Heim

A4 (Rakete)

Dieser Artikel beschreibt die Rakete A4, die auch unter dem Namen V2 bekannt war; zu dem gleichnamigen Plattenlabel siehe V2 Records.

Aggregat 4 (A4) war die Typenbezeichnung der ersten voll funktionsfähigen Großrakete. Bekannt wurde diese Boden-Boden-Rakete unter dem ihr von Joseph Goebbels im Oktober 1944 gegebenen Propagandanamen Vergeltungswaffe 2, kurz „V2“; die Abschusseinheiten von Wehrmacht und SS nannten sie schlicht das Gerät. Die A4-Rakete wurde in der Zeit des Nationalsozialismus als ballistische Artillerie-Rakete großer Reichweite konzipiert und gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in großer Zahl eingesetzt. Sie gilt außerdem als erstes von Menschen konstruiertes Objekt, das die Grenze zum Weltraum durchstieß.

Inhaltsverzeichnis

Entwicklung

Entwickelt wurde das Aggregat 4 von einer Gruppe von Wissenschaftlern und Ingenieuren um Wernher von Braun, dem Technischen Direktor der Heeresversuchsanstalt Peenemünde, der auch die Raketenpioniere Max Valier und Arthur Rudolph angehörten. Ihre Vorgängermodelle waren nur teilweise erfolgreich: A1 (beim Brennversuch in Kummersdorf-West explodiert), A2 (1934 zwei erfolgreiche Starts auf Borkum), und A3 (vier Fehlstarts im Dezember 1937), erst als A5 1938 erfolgreich. Die A4-Rakete wurde erstmals im März 1942 getestet, aber erst am 3. Oktober gelang ein erfolgreicher Start. Bei diesem Testflug erreichte sie mit einer Spitzengeschwindigkeit von fast Mach 5 (4824 km/h) eine Gipfelhöhe von 84,5 km.

Am 20. Mai 1944 wurde eine abgestürzte A4 von der Polnischen Heimatarmee übernommen und in der Nacht vom 25. Juli zum 26. Juli 1944 von einem britischen Flugzeug, das in der Nähe von Tarnów gelandet war, nach Großbritannien ausgeflogen (Operation: Most III).

Nach dem ersten Luftangriff auf Peenemünde am 17. August 1943 wurden viele Versuchsstarts der A4, insbesondere zur Ausbildung der Raketeneinheiten, in Blizna und auf der Tucheler Heide durchgeführt. Daneben ging auch in Peenemünde (einschließlich der Greifswalder Oie) der Start von Versuchsraketen bis zum 21. Februar 1945 weiter.

Aufbau

Die A4-Rakete war 14 Meter hoch und hatte eine Masse von 13,5 Tonnen. Der Rumpf bestand aus Spanten und Stringern, die mit dünnem Stahlblech beplankt waren. Die Technik bestand aus vier Baugruppen:

Steuerung

Vier Strahlruder aus Graphit direkt im Gasstrom und die vier Leitwerke sorgten für die Stabilisierung im Flug. Sie wurden über Servomotoren bewegt, welche ihre Steuerinformationen von den zwei Gyroskopen in der Raketenmitte erhielten. Ein Kreisel war für die Querruder-Achse und der andere für die Seiten- und Höhenruder-Achse zuständig. Wenn die Rakete vom eingestellten Kurs abwich, wurde das von den Gyroskopen registriert und die Servomotoren der Strahlruder und Leitwerke zur Korrektur des Kurses angesteuert.

Die beim Start eingestellte Zeitschaltuhr sorgte dafür, dass der Neigungswinkel über dem Ziel verändert wurde und die Rakete daraufhin abkippte.

Antrieb

Die A4 war eine Flüssigkeitsrakete und wurde mit Alkohol und Sauerstoff angetrieben. Sie erreichte nach einer Brenndauer von etwa 60 Sekunden ihre Höchstgeschwindigkeit von etwa 5500 km/h (etwa Mach 5). Da der gesamte Flug bei einer Reichweite von 250 bis 300 km nur 5 Minuten dauerte, gab es keine Abwehrmöglichkeit gegen die Waffe.

