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Moorleiche

Als Moorleiche bezeichnet man menschliche Überreste oder vollständige Leichenfunde, die durch Weichteilkonservierung im sauren Milieu eines Hochmoores sowie durch Sauerstoffabschluss und die Wirkung der Huminsäuren erhalten blieben, während sich die mineralischen Anteile der Knochen oft auflösten.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines

Moorleichenfunde sind seit Beginn schriftlicher Aufzeichnungen bekannt, meist wurden die Körper zufällig beim Torfstechen gefunden und wieder beerdigt. Einmal dem schützenden Moor entnommen, trockneten die Körper rasch ein und verwesten. Aus Europa sind gegenwärtig über 1000 Moorleichen oder deren Teile bekannt. Bis in die frühe Neuzeit wurden Moorleichen oder Teile von ihnen gelegentlich zu Mumia verarbeitet und in Apotheken als Arzneimittel verkauft.

Der Begriff Moorleiche für die Fundgattung menschlicher Leichen und Leichenteile aus Mooren wurde 1871 von der holsteinischen Wissenschaftlerin Johanna Mestorf geprägt.

Die meisten Funde stammen aus dem 3. und 4. Jh. n. Chr., also aus der nordeuropäischen Eisenzeit. Als Moorleichen findet man in ganz Nordeuropa und den Britischen Inseln zwischen 650 v. und 500 n. Chr. den Göttern geopferte Menschen (in Irland über 100). Hingerichtete, im Moor versenkte „Verbrecher“ sind wohl allenfalls Ausnahmen. Besonders die Germanen versenkten Menschen im Moor, die meisten davon als Opfer für ihre Götter. Der römische Schriftsteller Tacitus beschreibt in seinem Buch über die Germanen Menschenopfer für die Erdgöttin Nerthus, die bevorzugt im Spätwinter oder frühen Frühjahr stattgefunden haben.

Jedoch sind bei weitem nicht alle Moorleichen auf Opferungen oder die Bestrafung von Verbrechern zurückzuführen: Es wurden auch immer wieder unter natürlichen Umständen Gestorbene regulär im Moor bestattet. Ein Beispiel dafür ist die Frau von Peiting, die bei der Geburt ihres Kindes oder im Kindbett starb.

Der jüngste Moorleichenfund ist eine mehr als 2.500 Jahre alte „Teenager“-Moorleiche. Das erste Körperfragment wurde 2000 gefunden, 2005 wurden weitere Körperteile im Uchter Moor bei Nienburg geborgen. Der Körper des 16 bis 20 Jahre alten Mädchens ist nahezu vollständig erhalten. Es handelt sich um eine der ältesten, jemals in norddeutschen Hochmooren gefundenen Leichen. Die Forscher erhoffen sich wichtige Aufschlüsse über die Lebensweise der Menschen vor 2.500 Jahren.

Auch im Moor verunglückte Menschen blieben als Moorleichen erhalten, wie die Frau von Fraer Mose zeigt. Sie wurde ausgestreckt auf dem Bauch liegend gefunden, ein Fuß steckte in einer tieferen Moorschicht fest.

Mit der zunehmenden Mechanisierung im Torfabbau werden Moorleichenfunde immer unwahrscheinlicher. Das Risiko steigt, dass Fundmaterial mit dem Torf unerkannt abgebaut und damit für immer zerstört wird.

Konservierung in Mooren

Chemisch gesehen haben Moore meist ein saures Milieu. Die im Moor vorhandenen Bleichmoose (Sphagnum) hemmen mikrobiologisches Wachstum von Bakterien, die organisches Material wie Holz oder Leder zersetzen. Je nach Typ haben einige Moore die Eigenschaft, durch ihre Säure die Knochen von Lebewesen fast völlig zu entkalken und die Knochenstruktur aufzulösen. Durch die in Mooren vorhandenen Humin- und Gerbsäuren werden Haut, Gewebe, Haare, Knorpel und Fingernägel regelrecht gegerbt und somit konserviert. Dabei verändert sich die Farbe der Materialien jedoch sehr stark. Begünstigt wird die Konservierung durch Luftabschluss und feuchte Lagerung im Wasser.

siehe auch Erhaltungsbedingungen für organisches Material

Wissenschaftliche Bedeutung

Die erste wissenschaftliche Untersuchung an einer Moorleiche führte die irische Gräfin von Moira im Jahre 1781 durch, allerdings dauerte es noch einige Jahrzehnte, bis Moorleichen in der Wissenschaft stärkere Beachtung fanden.

