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Belagerung

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Die Belagerung ist eine Sonderform des Angriffs, die angewendet wird, um befestigte Anlagen zu erobern, deren Kampfkraft abzunutzen oder zumindest zeitweise zu neutralisieren. Hierbei wird der Ort dergestalt von eigenen Truppen umschlossen, dass möglichst jeder Verkehr zwischen dem Inneren und dem Äußeren des Belagerungsrings unterbunden wird. Insbesondere soll der Nachschub an Soldaten, Waffen und Nahrung unterbunden werden. Belagerungen sind zumeist mit dem Einsatz von Belagerungsgerät, Artillerie und Sappeuren verbunden.

Während des Mittelalters stellte die Belagerung eine der Haupttaktiken der europäischen Kriegsführung dar. Der Einsatz dieser Taktik setzte sich durch Renaissance und Frühe Neuzeit hindurch fort, wo beispielsweise Leonardo da Vinci neben seiner Kunst auch für den Entwurf von Festungsanlagen bekannt war. Der Ursprung der Belagerungen wird in der Antike vermutet, da bereits antike Städte des Nahen Ostens archäologische Spuren von befestigten Stadtmauern aufweisen. Erst während der Napoleonischen Ära nahm der taktische Wert der Belagerungen durch die verstärkte Verwendung der Kanone zunehmend ab.

Durch die Fortschritte in der Waffentechnik hat sich die Formen von Belagerung im 20. Jahrhundert grundlegend verändert. So findet man die wesentlichen Elemente der Belagerung in den Kesselschlachten des 2.Weltkriegs und in der "Quarantäne" im Jahr 1962 während der Kubakrise wieder.

Inhaltsverzeichnis

Allgemein

Das klassische Ziel einer Belagerung ist die Schwächung einer Befestigungsanlage, welche zu starke Gegenwehr leistet, um sie mit einem direkten Sturmangriff zu bezwingen. Dies geschieht vor allem durch Einsatz von Belagerungsgerät, Artillerie oder Sappeuren. Durch die Schwächung der Befestigung, die neben strukturellen Schäden an den Anlagen selbst auch durch Nahrungsmittelengpässe und die psychologische Wirkung auf die Moral der Belagerten eintritt, soll ein Sturmangriff ermöglicht oder eine Kapitulation erreicht werden.

Historisch wurde vor einer Belagerung zunächst häufig ein Sturmangriff oder „Handstreich“ durchgeführt. Dieser nutzt das Überraschungsmoment einer schnellen Annäherung aus und erfolgt seitens des Angreifers oft mit einem kleinen Truppenkontingent, das entweder Schlüsselelemente einer Festung in Besitz nimmt (z. B. ein Tor) oder Schlüsselpersonal (z. B. den König) ausschaltet.

Der Handstreich gilt als außerordentlich riskant und endete häufig als Fehlschlag. In diesem Sinne ist der deutsche Überfall auf den Festungsring Lüttich zu Beginn des Ersten Weltkrieges zu bewerten, während im Zweiten Weltkrieg der ebenfalls als Handstreich ausgeführte Angriff auf Fort Eben-Emael sehr erfolgreich war.

Eine Belagerung ist jedoch wesentlich aufwändiger, zeitraubender und für den Angreifer zermürbender als ein Handstreich, so dass dieser trotz der damit verbundenen Risiken häufig versucht wurde.

Verlässt ein Teil der Belagerten die Festung, um die Belagerer anzugreifen, bzw um Belagerungsgerät zu zerstören, nennt man das einen „Ausfall“. Kommen den Belagerten befreundete Truppen von außen zu Hilfe, spricht man von „Entsatz“.

Belagerungen der Frühgeschichte und Antike

Städte werden schon seit frühester geschichtlich bekannter Zeit mit Mauern umgeben, um möglichen Feinden die Eroberung zu erschweren. Dagegen bildete sich ebenso früh eine Technik der Belagerung aus. Die Aufzeichnungen für erste Belagerungen reichen hierbei bis zum Belagerung von Jericho im Alten Testament und der Belagerung von Troja zurück, wie sie Homer in "Ilias" beschrieb.

