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Sprechakttheorie

Die Sprechakttheorie, auch Sprechhandlungstheorie, basiert auf der von manchen Richtungen der Sprachwissenschaft und Sprachphilosophie nicht oder nicht genügend beachteten Tatsache, dass man mit sprachlichen Äußerungen (Reden) nicht nur Sachverhalte beschreibt und sich für deren Existenz verbürgt (Behauptung), sondern darüber hinaus Handlungen (Akte) vollzieht, zum Beispiel etwas anordnet (Befehl, gerichtliche Verfügung), einer Person oder Sache einen Namen gibt (Taufe, Benennung), sich selbst zu einem Tun verpflichtet (Versprechen), jemanden auf eine Gefahr hinweist (Warnung) oder jemanden seelisch verletzt (Beleidigung). Die Sprechakttheorie untersucht das Wesen sprachlicher Handlungen, ihre Klassifikation und ihre Erklärung. Zu den wichtigsten Vertretern zählen John Langshaw Austin und John Searle.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Als Geburtsjahr der Sprechakttheorie kann das Jahr 1955 betrachtet werden, in dem John Langshaw Austin an der Harvard-Universität eine Vorlesungsreihe mit dem Titel How to Do Things with Words hielt. Sie wurde postum im Jahre 1961 veröffentlicht; eine deutsche Übersetzung erschien 1972 unter dem Titel Zur Theorie der Sprechakte. Wesentlich verantwortlich für die Verbreitung sprechakttheoretischer Ideen ist das von John Searle, einem Schüler Austins, 1969 veröffentlichte Buch Speech Acts, in dem bestimmte Aspekte von Austins Gedanken stärker systematisiert, andere aber auch vernachlässigt oder verzeichnet werden. Insbesondere entwickelte Searle am Beispiel des Sprechakts des „Versprechens“ ein Modell zur Beschreibung einzelner Sprechakttypen. Eine wichtige Rolle bei der Aufnahme der Sprechakttheorie in Deutschland spielte in den 70-er Jahren das Buch Pragmatik und sprachliches Handeln von Utz Maas und Dieter Wunderlich.

In gewisser Weise als sprachphilosophischer Wegbereiter der Sprechakttheorie kann Ludwig Wittgenstein betrachtet werden. In den 1953 postum veröffentlichten Philosophischen Untersuchungen spricht er sich bereits explizit gegen die Theorie aus, dass Wörter generell nur der Benennung von Dingen dienten:

„Als ob mit dem Akt des Benennens schon das, was wir weiter tun, gegeben wäre. Als ob es nur Eines gäbe, was heißt:'von den Dingen reden.' Während wir doch das Verschiedenartigste mit unseren Sätzen tun.“ (PU[1] S. 28, §27) Der These von Sprache als „Benennung“ (und nichts als Benennung) stellt Wittgenstein bereits die Idee entgegen, dass „Sprechen“ auch „Handeln“ ist: „Das Wort ‚Sprachspiel‘ soll hier hervorheben, dass das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform“ (ebd.,[1] S. 26, §23) Als einige solcher „Sprachspiele“ nennt Wittgenstein z. T. auch später von Austin exemplarisch für Sprechakte verwendete Beispiele, wie Befehlen, Bitten oder Danken.

Diese Traditionslinie muss allerdings mit größter Vorsicht genommen werden, da die Erkenntnisinteressen Ludwig Wittgensteins und besonders John Searles, aber auch schon John Austins, sehr verschieden sind. Insbesondere der Versuch der weiteren Fundierung der Sprechakttheorie Searles in einer Theorie des menschlichen Geistes macht deutlich, dass die Leitfragen der Sprechakttheorie mit Wittgensteins Sprachspiel-Denken eher zu kritisieren sind. Die ungeprüfte Berufung auf Wittgenstein, dessen noch unsystematische Ideen Searle systematisiert habe, stimmt ideengeschichtlich nicht. Am Begriff Regel-Regelfolgen wird dies besonders deutlich, da die Sprechakttheorie – wie andere Grammatiktheorien auch (z. B. Noam Chomskys Generative Transformationsgrammatik) – über die Einführung eines technischen Regel-Begriffs davon ausgehen muss, man könne Regeln folgen, ohne sie (in welcher Form auch immer!) ausdrücken zu können. Diese Idee findet in Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen ihre schärfste Kritik (siehe Ohler, Matthias: Sprache und ihre Begründung).

Sprechakte

Während Austin die Unterteilung eines Sprechaktes in drei Teilakte vornimmt, unterscheidet Searle vier solcher Teilakte.

Theorie von Austin

Nach Austin lassen sich folgende Akte unterscheiden:

Den lokutionären Akt untergliedert Austin in:

Dabei handelt es sich nicht um Teilakte, die nacheinander oder gleichzeitig vollzogen werden, sondern um Aspekte der einen Sprachhandlung. Sie sind durch die „indem-Relation“ miteinander verbunden. Beispiele:

a) Der Sprecher vollziehe den perlokutionären Akt, das Kränken des Hörers, indem er den illokutionären Akt des Behauptens vollzieht, indem er den Äußerungsakt macht, d. h. sagt: „Du bist hässlich.“

b) Der Sprecher vollziehe den perlokutionären Akt, das Verunsichern des Hörers, indem er den illokutionären Akt der Frage vollzieht, indem der den Äußerungsakt macht, d. h. sagt: „Wann haben Sie das letzte Mal geduscht?“

c) Der Sprecher vollziehe den perlokutionären Akt, das den Hörer von etwas Abbringen, indem er den illokutionären Akt der Warnung vollzieht, indem der den Äußerungsakt macht, d. h. sagt: „Das ist zu gefährlich, was du da planst.“

Zu unterscheiden ist nach Austin der perlokutionäre Akt vom perlokutionären Effekt. Der perlokutionäre Effekt ist die Wirkung, die aufgrund eines perlokutionären Aktes eintritt. Der Sprecher kann bei einem Sprechakt z. B. beabsichtigt haben, dass der Hörer lacht. Der tatsächlich eingetretene Effekt ist aber, dass der Hörer sich ärgert. Der intendierte perlokutionäre Akt des Sprechers ist also gescheitert. Vom Vollzug eines perlokutionären Aktes kann man nur dann sprechen, wenn die vom Sprecher intendierte Absicht mit der tatsächlich eingetretenen Wirkung übereinstimmt.

Theorie von Searle

Die von Searle vorgeschlagenen Änderungen an Austins Theorie betreffen hauptsächlich den rhetischen Akt. Searle behauptet, dieser sei vom illokutionären Akt nicht zu unterscheiden und hält den Begriff eines „lokutionären Aktes“ daher für entbehrlich. Stattdessen führt er den Begriff eines „Äußerungsaktes“ ein. Er postuliert weiterhin einen so genannten „propositionalen Akt“. Damit besteht ein Sprechakt bei Searle aus vier Teilakten:

Sprechakttheorie als Bedeutungstheorie

Die Sprechakttheorie ist – gemäß einigen Theoretikern, nicht aber Austin! – nicht nur eine Theorie des sprachlichen Handelns, sondern auch eine Theorie der Satzbedeutung. Die Sprechakttheorie fordert damit eine Erweiterung des Begriffs der Bedeutung: die Explikation von „Bedeutung“ kann nicht wie in der einseitig an der Logik orientierten Sprachphilosophie ausschließlich unter Rekurs auf Wahrheitsbedingungen geschehen. Sprachlichen Äußerungen bedürfen über die Beurteilung ihres Wahrheitswerts hinaus einer Bewertung unter weiteren Aspekten wie Erfolg oder Missglücken. Sprechakte sind komplexe Handlungen, deren Komponenten hierarchisch übereinander geschichtet sind. Diese Schichtung analysiert die Sprechakttheorie und zeigt dabei, wie man etwas bewirkt, indem man etwas tut, indem man etwas sagt, indem man etwas äußert.

Zur Satzbedeutung einer Äußerung wie (1) gehört die Bedeutungskomponente, dass (1) eine Frage ist, zur Bedeutung von (2), dass es sich um ein Verbot handelt.

  1. Wo ist denn hier der Bahnhof?
  2. Sie dürfen hier nicht rauchen!

In diesem Fall spricht man davon, dass die Äußerung eine bestimmte ‚illokutionäre Rolle‘ oder „Illokution“ hat. Sprecher vollziehen illokutionäre Akte, Äußerungen haben „illokutionäre Rollen“ oder „Illokutionen“. Die illokutionäre Rolle einer Äußerung erkennt man an den sog. Illokutionsindikatoren. Zu den Illokutionsindikatoren gehören:

Klassifikation von Sprechakten (Searle)

Zur Klassifikation der Illokutionen verwendet Searle zwölf Kriterien, drei davon sind:

1. Illokutionärer Witz
Mit dem illokutionären Witz bezeichnet er den Zweck eines Sprechaktes.

2. Ausrichtung
Damit ist angesprochen, wie sich reale Welt und Worte zueinander verhalten. Richten sich die Worte nach der realen Welt (wie bei einer Beschreibung) oder soll sich die Welt nach den Worten richten (wie z. B. bei einem Befehl oder einem Versprechen)?

3. Zum Ausdruck gebrachter psychischer Zustand
Auf welchem inneren Zustand basiert die Äußerung? Bei einer Beschreibung basiert sie z. B. darauf, dass der Sprecher glaubt, was er sagt.

Nach diesen drei Kriterien unterteilt Searle die Illokutionen weiter in fünf Klassen:

Repräsentativa/Assertiva Direktiva Kommissiva Expressiva Deklarativa
Zweck sagen, wie es sich verhält jemanden zu einer Handlung/Unterlassung bewegen sich selbst auf eine Handlung/Unterlassung festlegen Ausdruck der eigenen Gefühlslage mit dem Sagen die Welt entsprechend dem Gesagten verändern
Ausrichtung Wort auf Welt Welt auf Wort Welt auf Wort keine beide
psych. Zustand Glaube Wunsch Absicht Zustand Verantwortung jemandens zu einer Tat
Beispiele behaupten, mitteilen, berichten bitten, befehlen, raten versprechen, vereinbaren, anbieten, drohen danken, grüßen, beglückwünschen, klagen ernennen, entlassen, taufen


Repräsentativa (auch Assertiva[2], Assertive[3] genannt) sind Sprechakte wie: feststellen, behaupten, berichten, aussagen, schließen usw. Gemeinsam ist diesen, dass der Sprecher durch sie „auf die Wahrheit oder Falschheit der in der Äußerung zum Ausdruck gebrachten Proposition festgelegt wird“.[4] Assertiva „verpflichten den Sprecher zur Wahrheit der ausgedrückten Proposition“[5].

Direktiva oder auch Direktive Sprechakte sind Sprechakte, in denen ein Sprecher seinen Hörer auf die Ausführung einer Handlung verpflichtet. Direktive Sprechakte werden durch direktive Verben festgelegt: auffordern, bitten, befehlen, alle Verben im Imperativ.

Kommissiva oder auch Kommissive Sprechakte sind Sprechakte, in denen sich ein Sprecher zur Ausführung einer zukünftigen Handlung verpflichtet. Kommissive Sprechakte werden durch kommissive Verben festgelegt: versprechen, geloben, schwören, drohen, etc.

Expressiva oder auch Expressive Sprechakte sind Sprechakte, in denen ein Sprecher seinen psychischen Zustand zum Ausdruck bringt und sich dabei gesellschaftlichen „Aufrichtigkeitsregeln“ bedient. Expressive Sprechakte werden durch direktive Verben festgelegt: danken, gratulieren, entschuldigen, kondolieren, etc.

Deklarativa oder auch Deklarative Sprechakte sind Sprechakte, bei denen, auf der Grundlage einer bestimmten sozialen Institution (z. B. Schule, Kirche, Ämter etc.) ein bestimmter Zustand hergestellt wird. Deklarative Sprechakte werden durch deklarative Verben festgelegt: taufen, ernennen, zurücktreten, etc. Beispiele typischer deklarativer Äußerungen sind:

Offensichtliche und indirekte Sprechakte

Offensichtliche Sprechakte sind z. B. „Ich verspreche hiermit, X zu tun“ oder „Hiermit taufe ich dieses Schiff auf den Namen Y“. Man spricht von explizit performativen direkten Sprechakten. Explizit performativ deshalb, weil ein so genanntes performatives Verb verwendet wird, im ersten Beispiel also „versprechen”, im zweiten „taufen”. Man spricht von direkten Sprechakten, weil die Proposition („X zu tun”) genau dem illokutionären Witz, dem Ziel der Äußerung, entspricht.

