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Samo

Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen werden unter Samo (Begriffsklärung) aufgeführt.

Samo († um 660) war ein aus dem Frankenreich stammender Kaufmann (und/oder Diplomat) und der erste namentlich bekannte Herrscher eines slawischen Bevölkerungsverbandes. Um 623/624 gründete er das in Ostmitteleuropa gelegene sogenannte Reich des Samo, dessen Schicksal nach seinem Tod unbekannt ist. Das Zentrum des Reichs befand sich vermutlich im weiten südlichen March-Gebiet, das heißt dem heutigen Mähren, Niederösterreich und der Südwestslowakei. Seine genaue Lage ist aber bis heute umstritten.

Das Reich des Samo war das erste bekannte politische Gebilde der heutigen Westslawen. Es war noch kein „Staat“, sondern eher ein Stammesbund oder eine höhere Stufe eines Stammesbundes, ein Zusammenschluss von Eliten bzw. eine Konföderation mehrerer mehr oder weniger selbständiger „Fürstentümer“ (ducates).

Inhaltsverzeichnis

Quellen

Die schriftlichen Quellen zu Samo und seinem Reich sind ausgesprochen spärlich. Die einzige zeitgenössische Quelle, die von den Ereignissen berichtet, ist die Fredegar-Chronik (auch: Chronik des Fredegar, Fredegarii Chronicon (4, 48; 68)). Deren zweiter Teil, in dem die Geschichte der Franken zwischen 584 und 642/643 beschrieben wird, gilt, trotz einiger Mängel, als Hauptquelle der fränkischen Geschichte dieser Zeit. Das Problem dieser Quelle ist, dass sie ausschließlich die fränkische Perspektive enthält, Ereignisse, die keinen Bezug zum Frankenreich hatten, nicht erwähnt werden und ein Korrektiv für die slawische Sicht nicht zur Verfügung steht.

Alle anderen Quellen sind von ihr abgeleitet und viel jünger und besitzen damit kaum eigenen Quellenwert. Dabei handelt es sich um die Gesta Dagoberti I. regis Francorum aus dem ersten Drittel des 9. Jahrhunderts aus der Abtei Saint-Denis bei Paris und vor allem um die um 870 verfasste Conversio Bagoariorum et Carantanorum aus Salzburg, einem Zentrum des bayerischen Klerus, die zudem in mehreren Teilen von den Gesta abgeleitet ist.

Samos Herkunft

In der Fredegar-Chronik (IV, 48) wird ein homo nomen Samo, natione Francos, de pago Senonago genannt (Ein Mann namens Samo, ein Franke/von Geburt ein Franke/ fränkischer Herkunft, aus der Gegend/Gau von „Senonago“). Dieser Satz kann jedoch unterschiedlich übersetzt und gedeutet werden. Zumeist wird heute davon ausgegangen, dass Senonago der heutigen französischen Stadt Sens südöstlich von Paris entspricht, aus der die Familie von Samo stammte. Der Name Samo wäre dann keltischen Ursprungs, sein Träger könnte Galloromane gewesen sein, das heißt ein romanisierter Bewohner der ehemaligen römischen Provinz Gallien, die im 7. Jahrhundert den Kern des fränkischen Königreiches bildete. Anderen, eher unwahrscheinlichen Interpretationen zufolge handelt es sich beim Senonago allerdings um Soignies oder Saalegau. Mit „natione Francos“ wurden nach manchen Quellen im 7. Jahrhundert allgemein die Bewohner des multiethnischen Frankenreichs bezeichnet.

Heute eher sekundär sind andere Deutungen, die jedoch recht zahlreich sind. So wird Samo entgegen den Angaben in der Fredegar-Chronik als Slawe gesehen, vor allem aufgrund einiger Angaben in der Conversio Bagoariorum et Carantanorum (siehe dazu unten den Abschnitt zur geographischen Lage). Neuerdings wird manchmal das Wort Samo als altslawischer Rangtitel betrachtet: Samo soll „Herr“ oder „Selbstherrscher“ bedeuten, vor allem da „samo-“ in slawischen Sprachen „selbst-“ bedeutet. Es gibt auch veraltete Ansichten, dass Samo eine Abkürzung des slawischen Namens Samoslav ist. Und schließlich könnte der Name vom hebräischen Samuel abgeleitet sein. Der keltische Ursprung des Namens bleibt aber am wahrscheinlichsten.

