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Landreform

Dieser Artikel befasst sich mit Landreformen im allgemeinen und weltweiten Rahmen. Für Landreformen in Deutschland und Österreich siehe Bodenreform in Deutschland bzw. Bodenreform in Österreich. Für den breiter gefassten Begriff der Agrarreform siehe dort.

Der Begriff Landreform oder Bodenreform bezeichnet eine Änderung der Eigentums- oder Nutzungsrechte an Grundstücken oder allgemein der Rechtsordnung in diesem Bereich, die meist eine gleichmäßigere („gerechtere“) Verteilung des Landbesitzes zum Ziel hat. Hierbei soll der Boden von Großgrundbesitzern zu Kleinbauern und landlosen Landarbeitern umverteilt werden.

Es gibt sowohl politisch-ideologische als auch sozial- und wirtschaftspolitische Motive für Landreformen. Gründe für eine Reform reichen von philosophischen Gerechtigkeitsüberlegungen bis hin zu einer effektiveren Nutzung des Bodens. Mechanismen zu ihrer Umsetzung reichen von der marktgestützten Landreform, bei der Kleinbauern das Land zum Marktpreis kaufen, bis hin zur entschädigungslosen Enteignung der Großgrundbesitzer durch den Staat. Insbesondere letzteres wird kritisiert, da es in das Grundrecht auf Eigentum eingreift.

Die Geschichte der Landreformen beginnt bei den Reformen der Gracchen im antiken Rom. Im modernen Europa fand die erste Landreform nach der französischen Revolution statt. In vielen ehemaligen Kolonien kam es in Folge der Dekolonialiserung zu Bodenreformen. Auch im 21. Jahrhundert gibt es Landreformbewegungen, die vorwiegend in Entwicklungsländern stattfinden.

Inhaltsverzeichnis

Motive für Landreformen

Landreformen sollen meist eine gleichmäßigere Verteilung des Landbesitzes erreichen und den Boden von Großgrundbesitzern zu Kleinbauern und landlosen Landarbeitern umverteilen.

Zudem wird oft eine „optimale Betriebsgröße“, das heißt eine nicht „zu große“ und nicht „zu kleine“ Größe landwirtschaftlicher Betriebe angestrebt, wobei diese je nach Zeit, Land, Nutzungsart und Bodenqualität unterschiedlich definiert wird.

Ethische, politische und ideologische Motive

Für die oben erwähnten Ziele werden unter anderem ethisch-philosophische Argumente wie die soziale Gerechtigkeit angeführt. Dazu kommt die Geschichte des Großgrundbesitzes, zu dessen Entstehung nicht selten militärische Gewalt, Erpressung (Herausbildung der mittelalterlichen Feudalgesellschaft), Übervorteilung (Landkauf in Kolonien) sowie rassistische Gesetze (südrhodesisches Landgesetz) beigetragen haben.

In Gebieten, in denen eine Siedlungskolonisation stattgefunden hat oder sonst zwangsweise Land enteignet wurde, betrachten manche der Enteigneten bzw. deren Nachfahren dies als historisches Unrecht, das durch Landrückgabe oder anderweitige Entschädigung wiedergutgemacht werden müsse. Dies spielt heute insbesondere im südlichen Afrika eine Rolle, so in Simbabwe. Ähnliche Fragen stellen sich bezüglich der Indianer Amerikas, der Aborigines in Australien und der Māori in Neuseeland. Dabei sind große Unterschiede zu beachten, ob eine vorkoloniale Landwirtschaft verdrängt wurde (Zentralamerika, Andenländer, südliches Afrika, Neuseeland), oder vorher Wildbeutertum bestand (Australien).

Auch politische und religiöse Strömungen, die das (Privat-)Eigentum an Boden grundsätzlich in Frage stellen, zählen zu den Befürwortern von Landreformen. Der Ersatz des Grundeigentums durch bedarfsgerechte Nutzungsrechte der einzelnen Landwirte ist nicht zu verwechseln mit der Kollektivierung kommunistischer Prägung, bei der große Produktionseinheiten fortbestehen oder neu geschaffen werden, theoretisch in der Hand der Werktätigen, praktisch zumeist in der Hand des Staates.

