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Nahtod-Erfahrung

Unter einer Nahtod-Erfahrung (Todesnähe-Erfahrung) versteht man ein Phänomen, das unter anderem bei Menschen auftritt, die für begrenzte Zeit für klinisch tot befunden wurden – beispielsweise während einer Operation, in Folge eines Verkehrsunfalls oder in einem Zustand kurz vor dem Ertrinken. Diese Berichte werden sowohl wissenschaftlich interpretiert als auch religiös gedeutet.

Inhaltsverzeichnis

Abgrenzung

Nahtod-Erfahrungen lassen sich nur schwer von Außerkörperlichen Erfahrungen (der Körper wird von außen wahrgenommen, engl.: out-of-body experience, OBE, gelegentlich OOBE) abgrenzen. Nahtod-Erfahrungen sind in der Regel gekoppelt mit Zuständen eines sterbenden Körpers (Herzstillstand, starke Unterkühlung, massiver Blutverlust etc.). Maßgeblich für eine Nahtod-Erfahrung scheint auch die psychische Todesnähe zu sein, also das subjektive Gefühl zu sterben.

Außerkörperliche Erfahrungen hingegen werden berichtet von Personen, die sich entweder a) in psychischen Bedrohungssituationen oder b) in einem tief entspannten Zustand befunden haben. Nahtod-Berichte enthalten oft Elemente von außerkörperlichen Erfahrungen.

In Tibet gibt es den Begriff Delog für eine Person, die gestorben und nach der Erfahrung der Nachtodwelt (Bardo) wiederauferstanden ist. Tsültrim Allione berichtet in ihrem Buch Tibets weise Frauen unter anderem in der Lebensgeschichte der Nangsa Obum über eine entsprechende Erfahrung von ihr.[1] Anders als Nahtod-Erfahrungen dauern jene Erfahrungen gewöhnlich mehrere Tage. Berichte über Delogs sind nicht auf Tibet beschränkt, sondern werden bereits in den Lehren des Buddha Shakyamuni diskutiert.[2]

Als Auswirkung lässt sich nach Nahtod-Erfahrungen häufig eine starke Veränderung der Lebensgestaltung beobachten. Bei außerkörperlichen Erfahrungen lässt sich demgegenüber in der Regel kein großer Wandel im Lebensverlauf feststellen.

Berichte

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Einer der ersten, die Berichte von Nahtod-Erfahrungen systematisch sammelten und auswerteten, war Raymond Moody in seinem Buch „Life after Life“ (1975).

Menschen, die nach einer Phase des klinischen Todes reanimiert wurden, berichten vom Fortbestehen des Gefühls der eigenen Identität, einem Gefühl des umfassenden Begreifens und der universalen Erkenntnis oder der Gewissheit, Teil des Universums zu sein, mitunter auch von Wahrnehmungen wunderbarer Landschaften, einem veränderten Zeit- und Schweregefühl oder dem Eindruck rasender Geschwindigkeit, der Vision einer Grenze und zuletzt einer Phase der "Rückkehr" ins reale Leben. Es gibt anekdotenhafte Berichte in denen von Details (z. B. Inhalt von Gesprächen, auf Schränken liegende Objekte) berichtet wird, deren Kenntnis dem betreffenden Menschen unmöglich wäre, wenn er nicht tatsächlich seinen Körper verlassen hätte.

Auch wird davon berichtet, dass man seinen Körper verlassen konnte, durch eine Art Tunnel einem hellen Licht entgegenschwebte, vormals nahestehenden Verstorbenen begegnete, wie in einem schnellen Film auf das ganze vergangene Leben zurückblickte und grenzenlose Liebe in Form einer Lichtgestalt erfuhr (unter Umständen identifiziert mit Christus, einem Propheten, einem Energieball oder Gott).

Die Wahrnehmungen erfolgen optisch, akustisch und auch über den Tast-, Geruchs- und Geschmackssinn. Ein spezielles Phänomen ist die so genannte Lebensbilderschau beziehungsweise das panoramatische Erlebnis, bei dem das Leben vor dem inneren Auge im Zeitraffer vorbeizuziehen scheint.

Das Alter, das Geschlecht, die berufliche Laufbahn des Einzelnen, sein kulturelles Umfeld oder seine Religion können für die Nahtod-Erfahrungen eine Rolle spielen: So gibt es zum Beispiel Berichte über kulturell bedingt unterschiedliche Arten der Fortbewegung durch den Tunnel.

