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Pauly-Wissowa

Pauly-Wissowa (abgekürzt P.-W.), auch Pauly-Wissowa-Kroll oder meist einfach nur RE sind die gebräuchlichen Kurzbezeichnungen für Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, einer umfangreichen und umfassenden Enzyklopädie zur Antike, die von 1894 bis 1974 erschien. Sie war als komplette Neubearbeitung der von August Friedrich Pauly begründeten Real-Encyclopädie der classischen Alterthumswissenschaft (1837–1864) konzipiert. Daneben erschien Der Kleine Pauly (1964–1975) als kompakte, modernisierte, auch für Privatpersonen erschwingliche Ausgabe. Ab 1996 wurde Der Neue Pauly in 12 Bänden herausgegeben, die durch drei Bände Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte sowie eine Supplement-Reihe ergänzt werden.

Inhaltsverzeichnis

Der „Ur“-Pauly

August Friedrich Pauly begründete 1837 die Real-Encyclopädie der classischen Alterthumswissenschaft in alphabetischer Ordnung (sechs Bände in sieben Teilbänden, bis 1852). Ursprünglich wollte Gymnasial-Professor Pauly nur ein Hilfsmittel für Lehrer und Schüler schaffen. Für seine Arbeit gewann er 17 Mitautoren. Die orientalischen Randgebiete wurden nur dann betrachtet, wenn es griechische oder lateinische Quellen dazu gab. Nach dem Tode Paulys setzten Ernst Christian Walz (1802–1857) und Wilhelm Siegmund Teuffel dessen Arbeit fort, gewannen mehr Mitarbeiter und brachten den Pauly so auf ein wissenschaftlicheres Niveau. Randkulturen und die Byzantinistik wurden jetzt stärker berücksichtigt. 1864–1866 begann Teuffel auf Anregung des Metzlerverlages, in dem die Real-Encyclopädie erschien, mit einer Neubearbeitung des ersten Bandes. Schon damals hatten sich viele neue Erkenntnisse angesammelt, so dass der erste Band in der Bearbeitung nun in zwei Teilbänden erschien. Weitere Überarbeitungen waren nicht geplant, so dass das Projekt erst mit der Neubearbeitung durch Georg Wissowa fortgesetzt wurde. Am Ende bestand der „Ur“-Pauly also aus 8 Teilbänden.

Neben der Arbeit eines Leopold von Ranke, Johann Gustav Droysen und Theodor Mommsen legte Pauly mit seinem Lexikon die Grundlage für die Vorrangstellung der deutschen Altertumswissenschaften, die erst durch die Rassenpolitik der Nazis und den Zweiten Weltkrieg verloren ging. Der Pauly war schon in der ersten Form ein epochales Meisterwerk, das nicht nur Anstoß für die folgenden Bearbeitungen war, sondern auch für andere Lexika, wie Lübkers Reallexikon des klassischen Altertums.

Die RE

Auf Grundlage des Ur-Pauly wurde von Georg Wissowa ab 1890 Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Neue Bearbeitung. Unter Mitwirkung zahlreicher Fachgenossen herausgegeben von Georg Wissowa [später ...] fortgeführt von Wilhelm Kroll und Karl Mittelhaus neu herausgegeben. Die RE ist das umfassendste Nachschlagewerk der Altertumswissenschaften, der Geschichtswissenschaften und verwandter Wissenschaften.

Das Projekt sollte nach der ursprünglichen Planung innerhalb von zehn Jahren abgeschlossen sein; tatsächlich wurden es 78 Jahre, in denen vier weitere Herausgeber Wissowas Arbeit fortsetzten: Wilhelm Kroll (1906–1939), Karl Mittelhaus (1939–1946), Konrat Ziegler (1946–1974) und Hans Gärtner (1974–1980). Zunächst erschien das Lexikon im Verlag J. B. Metzler, später im Verlag Druckenmüller. Heute liegen alle Rechte wieder beim Metzler-Verlag.

Da schnell absehbar war, dass das Ziel nicht so schnell wie angenommen zu erreichen war, und man befürchtete, das Werk in seiner Gesamtheit zu gefährden, wurde 1914 (dieser Band erschien parallel zum ersten Supplementband) mit einer zweiten Reihe begonnen, die mit dem Buchstaben R einsetzte.

