Lebensmittelindustrie
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Lebensmittelindustrie

Lebensmittelindustrie bzw. Ernährungsindustrie ist ein der Landwirtschaft nachgelagerter Wirtschaftszweig, in dem ein wesentlicher Teil der erzeugten Agrarprodukte für die menschliche Ernährung verarbeitet wird.

Kleinere Unternehmen mit weniger als 20 Beschäftigten pro Betrieb gehören zum Ernährungshandwerk, nicht zur Ernährungsindustrie[1].

Ernährungsindustrie, Ernährungshandwerk, Lebensmittelgroßhandel, Lebensmitteleinzelhandel und Gastronomie bilden gemeinsam das Ernährungsgewerbe und mit angrenzenden Dienstleistungsbereichen zusammen die Ernährungswirtschaft. Das Gesamtsystem wird als Agrar- und Ernährungswirtschaft oder als Agribusiness[2], seltener auch als Nahrungswirtschaft[3] oder im englischen als Food System[4] bezeichnet.

Die Herstellung von Lebensmitteln unterliegt unter anderem zum Schutz vor Lebensmittelkrisen einem komplexen Lebensmittelrecht und einer intensiven Lebensmittelkontrolle.

Inhaltsverzeichnis

Historische und wissenschaftliche Einordnung

Die industrielle Fertigung von Lebensmitteln hat sich wie in anderen Bereichen auch aus den entsprechenden Zweigen des Ernährungshandwerks entwickelt. Noch heute unterscheidet man definitorisch weniger nach Herstellungsverfahren als vielmehr nach Mitarbeiteranzahl zwischen handwerklichen und industriellen Unternehmen. Neben der verfahrenstechnischen Weiterentwicklung der Produktion spielten in den letzten Jahrzehnten auch biotechnische Innovationen eine wesentliche Rolle. (So zum Beispiel bei der Produktion von synthetischem Lab.) Für die technischen Verfahren der Lebensmittelproduktion hat sich mit der Lebensmitteltechnologie innerhalb der Verfahrenstechnik eine eigene interdisziplinäre Hochschulausbildung und ein Forschungsbereich mit spezifischen Berufsperspektiven innerhalb eines der vier größten Industriesektoren entwickelt. Die Beschäftigung mit der Wechselwirkung zwischen Ernährung, Lebensmittelqualität und Gesundheit erfolgt im Rahmen der Ökotrophologie, zunehmend auch durch die Ernährungsmedizin. Besonderes Augenmerk richten diese Disziplinen bei der Bewertung von industriell erzeugten Lebensmitteln neben nährwertbezogenen Eigenschaften auf gesundheitsbezogene Aspekte, wie zum Beispiel Allergie-Risiken sowie auf das Verhältnis von Ernährungsgewohnheiten zu dem jeweiligen Lebensstil. Dieses Gebiet wird auch aus soziologischer Sicht im Rahmen der Ernährungssoziologie untersucht.

Industrielle Lebensmittelverarbeitung

Viele lebensmitteltechnische Verfahren haben sich aus häuslicher Küche und handwerklicher Produktion weiter entwickelt oder entsprechen handwerklichen Verfahren in technischer Sicht, sind dabei aber größer dimensioniert, ggf. um Arbeitsschritte der Haltbarmachung und Verpackung ergänzt sowie oft maschinell unterstützt.

Lebensmitteltechnische Verfahren lassen sich wie folgt kategorisieren:

Daten zur Geschichte der Lebensmittelindustrie

Struktur und Entwicklung der Lebensmittelindustrie

In Deutschland haben sich wichtige Firmen und Organisationen der Lebensmittelindustrie in der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE) organisiert. Nach Angaben dieses Verbandes sind in Deutschland rund 5.900 Unternehmen mit über einer halben Mio. Beschäftigten in der Lebensmittelindustrie tätig. Der Umsatz betrug im Jahr 2005 rund 134 Mrd. Euro, davon 22 Prozent für den Export.

In der Schweiz haben sich die Firmen der Lebensmittelindustrie in der Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien (fial) organisiert. Die Nahrungsmittelindustrie in der Schweiz besteht aus etwa 200 Unternehmen, die in 250 Produktionsbetrieben etwa 33.000 Menschen beschäftigen. Der Gesamtumsatz von 13 Milliarden Schweizer Franken (ca. 8.5 Milliarden Euro) teilt sich auf in 2 Milliarden Franken Exporte und 11 Milliarden Inlandverkäufe.

In Österreich werden von der Wirtschaftskammer Österreich rund 240 Betriebe angegeben, die der Lebensmittelindustrie zuzurechnen sind. Etwa 28.000 Beschäftigte erwirtschaften einen Umsatz von etwa 6,4 Milliarden Euro. Die Exportquote liegt bei 59 Prozent. Wichtigster Handelspartner ist Deutschland.

Auf europäischer Ebene wird die Lebensmittelindustrie u. a. durch den Europäischen Verband der Lebensmittelindustrie (CIAA) vertreten.