Ereignisse

Vor Samos Ankunft

Die Slawen ließen sich spätestens um 500 in der heutigen Südslowakei, im Laufe des 6. Jahrhunderts auch in Mähren, im nördlichen Niederösterreich, nordwestlichen Böhmen, in Kärnten, Osttirol und in der Steiermark, im nördlichen Slowenien und im nördlichen Kroatien nieder. Vereinzelte Slawen gab es auch im heutigen Ungarn. Im heutigen Ostungarn und Siebenbürgen waren seit 455 vor allem die Gepiden angesiedelt, im heutigen Westungarn seit 547 die Langobarden. Südlich der oben genannten Gebiete befand sich das Byzantinische Reich, östlich und nördlich der Gebiete lebten ausschließlich Slawen und westlich der Gebiete befand sich das Frankenreich.

In dieser Situation kamen 567 aus Asien die nomadischen Awaren in das heutige Ostungarn. Danach schlugen sie in einer Allianz mit den Langobarden die Gepiden vollständig, die somit als selbständiger Verband untergingen. 568 drängten sie auch die Langobarden zu einer Umsiedlung nach Norditalien, siedelten sich nun auch im heutigen Westungarn an und gründeten dort ihr Kaganat. Dieses mächtige Awaren-Reich unterwarf am Ende des 6. Jahrhunderts die Slawen auf den besetzten Gebieten und in den Grenzgebieten. 595-602 folgte ein fast ununterbrochener Krieg der Awaren gegen das Byzantinische Reich im Süden, der das Awarenkhaganat an den Rand des Abgrunds drängte und den Mythos von der Unbesiegbarkeit der Awaren zerstörte (siehe hierzu Balkanfeldzüge des Maurikios).

Das Reich des Samo

Der Aufstand

Der Text der Fredegar-Chronik beginnt im Jahre 623/624, im 40. Regierungsjahr des fränkischen Königs Chlothar II. In diesem Jahr unternahm dieser Quellen zufolge der negucians (Kaufmann oder vielleicht Unterhändler) Samo mit seinen Gefährten eine Handelsreise zu den „auch als Wenden bezeichneten Slawen“. Trotz eines fränkischen Verbotes lieferte Samos Karawane, genauso wie damals andere Kaufleute aus Gallien, vermutlich vor allem Waffen an die Slawen. Die „Karawanen“ waren zu dieser Zeit auch militärisch gut ausgerüstet und geschützt, und sie wurden von bewaffneten Kriegern begleitet, da Handelsreisen ins Ausland, vor allem wenn dabei wertvolle Waren befördert wurden, grundsätzlich gefährlich waren. Nach manchen ungesicherten Quellen hingegen soll Samo ein Sklavenhändler gewesen sein, der sich bei den Slawen neue „Ware“ holte.

Zu dieser Zeit begannen die Slawen einen Aufstand gegen die awarische Oberhoheit. Die Gründe waren den Quellen zufolge, dass sie gezwungen waren, in den ersten Reihen in der awarischen Armee zu kämpfen, dass sie den Awaren hohen Tribut leisten mussten, sowie dass die Awaren bei den Slawen alljährlich den Winter verbrachten und mit ihren slawischen Frauen Kinder zeugten. Die Aufständischen waren jedoch keine Slawen, sondern awarisch-slawische Mischlinge, das heißt Kinder awarischer Väter und slawischer Mütter. Der Aufstand brach in einer Zeit aus, als sich die Awaren, zusammen mit den Persern und von südlichen Slawen unterstützt, zur Eroberung von Konstantinopel anschickten, und war vielleicht dank diesem Umstand erfolgreich. Die Awaren erlitten 626 bei Konstantinopel eine Niederlage. Nach anderen bislang nicht gesicherten Forschungsmeinungen begann der Aufstand nach einem erfolglosen Feldzug der Awaren gegen Konstantinopel im Jahre 623.

