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Keynesianismus

Keynesianismus [keɪnz-] ist die in den 1930er Jahren von John Maynard Keynes aufgestellte und von seinen Anhängern weiterentwickelte Wirtschaftstheorie, in der die Globalsteuerung der Nachfrage durch Staat und Notenbank im Gegensatz zur neoklassischen Theorie und zum Monetarismus eine Schlüsselrolle einnimmt.

Inhaltsverzeichnis

Wirtschaftspolitik des Keynesianismus

Vielfach wird Keynes auf eine antizyklische Nachfragepolitik reduziert. Demnach soll der Staat über Rücklagen oder durch Kreditaufnahme finanzierte, fiskalpolitische Maßnahmen ergreifen. Die Zentralbank soll dies geldpolitisch unterstützen. Das Zusammenspiel soll der Abschwächung der Auswirkungen von Rezessionen und Booms dienen. Wenn der Staat zur Finanzierung kurzfristig Schulden aufnimmt, liegt ein so genanntes Deficit spending vor. Dieser Begriff wurde von Abba P. Lerner geprägt. Idealerweise sollten diese Schulden bei einem Wirtschaftaufschwung durch Steuermehreinnahmen beglichen werden.

Keynes sah die inhärente Unsicherheit der Zukunft als Ursache von stark schwankenden privaten Investitionen. Verstärkt über den Multiplikator führt dies zu schwankender Nachfrage und Arbeitslosigkeit. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage kann aber auch dauerhaft zu schwach sein. In diesen Fall wird eine Stabilisierung durch langfristige und permanente staatliche Investitionen, etwa in Infrastruktur und Wohnungsbau erforderlich.

Mehrere kaum inhaltlich verbundene Schulen tragen den Namen Keynesianismus. Der Postkeynesianismus, ist die radikalste Schule und gleichzeitig diejenige, die Keynes' Ideen am nächsten steht. Zentrale Annahme des Postkeynesianismus ist Fundamentale Unsicherheit, wie sie von Keynes und Frank Knight entwickelt wurde. Der sogenannte Neukeynesianismus ist im Rahmen der Neoklassischen Synthese in die Neoklassik teilintegriert worden. Häufig besteht diese Spielart des Keynesianismus in der Annahme von nominal nach unten starren Löhnen und dem kurzfristigen IS/LM-Modell.

In den 1970er und 1980er Jahren erlangte die moderne Informationsökonomie einen Aufschwung. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass die Vorreiter dieser Theorieschule wie Joseph Stiglitz, George Akerlof und Michael Spence 2001 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten haben. Diese Theorien werden manchmal als New Keynesian Economics bezeichnet.

Die Theorie des Keynesianismus geht davon aus, dass die Wirtschaft inhärent instabil sei und keine immanente Tendenz zum Vollbeschäftigungsgleichgewicht besitze. Es kann zu einem Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung kommen. Daraus leitet sich die Notwendigkeit des Deficit spending ab, um dieses Gleichgewicht zu durchbrechen. Keynes erklärte so das saysche Theorem für ungültig und wendete sich gegen die klassische Geldlehre und die von der Neoklassik postulierten Gegebenheiten auf dem Arbeitsmarkt. Er argumentierte gegen die klassische Theorie, derzufolge eine Senkung der Löhne gegen Unterbeschäftigung helfe. Zwar sinken dadurch die Lohnkosten, aber die Lohnsenkungen führen zur Abnahme der Kaufkraft des Großteiles der Konsumenten (= reale Lohnsenkung) und damit zu einer Verringerung der Nachfrage. Begünstigt werden dagegen die Exporte. Dies führe zu einer Politik, die versucht inländische Nachfrageprobleme durch Außenhandelsüberschüsse zu kompensieren.

Eine geeignete Maßnahme sei antizyklisches Gegensteuern des Staates, welches die Auswirkungen von Schwankungen gering halten soll (antizyklische Geld- und Finanzpolitik). Durch staatliche Nachfrage- und Steuerpolitik soll die globale Beeinflussung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage (Globalsteuerung) ermöglicht werden. Dies führe die Wirtschaft an die Vollbeschäftigung herangeführt. Man müsse also versuchen, die Konsumnachfrage möglichst auf einem stabilen Niveau zu halten. Dies ermöglicht theoretisch eine ausreichende Kapazitätenauslastung und eine stabile Volkswirtschaft.

Unterschied zum Monetarismus

Häufig wird der keynesianische Politikansatz auf die Fiskalpolitik verkürzt und dann der Gegensatz zwischen dem fiskalpolitischen Ansatz der Keynesianer und der monetaristischen Wirtschaftstheorie betont. Dieser zeigt sich besonders deutlich bei den zugrunde liegenden Vorüberlegungen. Die letztlich auf Adam Smith et al. fußende „klassische“ und die aus ihr weiterentwickelte „neo-klassische“ ökonomische Theorie geht davon aus, dass ein volkswirtschaftliches System „inhärent“, d.h. von sich aus, stabil ist und nur exogene Einwirkungen – wie beispielsweise eine zu hohe Staatsquote – zu unerwünschten Schwankungen der Konjunktur führen. Daher vertreten Anhänger der neo-klassischen Theorie die Ansicht, der „Fiskus“, also der Staat, solle seine Ausgaben möglichst begrenzen und die Wirtschaftspolitik sich auf geldmengenpolitische (daher „monetaristisch“) Instrumente beschränken. Dem Staat käme nur eine „allokative“, d.h. zuordnungsbezogene Aufgabe zu, während er sich ansonsten möglichst aus der Wirtschaft heraushalten soll.

