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Reichsmarine

Als Reichsmarine bezeichnet man die deutsche Marine in der Zeit der Weimarer Republik. Auch die während der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/1849 am 4. Juni 1848 von der Nationalversammlung in Frankfurt am Main gegründete Marine wird in einigen Dokumenten als Reichsmarine bezeichnet, jedoch ist, um Verwechslungen auszuschließen, unter Historikern inzwischen der Begriff Reichsflotte für diese Marine in Gebrauch.

Inhaltsverzeichnis

Vorläufige Reichsmarine

Auf Grund des Gesetzes über die Bildung einer vorläufigen Reichswehr, das die Nationalversammlung am 16. April 1919 billigte, hieß die deutsche Marine Vorläufige Reichsmarine. Sie war nach Beendigung des Ersten Weltkrieges aus der Kaiserlichen Marine (1871-1918) hervorgegangen. Ihre Aufgaben waren Küstensicherung, Fischereischutz, Minenräumen, Seepolizei und Unterstützung der Handelsschifffahrt. 1919 ging die Führung der Marine von dem bis dahin bestehenden Reichsmarineamt an die neue Admiralität über. Die Flagge war die der Kaiserlichen Marine.

Die kurze Periode der Vorläufigen Reichsmarine war bestimmt von einer Anzahl wichtiger Ereignisse und Entwicklungen der deutschen Geschichte, an denen sie direkt oder indirekt beteiligt war:

Revolutionswirren und Kapp-Putsch

Die Novemberrevolution 1918, ausgelöst durch den Matrosenaufstand der Hochseeflotte, und die Internierung der Hochseeflotte in Scapa Flow führten zum inneren Zusammenbruch der deutschen Seestreitkräfte. Linke, häufig kommunistische Mannschaften und konservativ-monarchistische Offiziersgruppen rotteten sich gleichermaßen als Freischaren zusammen. Die kommunistischen Matrosen bildeten die Volksmarinedivision, die konservativen Kräfte mehrere Verbände, darunter die Marinebrigaden Ehrhardt und Loewenfeld, die anfangs vorwiegend aus Berufssoldaten bestanden.

Beide Seiten beteiligten sich an blutigen Kämpfen und Gewalttaten. Die Volksmarinedivision wurde im März 1919 aufgelöst, die Marinebrigaden erst nach dem Kapp-Putsch im März 1920, an deren Zustandekommen sie wesentlich beteiligt waren. Einer der Auslöser war der Befehl des Reichswehrministers Gustav Noske, die Marinebrigaden aufzulösen. Die Brigade Ehrhardt unterstützte den Kapp-Putsch und besetzte Berlin. Der Chef der Admiralität, Vizeadmiral von Trotha erklärte, die Marine stehe der neuen Regierung zur Verfügung. Damit hatte er die Vorläufige Reichsmarine außerhalb der Verfassung gestellt. In den kommenden Jahren sah sie sich von rechts dem Vorwurf des Matrosenaufstands und der Novemberrevolution ausgesetzt, von bürgerlicher und linker Seite dem des Verfassungsbruchs.

Selbstversenkung der Hochseeflotte und Versailler Vertrag

Ein weiteres wesentliches Ereignis während der kurzen Geschichte der Vorläufigen Reichsmarine war die Selbstversenkung großer Teile der Hochseeflotte in Scapa Flow am 21. Juni 1919. Die Schiffe hätten gemäß den Bestimmungen des Versailler Vertrages den Alliierten ausgeliefert werden sollen. Als Entschädigung für diese Verluste verlangten die Alliierten die Auslieferung weiterer deutscher Kriegsschiffe, Hafengerätschaften und der meisten deutschen Handelsschiffe.

Der Vertrag von Versailles begrenzte die Größe und Bewaffnung der deutschen Streitkräfte. Danach durfte die Marine 6 Linienschiffe, 6 Kleine Kreuzer, 12 Zerstörer, 12 Torpedoboote und einige Hilfsschiffe besitzen. Die Personalstärke durfte 15.000 Mann nicht überschreiten. Neubauten und Schiffskäufe im Ausland waren genauso wie der Besitz von U-Booten verboten. Gestattet waren Ersatzbauten für außer Dienst gestellte Einheiten.