Samo und seine Gruppe nahm nach ihrer Ankunft bei den Slawen zwangsläufig am Kampf der Slawen gegen die Awaren teil und seine „militärische Fähigkeit“ verhalf laut Fredegar-Chronik den Slawen zum Sieg. Die Forscher interpretieren diesen Teil so, dass entweder Samo selbst ein guter Kämpfer und/oder Kampfführer war oder dass die militärische Begleitung seiner Karawane sehr hilfreich war bzw. dass Samos Hilfe in der Lieferung von Waffen und in der Kontaktaufnahme mit dem fränkischen König bestand. Daraufhin wurde Samo laut Fredegar-Chronik von den Slawen wegen seiner entscheidenden Beteiligung an einer siegreichen Schlacht zum rex („König“) gewählt. Manche Historiker ziehen die Begriffe „Anführer“ oder „Fürst“ vor. Rex war zumindest derselbe Titel, den auch der Herrscher des Frankenreichs trug. Es existieren jedoch noch weitere mehr oder weniger wahrscheinliche Hypothesen über die Umstände der Königserhebung von Samo. So ist nicht ausgeschlossen, dass Samo von Dagobert I., dem Sohn Chlothars, der zu dieser Zeit von seinem Vater als Unterkönig im austrasischen Reichsteil eingesetzt worden war, zu den Slawen ausgesandt wurde. Das Ziel einer solchen Aktion war möglicherweise, eine weitere Macht zwischen den Awaren und dem fränkischen Reich aufzubauen und sein Reich so vor weiteren awarischen Angriffen zu schützen. Andere sehen dagegen in Samo einen „Kompromisskandidaten“, auf den sich mehrere slawische Anführer einigen konnten. Die Wahl fiel möglicherweise auf einen Fremden, um nicht einen der konkurrierenden Anführer gegenüber den anderen herauszuheben.

Samos Herrschaft

Samo passte sich dem neuen kulturellen Umfeld, das sich von dem fränkischen Reich deutlich unterschied, rasch an. In der Fredegar-Chronik wird erwähnt, dass er zwölf slawische Frauen und mit ihnen 22 Söhne und 15 Töchter gehabt habe. Dabei soll es sich den Ansichten einiger Historiker zufolge um Frauen aus den verschiedenen von Samo beherrschten Fürstentümern gehandelt haben, das heißt um „politische Heiraten“, worauf sich auch zwölf Stämme unter seiner Führung zusammengeschlossen hätten. Angesichts der vielfältigen Bedeutung der Zahl im Mittelalter sollte die Verlässlichkeit dieser Angabe jedoch nicht überschätzt werden. Unter Samos Herrschaft sollen die Slawen noch weitere erfolgreiche Kriege gegen die Awaren geführt haben.

Ansonsten informiert die Fredegar-Chronik über das Reich des Samo nur insofern, als es einen Bezug zu den Franken gibt. So wird angegeben, dass das von den Awaren befreite Gebiet von weiteren fränkischen Kaufleuten aufgesucht wurde. Im Jahre 631/632 beraubten und töteten Slawen eine Gruppe fränkischer Kaufleute. Daraufhin schickte Dagobert Gesandte in Samos Reich, um Wiedergutmachung für diesen Mord und Diebstahl zu verlangen. Es wird zuweilen angenommen, dass Dagobert diesen Zwischenfall zum Anlass nahm, eine intensivere „Ostpolitik“ zu beginnen. Allerdings gehörte der Schutz der fränkischen Untertanen auch innerhalb eines fremden Machtbereichs zu den Aufgaben des Königs. Die diplomatischen Verhandlungen, die ein Sicharius im Auftrage König Dagoberts führte, blieben erfolglos. Die Fredegar-Chronik beschreibt sie wie folgt:

… wie es bei den Heiden und törichten Hochmütigen üblich ist, machte Samo nichts von dem, was sein Volk verbrochen hatte, wieder gut, sondern er wollte nur … dass gegenseitig Recht und Gerechtigkeit hinsichtlich dieser und anderer Anschuldigungen, die sich zwischen den Parteien ergaben, geltend gemacht wird. Sicharius … sprach Samo gegenüber unangebrachte [ungerechte/beleidigende] Worte, die ihm nicht auferlegt worden waren, ja sogar Drohungen aus, dass Samo und sein Volk Dagobert zum „servicium“ [Dienstbarkeit oder Unterstellung unter seine Macht] verpflichtet sind. Samo antwortete bereits mit Wut: „Das Land, welches wir innehaben, ist das Land Dagoberts, und wir sind auch die seinen, vorausgesetzt jedoch, dass er anordnet, dass mit uns Frieden gehalten wird. Sicharius sagte: „Es ist nicht möglich, dass Christen und Diener Gottes Freundschaft mit Hunden schließen.“ Samo erwiderte: „Wenn ihr die Diener Gottes seid und wir die Hunde Gottes, [dann] während ihr ununterbrochen gegen Gott handelt, nahmen wir uns die Erlaubnis, euch mit unseren Zähnen in Stücke zu reißen.“ Dann warf Samo Sicharius hinaus.