Aufgrund der dargestellten völlig gegensätzlichen Grundannahmen der beiden Wirtschaftstheorien sind Monetarismus und Fiskalismus miteinander unvereinbar.

Kritik am keynesianischen Politikansatz

Kritiker der keynesianischen Wirtschaftspolitik führen an, dass das Konzept eines Konjunkturanschubs durch kreditfinanzierte Staatsnachfrage auf Dauer zu Inflation führe oder auf Dauer wirkungslos bleibe. Die Theorie der adaptiven Erwartung weist darauf hin, dass die Arbeitnehmer irgendwann erkennen, dass ihre gestiegenen Nominallöhne vom Preisanstieg entwertet werden und darum nicht dauerhaft mehr arbeiten werden – die Geldillusion halte also nicht unbegrenzt an. Die Volkswirtschaft findet sich nach dem Modell dieser Kritiker bei höherem Preisniveau in einem Gleichgewicht bei unverändertem realen Volkseinkommen wieder.

Auch gibt es Kritik in der Art, dass sich die Wirtschaftsteilnehmer auf die Hilfe des Staates einstellen und sich immer mehr zu „risikofreudig“ verhielten, dadurch die Gesamtwirtschaft immer stärker gefährdeten und so die Staatseingriffe immer stärker werden müssten (Moral Hazard).

Weitere Kritik wird durch den sogenannten crowding-out- oder Verdrängungseffekt begründet, nach welchem staatliche Investitionen die privaten Investitionen verdrängen, die angeblich effektiver wären.

Entgegen Keynes nahm Friedrich August von Hayek an, staatliche Organisationsformen entwickelten ein starkes Eigenleben, was häufig zu einer aufgeblähten Verwaltung führe, die selbst einen Großteil der Staatsausgaben für ihren Selbsterhalt benötige. Weiterhin nahm Hayek an, dass es in demokratischen Prozessen sehr aufwendig bis nicht durchführbar sei, in der Vergangenheit gewährte Subventionen bzw. Vergünstigungen aller Art wieder rückgängig zu machen. Zuletzt seien wirtschaftliche Prozesse zu komplex, als dass sie zentralisiert gesteuert werden könnten. Aufgrund dieses nur sehr bedingt zur Verfügung stehenden Steuerungswissens sei es nicht möglich, „antizyklische“ Prozesse durch den Staat anzuregen. Dieses Wissensdefizit der öffentlichen Hand gepaart mit der dem staatlichen Handeln unterstellten inhärenten Tendenten zum Selbsterhalt der Verwaltung sowie der fortschreitenden Bürokratisierung führen nach F.A. Hayek zu einem vermehrten Einnahmebedarf des Staates, der wirtschaftliche Entwicklung neben der Bürokratisierung erheblich erschwere. Demzufolge seien „antizyklische“ Maßnahmen der öffentlichen Hand mit Sicherheit zum Scheitern verurteilt.

Inflation und Anstieg der Arbeitslosenquote in den 1970er Jahren – Probleme des Keynesianismus?

Von seinen Kritikern werden die ansteigenden Arbeitslosenquoten der 1970er Jahre als Indiz für das Scheitern des Keynesianismus angeführt.

Keynesianer hingegen sehen im gleichzeitigen Anstieg von Inflation und Arbeitslosigkeit keine Widerlegung des für Zeiten der Unterbeschäftigung entwickelten Keynesianismus, sondern verweisen sie auf die keynesianische Theorie der Anbieterinflation (siehe Website der Keynes-Gesellschaft, Rubrik "Inflationstheorien").

Richtungen des Keynesianismus

Neokeynesianismus

Hauptartikel: Neokeynesianismus

Als Antwort auf die Kritik am Keynesianismus und als Reaktion auf die Erfahrungen der Wirtschaftskrise der 1970er Jahre entwickelte sich in den 1980er Jahren der Neokeynesianismus.

Postkeynesianismus

Hauptartikel: Postkeynesianismus

Die keynesianischen Gesetzmäßigkeiten gelten laut den Postkeynesianern nicht nur kurz- sondern auch langfristig. In diesem Sinne ist der Postkeynesianismus eine Ausweitung des Keynesianismus auf die lange Frist, ohne dass dessen Grundgedanken dabei in Frage gestellt werden sollen.

Siehe auch

Literatur

 Wikiquote: Keynesianismus – Zitate
 Wikiquote: John Maynard Keynes – Zitate
 Wiktionary: Keynesianismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik