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Nationalismus

Nationalismus bezeichnet eine politische Ideologie, die auf eine Kongruenz zwischen einer (beispielsweise ethnisch definierten) Nation und einem Staatsgebilde abzielt (Ernest Gellner, 1983). In der Umgangssprache und teilweise im neueren Sprachgebrauch wird darunter oft eine Überhöhung der eigenen Nation (siehe Chauvinismus) verstanden. Diese zweite Bedeutung von Nationalismus wird oft vom romantisch-emotionalen Patriotismus abgegrenzt, der sich für die Werte und Symbole seines Landes einsetzt und dies auch anderen Nationalitäten zubilligt, jedoch auch in Nationalismus münden kann.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Allgemeine Merkmale

Nationalismus bezeichnet eine politische Strömung, die aus einer sittlichen, sprachlichen, kulturellen oder historischen Gemeinschaft von Personen (Völker, Nationen) das Recht auf staatliche Selbstbestimmung (Nationalstaat) ableitet.

Anthony D. Smith nannte 1971 in seiner Theories of Nationalism vier Überzeugungen, die alle Nationalisten unabhängig von verschiedenen historischen Besonderheiten verbinden:

Kennzeichnend für nationalistisches Denken ist, dass Völker (Ethnien) Staaten und nicht Staaten Völker konstruieren. Das Spannungsverhältnis zwischen dem Anspruch der Völker auf ein Selbstbestimmungsrecht und dem Anspruch der Staaten, alle ihre Einwohner als „Staatsvolk“ loyal an sich zu binden, führt noch heute in Vielvölkerstaaten zu erheblichen Spannungen. In z. B. vielen afrikanischen Staaten äußern sich diese gegenläufigen Auffassungen einerseits in Versuchen der Regierungen, staatsbürgerliche Loyalitäten zu bilden (oft als „Nationenbildung“ bezeichnet) und anderseits im Tribalismus.

Der Nationalismus verband sich im Verlauf der Geschichte jedoch mit ganz verschiedenen Staatsformen. Er erhielt dadurch in verschiedenen Ländern unterschiedliche politische Bedeutung. Je nach Kontext, in dem der Begriff verwendet wird, erhielt dieser verschiedene Konnotationen oder wandelte seine Bedeutung sogar innerhalb einer Nationalgeschichte erheblich.

Die Vorstellung des Nationalismus, aus dem Dasein eines Volkes, einer Nation das „Recht“ auf einen eigenen Staat herzuleiten, hat eine starke internationale Anerkennung gefunden. Der Anspruch einer Nation auf staatliche Souveränität ist heute im Völkerrecht verankert (Art. 1 und Art. 55 der Charta der Vereinten Nationen).

Deutungen in der Literatur

Laut Peter Alter ist der Nationalismus eine Form der kollektiven Identitätsstiftung. Er liege vor, wenn die Nation die gemeinte Großgruppe ist, der Einzelne sich dieser zugehörig fühle und die emotionale Bindung an diese sowie die Loyalität ihr gegenüber eine hohe Priorität besitze. Abgrenzend erwähnt Alter, dass nicht Stand, Konfession, Dynastie, ein bestimmter Staat, soziale Klasse, die Menschheit (im Sinne eines Kosmopoliten) den Bezugsrahmen darstelle, sondern vielmehr die Nation. Deren historisches Erbe, die Kultur sowie die politischen Existenz sind hier identitätsstiftend. Die Nation vermittele Lebensraum, ein Teil „Lebenssinn in Gegenwart und Zukunft.“ Alter verweist auf Friedrich Meinecke, der den Prozess der geistigen Umorientierung vom aufklärerischen Humanismus zur Nation aufgewiesen habe.

Die Definition des Soziologen Eugen Lemberg beschreibt den Nationalismus als ein Vorstellungssystem von „Vorstellungen, Wertungen und Normen, ein Welt- und Gesellschaftsbild“, das einer sozialen „Großgruppe ihre Zusammengehörigkeit bewusst macht und dieser einen Zusammengehörigkeit einen besonderen Wert zuschreibt, mit anderen Worten: diese Großgruppe integriert und gegen ihre Umwelt abgrenzt.“ Als Zusammengehörigkeitsfaktoren sind laut Lemberg besonders einheitliche bzw. gleiche Aspekte zu nennen: die Sprache, Abstammung, die Gleichheit des Charakters, die Kultur oder die Unterstellung unter eine gemeinsame Staatsgewalt.

Unter dem Begriff des Nationalismus versteht man laut Karl W. Deutsch eine Geistesverfassung, die ein am nationalen Interesse orientiertes Ordnungsprinzip sein kann: die Nation hat einerseits einen bevorzugten Platz in gesellschaftlicher Kommunikation, andererseits legitimiert und orientiert sich die Politik dieser Gesellschaft nach ihr. Ein Nationalist würde dementsprechend besonders den „nationalen Nachrichten“ seine Aufmerksamkeit zuwenden. Es ist jedoch zu betonen, dass Nationalismus in vielen Erscheinungsformen auftreten kann und es deswegen verschiedene Definitionen mit unterschiedlichen Schwerpunkten gibt. Die Definition Deutschs berücksichtigt den kommunikativen Aspekt, jedoch wird besonders der abgrenzende Faktor des Nationalismus vernachlässigt.

Staatsnation und Kulturnation

Oft wird zwischen so genannten Staatsnationen (Willensnationen) und Kulturnationen unterschieden. Die Kulturnation versteht sich als geschichtlich überkommene Gemeinschaft von Personen, die sich durch gemeinsame Werte verbunden fühlen.[1] Diese gemeinsamen kulturellen Werte und Eigenheiten werden insbesondere in Sprache, Literatur, Tradition, Sitte, vorgestellter gemeinsamer Herkunft, Mythen, häufig auch Religion und dergleichen gesehen. Neben den geschichtlich sedimentierten Traditionen (objektive Komponente) bedarf es auch eines Bekenntnisses der Gemeinschaft (subjektive Komponente) zu der Nation (Loyalität).

In der Regel erstreckt sich die Kulturnation über das gemeinsame Sprachgebiet. Wilhelm von Humboldt macht in seinen sprachtheoretischen Überlegungen (Schriften zur Sprachphilosophie, Über den Einfluss des verschiedenen Charakters der Sprachen auf Literatur und Geisteshaltung) den Zusammenhang zwischen Sprache und Nation deutlich: „dass die verschiedenen Sprachen Organe der eigenthümlichen Denk- und Empfindungsarten der Nationen ausmachen, dass eine große Anzahl von Gegenständen erst durch die sie bezeichnenden Wörter geschaffen werden, und nur in ihnen ihr Daseyn haben […] Im Grunde ist die Sprache, nicht wie sie in fragmentarischen Lauten und Werken auf die Nachwelt kommt, sondern in ihrem regen, lebendigen Daseyn, nicht auch die äußere bloß, sondern zugleich die innere, in ihrer Einerleiheit mit dem durch sie erst möglichen Denken, die Nation selbst, und recht eigentlich die Nation […] Überall ist in den Sprachen das Wirken der Zeit mit dem Wirken der Nationaleigenthümlichkeit gepaart, und was die Sprachen der rohen Horden Amerikas und Nordasiens charakterisiert, braucht darum nicht auch den Urstämmen Indiens und Griechenlands angehört zu haben […] Nicht, was in einer Sprache ausgedrückt zu werden vermag, sondern das, wozu sie aus eigener, innerer Kraft anfeuert und begeistert, entscheidet über ihre Vorzüge, oder Mängel. Ihr Maßstab ist die Klarheit, Bestimmtheit und Regsamkeit der Ideen, die sie in der Nation weckt, welcher sie angehört, durch deren Geist sie gebildet ist, und auf die sie wiederum bildend zurückgewirkt hat.

Deutschland und Italien sind prototypische Kulturnationen. So heißt es z.B. in §6 Bundesvertriebenengesetz betreffend die deutsche Volkszugehörigkeit: „(1) Deutscher Volkszugehöriger im Sinne dieses Gesetzes ist, wer sich in seiner Heimat zum deutschen Volkstum bekannt hat, sofern dieses Bekenntnis durch bestimmte Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erziehung, Kultur bestätigt wird.

Die Kulturnation ist dem Staat gedanklich vorgelagert und lässt sich nicht durch staatliche Grenzen bestimmen. Daher hängt sie grundsätzlich von dem Dasein eines sie deckenden Staates nicht ab. Der Nationalist macht aber den Anspruch der Nation auf staatliche Souveränität geltend. Bekannt ist die Ausführung Johann Gottfried Herders (Herder in Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit): „der natürlichste Staat ist also auch ein Volk, mit einem Nationalcharakter. Jahrtausende lang erhält sich dieser in ihm und kann, wenn seinem mitgebornen Fürsten daran liegt, am natürlichsten ausgebildet werden: denn ein Volk ist sowohl eine Pflanze der Natur, als eine Familie; nur jenes mit mehreren Zweigen.“ Nach Herder ist die Nation überzeitlich existent. Sie muss sich nur noch in der politischen Wirklichkeit ausdrücken.