1921 erfolgte die Umbenennung in Reichsmarine, die am 1. Januar 1922 in Kraft trat.

Reichsmarine

Die Reichsmarine war gemäß dem Wehrgesetz vom 23. März 1921 ein Teil der Reichswehr. Ihr Oberbefehlshaber war der Reichspräsident als Oberster Befehlshaber der Streitkräfte. Unter ihm besaß der Reichswehrminister Befehlsgewalt über die gesamte Reichswehr. Ihm unterstanden nebeneinander die Chefs der Heeres- und der Marineleitung als militärische Befehlshaber.[1] Die bis dahin verwendete "Kriegsflagge" des Kaiserreichs wurde abgelöst durch die "Flagge der Reichsmarine": Schwarz-Weiß-Rote Balken, in der Mitte ein eisernes Kreuz und im Liek (Ecke oben links) die schwarz-rot-goldenen Farben der Republik. Diese Farben wurden 1933 entfernt.

Aufgrund der oben beschriebenen Ereignisse zu Ende des Ersten Weltkriegs und in der Revolutionszeit war das Ansehen der Marine auf einen Tiefpunkt gesunken. Die Selbstversenkung der Hochseeflotte hatte allerdings dazu beigetragen, die Öffentlichkeit wenigstens teilweise mit der Marine zu versöhnen. Angesichts der strengen Beschränkungen des Versailler Vertrages für deutsche Streitkräfte kam auch ein gänzlicher Verzicht auf eine eigene Marine - wie vereinzelt diskutiert - nicht in Frage, da sich das Reich damit selber noch weiter geschwächt hätte.

Aufgaben der Reichsmarine

Die Aufgaben der Reichsmarine waren zunächst nur in einer Denkschrift der Marineleitung aus dem Jahr 1920 festgelegt und entsprachen denen der Vorläufigen Reichsmarine (s.o.). Sie waren stark von den Notwendigkeiten der unmittelbaren Nachkriegszeit geprägt. Polizei- und Ordnungsaufgaben standen gegenüber der eigentlichen Verteidigungsaufgabe im Vordergrund. Erst nach einigen Jahren wurde die seeseitige Verteidigung des Reiches wieder stärker betont.

Für die Marineleitung waren Frankreich und Polen die wahrscheinlichsten und, falls sie sich mit einander verbünden sollten, auch die gefährlichsten Gegner. Frankreichs Marine war erheblich stärker als die deutsche und konnte die Seewege in der Nordsee in jedem Falle blockieren. Das galt auch für die Ostsee, falls sie polnische Basen benutzen könnte. Insbesondere musste es darum gehen, den Seeweg nach Ostpreußen zu sichern. Deshalb konzentrierten sich die deutschen Rüstungsplanungen spätestens ab Mitte der 20er Jahre darauf, dieser Bedrohung entgegen zu treten.

Erst 1928 erließ der neue Reichswehrminister Wilhelm Groener operative Vorgaben für Heer und Marine. Von der Marine wurde unter anderem gefordert, dass sie in der Lage sein musste, die polnische Marine innerhalb von 72 Stunden vernichtend zu schlagen und den Stützpunkt Gdingen auszuschalten. Damit wollte man im Fall eines Grenzkonflikts mit Polen, wie es ihn in der direkten Nachkriegszeit gegeben hatte, ein abschreckendes Signal geben können.[2]

Umfang und Ausrüstung

Der Versailler Vertrag und seine Bestimmungen

Der Versailler Vertrag begrenzte die Größe und Bewaffnung der Reichsmarine und hinderte sie an der Einführung neuer Technologien. Die Bestimmungen sollten dafür sorgen, dass nicht wieder eine deutsche Marine zur Bedrohung der Siegermächte werden konnte. Andererseits hatte man darauf geachtet, dass die Reichsmarine auf absehbare Zeit die stärkste Macht in der Ostsee sein würde, um der mit Misstrauen beobachteten neuen Sowjetunion ein Gegengewicht entgegen zu setzen.

