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Herero

Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen werden unter Herero (Begriffsklärung) aufgeführt.

Die Herero (ursprünglich Mbandu genannt) sind ein die Bantusprache Herero sprechendes afrikanisches Hirtenvolk von heute etwa 120.000 Menschen. Die Mehrheit von ihnen lebt in Namibia, einige auch in Botsuana und Angola. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt meist als Arbeiter auf großen Farmen oder in den Städten als Händler und Handwerker. Ein oft als Teilgruppe behandeltes Volk sind die im Kaokoveld lebenden Himba, auch Ova-Herero genannt.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Mitte des 16. Jahrhunderts wandern die Herero - vermutlich zusammen mit den Ovambo, mit denen zumindest eine gewisse Sprachverwandschaft nachweisbar ist - aus Zentralafrika in das Betschuanaland (das heutige Botswana) ein. Dort trennen sie sich von den ackerbauenden Ovambo, die ihrerseits weiter nach Westen zum Kunene ziehen. Infolge von Auseinandersetzungen mit den Betschuanen kommt es zur Trennung der Mbandu: ein Teil von ihnen wandert im 17. und 18. Jahrhundert als Herero in den Norden des heutigen Namibia und siedelt dort zunächst südlich des Kunene, im Kaokoveld. Die im Betschuanaland verbleibenden Mbandu ziehen an die äußerste Westgrenze des Landes, die seinerzeit bis an den heutigen Ort Okahandja heranreicht. Dieser Volksteil wird Mbanderu oder auch Ostherero genannt. Im ausgehenden 18. Jahrhundert wird Okahandja zum Zentrum des Hererovolkes. Hüter des Ahnenfeuers und damit Oberhäuptling aller Herero ist Tjamuaha. Infolge einer längeren Dürreperiode um 1830 dehnen die rinderzüchtenden Herero (Herero bedeutet ursprünglich Viehbesitzer) ihre Weidegebiete immer stärker nach Süden aus und verdrängen dabei die dort seit 1700 siedelnden Nama. Diesen kommen mit Beginn des 19. Jahrhunderts die aus der südafrikanischen Kapprovinz nachrückenden Orlam-Stämme, vor allem die Afrikaner unter ihrem Häuptling Jonker Afrikaner, zu Hilfe. Gemeinsam gelingt es den Nama und Orlam, die Herero bis etwa auf die Höhe Windhuk zurückzudrängen.

Das 19. Jahrhundert ist in Namibia geprägt durch ständige Auseinandersetzungen und gegenseitige Raubzüge zwischen Herero einerseits und den Nama und Orlam andererseits. Diese kriegerische Entwicklung wird maßgeblich gefördert durch die mit Unterstützung der Missionare ins Land kommenden Händler: sie verkaufen neben Alkohol vor allem Schusswaffen und nehmen dafür Rinder in Zahlung. Extreme Handelsspannen und hohe Kreditzinsen lassen die Stämme schnell verarmen und lösen zahlreiche Raubzüge zwischen den Stämmen aus, damit die Häuptlinge ihre Schulden bezahlen können. Die Orlam-Afrikaner sind dabei am erfolgreichsten - es gelingt ihnen Mitte des 19. Jahrhunderts die fast völlige Ausrottung der Herero (vgl. Vedder, Das alte Südwestafrika, S. 369: Das Hererovolk hat, soweit wir es kennen, aufgehört zu bestehen.) Erst nach dem Tode des berühmt-berüchtigten Afrikaner-Häuptlings Jonker Afrikaner im Jahre 1861 gelingt den Herero unter ihrem Häuptling Maharero im Zusammenwirken mit dem in Otjimbingwe ansässigen schwedischen Unternehmer Andersson und dessen Privatarmee sowie der Roten Nation von Hoachanas (Nama) eine Rückkehr zu alter Stärke und infolgedessen 1870 eine völlige Unterwerfung der Orlam-Afrikaner (10-Jahresfrieden von Okahandja).