Zu den Teilbranchen der Ernährungsindustrie gehören in absteigender Reihenfolge ihrer Umsatzanteile am Gesamtumsatz (in Deutschland):

Die deutsche Ernährungsbranche ist trotz der Präsenz zum Teil sehr großer internationaler Branchenunternehmen durch einen sehr hohen Anteil an mittelständischen Unternehmen geprägt. Ihr gegenüber steht ein hoch konzentrierter Lebensmitteleinzelhandel als beherrschendes Glied der Food-Value-Chain, der inzwischen die nationalen Grenzen übersprungen hat und global denkt und handelt. Die Unternehmenskonzentration in der Ernährungsindustrie ist bisher noch relativ gering. Die Top 10 der Branche vereinen lediglich 13,7 % des Umsatzes auf sich. Der hohe Kostendruck zwingt aber auch in der Ernährungsindustrie immer mehr Unternehmen zu Fusionen, Akquisitionen und Unternehmensverkäufen, um Synergieeffekte und Rationalisierungspotenziale zu heben. Insbesondere in den Bereichen Fleisch und Backwaren kann ein deutlicher Trend zu größeren Einheiten in den nächsten Jahren erwartet werden.

Die Struktur der Ernährungsindustrie nach Größenklassen:

Größenklassen in Mio. €
Unternehmensgröße
< 2 2–5 5–10 10–20 20–50 > 50 Anzahl Unternehmen Durchschnitts-Umsatz
in Mio. €
Fleisch 352 324 149 135 111 92 1.163 17,5
Fisch 10 16 11 11 11 10 69 28
Obst und Gemüse 24 48 47 30 43 31 223 30,2
Milch 1 6 12 20 53 92 184 109,4
Getreide, Reis und Teigwaren 1 14 24 19 35 15 108 35
Feinkosterzeugnisse 2 10 8 10 8 11 49 108,6
Backwaren 1.231 631 215 84 68 34 2.263 5,6
Öle und Fette 1 1 2 4 1 16 25 187,1
Süßwaren 11 21 17 28 30 24 131 48,6
Alkoholische Getränke 10 29 34 25 28 32 158 47,3
Brauwirtschaft 19 119 79 46 40 41 344 26,8
Andere Alkoholika 0 23 18 16 19 18 94 44
Andere 9 39 43 45 72 61 269 61,7
Summen 1.671 1.281 659 473 519 477 5.080 24,7

Daten für 2003/2004 (Deutschland). Je nach statistischer Quelle schwankt die Zahl der Unternehmen zwischen 5.000 und knapp 6.000 Unternehmen. Die Unschärfe zeigt insbesondere in den Bereichen Fleisch und Backwaren die strukturelle Nähe von kleineren Industrie-Unternehmen und größeren Unternehmen des Ernährungshandwerks.

Quellen: Destatis, BVE, AFC

Größte Lieferanten des Lebensmitteleinzelhandels

Unter den größten Lieferanten des Lebensmitteleinzelhandels finden sich analog zu den Warengruppen des Lebensmitteleinzelhandels außer Nahrungsmittelproduzenten auch einige Kosmetik-, Reinigungsmittel- und Zigarettenhersteller. Auffällig ist, dass auch in einem vergleichsweise großen Binnenmarkt wie Deutschland unter den den Top-10 Lieferanten mit Dr. Oetker nur noch ein Unternehmen deutschen Ursprungs und im Besitz deutscher Eigentümer ist. Dies unterstreicht den vorherrschenden Trend zu größeren international agierenden und auch eigentumsrechtlich vernetzten Unternehmenseinheiten.