Wirtschafts- und sozialpolitische Motive

Befürworter führen sozialpolitische und wirtschaftliche Gründe für Landreformen an. So schafft eine kleinbäuerliche Landwirtschaft generell mehr Arbeitsplätze als eine industriell betriebene großflächige Landwirtschaft; in Brasilien bietet der Großgrundbesitz beispielsweise Arbeit für 420.000 Menschen, wohingegen Kleinbetriebe mehr als 14 Millionen beschäftigen[1]. Landreformen sollen daher oft Arbeit und Existenzgrundlagen für die – zumeist armen – Begünstigten schaffen wie auch die Landflucht eindämmen.

Darüber hinaus kann eine Landreform eine Maßnahme sein, um Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität eines Landes oder Gebietes zu fördern, da Großgrundbesitzer zu einem großen Teil exportorientiert wirtschaften, den als investitionshemmend und daher schädlich geltenden Rentenkapitalismus betreiben oder ihr Land brachliegen lassen, während Kleinbauern eher Grundnahrungsmittel zur Subsistenzwirtschaft und für lokale Märkte anbauen. Brasilien gehört durch die Produktion der riesigen Fazendas zu den führenden Exporteuren von Cash Crops wie Soja, Orangensaftkonzentrat, Kaffee, Rindfleisch etc. Dagegen werden Bohnen und Maniok, die wichtige Grundnahrungsmittel der brasilianischen Bevölkerung darstellen, zu 70 bzw. 84 % von Kleinbauern produziert[1].

Die Welternährungsorganisation FAO widmete der Bedeutung von Landreformen für die ländliche Entwicklung und die Bekämpfung des Welthungers 2006 eine Konferenz im brasilianischen Porto Alegre.

Parteitaktische Motive

Ein Motiv für eine Landreform kann auch das Bestreben einer Regierung sein, in der begünstigten Bevölkerungsschicht treue Anghänger zu gewinnen. Werden bei einer Landreform gezielt Parteigänger – z.B. Bürgerkriegsveteranen – begünstigt, so ist das ein fließender Übergang zwischen einer echten Landreform und den Praktiken mittelalterlicher Lehnsherren.

Motive und Argumente der Gegner von Landreformen

Die Gegner – namentlich die Landbesitzer, welche ihr Land im Zuge einer Landreform abgeben müssen – machen geltend, dass eine Landreform den Diebstahl von aus ihrer Sicht legitimem Besitz darstelle. Vertreter politischer Anschauungen wie des Neoliberalismus, die grundsätzlich skeptisch gegenüber staatlichen Eingriffen in Markt und Wirtschaft sind, lehnen Landreformen tendenziell ab.

Großgrundbesitzer behaupten auch, dass eine großflächige Landbewirtschaftung effizienter und produktiver als der Anbau auf kleineren Landstücken sei. Sie verweisen ferner auf negative Folgen von Landreformen in der Geschichte.

Geschichte

Historisch spielte die Frage der Landreform mehrmals eine bedeutende Rolle. Im 2. Jahrhundert v. Chr. im alten Rom versuchten die Brüder Tiberius und Gaius Gracchus erfolglos, im Rahmen der Gracchischen Reformen eine Landreform durchzusetzen. Damit lösten sie ein Jahrhundert der Römischen Bürgerkriege und die Spaltung der römischen Politik in Popularen (ursprünglich Befürworter von Landumverteilungen zugunsten der Proletarier) und Optimaten (Verteidiger der Interessen von Latifundienbesitzern) aus.

Auch in den diversen Bauernkriegen in Europa gehörten u. a. Landreformen und ähnliche Belange zu den Zielen der Aufständischen. Landreformen bzw. Forderungen danach waren Bestandteil verschiedener sozialistisch bis kommunistisch ausgerichteter Revolutionen auf der ganzen Welt sowie vieler Dekolonisationskämpfe in Entwicklungsländern[2].

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielten Bauernparteien insbesondere in Mittel- und in Osteuropa eine wichtige Rolle bei der Artikulation und Durchsetzung bäuerlicher Interessen. Nach 1945 kam es in mehreren ostasiatischen Ländern zu Landreformen, die als einer der Gründe für deren darauffolgenden wirtschaftlichen Aufstieg angesehen werden. Heute existieren Landreformbewegungen hauptsächlich in Entwicklungsländern, insbesondere in Lateinamerika. Sie bilden teilweise Synergien mit der Dritte Welt-Bewegung in Industrieländern und der Globalisierungskritik. Auf weltweiter Ebene setzt sich das Kleinbauernnetzwerk Via Campesina für Landreformen ein.