Auch die makedonische Armee Alexanders des Großen führte viele Belagerungen durch. Hierbei sind insbesondere die Belagerungen von Tyros und des Sogdischen Felsens erwähnenswert. Tyros war eine phönizische Inselstadt, die einen Kilometer vom Festland entfernt war und für uneinnehmbar gehalten wurde. Die Makedonen errichteten einen Damm zur Insel, der Überlieferungen zufolge zumindest 60 m breit war. Sobald dieser Damm in den Artilleriebereich hineinreichte, ließ Alexander die Stadtmauern mit Steinschleudern und leichten Katapulten beschießen. Nach einer 7 Monate andauernden Belagerung fiel die Stadt unter die Kontrolle der Makedonen. Im Gegensatz hierzu wurde die hoch auf den Klippen stehende Festung des Sogdischen Felsens durch List eingenommen. Alexander befahl seinen Truppen, die Klippen zu erklimmen und die hochgelegenen Flächen einzunehmen. Daraufhin gaben die demoralisierten Verteidiger auf.

Der Belagerungskrieg war in der Antike von zentraler Bedeutung. Insbesondere die römischen Armeen waren für ihre erfolgreichen Belagerungen berüchtigt. Julius Caesars Kampagne zur Einnahme Galliens beispielsweise basierte im Kern auf einer großen Zahl verschiedener Belagerungen. Während des Gallischen Kriegs beschrieb Caesar, wie die römischen Legionen in der Schlacht bei Alesia zwei befestigte Wälle um die Stadt errichteten. Die innere Circumvallation hielt mit einem Durchmesser von 10 Meilen die Kräfte Vercingetorix im Belagerungsbereich, während die äußere Contravallation verhinderte, dass diese von Nachschub erreicht werden konnte. Nachdem die Entsatztruppen der Gallier den römischen Kavallerie-Hilfstruppen unterlagen, gaben die Gallier im Angesicht des Hungertodes auf.

Die einfachste Form der Belagerung besteht darin, den Feind einfach einzuschließen und abzuwarten, bis ihm die Nahrung oder das Wasser ausgeht. Die Dauer einer Belagerung führt aber sowohl bei den belagernden Truppen als auch bei den Belagerten häufig zu Seuchen wegen der mangelnden Hygiene.

Eine ganz spezielle Form der Belagerungstechnik war die so genannte Menschenpyramide. Hierfür war überhaupt kein Belagerungsgerät notwendig, vielmehr bildete eine Gruppe entschlossener Angreifer selbst die Belagerungsmaschine. Das Ziel war, einen oder einige wenige Angreifer auf die Höhe der Festungswälle zu bringen. Dazu bildeten die Angreifergruppe eine Art Räuberleiter, in dem sie sich pyramidenförmig an der gegnerischen Mauer aufstellte. Diese Pyramide konnte allerdings nur in den Bereichen aufgestellt werden, in denen die Geschütze der Verteidiger nicht wirken konnten - dem so genannten Toten Winkel. Das Verfahren war nur bei relativ niedrigen Mauerhöhen erfolgreich und erhielt erst wieder eine Bedeutung, als die Festungsmauern immer niedriger ausgeführt wurden, um der Bedrohung durch die neuzeitliche Artillerie begegnen zu können.

Vor allem die Römer perfektionierten die Belagerungstechnik. Wenn der praktisch obligatorische erste Sturmangriff zur Erprobung der Verteidigungsbereitschaft und des Verteidigungswillens gescheitert war, wurde die Festung von den angreifenden Truppen eingeschlossen. Danach wurden befestigte Lager für die Angriffstruppen errichtet. Als nächstes wurde eine Gegenbefestigung angelegt, die die Eingeschlossenen hindern sollte Ausfälle durchzuführen oder Boten auszuschicken. Wenn die Möglichkeit von Angriffen durch Entsatztruppen gegeben war, wurde noch eine Außenbefestigung errichtet. Dann erst begann die eigentliche Belagerung.

Zuerst musste die Annäherung an die Festung geschafft werden. Dazu mussten gegebenenfalls Hindernisse wie Wolfsgruben oder Abatis beseitigt und Gräben zugeschüttet werden. Hierbei kamen fahrbare oder tragbare Wände und Dächer verschiedener Typen zum Einsatz.

Die Römer setzten auch Rampen ein, um geographisch geschützte Stellungen zu stürmen (z. B. das auf einer Insel gelegene Tyros und die auf einem Plateau gelegene hebräische Festung Massada).