Bei Überlebenden mit Nahtod-Erfahrungen löst das transzendente Erlebnis oft einschneidende Veränderungen ihres Lebens aus. Sie sind fest davon überzeugt, dass das, was sie erlebt haben, real war. Daraus resultierend entwickelte sich besonders seit den 1980er-Jahren eine Art neue religiöse Bewegung, die glaubt, in den Nahtod-Erfahrungen einen Beweis für das Leben nach dem Tod gefunden zu haben.

Die Überlebenden mit Nahtod-Erfahrungen berichten häufig, dass diese Erfahrungen eine sehr lange Zeit – etwa mehrere Wochen – zu dauern schienen.

Weniger bekannt ist, dass ein Teil der klinisch Toten, die reanimiert werden konnten, nicht von Nahtod-Erlebnissen, sondern von negativen und angstvollen Wahrnehmungen sprechen. Einige Überlebende (z. B. Ivan G. Burnell) berichten zum Beispiel, dass sie einen Blick in eine Art „Hölle“ oder auf die Erde und das menschliche Elend getan hätten.

Nahtod-Erfahrungen von Pam Reynolds

Bekannt durch Themensendungen von BBC[3] und der ARD[4] ist der Fall der Nahtod-Erfahrungen von Pam Reynolds, deren Beschreibung ursprünglich auf Michael B. Sabom zurückgeht.[5] Während die Patientin einer Gehirnoperation unterzogen wurde, zeigten mehrere Messinstrumente ein sogenanntes Null-Linien-EEG, da im Gehirn durch die besondere Operationsmethode mittels Unterkühlung, Blutabzug und Medikamentenwirkung keinerlei messbare Aktivität vor sich ging. Die Augen der Patientin waren zugeklebt und die Ohren wegen der Hirnstrommessungen zugestöpselt. Nach der Darstellung von Sabom beschrieb Reynolds hinterher, sich daran zu erinnern, während des Eingriffs etwa zwei Meter über dem OP-Tisch geschwebt zu sein. Sie gab außerdem Details der Gespräche während der Operation wieder und berichtete von den Eingriffen an ihrem Gehirn, wobei sie auch Spezialinstrumente und deren Anwendung detailliert beschreiben konnte.

Eine kritische Interpretation des Falls hat der niederländische Anästhesist Gerald M. Woerlee verfasst, ein Anhänger der Skeptikerbewegung.[6] Er ist der Ansicht, dass die Patientin während der Operation mehrmals bei Bewusstsein war, und dass die Eindrücke durch Vermischung von tatsächlichen Wahrnehmungen mit den Auswirkungen der starken Medikation zustande kamen. Die Konsistenz und Korrektheit von Woerlees Argumentation ist selbst nicht unumstritten,[7] da seine Behauptungen (z. B. das angebliche Erwachen während der Narkose) zum größten Teil nicht belegbar sind.

Ein Null-Linien-EEG ist allerdings kein Beweis für die völlige Abwesenheit des Bewusstseins. Der Neurologe Martin Klein: "Das EEG misst nur die Hirnaktivität der Großhirnrinde, und das auch nur in der obersten, drei Millimeter tiefen Schicht" und weiter " Wichtige Hirnanteile [..] sind der klinischen Prüfung gar nicht zugänglich"[8] Dies bedeutet: trotz Null-Linien-EEG könnten Sinneseindrücke wahrgenommen werden.

Medizinische Deutung

Viele Mediziner deuten die Erlebnisse als Halluzinationen, die in erster Linie durch die DMT-Ausschüttung im Gehirn des klinisch Toten hervorgerufen werden. Eine Untersuchung hat ergeben, dass Versuchspersonen, denen hohe Dosen von DMT intravenös zugeführt wurden, von Nahtod-Erfahrungen und mystischen Erlebnissen berichteten[9]. Auch unter LSD-Einfluss kommt es zu vergleichbaren Halluzinationen. Weitere Untersuchungen an Piloten und Astronauten, die hohen Beschleunigungen ausgesetzt gewesen sind und dabei für kurze Zeit ihr Bewusstsein verloren haben, berichten von ähnlichen Wahrnehmungen.

Untersuchungen von Dr. Karl Janssen zeigten 1995, dass die meisten Erscheinungen einer üblichen Nahtod-Erfahrung durch das Anästhetikum Ketamin [10] [11] hervorgerufen werden können, was die These einer neurophysiologischen Korrelation für Nahtod-Erfahrungen unterstützt.

Eine Theorie von Shawn Thomas (2004) schlägt vor, dass der Neurotransmitter Agmatin ((4-aminobutyl)guanidin) die Schlüsselsubstanz für Nahtod-Erfahrungen ist [12].