Hauptartikel: Bodenreformbewegung

Formen der Landreform

Landreformen können auf unterschiedliche Weise durchgeführt werden. Das Spektrum reicht von der „Marktgestützen Landreform“ (siehe unten) über staatliche Subventionen oder Darlehen für Bauern und Landarbeiter, die das von ihnen bearbeitete Land kaufen möchten, bis hin zu Erwerb und Verteilung des Landes durch den Staat selbst. In den einen Fällen kauft der Staat hierbei das Land von Großgrundbesitzern, welche es freiwillig verkaufen („willing seller – willing buyer“), in anderen Fällen greift er zum Mittel der Enteignung, welche vollumfänglich, teilweise oder auch nicht entschädigt werden kann und bisweilen mit Gewalt geschieht. Manchmal wird im Rahmen einer Landreform privates Land verstaatlicht, in anderen Fällen wiederum Staatsland in den Privatbesitz von Kleinbauern überführt. Privatbesitz kann zum Gemeinschaftsbesitz umgewandelt werden (Kollektivierung) oder auch Gemeinschaftsbesitz unter den Mitgliedern der Gemeinschaft aufgeteilt werden.

Marktgestützte Landreform

Die Marktgestützte Landreform (market-based agrarian reform) ist eine Variante der Landreform, die von der Weltbank gefördert wird. Hierbei muss der Kleinbauer, der provisorisch Land erhalten hat, dieses dem vorherigen Besitzer zum vollen Marktpreis abkaufen. Vermag er dies nicht, verliert er das Land wieder. Verteilt wird ausschließlich Land, das von den Besitzern freiwillig auf den Markt geworfen wurde. Dieses Modell wurde in den 1990er Jahren in Brasilien, Kolumbien und Südafrika angewendet, wobei die Resultate als bescheiden bewertet wurden.

Organisationen wie Via Campesina und FIAN kritisieren die Marktgestützte Landreform als ineffektiv, da sie sich nicht ausreichend auf die Bedürfnisse der ärmsten Bauern ausrichte und zudem vorwiegend Land von minderer Qualität von kleinen und mittleren Betrieben auf dem Markt angeboten werde, während Großgrundbesitzer ihre Ländereien von besserer Qualität kaum freiwillig anböten.[3]

Freiwirtschaftliche Bodenreform

Gemäß dem „Freiland“-Konzept der Freiwirtschaft sollen Landeigentümer einen Teil des Gewinnes, den sie aus ihrem Land ziehen, in Form einer Abgabe an die Allgemeinheit überführen, da der Boden Allgemeingut sei. Bedeutendster Vertreter dieser Landreformidee im 19. Jahrhundert war der US-Amerikaner Henry George.

Einzelaspekte

Landreform und Menschenrechte

Organisationen wie FIAN fassen das Recht auf Nahrung in erster Linie als Recht, sich zu ernähren auf. Dieses müsse entweder durch ein existenzsicherndes Einkommen aus Lohnarbeit oder durch den Zugang zu produktiven Ressourcen wie Land, um selbst Nahrung zu produzieren, gewährleistet werden. Gemäß dieser Auffassung kann eine ungleiche Verteilung von Landbesitz einer Verletzung des Menschenrechts auf Nahrung gleichkommen und eine Landreform ein notwendiges Mittel zur Umsetzung dieses Rechts sein.

Gegner von Landreformen sehen hingegen das Menschenrecht auf Eigentum für die jeweils zu enteignenden Landbesitzer gefährdet, es sei denn, es handle sich um illegal erworbenes Eigentum (etwa durch die Fälschung von Dokumenten oder die gewaltsame Verdrängung der ursprünglichen Landbesitzer). Im Zusammenhang mit Landreformen kommt es teilweise zu Menschenrechtsverletzungen, beispielsweise bei gewaltsamen Enteignungen.

Landreform und Frauenanliegen

Befürworter von Landreformen kritisieren manchmal, dass zumindest in früheren Landreformen die spezifische Situation und die Anliegen von Frauen wenig berücksichtigt worden seien. So waren von den Begünstigten der Landreform in Honduras von 1962 bis 1991 gerade 4 % Frauen[4]. Da Frauen in vielen Entwicklungsländern einen Großteil der Haus- und Feldarbeit leisten, aber das meiste Land sich im Besitz von Männern befindet, treten manche Feministinnen für eine Umverteilung des Landbesitzes nicht nur von Großgrundbesitzern zu Kleinbauern, sondern auch innerhalb der Bauernfamilien ein.