Im selben Jahr wurde ein großangelegter Feldzug Dagoberts mit drei oder vier Heeren gegen Samo geführt. (Das vierte Heer wird in der Fredegar-Chronik später nicht mehr erwähnt.) Die verbündeten Alamannen unter Herzog Chrodobert griffen die Randgebiete des Samo-Reichs an. Die verbündeten friulanischen Langobarden fielen sehr wahrscheinlich von Süden ein und besetzten die „regio Zellia“, wohl im heutigen Gailtal in Kärnten gelegen. Das austrasische Hauptheer (vielleicht von Dagobert selbst angeführt) sollte in das Herz des Reiches vordringen. Den einzelnen Heeren gelang es jedoch nicht, sich zu vereinigen. Während die ersten beiden Teilheere siegreich mit vielen Gefangenen zurückkehrten, wurde das austrasische Hauptheer nach einer dreitägigen vergeblichen Belagerung eines Ortes Wogastisburg, dessen Lage unbekannt ist, total geschlagen. Die übrig gebliebenen Kämpfer Dagoberts mussten flüchten und sämtliche Waffen und Zelte zurücklassen. Der Versuch, Samo zu unterwerfen, war damit gescheitert.

Daraufhin unternahmen die Slawen unter Samo mehrfach Einfälle in Thüringen und im östlichen Frankenreich, worauf auch Derwan (Dervan), ein bis dahin den Franken unterstehender Fürst (dux) der im Elbe-Saale-Gebiet ansässigen Sorben, von den Franken abfiel und sich Samo anschloss (Dervanus dux gente Surborium que … ad regnum Francorum iam olem aspecserant). Seine Erwähnung ist der erste Quellenbeleg für die Anwesenheit von Slawen nördlich des Erzgebirges. Aufgrund dieser Nachrichten wird von mehreren Wissenschaftlern angenommen, dass zu dieser Zeit auch (West-)Böhmen und die Gebiete der Bavaria Slavica Bestandteil des Samo-Reiches wurden.

Die Slawen unternahmen später weitere räuberische Einfälle in das Frankenreich, was Dagobert zu diversen Maßnahmen zum Schutz der Ostgrenze seines Reiches zwang. So ernannte er 633 seinen Sohn Sigisbert zum König Austrasiens. Weitere Angaben über Samos Reich fehlen, so dass vermutlich bis zu Samos Tod keine nennenswerten Auseinandersetzungen zwischen den Franken und Samo mehr stattgefunden haben. Aus der Dauer seiner Herrschaft, die mit 35 Jahren angegeben wird, lässt sich erschließen, dass Samo um das Jahr 658 verstarb.

Nach Samos Tod

Da für das heutige Tschechien und die Slowakei für die folgenden 150 Jahre (633/658 – 791) überhaupt keine schriftlichen Quellen verfügbar sind, ist das Schicksal des Reiches völlig unklar. Aufgrund der archäologischen Funde ist bekannt, dass die Awaren um 650 in die heutige südliche Slowakei und im 8. Jahrhundert auch nach Südmähren zurückkehrten und dort von da an mit den Slawen offensichtlich in Symbiose weiter lebten. Die Slawen in nördlicheren und westlicheren Gebieten waren offenbar unabhängig von der awarischen Oberherrschaft. Im Frankenreich kam es nach dem Tod von Dagobert (639) zu einer Krise, in der die Franken kaum eine Bedrohung für die benachbarten Slawen darstellten. Es erscheint also durchaus möglich, dass einige politische Strukturen des Reiches des Samo Bestand hatten.