Sprengstoff

Die 1000 kg Sprengstoff einer Amatol-Mischung waren in der Raketenspitze untergebracht. Da sich diese während des Flugs durch die Reibung aufheizte, konnten nur Sprengstoffmischungen verwendet werden, deren Zündtemperatur über 200 Grad Celsius lag.[1]

Fertigung

Die A4-Rakete wurde ab 1944 in einem unterirdischen Montagekomplex im Kohnstein, siehe Dora-Mittelbau, nahe Nordhausen zusammengebaut. Insgesamt wurden während des Zweiten Weltkrieges 5975 Raketen von Zwangsarbeitern und deutschen Zivilbeschäftigten aus tausenden Einzelteilen zusammengebaut. Für das hochtechnologische Projekt wurden spezialisierte, inhaftierte Facharbeiter und Ingenieure aus dem gesamten Reichsgebiet und den besetzen Staaten gezielt ausgewählt. Obwohl viele von ihnen einer handwerklichen Prüfung unterzogen und erst danach in den Kohnstein verschleppt wurden, bot man ihnen dort keine besseren Arbeits- und Haftbedingungen als in anderen Konzentrationslagern.

Vielmehr konnten sie sicher sein, dass man sie wegen ihrer Einblicke in dieses Staatsgeheimnis nicht mehr freilassen würde. Wie unmenschlich die Behandlung auch durch zivile Ingenieure zeitweise war, zeigt etwa eine schriftliche Anweisung, die Häftlinge bei Verfehlungen nicht mehr mit spitzen Gegenständen zu stechen. Dennoch kam es immer wieder zu Sabotageakten, die allerdings die Fertigung der Rakete nie ernstlich behinderten. Bei der Endabnahme erwies sich jede zweite Rakete als nicht voll funktionstüchtig und musste nachgebessert werden. Dies lag jedoch in erster Linie daran, dass die Ingenieure fast täglich aus Peenemünde bauliche Änderungen vorgaben, die den laufenden Produktionsprozess erheblich beeinträchtigten.

Im Zusammenhang mit dem Ausbau des Kohnsteins und der anschließenden Fertigung der A4-Rakete sowie der Flugbombe V1 und von Teilen eines Düsenjägers kamen nach offizieller Zählung in den SS-Akten etwa 12.000 Zwangsarbeiter ums Leben. Dem stehen ungefähr 8.000 Opfer durch den Einsatz der Waffe gegenüber. Laut Dr. Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte KZ Mittelbau-Dora, sind {"|mehr Häftlinge bei der Produktion der Waffe ums Leben gekommen als [andere Opfer] bei ihrem Einsatz. Das ist ein Unikum, ich glaube, es hat keine andere Waffe gegeben, die schon in der Produktion so viele Menschenleben gefordert hat.}[2]

Die Fertigungsstätten für Teile der A4 waren über ganz Deutschland und Österreich verstreut: Im Lager Rebstock bei Dernau an der Ahr wurden in ehemaligen Eisenbahntunneln Bodenanlagen und Fahrzeuge für die Rakete produziert. Weitere Beispiele sind die Firmen Gustav Schmale in Lüdenscheid, wo Teile der Brennkammer gefertigt wurden [3] und die Hagener Accumulatoren Fabrik AG [4], wo die speziellen Akkumulatoren gefertigt wurden. Anfang 1944 wurde im KZ-Nebenlager Redl-Zipf der Betrieb eines Triebwerksprüfstands aufgenommen.