Landreformen in der Entwicklungspolitik

Private Entwicklungsorganisationen arbeiten teils mit NGOs in Entwicklungsländern zusammen, welche sich für Landreformen einsetzen; insgesamt spielt diese Thematik jedoch in der Entwicklungshilfe und Entwicklungszusammenarbeit der Industrieländer eine geringe Rolle.

An einer Sondersitzung der Welternährungsorganisation FAO im November 2006 sprachen sich Brasilien, Argentinien, die Philippinen und weitere Entwicklungsländer für ein stärkeres Engagement der FAO in diesem Bereich aus, was von den USA, Kanada, der EU und Japan abgelehnt wurde[5].

Das deutsche BMZ strich 2001 die Budgetlinie für „strukturelle Ernährungssicherung“, um den hierfür aufgewendeten Betrag stattdessen für Nothilfe zu verwenden. Weiterhin unterstützt das BMZ Landreformprogramme nach dem willing seller – willing buyer-Prinzip, etwa in Namibia.[6]

Folgen von Landreformen

Die Folgen von Landreformen fielen im Laufe der Geschichte unterschiedlich aus. Beispielsweise werden die nach 1945 in den heutigen „Tigerstaaten“ Asiens durchgeführten marktwirtschaftlichen Landreformen als erfolgreich und als ein Mitgrund für den wirtschaftlichen Aufstieg dieser Länder gewertet. Andere Reformen wurden beschlossen, aber unvollständig umgesetzt, andere blieben weitgehend folgenlos, die meisten zeigten negative Folgen. So trugen die Zwangskollektivierungen in kommunistischen Systemen mehrfach zu Hungersnöten bei (in der Sowjetunion in den 1930ern, in China 1959–62 und in den 1990ern in Nordkorea), und in Simbabwe hat die „beschleunigte Landreform“ ab 2000 die gegenwärtige Krise im Land mitverursacht.
Für weitere Beispiele siehe die untenstehende Liste.

In vielen Fällen sank unmittelbar nach einer Landreform die landwirtschaftliche Produktion, was mitunter Versorgungsschwierigkeiten und schwere gesamtwirtschaftliche Probleme zur Folge hatte. Mögliche Gründe dafür sind Startschwierigkeiten, mangelnde Unterstützung der neuen Landbesitzer (etwa durch Ausbildung oder Saatgut), die Vergabe von Land an Personen, die nicht gewillt oder nicht qualifiziert sind, es produktiv zu nutzen, oder fortschreitende Erbteilung, die die verteilten Landstücke im Laufe der Generationen immer kleiner werden lässt.[7][8][9]

Wenn sich Landeigentümer, die wegen einer Reform ihren Besitz aufgeben mussten, anderswo niederlassen und unter Umständen die dort ansässigen (Klein-)Bauern verdrängen, kann eine Landreform indirekt auch die Gegensätze in einem anderen Gebiet verschärfen. So schaffte die bolivianische Landreform von 1953 den Großgrundbesitz im Hochland weitgehend ab; viele Großgrundbesitzer wichen daraufhin ins Tiefland aus, wo sie Boden der einheimischen Guaraní in Besitz nahmen und teilweise bis heute (2007) Guaraní als Landarbeiter in Schuldknechtschaft halten.[9] Nach der seit 2000 verschärften Landreform im Nachbarland Simbabwe warb Mosambik gezielt enteignete weiße simbabwische Farmer an, um die kommerzielle Landwirtschaft voranzutreiben. Dabei kam es auch zu umstrittenen Vergaben von ehemaligem Kleinbauernland an die neuen Farmer.

Landreformen nach Regionen

Afrika

Die Thematik der Landreform spielt vor allem im südlichen Afrika eine Rolle, wo sich als Erbe von Kolonialismus und Apartheid ein großer Teil insbesondere der fruchtbarsten Böden im Besitz weißer Farmer befindet, während die meisten schwarzen Bauern auf wenig Land Subsistenzwirtschaft betreiben. Bedeutende Teile der schwarzen Bevölkerungsmehrheit betrachten die Landnahme weißer Siedler in der Kolonialzeit als Diebstahl und die Rückgabe von Land daher als notwendige Wiedergutmachung historischen Unrechts.