Danach mussten die Wälle oder Mauern der Festung überwunden werden. Dazu gab es prinzipiell vier Möglichkeiten:

  1. Man benutzt eine Sturmleiter oder einen Belagerungsturm, um die Mauer zu übersteigen/besteigen.
  2. Man benutzt einen Rammbock oder einen Mauerbohrer, um eine Bresche in die Mauer zu schlagen oder das Tor einzureißen. Beide Geräte wurden üblicherweise in fahrbare Schutzgestelle eingebaut.
  3. Man benutzt ein Katapult, entweder um eine Bresche in die Mauer zu schießen oder um in die Ummauerung hinein zu schießen. Zum Beschuss der Mauer wurden meist massive Steingeschosse benutzt (bei Holzwällen teilweise auch Brandgeschosse). In die Ummauerung wurde mit massiven oder Brand-Geschossen gefeuert, um demoralisierende Zerstörungen zu verursachen. Leichen oder Köpfe von Angehörigen der Verteidiger zur psychologischen Kriegführung. Leichen und Unrat zur Biologischen Kriegsführung, um Krankheiten auszulösen.
  4. Man unterminiert Mauern, gräbt also einen Gang unter die Mauer. Entweder um durch Anlegen einer Minenkammer, in der nach der Fertigstellung die Stützelemente weggebrannt werden, überraschend die Mauer an dieser Stelle zum Einsturz zu bringen. Oder um heimlich einen kleinen Trupp Soldaten in die Festung zu bringen, die dann einen Handstreich durchführen.

Belagerung von frühneuzeitlichen Festungen

Mit der Erfindung des Spreng- und Schießpulvers und von Kanonen (siehe auch Steinbüchse) ergaben sich zum Teil neue Möglichkeiten für beide Seiten.

Der Angriff auf eine mit massiven Winkelbasteien versehene Festung war stets eine riskante Angelegenheit, sodass auf Seiten der Angreifer oftmals ein so genanntes Sturmgeld ausgelobt wurde. Um eine Bresche in die Festungsmauern zu schlagen, hoben die Belagerer Gräben aus, in der Regel parallel zu einer der vorderen Seiten einer Bastion. Danach wurden in diesem Graben Geschütze postiert, die sofort ein Deckungsfeuer eröffneten. Nun wurde ein Annäherungsgraben in Richtung der Bastion angelegt, und nach einigen Metern wiederum ein Parallelgraben in dem die Kanonen Schutz fanden. Die Belagerer mussten beim Ausheben von Annäherungsgräben damit rechnen, das die Verteidiger der Festung einen Ausfall unternehmen, um die Arbeit der Sappeure zu unterbrechen. Deshalb legten sie oftmals in regelmäßigen Abständen zwischen den Gräben Festungen im Kleinstformat an, in denen man Truppen zur schnellen Abwehr eines Ausfalls stationierte. Bei vielen frühneuzeitlichen Belagerungen entstanden komplexe Grabensysteme mit zahlreichen Befestigungsanlagen.

Hatten sich die Belagerer mit Hilfe von Annäherungsgräben nahe genug an eine Bastion herangearbeitet, konnten die Kanonen so viel Feuerkraft entfalten, um eine Bresche in die Bastion zu schießen. Doch die Verteidiger bildeten in solch einem Fall meist eine dichte Schützenlinie hinter der Bresche, und sie hielten Körbe mit Schutt, Erde und Holz bereit, um eine Bresche provisorisch schließen zu können. Zudem konnten Angreifer beim Sturm auf eine Bresche von angrenzenden Bastionen unter Beschuss genommen werden, insbesondere aus zurückgezogenen Flanken. Wenn sich das Schlagen einer Bresche anbahnte, legten die Verteidiger der Festung oftmals eine Retirata hinter der betreffenden Mauerstelle an, wenn eine derartige zweite Front nicht bereits von Anfang an in der Festung vorhanden war.

