dagegen ein Feld, auf dem sich gesellschaftliche Konflikte und Veränderungen kulturell manifestieren. In der Popkultur – und vor allem ihren Rezeptionsweisen, wie vor allem Stuart Hall und John Fiske betonen – kann sich für sie deshalb auch politischer Widerstand bzw. Subversion ausdrücken.

Geschichte

Ab dem 19. Jahrhundert bildete sich die spezifische Sphäre „Kultur“ innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft heraus. Die popularisierte Form ist dabei schon immer eine Seite der kulturellen Entwicklung gewesen. Kultur im Sinne der Moderne besteht in einer Dialektik aus Hoch- und Massenkultur.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt die bürgerliche Gesellschaft Kultur für sich, was mit wachsendem Wohlstand und steigender Bildung zusammenfällt, die durch die Industrialisierung ermöglicht wird. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beginnt die Mittel- und Unterschicht damit, „einfache“ Künstler, z. B. Straßenkünstler, als kulturelles Phänomen zu rezipieren. Dadurch werden die Grenzen zwischen den herkömmlichen Sphären Hochkultur und Alltagskultur zunehmend aufgelöst. Mit dem Wachsen der Definitionsmacht der Popkultur wird die Dichotomie „Alltagskultur | Hochkultur“ auch kraft der öffentlichen Meinung in Frage gestellt.

Mythen

Wie Roger Behrens schreibt, ist es ein Missverständnis, Pop habe „mit der Art und Weise zu tun, in der über Pop geschrieben und reflektiert wird, damit, inwiefern Pop selbst neben einer kruden kulturell-ökonomischen Realität ein Produkt von Diskursen ist. Das Reden über Pop ist bisweilen mehr Pop als das, worauf es gerichtet ist.“ (Roger Behrens). Dem Begriff Popkultur haften mittlerweile zahlreiche Mythen an, die seinem Wesen jedoch kaum gerecht werden.

Pop vs. Sub Pop

Pop ist in seinem Wortsinn als populäre Kultur zu verstehen, die sich nicht auf Musik beschränkt. Auch Malerei, Literatur, Fotografie, usw. gehören dazu. Popkultur lässt sich auch nicht durch Subgenres abgrenzen, da sich auch Hardcore Punk, Hip-Hop, Techno oder einfach Underground bzw. Indie unter den Begriff fassen lassen. In der allgemeinen Wahrnehmung kommt es begrifflich aber zu allerlei Verzerrungen, da der Begriff aufgrund seiner Geläufigkeit oft zweckfremd instrumentalisiert wird. Martin Büsser übt beispielsweise ausgehend von der Unterteilung in Genres, die er als Independent und als Mainstream kennzeichnet, seine Kritik. Popkultur setzt er dabei mit Mainstream als Massenkultur gleich. Diese wiederum als subjektiv schlecht empfundene Massenkultur stellt er dem vermeintlich „guten“ Independent entgegen. Bei anderen Autoren ist sogar zu lesen, dass Subkultur und Subversion von „Massenkultur“ vereinnahmt werden würden. Sie werfen der Popkultur Oberflächlichkeit, Effekthascherei und mangelnde Substanz vor. Dabei ist allerdings Subversion eine Facette der Popkultur selbst, die sich genauer als Internationalität, Offenheit und Toleranz, Grenzenlosigkeit, sexuelle Befreiung, Selbstbestimmung von Frauen, Spaß und Verteidigung demokratischer Werte im Allgemeinen beschreiben lässt. Damit geht eine – besonders für Deutschland wichtige – Befreiung von bürgerlichen traditionellen Strukturen einher. „Elvis Presley war nicht umsonst kein Deutscher“ heißt es bei den Popkulturtheoretikern Marvin Alster und Roger Behrens. Dennoch gibt es auch kritische Ansätze, die von Alster und Behrens vertreten werden. Neben dem warenhaften Charakter der popkulturellen Produkte verlieren sich viele Aspekte in einer ideologischen Klammer. Nachdem das Genre „Deutschpop“ sich in Deutschland intellektuell etablierte und das Goethe-Institut spezifisch deutsche Kultur ins Ausland zu exportieren versuchte, warfen die Autoren der Initiative I Can´t Relax In Deutschland die Frage auf, ob es sich bei bewusst nationalistisch beseelter Musik überhaupt noch um Popkultur im eigentlichen Sinn des Wortes handele. Diese traditionell verhaftete Spielart bricht mit freiheitlichen Werten wie Toleranz, Offenheit und Freiheit – Grundprinzipien, für welche Popkultur immer stand.