Der Pauly-Wissowa besteht nach dem Abschluss der Neuausgabe, die 1978 erfolgte, aus 66 Halbbänden und 15 Supplementbänden; hinzu kommt ein Register der Nachträge und Supplementbände, das aus dem Jahr 1980 stammt (darin unter anderem eine Würdigung der Arbeit Konrat Zieglers von Hans Gärtner). Ebenfalls 1980 erschien in den USA ein Index von John P. Murphy. 1997 schließlich erschienen ein Gesamtregister in zwei Teilen (Alphabetischer- und Systematischer Teil), 2000 ein Systematisches Sach- und Suchregister auf CD-ROM.

Jeder Artikel der RE wurde von für dieses Thema anerkannten Experten geschrieben, wobei manche Artikel aufgrund der Länge beinahe schon den Charakter kleinerer Monographien haben (etwa Matthias Gelzers Cicero als Politiker); manche Artikel erschienen dann auch als separater Sonderdruck (so z. B. Albin Leskys Homeros). Allerdings ist eine Reihe von Artikeln mittlerweile bereits wieder veraltet. Viele biographische Artikel über Personen der römischen Republik stammen etwa von Friedrich Münzer; für die Spätantike schrieben Otto Seeck, Wilhelm Enßlin und Adolf Lippold (der auch für den Kleinen Pauly mehrere Artikel verfasste) einige der wichtigsten Artikel.

Obwohl der Forschungsstand der RE in weiten Teilen nicht mehr für die moderne Forschung repräsentativ ist, ist sie ein in ihrer Gesamtheit nicht überholtes Grundlagenwerk. Allerdings ist die Benutzung für den Laien etwas problematisch, wie etwa die Einordnung von römischen Persönlichkeiten unter ihren Gentilnamen oder die Einordnung der altgriechischen Lemmata in griechischer Sprache und Schrift. Grundsätzlich gilt: Was beim alphabetisch fortlaufenden Abfassen der Bände der RE über die Antike bekannt war, ist auch dort zu finden. Man wird nicht vergeblich nach Themen oder Personen suchen, es sei denn, sie wurden erst später entdeckt.

Bernhard Kytzler schrieb am 2. Februar 1979 in der Zeit:

Kein anderes Fach der Geisteswissenschaften hat eine annähernd gleichwertige generelle große Dokumentation vorzuweisen; kein anderes Land besitzt in seiner Sprache eine solche Summe seines Wissens über die Alte Welt. – Als lexikalische Leistung bleibt die monumentale Großausgabe ein einzigartiges Verdienst. Sie bietet ein Zeugnis deutscher Gelehrsamkeit, das als ein vielleicht unwiederholbares Denkmal des Zusammenwirkens von Akribie und Ausdauer, Scharfsinn und Wissensfülle, Zähigkeit und Zielstrebigkeit auch von späteren Generationen zu bewundern sein wird. Oder mit den Worten Wolfgang Schullers: Die RE [...] ist ein unerreicht vollständiges Werk, von dem es eigentlich ein Wunder ist, daß es trotz der Katastrophen des 20. Jahrhunderts beendet werden konnte[1].

Der Kleine Pauly (KlP)

Auf der Grundlage des Pauly-Wissowa entstand in den Jahren 1964 bis 1975 Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike. Auf Grundlage von Pauly's Realenzyklopädie der classischen Altertumswissenschaft unter Mitwirkung zahlreicher Fachgelehrter herausgegeben von Konrat Ziegler, Walther Sontheimer und Hans Gärtner in fünf Bänden. Die Artikel wurden von anerkannten Fachleuten neugeschrieben und mit neueren Literaturangaben versehen (die freilich inzwischen auch teils überholt sind). Der Kleine Pauly hat sich einen guten Ruf als zuverlässiges Nachschlagewerk erworben, wobei allerdings der Forschungsstand teilweise veraltet ist; positiv ist auch die Quellennähe der meisten Artikel. Beachten muss man, dass es am Ende jedes Bandes Korrekturen und Nachträge gibt und am Ende des letzten Bandes zusätzlich nochmals solche für alle vorigen Bände folgen.

Anders als der große Bruder, die RE, widmet sich der Kleine Pauly weitaus intensiver Randgebieten der Klassischen Altertumswissenschaft, wie dem Christentum, der Altorientalistik oder der Byzantinistik.