Auch die alte Taktik des Unterminierens kam bei Belagerungen zum Einsatz. Dabei legten die Belagerer vom Gegner möglichst unbemerkt einen Stollen an, der bis unter die Befestigung gegraben wurde. Anfangs wurde das Fundament so lange unterhöhlt bis das Bauwerk unter seinem eigenen Gewicht einstürzte, jedoch war das für die Belagerer selbst sehr gefährlich, weil der Zeitpunkt des Einsturzes ungewiss war. Man ging daher dazu über, die Mauern mit Holzpfeilern abzustützen. Wenn der freigelegte Abschnitt ausreichend schien, brachte man zusätzlich brennbares Material herbei, das in Brand gesetzt wurde und die Pfeiler zerstörte, wodurch die Mauern zum Einsturz gebracht wurden. Bei frühneuzeitlichen Belagerungen bevorzugte man die Verwendung von Schießpulverladungen, wodurch der Begriff "Mine" von einem Stollen auf eine ausgelegte Sprengladung überging. Bestand bei den Belagerten der Verdacht, dass eine Unterminierung im Gange ist, wurden Horchposten eingerichtet, die in Feuerpausen auf grabungstypische Geräusche achteten. Andere Mittel waren aufgestellte leere Fässer, auf deren Oberseite etwas Wasser eingefüllt wurde oder erbsenbestreute Trommeln, um die von den Erdarbeiten ausgehenden Erschütterungen festzustellen und zu lokalisieren. War ein Gang lokalisiert, gruben die Verteidiger ihrerseits Stollen, um das Vorhaben des Gegners durch eine eigene Sprengladung zu vereiteln.

Schon im späten 16. Jahrhundert wurde es üblich, dass die Belagerer ihrerseits einen Ring aus temporären Befestigungsanlagen, z.B. mit Hilfe von Schanzkörben, um die belagerte Stadt oder Festung anlegten. Damit sicherten sich die Belagerer vor dem etwaigen Angriff eines Entsatzheeres, schnitten die belagerte Festung komplett von der Außenwelt ab und schützten sich vor möglichen Ausfallangriffen der Verteidiger. Ein derartiger Befestigungsring bestand aus unzähligen Gräben und Werken, die teilweise so nahe wie möglich an die belagerte Festung getrieben wurden. Ein besonders komplexer Ring aus Feldbefestigungen wurde zum Beispiel bei der Belagerung der niederländischen Stadt 's Hertogenbosch im Jahre 1629 angelegt.

Moderne Belagerung

Einen ersten Eindruck der modernen Kriegsführung lieferte die 154-tägige Belagerung von Port Arthur im Russisch-Japanischen Krieg. Hierbei wurden erstmals Maschinengewehre, schwere Belagerungsgeschütze und Minen in großen Stückzahlen eingesetzt.

Im Ersten Weltkrieg konnte man die Belagerung durch Bildung einer Front effektiv verhindern. Dies führte zum Grabenkrieg, da das wesentlichste Element der Belagerung fehlte, die nahezu vollständige Unterbindung der feindlichen Logistik. Ansonsten kann man den Grabenkrieg als Erweiterung der Belagerung auf die gesamte Front betrachten. Mit weitreichender Artillerie und Flugzeugen wurde es fast unmöglich, Städte zu schützen.

Eine Belagerung von hoher Symbolkraft war die Belagerung des Alcázars von Toledo im Spanischen Bürgerkrieg.

Ausgerechnet die Erhöhung der Mobilität, insbesondere die massive Verwendung von Panzern, ermöglichte im Zweiten Weltkrieg die Belagerung wieder, wie z.B. 1940 in Dünkirchen. Die Belagerung von Leningrad war eine der langwierigsten Belagerungen einer Stadt in der Neuzeit. Stalingrad sollte zum Trauma für die deutsche Wehrmacht werden.

Eine moderne abgeschwächte Form der Belagerung ist in der Blockade zu finden. Bei der Blockade wird im Gegensatz zur klassischen Belagerung die Versorgung mit bestimmten Gütern, insbesondere Lebensmitteln, durch den Belagernden zugelassen.

Eine der größten Blockaden stellt die „Quarantäne“ während der Kubakrise dar.

Die letzte Belagerung im klassischen Sinne war die Schlacht um die französische Festung Điện Biên Phủ in Vietnam im Jahre 1954. In neuerer Zeit wurde von der Belagerung von Sarajewo im Bosnienkrieg gesprochen.

Siehe auch

 Commons: Belagerungen – Bilder, Videos und Audiodateien