Startliste der Versuchsstarts in Peenemünde

Nr. Datum Brennzeit (s) Reichweite (km) Bemerkungen
1 16. März 1942 - - Explosion bei Zündung
2 13. Juni 1942 36 1,3 Stieg ca. 4900 m, bis eine Treibstoffpumpe brach, rollte zudem im Flug, stürzte ab
3 16. August 1942 45 8,7 Durchbrach Schallgrenze, aber dann Spitze abgebrochen, Flugzeit 194 s
4 3. Oktober 1942 58 190 Erster erfolgreicher Flug, stürzte nach 296 s Flug ins Meer
5 21. Oktober 1942 84 147 Probleme mit dem Dampfgenerator, Flugzeit 256 s
6 9. November 1942 54 14 Vertikaler Aufstieg bis auf 67 km
7 28. November 1942 37 8,6 Taumelte, verlor Flossen
9 12. Dezember 1942 4 0,1 Explosion
10 7. Januar 1943 - 0 Explosion bei Zündung
11 25. Januar 1943 64,5 105 Zu steil, rollte im Flug
12 17. Februar 1943 61 196 Aufstieg zu flach
13 19. Februar 1943 18 4,8 Feuer im Heck
16 3. März 1943 33 1,0 Vertikaler Aufstieg, Heckexplosion
18 18. März 1943 60 133 Zu steil, Rotation im Flug
19 25. März 1943 28 1,2 Taumelte, explodierte
20 14. April 1943 66 287 Absturz in Pommern
21 22. April 1943 59 252 Absturz in Pommern
22 14. Mai 1943 62 250 Abschaltung versagt
26 26. Mai 1943 66,5 265 Erfolg, Flugzeit 349 s
25 26. Mai 1943 40 27 Brennschluss nach 40 s
24 27. Mai 1943 55 138 -
23 1. Juni 1943 62 235 Vorzeitiger Brennschluss
29 11. Juni 1943 63,5 238 Erfolgreicher Start
31 16. Juni 1943 60,5 221 Vorzeitiger Brennschluss
28 22. Juni 1943 62,5 75 Nach 70 s explodiert
30 24. Juni 1943 65,1 287 Erster Start vom Prüfstand X, Abschaltung versagt
36 26. Juni 1943 64,9 235 Erfolgreicher Start
38 29. Juni 1943 15 3 Absturz auf Flugplatz
40 29. Juni 1943 63,6 236 Einschlag nicht beobachtet
33 1. Juli 1943 - - Brennschluss nach Abheben, Explosion
41 9. Juli 1943 4 0,1 Absturz auf Pumpenhaus des Prüfstands VII
34 9. Juli 1943 - - Brennschluss nach Abheben, Explosion
- 12. August 1943 64  ? Erfolgreicher Start
- 6. Oktober 1943 68  ? Erfolgreicher Start mit 272 s Dauer. Erster Start nach dem Luftangriff am 17. August 1943
- 21. Oktober 1943 63  ? Erfolgreicher Start, Flugzeit 286 s
- 4. Dezember 1943 63  ? Erfolgreicher Start, Flugzeit 286 s
- 10. Dezember 1943 69  ? Erfolgreicher Start, Flugzeit 247 s
- 21. Dezember 1943 33  ? Nur Teilerfolg, vorzeitiger Ausfall des Triebwerks, Flugzeit 104s
- 7. Januar 1944 43  ? Explodierte 43 s nach dem Start
- 27. Januar 1944  ?  ? Erster Testflug einer im Mittelwerk gefertigten Rakete. Fehlschlag
- 2. März 1944  ?  ? Explodierte
- 11. März 1944 59  ? Erfolgreicher Start, Flugzeit 282 s
Sofern nicht anders angegeben, erfolgte der Start vom Prüfstand VII.

Für den Zeitraum zwischen Juli 1943 und Februar 1945 liegen keine kompletten Startlisten vor. Bei einem Versuchsstart am 13. Juni 1944 zur Erprobung von Komponenten der Flugabwehrrakete Wasserfall stürzte eine von Peenemünde aus gestartete A4-Rakete in Südschweden ab.

Einsatz

Mit Sprengköpfen bestückt, wurden mit ihr ab 6. September 1944 englische und belgische Städte bombardiert, vor allem London und Antwerpen von mobilen Startrampen aus. Zwar war die Treffergenauigkeit gering, aber die plötzlichen Einschläge ohne Vorwarnung hatten vor allem psychologische Wirkung auf die Zivilbevölkerung, wenn wohl auch weniger als die der V1. Während es bei Angriffen der V1 noch Fliegeralarm gab und jeder wusste, dass der Flugkörper sehr schwer abzufangen war, gab es bei der A4 wegen ihrer Überschallgeschwindigkeit nur die plötzliche Explosion und danach erst das Anflugrauschen. Insgesamt kamen etwa 3200 Raketen zum Einsatz, die sich wie folgt verteilten:

Von Den Haag aus wurden 1039 Raketen abgeschossen, vor allem auf London gerichtet. Bei einem alliierten Luftangriff auf die Abschussrampen am 3. März 1945 kamen 510 Menschen ums Leben.

Die letzte Rakete im Kampfeinsatz wurde am 27. März 1945 von den Deutschen gegen Antwerpen abgeschossen. Augenzeugen berichten jedoch, dass die Ausbildungsbatterie 444 noch am 5. April 1945 in der Gegend von Verden mehrere A4-Raketen Richtung Nordsee gestartet habe.

Insgesamt forderte der Einsatz der A4-Raketen mehr als 8000 Menschenleben, hauptsächlich Zivilisten.

Weiterentwicklung

Wernher von Braun hatte von den Militärs den Auftrag erhalten, eine Waffe mit der Reichweite von 300 km und einer Sprengkraft von circa einer Tonne zu bauen. Nur dafür bekam er Geld und Personal vom Militär und später von der SS. So trat er auch in die NSDAP ein und wurde Mitglied der SS.

