Heim

Buch Ijob

Das Buch Ijob, hebr. אִיּוֹב (auch Hiob; Job; in der arabischen Überlieferung Aiyub oder Ayub) ist ein Buch des Tanach (Altes Testament der Bibel). Es wird mit den Bibelbüchern Kohelet (Prediger) und dem Buch der Sprichwörter (Sprüche, Spruchweisheit) zur biblischen Weisheitsliteratur gerechnet. In dieser biblischen Schrift geht es um den gerechten Mann Ijob (bzw. Hiob), der von Satan mit schrecklichen Leiden geschlagen wird. Inhaltlich behandelt es die Frage, wie es sein kann, dass der gerechte Gott duldet, dass guten Menschen Böses widerfährt. In der theologischen Fachsprache hat sich dafür der Ausdruck „Theodizeefrage“, also Frage nach der Rechtfertigung Gottes, eingebürgert.

Inhaltsverzeichnis

Stellung im Kanon

In der hebräischen Bibel zählt Ijob zu den Schriften (Ketuvim) und steht üblicherweise hinter den Psalmen. Die griechische und die von ihr abhängigen Überlieferungstraditionen ordnen Ijob unter die Lehrbücher ein. In der Septuaginta findet sich Ijob hinter dem Hohenlied, in der Vulgata und in der Tradition der Lutherbibel eröffnet Ijob den Abschnitt der Libri Didactici bzw. Lehrbücher und steht daher vor den Psalmen. Eine Besonderheit stellt die syrische Tradition dar. Ihr gilt - wie auch der jüdischen Überlieferung - Mose als Verfasser des Ijobbuches, weswegen es auch nach dem Deuteronomium eingeordnet wird.

Literarkritische Anmerkungen

Rahmenerzählung und Versdichtung

Eine kritische Betrachtung der heutigen Textgestalt lässt bereits auf den ersten Blick eine gewisse Uneinheitlichkeit erkennen: Der größere Teil des Buches besteht aus einer Reihe von in Versform formulierten Reden Ijobs, seiner Freunde und Gottes. Diese Reden, die insgesamt ein großes Streitgespräch bilden, sind eingerahmt von einer knappen, in Prosa abgefassten Erzählung (Ijob 1-2 und 42). Da es auch inhaltlich zwischen diesen beiden Teilen Spannungen gibt, nimmt man allgemein an, dass sie von unterschiedlichen Verfassern stammen. Vermutlich hat der Dichter des poetischen Streitgespräches die Prosaerzählung vorgefunden und sie zum Anlass für sein eigenes Werk genommen, das er in die ältere Erzählung einbettete. Dies kann als Konsens der biblischen Wissenschaft gelten. Daneben werden von vielen Forschern zusätzlich sowohl die Prosaerzählung als auch die Versdichtung als in sich nicht einheitlich betrachtet. Sehr deutlich scheinen sich z.B. die Reden des vierten Freundes Elihu (Kap. 32-37), dessen Auftreten insgesamt als durch die bisherige Handlung nicht motiviert erscheint, inhaltlich vom restlichen poetischen Streitgespräch zu unterscheiden, so dass sie zumeist einem anderen Verfasser zugeschrieben werden. In ähnlicher Weise wird von manchen Forschern die in der Rahmenerzählung berichtete „Wette“ zwischen dem Satan und Gott (Kap. 1, 6-12; 2, 1-7a) als spätere Einfügung betrachtet. Solche literarkritischen Einzelfragen werden in der wissenschaftlichen Exegese allerdings oft unterschiedlich beantwortet.

Aufbau des Buchs

Die Rahmengeschichte umfasst die in Prosa geschriebenen Teile des Buches, die einen erzählerischen Charakter vorweisen:

Die dichterischen Teile, die fast den gesamten Inhalt des Buchs ausmachen, werden folgendermaßen gegliedert:

Die dichterischen Teile weisen einen oft losen Zusammenhang miteinander und mit der Rahmenerzählung auf. So ist im Dialog von den Umständen, die in dem Prolog erzählt wurden, keine Rede. Hier klagt Ijob nicht über den Verlust seiner Reichtümer und seiner Söhne: Er klagt über die Verachtung seiner Mitmenschen, deren Objekt er geworden ist. Das Auftreten von Elihu geschieht plötzlich, er wird weder davor noch danach noch einmal erwähnt. Die Gottesreden danach thematisieren weder die Argumente der Freunde noch Ijobs Anschuldigungen. Anders die Rahmenerzählung: während der Prolog dafür geeignet ist, den Rahmen für eine theologische Deutung des nachfolgenden Dialogs zu schaffen, wird im Epilog eine Deutung explizit vollzogen, indem die Anklagereden der Freunde verurteilt werden. Über das hinaus, werden im Prolog und im Epilog die gleichen Umstände der Schicksalsschläge angesprochen, die Ijob getroffen haben.

Datierung

Da im Text auf keine historischen Gegebenheiten verwiesen wird, ist eine genaue Datierung nicht möglich. Aufgrund sprachlicher und inhaltlicher Argumente ist man allgemein der Ansicht, dass das Ijob-Buch erst entstand, nachdem Israel aus dem babylonischen Exil zurückgekehrt war: Das Vokabular deutet nämlich auf ein verhältnismäßig spätes Entstehungsdatum, u.a. weil sich Einflüsse des Aramäischen feststellen lassen. Außerdem gehört die Gestalt des Satans noch nicht zum vorexilischen Glauben Israels. Auch die kritische Frage nach der Gerechtigkeit Gottes angesichts des Leidens Unschuldiger spricht gegen ein höheres Alter. Das Ijob-Buch als Gesamtschrift muss irgendwann zwischen dem 5. und dem 3. Jahrhundert vor Christus entstanden sein. Trotzdem ist denkbar, dass die Rahmenhandlung älter ist oder zumindest auf ältere Traditionen zurückgeht, wie verschiedentlich angenommen wird.

Altorientalische Paralleltexte

Wegen der thematischen oder strukturellen Analogien werden einige Texte aus Mesopotamien von Exegeten in Verbindung mit dem Buch Ijob gesetzt[1]:

Die Analogien sind aber meist schwach und direkte Entlehnungen können nicht belegt werden.

Theologischer Gehalt

Geistesgeschichtlicher Hintergrund

Das Buch Ijob muss vor dem Hintergrund des altorientalischen Glaubens an den Tun-Ergehen-Zusammenhang interpretiert werden. In Israel und ebenso in den benachbarten Regionen war man der Überzeugung, dass es einem Mensch, der Gutes tut, auch in seinem eigenen Leben gut ergeht und umgekehrt ein böser Mensch ein schlechtes Leben zu erwarten hat. Grund dafür war der Glaube an eine sich unmittelbar auswirkende göttliche Gerechtigkeit. Die Existenz dieses Tun-Ergehen-Zusammenhangs war eine Grundüberzeugung der (älteren) so genannten „Weisheitsliteratur“. In der Bibel wird diese Überzeugung unter anderem in vielen Psalmen formuliert, so etwa in Psalm 1: „Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt, ... Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen.“ Diese Annahme wurde im Laufe der Zeit brüchig, es kam zur so genannten „Krise der Weisheit“, was vermutlich sozialgeschichtlich zu erklären ist: Die großen, durch Kriege verursachten gesellschaftlichen Umwälzungen der Zeit konfrontierten die Menschen mit Unsicherheit und Leid, das sich nicht mehr ohne Weiteres auf individuelles Fehlverhalten zurückführen ließ. Deswegen stellte sich die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes angesichts des Leidens Unschuldiger, was sich in verschiedenen literarischen Zeugnissen (neben Ijob auch das biblische Buch Kohelet und außerbiblische Paralleltexte) niederschlug.

Die Rahmenerzählung

Das Ijobbuch gibt auf diese Frage mindestens zwei verschiedene Antworten: In der Rahmenhandlung wird das Leid Ijobs damit erklärt, dass Gott ihn auf die Probe stellen wollte. Da Ijob diese Probe besteht, geduldig und gottesfürchtig bleibt, wird das Leid wieder von ihm genommen. Hier wird Ergebenheit im Leid gefordert und der Tun-Ergehen-Zusammenhang wird nicht ganz aufgehoben, da Ijob letztlich für sein richtiges Verhalten belohnt wird. Trotzdem wird deutlich: Nicht immer ist Leid Strafe für eine Sünde. Der Umkehrschluss „Wer leidet, muss eine Schuld auf sich geladen haben“ ist nicht zulässig.

Das Streitgespräch in Versform

Das poetische Streitgespräch, das den Hauptteil des Ijobbuches bildet, ist dagegen nicht so eindeutig und wird deswegen auch sehr unterschiedlich interpretiert. Auffallend ist, wie aggressiv Ijob sich hier gegenüber Gott äußert, dem er tyrannische Ungerechtigkeit vorwirft und den er am liebsten verklagen würde, wüsste er nicht, dass Gott sich aufgrund seiner Macht jeder Gerechtigkeit entziehen kann. Zentral für die Interpretation ist das Verständnis der Gottesreden, mit denen Gott auf Ijobs Anklage antwortet. Gott erklärt hier nämlich nichts, er redet nicht davon, dass er Ijob nur auf die Probe stellen wollte, schon gar nicht bezieht er sich auf die „Satanswette“ aus der Rahmenhandlung. Außerdem verspricht er nicht, dass er Ijob entschädigen wird und gibt dem Leid auch sonst keinen tieferen Sinn. Inhalt der Gottesrede ist ausschließlich eine ausführliche Beschreibung der Großartigkeit der von Gott geschaffenen Natur, vor der alles menschliche Verstehen verstummt. Erstaunlicherweise gibt sich Ijob mit dieser Antwort zufrieden, obwohl sie seine Anklage Gottes eigentlich bestätigt: Er ist unschuldig und sein Leiden unerklärlich. Möglicherweise will das Ijobbuch eben das sagen, dass der Sinn von Gottes Handeln den Menschen nicht zugänglich und eine Antwort auf die Theodizeefrage nicht möglich ist. Vielleicht ist die Pointe auch, dass Gott Ijob überhaupt erscheint, also dem Leidenden gerade auch im tiefsten Leid erfahrbar wird. Sicher ist jedenfalls, dass der Tun-Ergehen-Zusammenhang aufgehoben wird: Leid ist nicht durch Schuld verursacht, die Freunde Ijobs, die den Leidenden zur Gewissenserforschung auffordern, haben Unrecht.

Franz Delitzsch schreibt in seinem bekannten Kommentar, es gebe im gesamtbiblischen Zusammenhang verschiedene Ursachen für Leid: Nur das Strafleiden des Gottlosen habe Gottes Zorn als Ursache. Das Leid des Gerechten habe seinen Grund immer in Gottes Liebe. Es könne Zeugnisleiden oder Prüfungsleiden sein. Zeugnisleiden wie Verfolgung und Märtyrertod widerfahre dem Gläubigen wegen seiner Treue Gott gegenüber allein um Gottes willen zu seiner Ehre. Sie haben mit der Sünde des Menschen nichts zu tun. Als Beispiele nennt Delitzsch Johannes 21,19 und Matthäus 5,11.12. Prüfungsleiden hingegen sollen drei Ziele erreichen: 1. Bewährung von Gottvertrauen und Geduld, 2. Rechtfertigung der Erwählung, 3. Offenbarwerden, dass Satan mit seinen Anklagen unrecht hat und es eine Liebe gibt, die Gott um seiner selbst Willen und nicht wegen dinglicher Vorteile liebt. Prüfungsleiden lasse sich weiter unterteilen in reines Prüfungsleiden zur Bestärkung der bereits vorhandenen Gerechtigkeit (Beispiele Johannes 9,1-3; Jakobus. 1,12; 1. Petrus 1,6 f.) und Züchtigungsleiden zum Abschmelzen noch vorhandener Sünde (Beispiele: Sprüche 3,11, 1. Korinther 11,32; Hebräer 12). Bei Hiob gehe es primär um reines Prüfungsleiden, sekundär auch um Züchtigungsleiden, denn auch Hiob muss am Ende zugeben, vermessen gegen Gott geredet zu haben (Hiob 42,6). Die Freunde werfen Hiob jedoch zu unrecht mal Straf- mal Züchtigungsleiden vor.[2]

Das Buch Ijob in Kunst, Wissenschaft und Film

Die Motive des Buches Ijob sind Gegenstand zahlreicher künstlerischer und wissenschaftlicher Bearbeitungen.

Anmerkungen

  1. H.-P. Müller, Das Hiobproblem (1995), S. 49ff.
  2. Franz Delitzsch: Biblischer Commentar über die poetischen Bücher des Alten Testaments. Zweiter Band: Das Buch Hiob, 2. Aufl. Leipzig 1876 (BC), S. 91-93 pdf-Download

Literatur

Siehe auch