Eine Theorie (Kinseher, 2006) sieht den menschlichen Körper als ein komplexes System, welches von einem sehr effektiven Feedback-Kontrollsystem gesteuert und kontrolliert wird - dem Gehirn. Die aktuellen Sinneseindrücke werden dabei immer mit dazu passenden Informationen (Erfahrungen) aus dem Gedächtnis kombiniert, um dem Menschen eine passende Zukunftsvorhersage für die aktuelle Situation zu liefern, aus der sich ein Handlungsvorschlag ergibt. Damit kann man auf jede Situation sofort angemessen reagieren. Der Vorschlag des Gehirns wird immer an die aktuelle Situation angepasst. Während Nahtod-Erlebnissen lässt sich beobachten, wie das Gehirn das episodische Gedächtnis nach einer Handlungsalternative durchsucht. Anscheinend ist die paradoxe Erfahrung "ich bin tot" eine besondere Herausforderung für einen lebendigen Organismus. Die beim Live-Scan betrachteten Erinnerungen werden vom Gehirn mit dem aktuellen Verstand (zum Zeitpunkt des Nahtod-Erlebnisses) neu bewertet. Es versucht dabei, diesen Erlebnissen eine sinnvolle Bedeutung zu geben. Die Außerkörperliche Erfahrung ist dann Bestandteil der Nahtod-Erlebnisse, wenn das Gehirn versucht, einen gedanklichen Überblick über die derzeitige Situation zu erstellen. Aus aktuellen Sinneseindrücken und gespeicherten Erinnerungen entsteht so eine traumhafte Idee von sich und der Umgebung. Allgemeine Informationen eines solchen Traumes stimmen zwar oft mit der Realität überein; aber Details sind häufig nicht vorhanden oder falsch.

Eine viel beachtete prospektive Studie veröffentlichte der niederländische Kardiologe Pim van Lommel 2001 in der britischen Zeitschrift The Lancet[13] Er bezweifelt, daß physiologische Ursachen wie Sauerstoffmangel und Neurotransmitterausschüttungen die Erfahrungen hinreichend erklären, da entsprechende Erfahrungen nur von einer Minderheit (18% - 20%) der Personen berichtet werden, bei einer physiologischen Ursache aber eine wesentlich höhere Korrelation zu erwarten wäre.[14]

Derzeit werden Nahtod-Erfahrungen von der "International Association for Near Death Studies" (IANDS) untersucht.

Nahtod-Erfahrung und Suizid

In den Anfängen der Nahtod-Forschung bestand immer wieder die Sorge, bei suizidgefährdeten Menschen könnten sich durch diese Berichte die Schwelle zur Suizidhandlung gesenkt werden. (Hierzu liegen allerdings keine Belege vor.) Deshalb wurde sozusagen als „Warnhinweis“ formuliert, dass Suizidanten keine solche angenehme Erfahrung des Überganges hätten. Nahtod-Pionier Moody beispielsweise behauptet in Life after Life, in allen ihm bekannten Fällen von suizidbedingten Nahtod-Erfahrungen hätten die Betroffenen von höllen-ähnlichen Erfahrungen oder gar einer „Strafe für ihren ‚Verstoß gegen die Regeln‘ “ gesprochen, und dass diese Berichte allesamt im Einklang mit den „uralten theologischen und sittlichen Gründen gegen den Freitod“ stünden (während Moody an anderer Stelle des Buches die Übereinstimmung von Nahtod-Erfahrungen mit biblischen Vorstellungen von Himmel und Hölle bestreitet). Nahtod-Forscher wie etwa der US-amerikanische Psychologie-Professor Kenneth Ring[15] haben hingegen schon früh nachweisen können, dass zwischen Menschen, die nach einem Suizidversuch gerettet werden konnten und denen, die aus einem anderen Grund „fast“ gestorben sind, kein statistisch signifikanter Unterschied hinsichtlich der Nahtod-Erfahrungen besteht. Tatsächlich berichten Ring und andere Autoren, dass erlebte Nahtod-Erfahrungen eher einen suizidpräventiven Effekt haben, indem sie den Betroffenen neuen Lebensmut vermitteln.

Reaktion von Wissenschaftlern

Die Abneigung empirisch quantitativ arbeitender Wissenschaftler gegenüber dem Thema Nahtod-Erfahrungen hat verschiedene Gründe:

  1. Die subjektiven geschilderten Eindrücke sind praktisch nicht objektivierbar, somit eher unergiebig für quantitative Forschung.
  2. Der Psychologie, Neurologie und Psychiatrie (und anderen Fachgebieten) ist im Laufe ihrer Entwicklung immer bewusster geworden, wie leicht täuschbar das menschliche Gehirn ist und wie subjektiv eingefärbt alles Erleben ist, wobei weiterhin große Uneinigkeit über die Verfasstheit des "Bewusstseins" besteht.
  3. Als Tod gilt in der Biologie der unumkehrbar bleibende Zusammenbruch aller biologischen und neurologischen Funktionen. Das Weiterbestehen einer wie immer gearteten psychischen Funktion ohne funktionierendes Gehirn wird als unmöglich angesehen, da es allen bisherigen objektivierbaren Erfahrungen widerspricht.
  4. Das Thema wird von einigen Autoren dazu ausgenutzt, um mit zweifelhaften Buchveröffentlichungen und anderen medienwirksamen Auftritten viel Geld zu verdienen.