Die Reichsmarine versuchte, den Rüstungsbeschränkungen mit geheimer Aufrüstung und durch technische Neuerungen (Panzerschiff) zu begegnen. So ging man dazu über, statt genieteter geschweißte Kriegsschiffe zu bauen, und dadurch bei gleicher Tonnage erheblich Raum zu gewinnen. Außerdem war man bemüht, die technischen Nachteile durch intensive Ausbildung der nur noch aus lange dienenden Soldaten bestehenden Besatzungen auszugleichen.

Der erste große Neubau war der Leichte Kreuzer Emden (Kreuzer A), der bereits 1921 in Auftrag gegeben und 1925 in Dienst gestellt werden konnte. 1924 gelang es, die Genehmigung des Reichstags zur Beschaffung von vier weiteren Leichten Kreuzern und zwölf Torpedobooten zu bekommen.

Der 1929 in Dienst gestellte neue Kreuzer Karlsruhe, der von der Reichsmarine vorwiegend als Schulschiff eingesetzt wurde

Geheime Rüstungsprojekte

Es waren auch die Rüstungsaktivitäten, die die Reichsmarine immer wieder in die Schlagzeilen brachten. Neben der offiziellen Rüstung betrieb die Marine im großen Stil illegale Rüstungsprojekte. Wo immer möglich hinterging man die Alliierten Kontrollkommissionen, die die Vernichtung und Abgabe nicht nur großer Materialmengen sondern auch von Konstruktionsplänen überwachen sollten. Der Verkauf von zu vernichtenden Rüstungsgütern ins Ausland war verboten, brachte der Marine jedoch versteckte Einnahmen für ihre inoffiziellen Programme. Insbesondere am deutschen U-Boot-Know-how bestand großes ausländisches Interesse. Seit 1922 arbeitete ein geheimes deutsches Konstruktionsbüro in Den Haag und konnte bereits 1925 zwei Boote an die Türkei abliefern.

Die Koordination dieser Aktivitäten oblag der Seetransportabteilung in der Marineleitung unter Kapitän zur See Lohmann. Im Zusammenhang mit der Diskussion über den Bau von neuen Panzerschiffen ab 1927 kamen diese Aktivitäten an die Öffentlichkeit. Die so genannte Lohmann-Affäre brachte die Marine wieder in die negativen Schlagzeilen. Reichswehrminister Geßler musste zurücktreten und der Chef der Marineleitung, Admiral Zenker, wurde von Geßlers Nachfolger Groener entlassen.

Die Panzerschiffrage

Angesichts der Überalterung der verbliebenen Linienschiffe und der Notwendigkeit, der französischen Marine mit einigen modernen Kampfschiffen entgegentreten zu können, verfolgte die Marine die Absicht, in dem vom Versailler Vertrag zugelassenen Umfang Schiffe eines neuartigen Typs Panzerschiff zu bauen. Es sollte ein Schiff entstehen, das nach den Bestimmungen des Washingtoner Flottenabkommens als Kreuzer einzustufen war, jedoch hinsichtlich Bewaffnung und Panzerung ein kleines Schlachtschiff war. Es sollte schneller als herkömmliche Schlachtschiffe und stärker als die schnelleren Kreuzer anderer Nationen sein. Die Verdrängung sollte 10.000 ts betragen. Zunächst sollte ein Schiff beschafft werden.

Nach der Lohmann-Affäre schien zunächst jegliche politische Zustimmung für dieses Projekt verloren zu sein. Die SPD bestritt mit der Parole "Panzerschiff oder Kinderspeisung" 1928 einen erfolgreichen Wahlkampf und wurde stärkste Fraktion im Reichstag. Der von ihr gestellte Reichskanzler Hermann Müller war aber bereit, das Projekt zu stützen, um mit den bürgerlichen Parteien eine Koalition bilden zu können. Deshalb wurde der Bau des Panzerschiffs A im August 1928 mit den Stimmen der SPD im Reichstag beschlossen werden. Das Schiff lief 1931 unter dem Namen Deutschland vom Stapel.