Traditionelle Landrechtspraktiken in Afrika beinhalten meist neben individuellen Landnutzungsrechten eine gewisse Kontrolle der Gemeinschaft über den Boden. Nach der Entkolonisierung gab es in vielen Staaten Bestrebungen – oft mit internationaler Unterstützung –, diese als „rückständig“ angesehenen Systeme durch Landgesetze nach westlichem Vorbild mit privaten Landtiteln für die Bauern zu ersetzen. Dahinter stand der Gedanke, dem einzelnen Bauern mehr Rechtssicherheit zu verschaffen als bei den oft komplexen und veränderlichen traditionellen Landrechten. In der Praxis hatten solche Landreformprogramme vielfach eine stärkere Ungleichheit in der Landverteilung zur Folge, da der Zugang zu den Registrierungsverfahren ungleich war und bisweilen auch Korruption bei der Vergabe der Landtitel eine Rolle spielte.[10]

In manchen Gebieten führen der Verlust von fruchtbarem Ackerland (durch Erosion/Desertifikation), Bevölkerungswachstum und Mangel an Beschäftigungsmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft zu allgemeinem Landmangel.

Simbabwe

In Simbabwe wurde entsprechend dem Lancaster-House-Abkommen 1979, welches die Unabhängigkeit Simbabwes und das Ende der Apartheid im Land besiegelte, ein Fonds gegründet, der nach dem willing seller – willing buyer-Prinzip Land von weißen Farmern kaufte, um es zu verteilen. Dieser Fonds wurde von der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien mitfinanziert und bewirkte 1980–1990 die Umverteilung von mehr als 20.000 km² Land an etwa 70.000 Begünstigte. Insgesamt ging die Landreform jedoch nur langsam voran, sodass Präsident Mugabe 2000 die kontroverse „beschleunigte Landreform(fast-track land reform) initiierte.

Seither wurden praktisch alle weißen Farmer ohne Entschädigung gewaltsam vertrieben. Das enteignete Land wurde vielfach nicht wie ursprünglich vorgesehen an landlose schwarze Bauern oder an die vormaligen Farmarbeiter vergeben, sondern an Anhänger Mugabes. Aufgrund mangelnder landwirtschaftlicher Erfahrung oder weil die Lieferung von Saatgut und landwirtschaftlichen Hilfsmitteln von der Regierung versprochen, aber nicht eingehalten wurde, ließen viele der neuen Landbesitzer ihren Boden brachliegen. In der Folge waren die vertriebenen ehemaligen Farmarbeiter von Arbeitslosigkeit und das Land von Nahrungsmittelknappheit betroffen.[11]

Weitere Länder

Asien

Die Situation in Asien ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Die Landreformen in den heutigen „Tigerstaaten“ nach dem Zweiten Weltkrieg werden als einer der Gründe für deren wirtschaftlichen Aufstieg gewertet. Besonders ist die Situation auf den Philippinen, wo die Landbesitzstrukturen aus historischen Gründen denjenigen in Lateinamerika ähneln, und in Indien. Landreformen von unterschiedlicher Intensität wurden in kommunistisch regierten Ländern wie China durchgeführt.

China

Durch die 1946 – drei Jahre vor Gründung der Volksrepublik China – begonnene Landreform gewann die Kommunistische Partei die Unterstützung von Millionen armen bis mittleren Bauern. Land und sonstiger Besitz von „Grundherren“ wurde enteignet und unter den Bauern umverteilt, sodass jeder ländliche Haushalt etwa gleich viel besaß. Damit wurden zugleich die früheren „Dorf-Eliten“ beseitigt, welche in dem Verdacht standen, dass sie sich ansonsten möglicherweise der Partei und deren Programm entgegengestellt hätten[20].

Ab 1958 wurden die bäuerlichen Haushalte in Kollektive und Volkskommunen zusammengefasst, welche zentral kontrolliert wurden. Eine Volkskommune umfasste etwa 5.000 Haushalte oder 22.000 Personen, die auf mehrere Dörfer verteilt waren[21]. Dies führte auch dazu, dass der einzelne Bauer keinen direkten persönlichen Vorteil daraus zog, wenn er seine Produktivität erhöhte, und folglich kaum einen Anreiz hierzu hatte. Zusätzlich wurden im Laufe des „Großen Sprungs nach vorn“ zahlreiche Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft abgezogen, um eine Schwerindustrie aufzubauen. In der Folge sank die landwirtschaftliche Produktion. Diese Politik war mitverantwortlich für die massive Hungersnot Anfang der 1960er Jahre und wurde danach teilweise rückgängig gemacht.

