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Mathilde Ludendorff

Mathilde Friederike Karoline Ludendorff (* 4. Oktober 1877 in Wiesbaden; † 24. Juni 1966 in Tutzing; gebürtig Mathilde Spieß) war eine deutsche Lehrerin und Ärztin. Sie wurde vor allem bekannt als zweite Ehefrau Erich Ludendorffs sowie als Vordenkerin der völkischen Bewegung, in der sie aufgrund der von ihr propagierten esoterisch-kryptischen Vorstellungen von „geheimen überstaatlichen Mächten“ bekannt wurde.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken

Jugend und frühe Jahre (1877-1918)

Mathilde Ludendorff wurde 1877 als Mathilde Spieß geboren. Ihre Kindheit und Jugendzeit verbrachte die Tochter eines protestantischen Pfarrers (Bernhard Spieß) in Wiesbaden. Ungeachtet der bescheidenen Verhältnisse in denen die Familie lebte, ermöglichten die Eltern Mathilde Spieß und ihren Schwestern, damals noch sehr unüblich, eine berufspraktische Ausbildung zu durchlaufen. Nach der, in der Form eines Schnellkurses durchgeführten, Ausbildung zur Lehrerin, unterrichtete Spieß zunächst an einem Mädchenpensionat in Biebrich. Nachdem sie genug Geld gesammelte hatte um das Abitur nachzuholen begann sie mit dem Studium der Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, wo unter anderem August Weismann, dessen Lehren später zum Ausgangspunkt ihrer eigenen philosophischen Anschauungen werden sollten, zu ihren Dozenten zählte (Vorlesungen über Deszendenztheorie).

1904 heiratete Spieß in Berlin den Zoologen und Anatom Gustav Adolf von Kemnitz. Nach ihrer Promotion im Jahre 1913 in München arbeitete sie als Assistenzärztin bei dem Psychiater Emil Kraepelin, bis sie 1915 in Garmisch-Partenkirchen die Leitung des Offiziersgenesungsheimes übernahm und eine eigene Nervenarztpraxis eröffnete. Die Ehe mit Kemnitz scheiterte um dieselbe Zeit, nachdem dieser ein Verhältnis mit einer anderen Frau angefangen hatte. Parallel zu ihrer sich ab 1916 intensivierenden Beschäftigung mit der Philosophie Kants und Schopenhauers gründete sie 1917 eine private Kurklinik.

Nach dem Tod ihres ersten Mannes, der 1917 bei einem Bergunfall ums Leben kam, heiratete sie 1919 in zweitere Ehe Edmund Georg Kleine. Diese Verbindung scheiterte jedoch bereits nach zwei Jahren.

Im Rahmen von Vortragsveranstaltungen lernte Spieß in der Nachkriegszeit Erich Ludendorff kennen, der in der zweiten Hälfte des Ersten Weltkriegs de facto der Leiter der deutschen Kriegsführung gewesen war. Nachdem Ludendorffs erste Ehe 1925 geschieden worden war heirateten er und Mathilde Spieß, die daraufhin den Namen Mathilde Ludendorff annahm, 1926.

Engagement für die Rechte der Frau

In ihrer Doktorarbeit beschäftigte sie sich mit geschlechtsspezifischen Unterschieden der geistigen Fähigkeiten von Mann und Frau. Sie engagierte sich stark für die Rechte der Frau, wobei sie die Ursachen für die Ungleichbehandlung der Geschlechter auf die christliche Religion und evolutionspsychologische Zusammenhänge zurückführte. Sie beschäftigte sich vor allem mit der Psychologie der Geschlechter, mit einer nach ihrer Meinung von christlicher Moral "verfälschten" Minnekultur und mit den Rechten der Frauen in der Gesellschaft.

Seitens der internationalen Frauenbewegung wurden ihre Aktivitäten jedoch ignoriert und eine Zusammenarbeit mit ihr abgelehnt, da sie sich seit 1923 immer mehr im „völkischen Kampf“ engagierte.

Schon als Kind soll sie sich in der Schule über die Herabsetzung des weiblichen Geschlechtes empört haben. Sie setzte sich für Frauenbildung ein, konnte aber mit der Frauenbewegung wenig anfangen.

Um die 'Frauenrechte' der 'Emanzipierten' war es mir außer dem Rechte zum Studium nicht zu tun. Ja, ich habe mich an den heißen Kämpfen der Frauen, 'Stimmvieh' sein zu dürfen, nicht beteiligt sondern habe im Gegenteil schon in jungen Jahren den Frauen gezeigt, dass die Kernfragen der Freiheit des Weibes die Mündigkeit in der Ehe und die Pflichten am Volke seien, das Wahlrecht aber nichts anderes als Trug am Volke, doppelter Trug aber an den Frauen sei.

Daneben setzte sie sich für die wirtschaftliche Unabhängigkeit erziehender Mütter ein, die nach ihrer Meinung für die Ausübung ihres „Mutterberufes“ eine Entlohnung verdienten. Sie wandte sich gegen die „poetische“ Verklärtheit des damaligen Familienideals, weil sie darin eine Benachteiligung der Frauen sah.

Bereits vor Ende des Ersten Weltkrieges hatte sie begonnen, Bücher über Frauenfragen zu veröffentlichen (Das Weib und seine Bestimmung, Der Minne Genesung, Des Weibes Kulturtat). Diese erschienen unter dem Verfassernamen "Dr. M. von Kemnitz", ihrem damaligen Ehenamen, und sollten in der männlich beherrschten Gelehrtenwelt nicht den Verdacht erwecken, dass sie von einer Frau geschrieben waren. 1920 organisierte sie ein "Frauenkonzil" in München und trug damit zur Gründung des „Weltbundes nationaler Frauen“ bei.