Ende des 19. Jahrhunderts kommen die ersten, eine dauerhafte Besiedlung anstrebenden Europäer ins Land. Im Damaraland sowie auch im zentralen Hochland um die Stadt Windhoek herum erwerben deutsche Siedler von den Herero Land für den Aufbau von Farmen. Im Jahre 1883 schließt der Kaufmann Franz Adolf Eduard Lüderitz einen Vertrag mit einheimischen Stammesältesten, der Grundlage späterer deutscher Kolonialherrschaft wird. Südwest-Afrika wird 1884 - nach Anerkennung durch die englische Krone - Deutsches Schutzgebiet als Deutsch-Südwestafrika.

Trotz des zunächst guten Einvernehmens zwischen der deutschen Kolonialverwaltung und den Herero kommt es bald zu Konflikten zwischen den deutschen Kolonialisten und den Herero-Hirten. Dabei geht es häufig um Land- und Wasserrechte (z.B. im Zusammenhang mit dem Bau der Otavi-Bahn, auch hatte Lüderitz ihnen mehrere Meilen Land abgekauft und ihnen dabei verschwiegen, dass es sich im Vertrag um Seemeilen handelt), aber auch um die (z.B. rechtliche) Diskriminierung (z.B. ungeahndete sexuelle Übergriffe auf Herero-Frauen), Missionierung, Unterdrückung und Ausbeutung der Einheimischen durch die Weißen. Insbesondere das Jahr 1897 wirkt sich besonders verheerend aus: die von Südafrika kommende Rinderpest und eine große Heuschreckenplage führen dazu, dass fast 70% des Viehbestandes der Herero verloren gehen. Dies und die von den Händlern forcierten Kreditverkäufe führen zu einer nachhaltigen Verarmung der Herero und zwingen diese zu weiteren Landverkäufen sowie zur Lohnarbeit bei deutschen Farmern.

Diese Konflikte münden im Januar 1904, ausgelöst durch die Ungeschicklichkeit des deutschen Distriktchefs in Okahandja, Oberleutnant Zürn, in den Hereroaufstand, der unter Führung des Häuptlings Samuel Maharero mit der Plünderung der Stadt Okahandja seinen Anfang nimmt. Die Vorplanung erfolgte interessanterweise durch brieflichen Austausch zwischen den Stammesführern, einige der Dokumente sind heute noch erhalten.

Zu den anfänglichen Militärschlägen der Hereros gegen die Kolonisten gehörte das Niederbrennen aller Farmen und Siedlungen in ihrer Umgebung, wobei ca. 150 deutsche Siedler, zumeist nur die Männer, teilweise grausam ermordet wurden.

Nach dem anfänglichen erfolgreichen Angriff der gut organisierten und mit Schusswaffen ausgerüsteten aufständischen Armee gegen die zahlenmäßig weit unterlegene, weil durch einen kleineren Aufstand der Bondelswarte im Süden des Landes gebundene Schutztruppe unter Gouverneur Oberst Theodor Leutwein entsendet das Deutsche Reich ein Expeditionskorps unter Generalleutnant Lothar von Trotha mit etwa 15.000 Mann, welches die Herero rasch zurückdrängt.

Der von den Deutschen am Waterberg gesuchten Entscheidungsschlacht können sich die Herero durch Flucht entziehen, jedoch sterben eine große Zahl von ihnen in der von der deutschen Schutztruppe und den mit ihnen verbündeten Orlam-Witbooi abgeriegelten wasserlosen Omaheke-Steppe. Viele Hereros, Soldaten, Frauen wie Kinder wurden von den Brunnen abgeschnitten und sind verdurstet.

