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Sprache des Nationalsozialismus

Als Sprache des Nationalsozialismus bezeichnet man ein Vokabular und eine bestimmte öffentliche Rhetorik, die in der Zeit des Nationalsozialismus häufig verwendet wurden und den Sprachgebrauch in Staat und Gesellschaft stark beeinflussten. Sie enthält sowohl Neuschöpfungen von Wörtern als auch veränderte Bedeutungszuschreibungen für bereits vorhandene Wörter. Beide wurden zum Teil willkürlich geschaffen, zum Teil aber auch unreflektiert eingebürgert.

Adolf Hitler und Joseph Goebbels gelten als typische Vertreter dieser Sprache. Sie wirkten großenteils über ihre Sprechattacken als Demagogen und verwendeten die Medien systematisch für ihre NS-Propaganda, so dass sich ihr Sprechstil und Vokabular weit verbreiteten und in vielen öffentlichen Bereichen durchsetzten.

In heutigen Analysen dieser Sprache wird diskutiert, wieweit der nationalsozialistische Sprachgebrauch bereits Rückschlüsse auf die politischen Ziele und Absichten der Sprecher zulässt.

Inhaltsverzeichnis

Besondere Merkmale

Sprachlenkung und Sprachkontrolle

Das neu geschaffene Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) übernahm schon ab März 1933 in ganz Deutschland die inhaltliche Lenkung der Presse, der Literatur, der bildenden Kunst, des Films, des Theaters und der Musik. Es übte mittels der Reichskulturkammer die Kontrolle über fast alle Bereiche der Kultur und Medien aus. Die Reichspressekammer war eine seiner Unterorganisationen. Außerhalb der parteieigenen Medien konnte damit auch der Staatsapparat zur Verbreitung der NS-Ideologie genutzt werden, indem Zensur oder Fördermittel des Ministeriums die NS-parteikonforme Behandlung von Sport-, Kultur- und zwischenmenschlichen Themen in Spielfilmen erreichen konnte. Die Reichsfilmkammer setzte ihre Personalpolitik durch bis hinein in einzelne Filmproduktionen.

Für die staatliche Sprachzensur und Sprachmanipulation schuf das NS-Regime selbst den Begriff Sprachregelung. Nach internen Anweisungen von Joseph Goebbels wurden etwa die Presseerklärungen solchen Zensurmaßnahmen unterworfen. Besonders für die Durchführung der Judenverfolgung und des Holocaust wurden Begriffe verordnet, die den tatsächlichen Zweck der Staatsmaßnahmen für die deutsche und ausländische Öffentlichkeit verschleiern sollten. Oft wurden bewusst verharmlosende, neutrale oder positiv besetzte Ausdrücke für Terror- und Mordaktionen verwendet. Dies war Teil der Geheimhaltung besonders der Judendeportationen und Judenvernichtung, um diese als Normalität erscheinen zu lassen und organisierten Widerstand Betroffener dagegen zu verhindern.[1]

Politische Ziele des Sprachgebrauchs

Der Sprachgebrauch des Vokabulars zielte vor allem auf Nicht-Nazis. Nicht-Mitglieder sollten von den Zielen dieser Partei und der von ihr besetzen Ämter überzeugt werden. Nur zum Teil war die Sprache des Nationalsozialismus auch auf die Binnenwirkung bereits überzeugter Parteigenossen (PGs) ausgerichtet. Je mehr der Staatsapparat von Nazis genutzt werden konnte, um so prägender traten Vokabular und die anderen Besonderheiten des Sprachgebrauchs im Leben der ganzen Bevölkerung in Erscheinung. Oft war es nur noch die Familie, in der sich Sprechende nicht von dieser Sprache und den dazu gehörenden NS-Funktionären umgeben fühlen konnten. Die Flüsterpropaganda und das „private“ Gespräch waren in der Kriegszeit ständig von der Ausspähung durch andere bedroht. Die Aufzählung der Ziele hier folgt keiner Systematik oder Chronologie:

Darstellungen und Analysen

in literarischen Formen

Victor Klemperer, jüdischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, schuf mit seinem Werk „LTI – Notizbuch eines Philologen“ eine literarisch bearbeitete Bestandsaufnahme der Sprache in Deutschland zwischen 1933 und 1945. Der Werktitel mit der möglichst unverfänglichen Abkürzung war bereits eine Parodie auf die Abkürzungswut der Nationalsozialisten: LTI stand für Lingua Tertii Imperii (lateinisch), also für „Sprache des Dritten Reiches“.

Klemperer vertrat darin die These, dass es weniger einzelne Reden, Flugblätter, Wörter oder ähnliches waren, die den größten Eindruck in der Bevölkerung hinterließen, sondern vielmehr die stereotypen Wiederholungen des ganzen Wortschwalls. Sie führten zu einer ständigen Beeinflussung im Sinne einer Suggestion.

Nach 1945 bis 1948 schrieben Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind für die Zeitschrift „Die Wandlung“ ähnliche Beiträge über die NS-Sprache. 1957 wurden diese als Buch unter dem Titel Aus dem Wörterbuch des Unmenschen veröffentlicht.

in Theater, Film, Kleinkunst

Charles Chaplins Film Der große Diktator von 1940 ist eine Hitler-Persiflage und Satire auf die NS-Herrschaft. Chaplin verfremdete die Namen der beteiligten Politiker und Staaten, übernahm aber NS-Begriffe wie „Rasse“, „Ghetto“ und „Konzentrationslager“ im Klartext. Die Reden der Hauptfigur „Hynkel“ (Hitler) werden in einer vollkommen unverständlichen erfundenen Sprache, auf Tomanisch, gehalten. Doch der aggressive Tonfall, das Stakkato, Mimik und Gestik des Redners machen die Figur Hitler unverwechselbar und lassen auf den brutalen Inhalt und Zweck seiner Sätze schließen. Damit leistete Chaplin einen frühen Beitrag zur Analyse des Sprachstils der Nationalsozialisten.

Die Sprache der Opfer in den KZs

Eine Besonderheit ist der Sprachgebrauch der Gefangenen in den Konzentrationslagern (KL oder später KZ). In fast jedem KZ gab es als Opfer Angehörige von vielen bis zu 40 verschiedenen Völkern oder Volksgruppen. Jeder Gefangene brachte an diesen Ort seine eigene Muttersprache oder Nationalsprache mit. Mit den Bewachern musste jeder deutsch sprechen. Auch Briefe durften nur in deutscher Sprache geschrieben werden. Um überleben zu können, musste ein Häftling wenigstens die allereinfachsten Befehle und Antworten auf deutsch verstehen und sprechen. Untereinander behalfen sich die Gefangenen mit einem multinationalen Sprachgemisch, das sich zum Teil zu einer deutsch-basierten Kreolsprache entwickelte. Sie bestand aus Schlüsselwörtern und ergänzenden nonverbalen Zeichen. Um 1985 hat W. Oschlies vorgeschlagen, dafür den im KZ bereits z. T. benutzten Begriff „Lagerszpracha“ generell zu verwenden.[2]

Siehe auch

Einzelbelege

  1. Artikel Sprachregelung, Enzyklopädie des Holocaust, Band III, Piper 1998, S. 1361f
  2. vgl. W. Oschlies: Sprache in nationalsozialistischen Konzentrationslagern

Literatur