Die schriftlichen Quellen setzen erst am Ende des 8. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem Kampf der Franken unter Karl dem Großen gegen die Awaren (788/791 – 796/803) wieder ein, die dabei 799 oder 802/803 geschlagen wurden. Karl der Große wurde bei diesen Kämpfen von Slawen unterstützt (z. B. 791, 795) und die Slawen führten auch ihren eigenen Kampf (z. B. „infestationes Sclavorum“ 802–805). Zu dieser Zeit existierten im mittleren Donauraum die beiden slawischen Fürstentümer Mährisches und Nitraer Fürstentum (siehe Großmähren). Ein direkter politischer und institutioneller Zusammenhang zwischen dem Reich des Samo und den beiden Fürstentümern muss dabei jedoch nicht bestanden haben, allerdings konnte eine Siedlungs- und kulturelle Kontinuität archäologisch belegt werden. Diese Kontinuität kann zwar selbstverständlich für die Rekonstruktion politischer Prozesse nicht herangezogen werden, sie schuf aber die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen für die Entstehung der beiden Fürstentümer bzw. Großmährens. Zudem wird der Sachverhalt, dass von den Slawen in Mähren und der Slowakei – im Unterschied zu anderen Slawen vor allem in Böhmen und Polen – bereits zum Zeitpunkt der Entstehung Großmährens keine Stammesnamen mehr bekannt sein sollen (es werden immer nur die Mährer oder die mährischen Slawen oder die slověne erwähnt, siehe z. B. die aus dem 9. Jahrhundert stammende Auflistung bei dem Geographus Bavarus), dahingehend gedeutet, dass hier schon früher festere Herrschaftsstrukturen als die Stammesbünde und damit wohl mögliche Nachfolger des Samo-Reiches entstanden waren. Zumindest in der deutschsprachigen Forschung wird meist davon ausgegangen, dass Samos Herrschaft nach seinem Tod um 660 zerfiel und nicht traditionsbildend wirkte. Als Begründung dieser Ansicht wird zumeist angegeben, dass die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen in diesem Gebiet allgemein noch nicht so fortgeschritten waren, dass ein Gebilde wie das Reich des Samo längerfristig hätte überleben können.

Geographische Lage

Die Lage des Samo-Reiches ist bis heute umstritten, auch wenn von manchen Autoren eine Lösung des Problems suggeriert wird. Die Gründe hierfür sind ein Mangel an alternativen schriftlichen Quellen sowie neuerdings vor allem Uneinigkeiten bezüglich der genauen Datierung der archäologischen Funde (Avenarius 2002). Damit ergibt sich viel Spielraum für verschiedene Interpretationen. Im Folgenden sollen einige der bisherigen Lokalisierungsvorschläge genannt und die Argumente dafür und dagegen vorgestellt werden.

Tschechische Forschung

Die aktuellen tschechischen Forschungsmeinungen, wie sie insbesondere von Michal Lutovský und Nad'a Profantová geäußert wurden, gründen im Wesentlichen auf dem bereits in den 1960er und 70er Jahren erreichten Forschungsstand, besonders auf Ján Dekan: Das Zentrum des Reiches befand sich im heutigen Mähren und im angrenzenden Niederösterreich sowie in der Westslowakei (siehe Karte 1). Das Reich umschloss aber auch das Gebiet der Sorben unter Dervanus, sicher auch (West-)Böhmen und vielleicht auch die Südwestslowakei (das Gebiet der Lausitz ist mit Sicherheit zu streichen, siehe bei Wogastisburg). Manche Wissenschaftler rechnen auch die an Tschechien angrenzenden Gebiete Bayerns und Oberösterreichs hinzu. Die Zugehörigkeit Karantaniens wird entweder völlig ignoriert oder als zweifelhaft gewertet. Die Zugehörigkeit Böhmens wird vor allem damit begründet, dass sich auch die Sorben im Elb-Saale-Gebiet seit den 630er Jahren Samo angeschlossen hatten. Andere Forscher nehmen jedoch an, dass die Zugehörigkeit (West-)Böhmens wegen der großen Entfernung zu den Awaren eher unwahrscheinlich ist und nur vorübergehend war.

Ort des Slawenaufstands

Der Slawenaufstand, der zur Entstehung des Reiches führte, soll sich nach der Ansicht der meisten slowakischen und tschechischen Forscher am nordwestlichen Rand des Awaren-Reiches, wohl irgendwo im Raum um Bratislava, abgespielt haben (siehe das untere schraffierte Gebiet in der Karte). Der Grund hierfür liegt darin, dass der Fredegar-Chronik zufolge die Aufständischen awarisch-slawische Mischlinge gewesen sind, woraus folgt, dass es ein Gebiet gewesen sein musste, das die Awaren mindestens seit einer Generation aufsuchten. Des Weiteren findet sich hier die Angabe, dass die Awaren zu den Slawen regelmäßig zum Überwintern kamen. Somit musste es sich wohl um ein slawisches Gebiet am Rande des Awaren-Reiches handeln. Zu einer Vermischung awarischer und slawischer Kulturelemente ist es archäologischen Quellen zufolge von den fraglichen Gebieten in der fraglichen Zeit nur im Raum Bratislava, insbesondere im heutigen westlichen Bratislava (Bratislava-Devínska Nová Ves, Bratislava-Záhorská Bystrica), d. h. in der Umgebung von Bratislava-Devín, gekommen. Dieser Raum zählt auch zu den Gebieten mit den ältesten nachweislich slawischen Funden Mitteleuropas (um 500) und es lag auf einem sehr wichtigen Donauhandelsweg. In der älteren Forschung wurde das Gebiet des Aufstands jedoch häufig in Karantanien vermutet.