Popkultureller Ursprung

Popkultur unterliegt einem dynamischen Entwicklungsprozess aus wechselseitiger Transformation zwischen Soziokultur, Staats- und Nationalkultur sowie Wirtschaftskultur. Dieser Prozess ist historisch gewachsen. Der Popkulturtheoretiker Diedrich Diederichsen unternahm den Versuch, Popkultur in Phasen einzuteilen. Er bezeichnete die Phase des Pop der 1980er Jahre in Abgrenzung zu den 1960ern als Pop II und die Phase seit 1990 als Pop III. Der Titel der WDR-Reihe 50 Jahre Pop ist zu hinterfragen, da der Ursprung der Popkultur auch in Deutschland bereits in den frühen zwanziger Jahren begann und sich auch während des Nationalsozialismus’ Swing und Rock’n’Roll als verdeckte Jugendkultur etablierten. Generell lässt sich festhalten, dass es keine spezifisch deutsche Popkultur gibt, da diese westlich-amerikanischen Einfluss aufweist.

Mechanismen

Popkultur folgt verschiedenen Mechanismen:

Theorien zur Popkultur

Zur Theorie der Popkultur lassen sich im wesentlichen zwei Ansätze unterscheiden. Zum einen die Kritische Theorie, die vor allem auf Adorno und die Frankfurter Schule zurückgeht, zum anderen die Cultural Studies, die sich auf das Birminghamer Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) stützen. Auf der Seite der Kritischen Theorie ist vor allem das Kapitel Kulturindustrie in Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung zu nennen, auf der Seite der Cultural Studies haben sich Autoren wie John Fiske, Stuart Hall, Dick Hebdige und Lawrence Grossberg hervorgetan.

Die Cultural Studies untersuchen Kultur im eigentlichen Sinne, ohne wie bei der Kritischen Theorie auf einen gemeinsamen ideologischen Kern zurückzugreifen. Diese wissenschaftliche Disziplin hat sich interdisziplinär weiterentwickelt und eint verschiedenste Lesarten. In den Cultural Studies werden partikulare und lokale Erscheinungen auf ihren Zusammenhang mit sozialstrukturellen Merkmalen, wie z. B. Ethnie, Klasse, Schicht, Gender und sexuelle Orientierung hin untersucht.

Cultural Studies erforschen die Bedeutung von Kultur als Alltagspraxis. Diese Bedeutungen werden als sozial konstruiert aufgefasst. In seiner extremsten Form wird alles als Kultur aufgefasst, was im Zusammenhang mit menschlicher Sprache entsteht und somit einen soziokulturellen und zivilisatorischen Ursprung hat. Die Kritik an den Cultural Studies hinterfragt den Erkenntnisgewinn durch die genannten Ergebnisse.

Die These der Totalitätstheorie der Kulturindustrie Adornos und Horkheimers analysiert die gesellschaftlichen Verhältnisse der 1940er Jahre. Ihre These ist keine kulturkritische, sondern eine gesellschaftskritische Theorie. Die Form der ökonomischen Analyse ihrer Theorie genießt heute keine Aktualität mehr. Sie stellen Kapitalismus als einen ausweglosen, sich in monopolkapitalistischer Formation verdichtenden Block dar. Aktualität wird hingegen der Diagnose des Spätkapitalismus zugerechnet. Adorno und Horkheimer gehen davon aus, dass sich Kapitalismus zum allgegenwärtigen System entwickelt hat. Darin habe sich fortwährend die Idee der Nische aufgelöst. Die Autoren haben diese Erkenntnis auf die einfache Formel gebracht: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“

Siehe auch

Subkultur, Pop Art, Populärkunst, Cultural Studies, Kritische Theorie, Unterhaltungsindustrie, Jugendsoziologie, Diedrich Diederichsen

Einzelnachweise


Literatur