Aufgrund der Verbreitung dieses Lexikons hat es sich in der Forschung bewährt, grundsätzlich das Abkürzungsverzeichnis des Kleinen Pauly zu nutzen. Außerdem sind Personen in diesem Lexikon anders als im Pauly-Wissowa unter dem Namen eingetragen, unter dem sie bekannt sind. So erschließt man über den Kleinen Pauly die Namen antiker Persönlichkeiten, die man nicht kennt. Als Beispiel: Marcus Tullius Cicero steht im Kleinen Pauly unter seinem bekannten Namen Cicero, in der RE unter seinem Gentilnamen Tullius.

Im Deutschen Taschenbuch Verlag ist der KlP in einer preiswerten Paperbackausgabe erschienen. Wer sich beruflich mit der Erforschung der Antike befasst, kommt um den Erwerb des KlP kaum herum.

Mitarbeiter des Kleinen Pauly: Michael von Albrecht, Heinz Bellen, Erich Berneker, Horst-Dieter Blume, Robert Böker, Emilie Boer, Wolfgang Boettichter, Riekele Borger, Karl Büchner, Heinrich Chantraine, Carl Joachim Classen, Carsten Colpe, Heinz Cüppers, Christo Miloslev Danoff, Albert Dietrich, Friedrich Karl Dörner, Heinrich Dörrie, Jacques Duchesne-Guillemin, Dietz Otto Edzard, Werner Eisenhut, Ragna Enking, Wolfgang Fauth, Curt Fensterbusch, Jenö Fitz, Günter Fuchs, Manfred Fuhrmann, Helmut Gams, Hans Gärtner, Hans von Geisau, Rudolf Groß, Walter Hatto Groß, Robert Grosse, Hans Georg Gundel, Rudolf Hanslik, Herbert Hausmaninger, Fritz Moritz Heichelheim, Hans Wolfgang Helck, Johannes Hempel, Hans Herter, Otto Hiltbrunner, Rudolf Keydell, Franz Kiechle, Ernst Kirsten, Walther Kraus, Fridolf Kudlien, Ernst Kutsch, Marcel Leglay, Adolf Lippold, Erich Mannebach, Anneliese Mannzmann, Arif Müfid Mansel, Scevola Mariotti, Jürgen Mau, Theo Mayer-Maly, Dieter Medicus, Erwin Mehl, Hans Joachim Mette, Ernst Meyer, Ernst Milobenski, Lukas Moritz, Alfred Richard Neumann, Kurt Niederwimmer, Walter Nissen, Richard Pittioni, Walter Pötscher, Karl Preisendanz, Fritz Raber, Gerhard Radke, Oscar William Reinmuth, Will Richter, Andreas Rumpf, Hertha Sauer, Fritz Schachermeyr, Joachim Scharf, Ernst Günther Schmidt, Peter Lebrecht Schmidt, Gerhard Schrot, Walther Sontheimer, Walter Spoerri, Herwig Stiegler, Klaus Stiewe, Franz Stoeßl, Wladyslaw Strzelecki, János Szilágyi, Bengt Thomasson, Hans Treidler, Ernst Vogt, Hans Volkmann, Helmuth Vretska, Karl Vretska, Bartel van der Waerden, Wolfgang Waldstein, Klaus Wegenast, Jürgen Werner, Hans Widmann, Johannes Wirsching, Gerhard Wirth, Pierre Wuilleumier, Konrat Ziegler, Willy Zschietzschmann.

Der Neue Pauly (DNP)

Nachdem er alle Rechte an der RE zurückerworben hatte, begann der J.B. Metzler Verlag 1996 damit, eine neue Enzyklopädie zur Antike herauszugeben: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike.

Anders als seine Vorgänger stellt Der Neue Pauly zwar auch die klassische Antike in den Mittelpunkt, erweitert das Spektrum jedoch beträchtlich. Die Wurzeln und Grundlagen der griechisch-römischen Welt in den altorientalischen und ägyptischen Kulturen wurden nun eingehender einbezogen, wie auch Wechselwirkungen mit den Nachbarvölkern und Kulturen; ebenso wurde die Byzantinistik aufgenommen. Auch die Transformation der Alten Welt im Rahmen der Spätantike wird stärker berücksichtigt, weshalb die Zeit bis zum Jahr 600 nun intensiver behandelt wird. Die Spätantike war zwar durchaus schon in der RE und im KlP behandelt worden, doch nimmt die Epoche nun, dem seit 1970 stark gewachsenen Forschungsinteresse entsprechend, mehr Raum ein.