Stellung zum Nationalsozialismus

Während der Novemberrevolution engagierte sie sich gegen die Abspaltung einer bayerischen Räterepublik vom Deutschen Reich. In der völkischen Bewegung hatte sie durch General Erich Ludendorff auch mehrere persönliche Begegnungen mit Hitler.

Gemeinsam mit ihrem Mann hielt sie zahlreiche Vorträge auf Veranstaltungen der völkischen Bewegung und der „Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung“. Nach der Entlassung Hitlers aus dem Gefängnis erfolgte der Bruch zwischen Hitler und Ludendorff. Die Ludendorffs bekämpften in ihrer Zeitschrift Ludendorffs Volkswarte mit einer Auflage von bis zu 100.000 Exemplaren, öffentlich den Nationalsozialismus und kritisierten das totalitäre System. 1933 wurde Ludendorffs Volkswarte nach mehreren Androhungen verboten.

Mathilde Ludendorff veröffentlichte neben ihren philosophischen Werken (Hauptwerk "Triumph des Unsterblichkeitwillens") auch viele politische Schriften, Bücher und Aufsätze, überwiegend völkischen, gegen internationale Machtinteressen gerichteten Inhalts, geprägt von Verschwörungstheorien gegen Juden, Jesuiten und Freimaurer, von denen sie annimmt, sie würden als "überstaatliche Mächte" zusammenarbeiten, um Deutschland und andere Länder ins Verderben zu treiben. Neuheidnische religiöse Vorstellungen spielen ebenfalls eine große Rolle im Denken von Mathilde Ludendorff. Grundlage der Gotteserkenntnis von Mathilde Ludendorff ist ihre Überzeugung, dass jeder Rasse sich die Erkenntnis Gottes auf eine jeweils besondere Weise offenbare. „Rassenvermischung“ führe zum Verlust dieser speziellen Gotteserkenntnis.

1930 wurde der philosophische Verein Deutschvolk gegründet, der Vorläufer des heutigen Bundes für Gotterkenntnis. Konstantin Hierl gründete den Tannenbergbund (1925), dessen Schirmherrschaft Erich Ludendorff übernahm. Dies war ein politischer Kampfbund, der nicht direkt mit dem Deutschvolk verknüpft war. Konstantin Hierl verließ 1927 den Tannenbergbund. Beide Organisationen wurden 1933 verboten. Zwischen 1929 und 1933 bestand eine heftige politische Gegnerschaft zwischen den Nationalsozialisten und den Ludendorffs. Mathilde Ludendorff soll eine der wenigen Frauen gewesen sein, die Hitler öffentlich Feindseligkeit entgegenbrachten.

Hitler erteilte kurz vor dem Tod Erich Ludendorffs die Erlaubnis zur Neugründung eines nationalreligiösen Vereines, der 1937 den Namen Bund für Deutsche Gotterkenntnis erhielt. In diesem Verein und den Nachfolgeorganisationen spielte Mathilde Ludendorff die führende Rolle.

Aktivitäten nach dem Krieg

1949 wurde gegen Mathilde Ludendorff im Rahmen der Entnazifizierung ein Spruchkammerverfahren eröffnet, in dem sie sich von den Verbrechen des Dritten Reiches distanzierte. Sie versuchte sich damit von Hitler abzugrenzen, dass ihre Vorstellungen eine Moral beinhalteten und jedem Volk eine „völkische Identität“ zubilligten und das Prinzip der „Lebensheiligkeit“ vertrete: „Aller Menschen Dasein ist heilig.“ Sie sei nicht Antisemitin aus „Barbarei“. Auf über 80 Seiten ihrer Verteidigungsschrift legte sie dar, welche Haltung sich aus den religiösen Vorschriften der Juden gegenüber Nichtjuden ergeben und bekräftigte damit ihre völkische Einstellung. Sie sprach von den „entsetzlichen Verbrechen“ der Nationalsozialisten, rechnete die Nazis aber zugleich den „geheimen überstaatlichen Mächten“ zu, die gegen das „Deutschtum“ wirkten und deshalb von vornherein zu verachten seien.

In einem Revisionsverfahren der Spruchkammer-Entscheidung erreichte die ursprünglich als Hauptschuldige bezeichnete Mathilde Ludendorff 1951 eine Abschwächung des Urteils zu einer Belasteten. 1963 wurde dieses Urteil dann aufgehoben.

Der „Bund für Deutsche Gotterkenntnis“ wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von Mathilde Ludendorff zunächst als Ludendorffbewegung (auch: „Ludendorffer“), im Jahre 1951 als Bund für Gotterkenntnis auch juristisch wiedergegründet. Im Jahre 1961 wurde der Bund für Gotterkenntnis (Ludendorffer) als verfassungsfeindlich eingestuft und verboten.

Im Jahre 1977 erfolgte die Aufhebung des Verbots wegen Verfahrensfehlern, jedoch wird der Bund bis heute vom Verfassungsschutz beobachtet, der ihn als rechtsextrem einschätzt. Nach Eigenangaben hatte der Bund 12.000 Mitglieder (2002).

Werke

Literatur

Personendaten
Ludendorff, Mathilde
Mathilde Friederike Karoline Ludendorff, Mathilde Friederike Karoline Spieß
Politikerin
4. Oktober 1877
Wiesbaden
24. Juni 1966
Tutzing