Moorleichen bieten aufgrund ihres oft ausgezeichneten Erhaltungszustands eine einmalige Gelegenheit, Menschen aus der Eisenzeit zu untersuchen. Es kann festgestellt werden, an welchen Krankheiten sie litten, sogar der Mageninhalt kann in Einzelfällen (Tollund-Mann, Grauballe-Mann) analysiert werden und gibt Aufschluss über den möglichen Todeszeitpunkt. Die meisten Moorleichen, die erkennbar als Menschenopfer sterben mussten, wurden demnach im Spätwinter getötet. Dies ist ein wichtiges Argument, das die Deutung der Moorleichen als Menschenopfer zulässt. Der ausgezeichnete Erhaltungszustand der Weichteile bis hin zu den individuellen Gesichtszügen erlaubt es, einem Menschen der damaligen Zeit „ins Gesicht zu sehen“. Diese Möglichkeit der Begegnung erklärt die Faszination, die Moorleichen auf viele Menschen ausüben.

Untersuchungen durch die kanadische Anthropologin Heather Gill-Robinsen in jüngerer Zeit ergaben an den Torfmumien von Schleswig-Holstein im Museum Schloss Gottorf wertvolle Hinweise auf die Ernährungsweise der eisenzeitlichen Bevölkerung. Sie war sehr fleischarm und auch durch völligen Verzicht auf Meerestiere gekennzeichnet. Die Forscherin stellte auch fest, dass einige ältere Moorfunde manipuliert wurden.

Seit dem Beginn der Moorleichenforschung wurden zahlreiche Versuche unternommen, eine komplette Auflistung der europäischen Moorleichenfunde zu erstellen. Durch die teilweise schwierige Quellenlage (viele Fundberichte beruhen nur auf Hörensagen; viele Moorleichenfunde sind nicht erhalten, da sie wieder bestattet wurden oder ihr Verbleib unbekannt ist) ist eine gesicherte Angabe der genauen Anzahl an Funden jedoch nicht möglich. Am Beispiel der Forschungsarbeit Alfred Diecks zeigt sich diese Problematik besonders deutlich.

Theorien

Für die germanischen Stämme bedeutete das Moor ein Grenzgebiet zwischen menschlicher und göttlicher Welt, daher fanden dort viele rituelle Opferdarbringungen statt. Aber auch „Feiglinge, Kriegsscheue und Unzüchtige“ wurden laut dem römischen Geschichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus von den Germanen im Moor versenkt. Tacitus schreibt in der Germania (12,1): [1]

„proditores et transfugas arboribus suspendunt, ignavos et imbelles et corpore infames caeno ac palude, iniecta insuper crate, mergunt. (Verräter und Überläufer knüpfen sie auf den Bäumen auf, Feiglinge, Kriegsscheue und körperlich Unzüchtige versenken sie im Schlamm und Sumpf und werfen noch Flechtwerk darüber)

Gisela Bleibtreu-Ehrenberg hat von daher die Theorie aufgestellt, dass es für die Germanen keinen Unterschied zwischen unzüchtigen Verbrechern, Deserteuren, Hochverrätern und Menschenopfern gab, da laut den überlieferten mythologischen Quellen alle diese Verbrecher gleichermaßen als frevlerische Neidinge, sprich unmenschliche, lüsterne Unholde angesehen worden seien, die, um den Zorn der Götter über diese Frevel zu besänftigen, den Göttern, darunter besonders Odin, geopfert werden mussten; ihr Leben im Jenseits bestünde daher auch nicht aus dem ehrenvollen Einzug in Walhall, sondern diese im Moor versenkten Unholde wurden dem Volksglauben nach im Jenseits dadurch bestraft, dass sie in Odins aus unehrenhaften Sklaven rekrutiertes Totenheer aufgenommen würden, der nordischen Vorstellung, die am ehesten der christlichen Hölle entsprach.

Gerade die bei vielen Moorleichen vorgefundenen mehrfachen schweren Verstümmelungen und sogar mehrere an den Leichen hintereinander vollzogene Hinrichtungsarten zugleich (Pfählen, Erhängen, Ertränken, Enthauptung etc.) weisen auf den nordischen Neidingsmythos hin, wie etwa beim Old Croghan Man, der vor seiner Versenkung im Moor gefoltert, gepfählt, enthauptet und schließlich zweigeteilt wurde. Viele der Moorleichen, wie etwa der Tollund-Mann, trugen bei ihrer Entdeckung noch den Strick um den Hals, mit dem sie erhängt worden waren.

Abgrenzung

Moorleichen sind zu trennen von Funden im Moor aus der Zeit der jüngeren Trichterbecherkultur wie in Dagsmose, Døjringe, Føllenslev, Gemeindeberggasse, Sigersdal und Sludegard Mose, alle in Dänemark, die aus Leichenteilen bestehen (zumeist Schädeln) und als Mooropfer anzusehen sind.[2]

Bekannte Moorleichen

Auswahl:

Dänemark:

Deutschland:

England:

Niederlande:

Irland:

Schweden:

Siehe auch

Moorarchäologie, Halsschnur von Bunsoh

Quellen

  1. Publius Cornelius Tacitus: "Germania". Reclam, Ditzingen 1972, 2002
  2. Manfred Rech: "Studien zu Depotfunden der Trichterbecher und Einzelgrabkultur des Nordens". S. 48-53, Offa-Bücher Bd. 39 (1979)

Literatur