Im Krieg und danach kommen zwischen 25.000 und 100.000 (vermutlich 65.000) Herero und 1.749 Deutsche um. Nur etwa 1.000 Herero gelingt mit ihrem Häuptling Samuel Maharero die Flucht ins Betschuanaland. Einige Reste der Herero kehrten erschöpft und mutlos zurück und ergaben sich. Die auf deutscher Seite kämpfenden Witbooi sind über das Ausmaß der Vernichtung entsetzt und versuchen zu fliehen, da sie ein ähnliches Schicksal befürchten. Sie werden entwaffnet und als Arbeitssklaven nach Deutsch-Ostafrika (Tansania) verschifft.

Dieser Umstand gilt als Auslöser des nachfolgenden Nama-Aufstandes. Da die Herero den Befehl ausgegeben hatten, Priester zu schonen, wurden diese fälschlicherweise der Kollaboration beschuldigt und teilweise in Haft genommen.

Im Betschuanaland führen die überlebenden Herero unter Führung von Samuel Maharero ein Minderheitendasein. Eine Rückkehr nach Südwestafrika wird ihnen nicht gestattet - auch nicht, als Südwestafrika nach dem Ersten Weltkrieg unter südafrikanische Verwaltung kommt. Samuel Maherero stirbt 1923 im Exil, wird am 23. August 1923 nach Okahandja überführt und dort unter Leitung des neuen Hererohäuptlings Hosea Kutako mit großem Zeremoniell beigesetzt.

Hererotag

Zum Gedenken an die Schlacht am Waterberg und an die in Okahandja bestatteten Herero-Häuptlinge Tjamuaha, Maharero, Samuel Maharero und Hosea Kutako wird alljährlich im August mit Schwerpunkt Okahandja der sogenannte Hererotag begangen. Er ist - entgegen dem äußeren Anschein - keine touristische Veranstaltung, sondern ein vom Stammesbewusstsein der Herero getragenes und in ihrem Ahnenkult begründetes Gedenken. Dem unbedarften Beobachter bietet sich gleichwohl ein Schauspiel, das die Ernsthaftigkeit der Feierlichkeiten nicht unbedingt zwingend erscheinen lässt; insbesondere die Parade der „Truppenspieler” mit ihren fast operettenhaft wirkenden, aber auf deutscher Tradition beruhenden Uniformen und mit ihren martialischen Befehlen wecken Zweifel daran. Zudem ist der farbenprächtige Aufzug der „Green Flags” und „Red Flags” (von Hosea Kutako 1920 und 1923 gegründete Hererofrauen - Trachtenvereine; ihr äußeres Kennzeichen ist die stammes-einheitliche Farbe der Tracht: grün für die Gobabis- oder Ost-Herero („Green Flags”); rot für die Okahandja- oder Zentral-Herero („Red Flags”)) ein unwiderstehlicher Reiz für jeden Fotografen, so dass das Interesse für den historischen Hintergrund eher marginal bleibt. Auch die Herero selbst sorgen mit der von einer Getränkefirma gesponserten Wahl der „Miss Herero” dafür, dass bei allem Gedenken auch der Spaß nicht zu kurz kommt.

Zum 100. Jahrestag hat auch die deutsche Ministerin für Entwicklungszusammenarbeit Heidemarie Wieczorek-Zeul vor Ort der Toten gedacht und sich dabei erstmals zur politischen und moralischen Schuld der deutschen Kolonialverwaltung bekannt. Sie bat das Volk der Herero um Vergebung für die von Deutschen begangenen Verbrechen. Eine solche „entschädigungsrelevante Formulierung” (Zitat: Außenminister Joschka Fischer) war von deutschen Regierungsvertretern in der Vergangenheit immer vermieden worden. Eine gesonderte finanzielle Entschädigung für die Herero, wie von ihrem Häuptling Riruako seit 1995 gefordert und vor amerikanischen Gerichten erfolglos verfolgt, lehnt sie, in Übereinstimmung mit der Position der Bundesregierung und der Regierung Namibias, weiterhin ab; statt dessen wolle man die „Entwicklungszusammenarbeit” mit Namibia fortsetzen.

Literatur

Siehe auch