Dagegen gibt es auch implizite (primäre), direkte Sprechakte. Diese sind wesentlich häufiger. Zum explizit performativen, direkten Sprechakt „Ich verspreche, X zu tun” lautet der implizit performative „Ich werde X tun”, das performative Verb wird also einfach weggelassen.

Zudem gibt es – zumindest gemäß Searle – auch noch indirekte Sprechakte. Hier ist das illokutionäre Ziel nicht aus der Proposition erkennbar. Indirekte Sprechakte beziehen sich auf Bedingungen, die für einen Sprechakt(-typ) vorliegen. Man kann z. B. sagen „Gib mir das Salz!“, aber genauso gut kann man sich dabei auch auf eine Einleitungsbedingung für diesen Sprechakt beziehen: „Der Hörer muss in der Lage sein, das Salz zu reichen“; dementsprechend kann man fragen „Kannst du mir mal das Salz reichen?“. Dies ist (wörtlich genommen) eine Frage nach dem Vermögen des Hörers, das Salz zu reichen. Der illokutionäre Akt, den der Sprecher damit vollziehen will, ist aber eine Bitte. Bei indirekten Sprechakten unterscheidet man primäre und sekundäre Illokution. Die sekundäre Illokution ist die wörtliche, also in unserem Beispiel die Frage nach dem Vermögen des Hörers, das Salz reichen zu können. Die primäre Illokution, das eigentliche Ziel der Äußerung, ist hier aber eine Bitte, die man auch durch die Äußerung „Gib mir bitte das Salz!“ vorbringen könnte. Man vollzieht dabei den primären Sprechakt, indem man den sekundären vollzieht. Nach Searles Konzeption der indirekten Sprechakte muss die primäre Illokution (Bitte) über eine komplizierte Abfolge von Schlussfolgerungen aus der sekundären erschlossen werden. Erst nach diesen Schlussfolgerungen erkennt der Hörer nach Searle, dass es sich nicht um eine Frage nach der Handlungsfähigkeit, sondern um eine Bitte handelt. Diese Position ist in der Forschung jedoch nicht unumstritten. Gegner dieser Auffassung führen aus, dass die Äußerung „Kannst du mir das Salz reichen?“ im Deutschen konventionellerweise „Gib mir bitte das Salz!“ bedeutet. Die Hörer müssen das nicht erst mühsam erschließen.

Historische Sprechaktanalyse

Seit kurzem kann man von der Existenz einer Historischen Sprechaktanalyse sprechen. Andreas Jucker, der auch eine Bibliographie zur Historischen Pragmatik verwaltet, und Irma Taavitsainen haben als zentrales Publikationsorgan das Journal of Historical Pragmatics gegründet. Die Frage, wie ein bestimmter Sprechakt im Laufe der Geschichte verwirklicht worden ist, fällt auch in den Bereich der Onomasiologie (so hat die von Joachim Grzega, Alfred Bammesberger und Marion Schöner herausgegebene Zeitschrift Onomasiology Online ebenfalls begonnen, Artikel aus diesem Bereich aufzunehmen). Auch die Eurolinguistik interessiert sich für die vergleichende Entwicklung von Sprechakten.

Quellen

  1. a b Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen. Auf der Grundlage der kritisch-genetischen Edition neu herausgegeben von Joachim Schulte. Frankfurt a. M., 2003.
  2. Ulrich, Linguistische Grundbegriffe, 5. Aufl. (2002)/Sprechaktklassifikation
  3. Fries, Assertive, in: Metzler-Lexikon Sprache, 3. Aufl. (2005); Ulrich, Linguistische Grundbegriffe, 5. Aufl. (2002)/Sprechaktklassifikation; Fischer Kolleg Abiturwissen, Deutsch (2002), S. 69
  4. Fries, Assertive, in: Metzler-Lexikon Sprache, 3. Aufl. (2005)
  5. Ernst, Pragmalinguistik (2002), S. 102

Literatur

Klassiker

Einführungen

Weiterführende Literatur