Rang Hersteller Umsatz Deutschland
in Mio. €
Gesamt-Umsatz
in Mio. €
1 Philip Morris GmbH 1) 6767 6767
2 British American Tobacco GmbH 1) 5103 5103
3 Tchibo Holding AG 2) 4356 8788
4 Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH (Imperial) 1) 3947 3947
5 Nestlé Gruppe Deutschland 3767 3767
6 Vion N.V. 3) 3300* 6600
7 Dr. August Oetker KG 4) 2721 7029
8 Procter & Gamble GmbH 2600* 6400* 5)
9 Unilever Deutschland GmbH** 2500* 2500*
10 Coca-Cola Organisation 2200* 2200*
11 Henkel KGaA 2160* 11974
12 Cobana Fruchtring GmbH & Co. KG 2050* 2284
13 Kraft Foods Deutschland GmbH 1800* 1800*
14 InBev Deutschland GmbH 1700* 1700*
15 B+C Tönnies GmbH & Co KG 1630* 2500*
16 Nordmilch Konzern 1525* 2070
17 Humana Milchunion e.G. 6) 1500* 1900
18 Masterfoods GmbH 1500* 1500*
19 Atlanta AG 1500* 1500*
20 Ferrero oHG mbH 1400* 1400*
21 Theo Müller GmbH & Co KG 1300* 2100
22 Pfeifer & Langen KG 7) 1290* 2160*
23 SCA Hygiene Products AG 1290 1290
24 Südzucker-Gruppe 1284 5347
25 Westfleisch-Gruppe 1230* 1599
26 Kamps AG 1090* 1210
27 Campina GmbH & Co. KG 1080 1080
28 Heristo AG 1050* 1227
29 Japan Tobacco International Germany GmbH 1) 1030 1030
30 PHW-Gruppe (Wiesenhof) 1010* 1260
31 Landgard eG 960* 1005
32 Bitburger Getränke Gruppe 950 950
33 L'Oréal Deutschland GmbH 895 895
34 Stute Nahrungsmittelwerke GmbH & Co.KG 850* 850*
35 Hochwald Nahrungsmittel-Werke GmbH 770* 1020
36 August Storck KG 750* 1200*
37 Zur Mühlen Gruppe 730 k.A.
38 Karlsberg Brauerei GmbH** 690 690
39 Krüger GmbH & Co.KG 630* 1359
40 Melitta Unternehmensgruppe Bentz KG 610* 1113
41 Bayernland eG 604 737
42 Brau Holding International AG** (Joint Venture Schörghuber Unternehmensgruppe/Heineken N.V.) 570 705
43 Krombacher Brauerei Bernhard Schadeberg GmbH & Co. KG** 526 526
44 Warsteiner Brauerei Haus Cramer KG** 510 510
45 Haribo GmbH & Co. KG 500* 1400*
46 Ehrmann AG 484 620
47 Harry-Brot GmbH 470* 489
48 D&S Fleisch GmbH 470 470
49 Eckes AG 8) 460* 960
50 Hochland AG 412 787

Alle Daten für 2005/2006, Anmerkungen: 1) inkl. Tabaksteuer, 2) inkl. Beiersdorf, 3) inkl. Südfleisch, 4) inkl. Freiberger Brauhaus bei Radeberger, inkl. Sektsteuer bei Henkell & Söhnlein, 5) inkl. Wella (Welt) und Gilette (D), 6) konsolidierter Gesamtumsatz, 7) inkl. Nut Company und Intersnack, 8) inkl. Branntwein- bzw. Sektsteuer, * geschätzt, ** inkl. Export

Quelle: Lebensmittelzeitung

Tarifparteien in der Lebensmittelindustrie

Dieser Artikel oder Absatz stellt die Situation in Deutschland dar. Hilf mit, die Situation in anderen Ländern zu schildern.

Gewerkschaft NGG

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten vertritt die Interessen der Beschäftigten unter anderem aus den Branchen Backgewerbe, Fleisch und Fisch, Getränke, Hotel- und Gastgewerbe, Milch, Süßwaren, Obst und Gemüse, Zucker und Tabak. Die Gewerkschaft NGG blickt auf die längste Tradition aller deutscher Gewerkschaften zurück, weil eine ihrer Vorläuferorganisationen der 1865 in Leipzig gegründete Allgemeine Deutsche Cigarrenarbeiter-Verein ist. Dieser gilt, u. a. wegen seiner zentralen Struktur, als organisatorisches Vorbild für die Gewerkschaften in Deutschland. Auf Arbeitgeberseite stehen ihr zumeist diverse Mitgliedsverbände der Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuß als Tarifpartner gegenüber.

Arbeitgebervereinigung ANG

Die Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuß e. V. (ANG) ist eine sozialpolitische Spitzenorganisation der Ernährungsindustrie. Die ANG selbst ist kein direkter Tarifpartner der Gewerkschaften. Die Tarifautonomie liegt ausschließlich bei den Mitgliedsverbänden. Anders als in den meisten industriellen Branchen werden jedes Jahr hunderte von Tarifverträgen in den einzelnen Regionen und Sektoren von diversen Arbeitgeberverbänden abgeschlossen. Dabei steht den Arbeitgebern als Tarifpartner zumeist die traditionsreiche Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) gegenüber. Das Selbstverständnis der ANG ist es, die differenzierte Tarifpolitik auf Arbeitgeberseite zu koordinieren.

Kritik

Kritiker der Lebensmittelindustrie verfolgen neben allgemeinen industriekritischen oder kapitalismuskritischen Zielen auch einige, die spezifisch mit dem Thema Lebensmittel und der Lebensmittelproduktion verknüpft sind. Entlang aller Zieldimensionen haben sich Nichtregierungsorganisationen gebildet, die die Stärkung der von ihr vertretenen Schutzgüter politisch einfordern. Viele der Schutzkategorien haben Eingang in staatliche Regulierungen gefunden, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Zu den wichtigsten Schutzkategorien gehören:

Einzelnachweise

  1. information.medien.agrar e. V.: Agrarlexikon (Ernährungswirtschaft), Bonn. o.J.
  2. Otto Strecker et. al.: Marketing in der Agrar- und Ernährungswirtschaft, Frankfurt, 1996
  3. Heinz Ulrich Thimm und Michael Besch: Die Nahrungswirtschaft, Hamburg, 1971
  4. Food Industry: in der englischen Wikipedia

Siehe auch

Verbände

Fachmedien