Slowakische Forschung

Abgesehen vom Ort des Aufstands bieten die slowakischen Forschungen ein zum Teil abweichendes Bild. Das Zentrum des Reiches soll sich hiernach ebenso irgendwo in diesem Raum bzw. im sonstigen südlichen March-Gebiet befunden haben. Zumindest hatte das Zentralgebiet sicher auch „Ausläufer“ im heutigen Südmähren und östlichen Niederösterreich, was vor allem damit begründet wird, dass die awarischen Funde aus Mähren und Niederösterreich etwas später datiert werden. Gegen die Lage des Zentrums (nicht des Aufstands!) im Raum Bratislava soll allerdings die Lage direkt an der Grenze des Awaren-Reichs sprechen (Tatiana Štefanovičová). Zu Böhmen heißt es meistens, dass es gar nicht oder vielleicht erst ab den 630er Jahren zum Reich gehörte. Nach anderen Ansichten gehörte auch das Gebiet um die Stadt Nitra zum Samo-Reich. Die Annahme, dass Karantanien ebenfalls noch dazugehörte, sei entweder veraltet oder umstritten oder Karantanien nur vorübergehend Teil des Reiches gewesen. Für die Zugehörigkeit der Slowakei spricht unter anderem eine Datierung der Funde, nach der die Awaren in die südwestliche Slowakei etwa nach 650, das heißt nach dem Ende des Awaren-Reichs, wieder zurückkehrten. Die früher geäußerte Vermutung, dass das Zentrum der strategisch besonders gut gelegene Burghügel Devín (heute Teil von Bratislava) war, konnte archäologisch nicht nachgewiesen werden (siehe dazu unter Devín).

Karantanien

Die Lage in Karantanien (ungefähr heutiges Kärnten, Osttirol, Steiermark und Slowenien) bleibt wohl in allen Interpretationen möglich, da in der Conversio Bagoariorum et Carantanorum behauptet wird, dass Samo ein Herrscher der Karantanen war und dass das Zentrum des Reiches in Karantanien lag. Dagegen wird nun häufig der Einwand erhoben, dass es sich zum einen um eine Verwechslung von Karantanien und Carnuntum handeln würde, die im frühen Mittelalter üblich war, und zum anderen einer der Herrscher Karantaniens namens Valuk (Walluc) bekannt ist. Außerdem waren die hiesigen Slawen bis 630 unter der Oberhoheit der Langobarden.

Sonstige Theorien

Von den übrigen Theorien seien noch Versuche erwähnt, das Zentrum von Samos Herrschaft im Wiener Raum (Wolfgang Fritze) oder in Ostfranken (Heinrich Kunstmann) zu suchen. In Deutschland wurde zuletzt von Martin Eggers eine äußerst umstrittene These veröffentlicht, nach der das Reich in Böhmen und dem Main-Gebiet zu suchen ist.

Schließlich gibt es neuerdings Versuche, Fredegars Text im Einklang mit den archäologischen Funden etwas freier aufzufassen. So gibt es Theorien, dass der Aufstand in Wirklichkeit nicht gegen die awarische Oberherrschaft gerichtet war, sondern gegen den Versuch der Awaren, nach Nordwesten vorzudringen. Eine andere neue Theorie besagt, dass der Aufstand der awarisch-slawischen Mischlinge ursprünglich mitten im Awaren-Reich begann, sich die Aufständischen dann aber in das nordöstliche Randgebiet verschoben (Jan Steinhübel).

Abschließend sei noch erwähnt, dass als konkrete Zentren – sei es nun aufgrund archäologischer Funde oder aus anderen Gründen – in der älteren Forschung von den bekannteren Orten vor allem Mikulčice, Olomouc, Wien und Bratislava genannt wurden. Eine solche Identifizierung wird heute größtenteils abgelehnt.

Siehe auch hierzu den Artikel Wogastisburg.

Mit Samo ist auch die Sage um Notburga von Hochhausen verknüpft.

Literatur

Deutsch

Tschechisch

Slowakisch

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Personendaten
Samo
aus dem Frankenreich stammender Kaufmann (und/oder Diplomat) und der erste namentlich bekannte Herrscher der Slawen
um 660