Ende der 1970er Jahre wurden wieder individuelle Rechte und Verantwortung der Bauern gestärkt. Diese mussten nun eine Quote ihrer Produktion zu einem festgesetzten Preis an das Kollektiv abliefern, konnten aber ansonsten ihre Arbeit frei organisieren und Überschüsse auf eigene Rechnung verkaufen[22]. Dieses Programm verzeichnete zunächst großen Erfolg in der Produktivitätssteigerung, später stagnierte es, wohl weil das System der periodischen Neuverteilung des Bodens eher dessen kurzfristig angelegte Ausbeutung als längerfristige Investitionen förderte.

Indes bleibt Armut im ländlichen China verbreitet. Viele Bauern sind stark durch – teils illegale – Steuern und Abgaben belastet, und im Falle von Landenteignungen etwa für den Bau von Staudämmen oder Industrieanlagen erhalten sie vielfach nicht die Entschädigung, die ihnen gesetzlich zustünde.[23]

Weitere Länder

Europa

Die im 20. Jahrhundert in den Ostblockstaaten durchgeführten Enteignungen und Kollektivierungen sind weitgehend rückgängig gemacht. Da die Bedeutung der Landwirtschaft gegenüber dem Industrie- und Dienstleistungssektor allgemein stark zurückgegangen ist, ist auch die Bedeutung von Landreformfragen heute gering.

Irland (19. Jahrhundert)

Bis in das 20. Jahrhundert gab es hingegen auch in Westeuropa Landreformbewegungen, beispielsweise in Irland. Nach der Großen Hungersnot 1845–1849 – welche u. a. darauf zurückzuführen war, dass sich der irische Boden damals größtenteils im Besitz englischer, teilweise auch irischer Landlords befand, während die irischen Bauern als Pächter zumeist in großer Armut lebten – nahm die „Landfrage“ einen beherrschenden Platz in der irischen Politik ein. Die Irish Land League, geführt von Michael Davitt und Charles Stewart Parnell, kämpfte ab den 1870ern im „Land War“ für Landreformen. Durch mehrere Landreformgesetze ging der Boden im Laufe der folgenden Jahrzehnte allmählich wieder in den Besitz der irischen Bauern über.

Weitere Länder

Lateinamerika

Die Agrarstrukturen in Lateinamerika sind von großen Gegensätzen zwischen wenigen Großgrundbesitzern und ihren riesigen haciendas oder fazendas einerseits und den vielen Kleinbauern und Landlosen andererseits geprägt. Deswegen ist hier der Druck für Landreformen gegenwärtig am stärksten ausgeprägt.

Brasilien

Ab den 1930er Jahren schränkte Getúlio Dornelles Vargas die traditionelle Macht der Großgrundbesitzer ein und versprach eine Landreform, wobei letzteres Versprechen nicht wirklich eingelöst wurde. Dies liegt daran, dass der politische Einfluss der Großgrundbesitzer nach wie vor bedeutend ist; zudem lassen sich die entsprechenden Gesetze in abgelegenen Gebieten, wo Korruption in der Polizei verbreitet ist und manche Großgrundbesitzer Privatmilizen (pistoleiros) unterhalten, bisweilen schwer durchsetzen.

Während der Militärdiktaturen 1974–1985 waren auch Personen und Organisationen, die sich für Landreformen einsetzten, Repressionen ausgesetzt. Teilweise wurde versucht, die „Landfrage“ durch die Ansiedlung von Landlosen im Amazonien zu lösen, was umstritten ist, da sich dadurch der Druck auf den dortigen Regenwald erhöhte. Die Landlosenbewegung MST setzt sich für Landreformen ein, weitere Akteure der Landreformbewegung sind befreiungstheologische kirchliche Kreise wie die CPT. Der seit 2003 regierende Luiz Inácio Lula da Silva versucht gegenwärtig die Landreform umzusetzen.

Weitere Länder

Naher Osten und Nordafrika

Landreformen sind ein Element des arabischen Sozialismus.