Am 24. Januar 1945 wurde in Peenemünde eine geflügelte Version der A4-Rakete, die A4b, erstmals erfolgreich gestartet. Sie sollte die doppelte Reichweite der A4 erreichen, stürzte allerdings wegen eines Flügelbruchs vorzeitig ab. Es kam zu keinem weiteren Start dieses Flugkörpers mehr.

Nach dem Krieg

Den Amerikanern waren am 29. März 1945 am Bahnhof Bromskirchen, Kreis Waldeck-Frankenberg (Hessen), 10 unversehrte komplette V2 Raketen mit mobilen Abschußrampen und Treibstoff des deutschen Artillerieregimentes Z.V. 901 (mot) auf einem Militärzug in die Hände gefallen. Der Zug sollte, am 22. März vom Westerwald kommend, über die Aar-Salzböde-Bahn in eine neue Stellung gebracht werden. Diese 10 Raketen wurden 3 Tage später über Amsterdam in die USA verschifft und bildeten die Grundausstattung der neuen amerikanischen Raketentechnik.

Am 2. Mai 1945 stellte sich von Braun der US-Armee und wurde zusammen mit anderen Wissenschaftlern aus seinem Mitarbeiterstab in die USA geschickt (Operation Paperclip).

Die Briten ließen im Oktober 1945 mehrere A4-Raketen durch Kriegsgefangene aus ehemaligen deutschen Abschusseinheiten in der Nähe von Cuxhaven starten, um Vertretern der alliierten Besatzungsmächte die „Wunderwaffe V2“ beim Start zu demonstrieren (Operation Backfire). Hierbei entstand auch ein zunächst geheimer Dokumentarfilm, der heute im Museum Peenemünde gezeigt wird.

Etwa 100 Beuteexemplare der A4 wurden noch vor dem Einmarsch der Roten Armee von US-Truppen in Nordhausen demontiert und in die USA verfrachtet. Sie bildeten den Grundstock der Raumfahrtentwicklungen in den USA. Eines dieser Exemplare kann im National Air and Space Museum in Washington (D.C.) begutachtet werden, ein weiteres kam anlässlich von Filmarbeiten Ende der fünfziger Jahre wieder nach Deutschland zurück und landete schließlich im Deutschen Museum in München. Die Übersiedlung der führenden Raketentechniker ab Sommer 1945 in die USA lief im Rahmen der geheimen Operation Overcast.

Teststarts mit erbeuteten A4-Raketen in den USA erfolgten beispielsweise im März 1948 von der White Sands Missile Range in New Mexico. Die Modifizierung der A4 mit einer Corporal-Rakete als zweite Stufe nennt man Bumper. Die ersten Raketenstarts von Cape Canaveral in Florida wurden 1950 mit Bumper-Raketen durchgeführt. Auf US-Seite wurden unter anderem Fruchtfliegen im Juli 1946 mit einer A4 transportiert und als erste Organismen im All bezeichnet.

In Huntsville, Alabama wurde ein neues Raketenzentrum gegründet, und zusammen mit den deutschen Wissenschaftlern wurden hier auf dem Testgelände insgesamt 67 A4-Raketen abgefeuert. Sie bildeten den Grundstock für die späteren Redstone-Raketen und für diverse Weiterentwicklungen ähnlicher Kriegswaffen, letztlich aber auch für die Saturn-V-Raketen.

Ebenso wurde von der UdSSR eine große Anzahl von deutschen Wissenschaftlern und die Reste der Raketentechnik in die Sowjetunion gebracht, um dort ebenfalls den Grundstock für spätere Entwicklungen zu bilden. Die sowjetische R-1-Rakete war der direkte Nachbau der A4. Sie wurde erstmals 1947 vom Testgelände Kapustin Jar gestartet.

Die Firma Canadian Arrow baute im Rahmen des Ansari X-Prize eine (um zwei Meter verlängerte) A4-Rakete nach, die Touristen ins All bringen sollte.

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

  1. Roger Ford: Die deutschen Geheimwaffen des Zweiten Weltkriegs
  2. Am Anfang war die V2. Vom Beginn der Weltraumschifffahrt in Deutschland. In: Utz Thimm (Hrsg.): Warum ist es nachts dunkel? Was wir vom Weltall wirklich wissen. Kosmos Verlag, 2006, S. 158, ISBN 3-440-10719-1
  3. "Lüdenscheider Nachrichten"; 25. März 2006
  4. Accumulatoren Fabrik AG
 Commons: V2 – Bilder, Videos und Audiodateien
 Commons: White Sand Missile Range Museum – Bilder, Videos und Audiodateien