Prinzipiell eignet sich das Thema Nahtod-Erfahrung jedoch für eine empirische wissenschaftliche Untersuchung, und es existieren bereits mehrere neurologische Thesen zu Nahtod-Erfahrungen.

Herzschrittmacher

Interessant sind auch Erfahrungen von Patienten mit Herzschrittmachern. Sind diese Patienten völlig schrittmacherabhängig und haben keine eigene Herzaktion, kann man im Rahmen der Herzschrittmacherkontrolle einen circa 10–15-sekündigen Herzstillstand auslösen, ohne dass der Patient Schaden leidet. In dieser Phase kann man dann die auftretenden Körper- und Gehirnreaktionen messen. Allerdings sind dabei sehr schnelle Messmethoden notwendig, denn eine längere Ausdehnung des Herzstillstandes ist ethisch nicht zu rechtfertigen.

Es kommt in dieser Phase zu einem maximalen Adrenalinausstoß im Körper. Es wird dem Betroffenen sehr heiß, dann wird ihm schwarz vor Augen. Ein Helligkeitserlebnis und die typischen Nahtod-Erfahrungen werden nicht berichtet. Nach so einer Schrittmacherpause kann es durch das freigesetzte Adrenalin zu einem erhöhten Blutdruck kommen.

Beim ärztlich kontrollierten Aus-/Einschalten des Herzschrittmachers fehlte allerdings das subjektive Gefühl zu sterben.

Literatur

Quellen

  1. Tsültrim Allione: Die Lebensgeschichte der Nangsa Obum. In: Tibets weise Frauen. S. 252 ff
  2. Peaceful Death/Joyful Rebirth, von Tulku Thondup, SHAMBALA Boston & London, 2005, S. 7
  3. Begegnung mit dem Tod - BBC Exklusiv
  4. Jenseitsreisen – Erfahrungen an der Grenze des Todes
  5. Michael B. Sabom: Light and Death. One Doctor's Fascinating Account of Near-death Experiences. Zondervan Publishing House, 1982, ISBN 0310219922. Deutsch: Erinnerungen an den Tod. Eine medizinische Untersuchung. Goldmann Wilhelm, 1987, ISBN 3442117410.
  6. Gerald M. Woerlee: Pam Reynolds' Near Death Experience. Mortal Minds Website (2005); Gerald M. Woerlee: Pam Reynolds: Ein Nahtodeserlebnis aus der Sicht eines Anästhesisten. Skeptiker (4/2004); siehe auch Gerald M. Woerlee: Mortal Minds. The Biology Of Near Death Experiences. Prometheus Books, 2005, ISBN 1591022835; Rezensionen siehe Martin Hadley: Review: Matters of Life and Death. The Skeptic 24:2 (2004), S. 60 und %20Reviews2005-/6-06.htm PSCF Book Reviews June 2006. Siehe auch Kevin Williams, Gerald Woerlee: NDEs: Brain Physiology or Transcendental Consciousness? Or Both? Near-Death Experiences & the Afterlife (2005).
  7. Titus Rivas: A contemporary extinction hypothesis: Mortal minds by Gerald Woerlee, Ian Lawton: Additional Analysis of the Pam Reynolds Case, Victor Zammit: Lawyer Rebuts Dr G.M. Woerlee
  8. Zitat aus: Welt der Wunder 09/2007, Dossier Mystica, Seite 58
  9. Rick Strassman: DMT: The Spirit Molecule. A Doctor's Revolutionary Research Into the Biology of Near-Death and Mystical Experiences
  10. Lycaeum > Leda > Using Ketamine to Induce the Near-Death Experience
  11. Dr. Karl Jansen
  12. Shawn Thomas: Agmatine and Near-Death Experiences von 2004; http://www.neurotransmitter.net/neardeath.html
  13. Der Artikel von van Lommel in The Lancet
  14. Ein Interview mit van Lommel
  15. vgl. K. Ring: Den Tod erfahren – das Leben gewinnen. Scherz, Bern 1985
In diesem Artikel oder Abschnitt fehlen folgende wichtige Informationen: Nahtod-Erfahrungen bei Selbstmordversuchen – siehe Diskussion

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