Nordamerika

Literatur

Quellen

  1. a b WTO transparent, Dokumentation der Erklärung von Bern, 2005
  2. vergleiche z. B. den Aufstand der Herero und Nama in Namibia, den Mau-Mau-Aufstand in Kenia oder den Maji-Maji-Aufstand in Tansania, wo jeweils die Landnahme durch weiße Siedler und der damit verbundene Landverlust für die einheimische Bevölkerung eine entscheidende Bedeutung innehatte.
  3. FIAN: Landreformen: zwischen Markt und Menschenrechten (PDF)
  4. FIAN: Honduras: Repressalien gegen Bäuerinnen in Kampf um Land zum Leben
  5. FIAN: Rich Countries block Land Reform Initiative
  6. Forum Umwelt und Entwicklung: Magere Bilanz – Deutsche Hungerpolitik zehn Jahre nach dem Welternährungsgipfel (PDF)
  7. Neue Zürcher Zeitung, 2006: Namibias neue schwarze Farmer in Nöten
  8. Tages-Anzeiger: Venezuela enteignet mehrere Grossgrundbesitzer
  9. a b GEO 12/2007, S. 58–86: Bolivien – Aufbruch ins gelobte Land
  10. Catherine Besteman: Unraveling Somalia – Race, Violence, and the Legacy of Slavery, University of Pennsylvania Press 1999, ISBN 978-0812216882 (Kap. 9)
  11. Ein Land der Narben, National Geographic August 2003
  12. Countrystudies.us: Angola – Agriculture
  13. Studien zur länderbezogenen Konfliktanalyse: Angola#Landkonflikte
  14. Countrystudies.us: Ethiopia – Land Reform
  15. Jean Ziegler: Wie kommt der Hunger in die Welt?, ISBN 3570300595
  16. BBC News: Pledge to redistribute Kenya Land
  17. Kevin Bales, Die neue Sklaverei, ISBN 3888972647 (S. 150–156)
  18. siehe z. B. FIAN: Die Gemeinschaft der Gumbu-Mutale bekommt Land zurück, das sie während des Apartheidsregimes verlor
  19. IRINnews.org: South Africa: Deadline for land transfer negotiations set
  20. Countrystudies.us: China – Rural Society
  21. Countrystudies.us: China – The Great Leap Forward, 1958-60
  22. Countrystudies.us: China – Reform of the Economic System, Beginning in 1979
  23. vergleiche z. B. Zur Lage der chinesischen Bauern oder den Fall des Bauern Fu Xiancai.
  24. Die Zeit online: Freitod oder Landreform
  25. Die Erde – Unser Lebensraum, ISBN 3906720500 (S.111)
  26. Countrystudies.us: Indonesia – Land Use and Ownership
  27. FIAN: Indonesien: Landraub bedroht Recht auf Nahrung
  28. FIAN: Indonesien: Kleinbauern fordern Zugang zu ihrem Land, das zu Staatswald erklärt wurde
  29. Weltbank: Agricultural Reform in Postwar Japan: Experiences and Issues
  30. Countrystudies.us: South Korea – The Emergence of a Modern Society
  31. Nordkorea#Bevölkerung
  32. en:History of Laos since 1945#Communist Laos
  33. Countrystudies.us: Nepal – Land Reform
  34. FIAN: Philippinen: Kleinbauernführer wird Opfer eines Attentats in Panabo City, Davao del Norte, Mindanao
  35. Countrystudies.us: Turkey – Land Tenure
  36. Villager Attitudes durig the Final Decade of the Vietnam War
  37. Encyclopaedia Britannica Online: Land reform
  38. Geschichte Jugoslawiens#Titos Jugoslawien
  39. Portugal#Nelkenrevolution bis EU-Beitritt
  40. The Emigrants from Småland, Sweden. The American Dream (PDF) (S. 3–4)
  41. Das Reiskorn im Schafspelz, Dokumentation der Erklärung von Bern, Greenpeace und SWISSAID (PDF)
  42. Yahoo News: Argentine farming riches spark land reform debate
  43. BBC News: Bolivia head starts land handout
  44. Lateinamerika Nachrichten Online: Bolivien: Morales gibt bei Reformen Vollgas
  45. Amnesty International: Guatemala: Deaths in land disputes continue
  46. Countrystudies.us: Paraguay – Land Reform and Land Policy
  47. z. B. Human Rights Watch: Egypt: Attacks by Security Forces in Sarando
  48. Countrystudies.us: Syria – Agriculture#Land Reform
  49. Countrystudies.us: Iraq – Impact of Agrarian Reform
  50. Countrystudies.us: Iran – Land Use
  51. z. B. Tages-Anzeiger Online: Indianer blitzen vor Oberstem Gericht ab
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