In den Jahren 1931 und 1932 gelang es dem seit 1928 amtierenden Chef der Marineleitung Admiral Raeder, auch die Genehmigung für den Bau eines zweiten und dritten Panzerschiffs im Reichstag zu erwirken, da diese Zahl als das Minimum dessen angesehen wurde, was notwendig war, die französische Marine an einer Blockade der deutschen Küsten abzuhalten.

Übergang zur Kriegsmarine

Anfang der 30er Jahre hoffte die Marine, durch Teilnahme an der Londoner Flottenkonferenz 1930 und Erfolge bei der Genfer Abrüstungskonferenz, Lockerungen bei den Versailler Bestimmungen zu erlangen. Beides scheiterte an der harten Haltung Frankreichs, das weder der deutschen Teilnahme in London noch einem von Großbritannien in Genf vorgeschlagenen Kompromiss hinsichtlich der Stärke deutscher Streitkräfte zustimmte.

Als Reaktion auf das Scheitern des Genfer Kompromisses verkündete Reichswehrminister von Schleicher am 26. Juli 1932, dass sich Deutschland nicht mehr an die Beschränkungen des Versailler Vertrags gebunden fühle. Für die Marine genehmigte er noch im gleichen Jahr einen Umbauplan, der ihre Vergrößerung, den Ausbau der Bewaffnung über das bisher erlaubte Maß und insbesondere die Schaffung einer U-Boot-Waffe und einer Marineluftwaffe einschließlich eines Flugzeugträgers vorsah. Damit waren für die Reichsmarine noch vor dem Ende der Weimarer Republik die Voraussetzungen geschaffen, eine für die Verteidigungsaufgaben des Reichs angemessene Kampfkraft aufzubauen.

Am 30. Januar 1933 erfolgte die Machtergreifung Adolf Hitlers, der nach dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am 19. August 1934 noch am gleichen Tag die gesamte Reichswehr auf seinen Namen vereidigen ließ und ihr Oberbefehlshaber wurde. Am 1. Juni 1935 wurde die Reichsmarine in Kriegsmarine umbenannt. Unmittelbar danach begann die Vorbereitung für den Zweiten Weltkrieg, nachdem das Flottenabkommen vom 18. Juni 1935 eine erhebliche Vergrößerung der Reichsmarine bis zu einer Tonnage von 35% der englischen Flotte erlaubte.

Chefs der Vorläufigen Reichsmarine und der Reichsmarine

Chefs der Reichsmarine / Chefs der Marineleitung
Zeitraum Name Besonderheiten
Kriegsende bis März 1920 Vizeadmiral Adolf von Trotha wegen seiner Haltung zum Kapp-Putsch abgelöst
März - August 1920 Konteradmiral William Michaelis mit der Wahrnehmung der Geschäfte beauftragt
1. September 1920 - 30. September 1924 Admiral Paul Behncke
1. Oktober 1924 - 30. September 1928 Admiral Hans Zenker wegen unerlaubter Rüstungsprojekte entlassen
1. Oktober 1928 - 1. Juni 1935 Admiral Erich Raeder anschließend Oberbefehlshaber der Kriegsmarine bis 30. Januar 1943

Verweise

Literatur

Dülffer, Jost; Weimar, Hitler und die Marine, Reichspolitik und Flottenbau 1920 - 1933; Düsseldorf 1973

Weblinks

Flaggen der deutschen Marinen

Wikilinks

Einzelnachweise

  1. Konrad Ehrensberger, 100 Jahre Organisation der deutschen Marine, Bonn 1993, ISBN 3-7637-5913-1
  2. Werner Rahn, Marinerüstung und Innenpolitik einer parlamentarischen Demokratie - das Beispiel des Panzerschiffes A 1928, in: Die deutsche Marine - Historisches Selbstverständnis und Standortbestimmung; Schriftenreihe Deutsches Marine Institut; Deutsche Marine-Akademie, Bd. 4, Herford und Bonn 1983, S.53ff, ISBN 3-8132-0157-0