Das Besondere am Neuen Pauly ist, dass in ihm nicht nur die Bearbeitung der Antike ihren Platz gefunden hat, sondern auch eigene Bände zur Antikenrezeption herausgegeben wurden (Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte). Wie bei früheren Ausgaben des Pauly musste die ursprüngliche Konzeption des Werkes modifiziert werden. Ursprünglich war es geplant, zwölf Bände Lexikon der Antike herauszugeben, drei Bände zur Rezeption und einen Registerband. Tatsächlich erschienen 18 Bände Lexikon und ein Registerband. Zudem wurde eine Reihe von Supplementbänden ins Leben gerufen. Die ersten von insgesamt sieben Supplementen erscheinen seit 2004. Inzwischen wird auch an einer englischen Version des Neuen Pauly gearbeitet (Brill′s New Pauly), die seit 2002 erscheint.

Das Werk gliedert sich nunmehr wie folgt:

Anders als seine Vorgänger wurde der Neue Pauly dezentral herausgegeben, das heißt, neben den beiden Herausgebern Hubert Cancik und Helmuth Schneider gab es Fachgebietsherausgeber, die ihre Fachgebiete mehr oder weniger unabhängig bearbeiten konnten. Das war ein durchaus gewolltes Ergebnis – anders als bei der RE, die noch im Titel nur eine Classische Altertumswissenschaft beschrieb, trug man der Aufteilung der Altertumswissenschaften in viele verschiedene Teilgebiete Rechnung. Die Fachrichtungen und deren Herausgeber sind:

Geschäftsführender Herausgeber der Rezeptionsbände: Manfred Landfester

Verschiedene Rezensionen zu den ersten erschienenen Bänden bemängelten u. a. die Auswahl der Literaturangaben und die Qualität mancher Beiträge, denen man den Termindruck anmerkt. Die ersten beiden Bände sind aufgrund redaktioneller, orthographischer, teilweise sogar sachlicher Mängel nicht uneingeschränkt zur Verwendung zu empfehlen, ab dem vierten Band wurden diese Mängel weitgehend behoben. Positiv gewertet wurden zumeist die Abbildungen und Karten sowie „Dachartikel“ zu übergreifenden Themen wie Architektur, Religion, Sexualität usw.; zumeist zuverlässig und aktuell sind die prosopographischen Angaben (Angaben zu historischen Personen), die sonst nur durch Spezialliteratur erschließbar sind. Die Fachterminologie ist erklärt, antike Wörter sind übersetzt und damit auch für den Nichtfachmann zugänglich. Für Wissenschaftler ist dies gelegentlich ein Ärgernis, da die Ergänzungen in ihrer Gesamtheit viel Platz kosten und die Erweiterung des Umfanges teilweise erklären. Die Redaktionen des Sach- und Rezeptionsteils befanden sich an unterschiedlichen Standorten, sodass hierdurch Abstimmungsprobleme zu beklagen sind.

Der Neue Pauly ersetzt an Ausführlichkeit nicht die RE, an Überschaubarkeit und Preisgünstigkeit nicht den Kleinen Pauly. In der Fachwelt wird die wissenschaftliche Bedeutung unterschiedlich beurteilt, in der Praxis wird das Lexikon aufgrund der Aktualisierung des Forschungsstandes und der Literaturangaben aber häufig verwendet. Es existiert derzeit fächerübergreifend kein Lexikon, das in vergleichbarem Umfang in ähnlich kurzer Zeit entstanden ist und damit, mit den genannten nicht erheblichen Einschränkungen, die Bandbreite der gegenwärtigen Forschung widerspiegelt. Da für das Projekt keinerlei Drittmittel zur Verfügung gestellt wurden, ist seine Entstehung dem Engagement einzelner Fachbereiche und Mitarbeiter zu verdanken. Das Honorar der Autoren war gering. Bekannt wurde der im ersten Band des Neuen Pauly von Mischa Meier verfasste Scherzartikel „apopudobalia“.

Literatur

Ausgaben

Sekundärliteratur

Anmerkungen

  1. Wolfgang Schuller: Einführung in die Geschichte des Altertums. Ulmer, Stuttgart 1994, S. 140.
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