Demgegenüber stellt die Staatsnation (Willensnationen) nicht auf gemeinsame kulturelle Werte ab. Die in einer Staatsnation die Gemeinschaft verbindende Merkmale werden in einer, auf ein bestimmtes, historisch entstandenes Territorium bezogenen Rechtsgemeinschaft erblickt, deren vornehmster Ausdruck die gemeinsame Verfassung ist. Die Teilhabe an dieser Rechtsgemeinschaft ist jedermann über die Staatsbürgerschaft möglich. In einem demokratischen Staat wird allgemein der freie Wille aller Staatsbürger, sich zu dieser mehrheitlich beschlossenen Rechtsordnung zu bekennen (politischer Stiftungswille), unterstellt (daher auch Willensnation). Die Staatsnation setzt daher begriffsnotwendig einen demokratischen Staat voraus. Die typischen Vertreter der Staatsnation sind die Vereinigten Staaten und Frankreich am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Erklärungsansätze

In der wissenschaftlichen Forschung zum Nationalismus gibt es zwei Grundrichtungen, welche sich auf den Zeitraum der Entstehung beziehen.

Nationalismus als Phänomen der Moderne

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Nach herrschender Meinung ist Nationalismus ein Phänomen der Moderne. Ein früher, damals zunächst voluntaristischer, moderner Nationenbegriff bildete sich in der Französischen Revolution heraus. In Deutschland wurde die Idee der Volksherrschaft aufgegriffen, welche sich zunächst gegen die Fremdherrschaft durch die Franzosen unter Napoleon wendete. Nach der Enttäuschung nationaler Kreise nach dem Wiener Kongress entwickelte sich der Nationalismus in Deutschland zu einer Gegenbewegung gegen die altkonservativen Kräfte des Ancien Régime, weshalb er zunächst in enger Verklammerung mit demokratischen Idealen stand. Im 19. Jahrhundert wurde nationalistische Mythenbildung betrieben, um die neugeschaffenen Nationen als Traditionsgemeinschaften zu verankern (Vorreiter dieser Mythenbildungen waren in Deutschland vor allem Herder und Fichte, in Italien Mazzini).

Vor dem 18. Jahrhundert wich der Begriff der Nation so stark von modernen Vorstellungen ab, dass „vormoderner“ Nationalismus vermutlich lediglich eine Projektion aus dem heute allgegenwärtigen (Billig, 1995) nationalistischen Blickwinkel ist. Vor der Herausbildung moderner Nationen standen nach Auffassung modernistischer Theoretiker andere, meist persönliche oder regionale Bindungen (beispielsweise an den Lehnsherren) im Zentrum der meisten Gruppenzugehörigkeiten.

Tatsächlich sind quasi-nationalstaatliche Institutionen eine Grundvoraussetzung zur Entstehung einer über den Personenverband hinausgehenden nationalen Identität. Im Nationalismus wird die vormals personengebundene Loyalität (Königtum etc.) in einer abstrakten überpersonalen Ebene verallgemeinert. Ein persönlicher Umgang miteinander, wie er in einer Dorfgemeinschaft oder am Fürstenhof alltäglich war, wurde nun auch auf Personen übertragen, die nicht in unmittelbarem Kontakt miteinander stehen konnten. Unter Bezugnahme auf vermeintliche oder tatsächliche Gemeinsamkeiten in Geschichte, Sprache und Kultur, die in vielen Fällen – wie zum Beispiel durch die Normierung der deutschen Sprache in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – erst während der Nationsbildung entstanden sind, wurde eine nationale Gemeinschaft errichtet. Diese Gemeinschaft reproduziert sich zum Beispiel durch nationalstaatliche Institutionen (Behörden, Schulen etc.) selbst.

In Europa bekam der Nationalismus einen erheblichen Schub durch die Ideen der Französischen Revolution. In ihrer Folge wurde die Idee der Volkssouveränität populär, welche sowohl einen demokratischen als auch einen nationalen Ansatz hat. Die in ihrer Folge entstehende Theoriebildung mit zahlreicher Literatur darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Nationalismus auch ohne theoretische Begriffsbildung bereits bestand.

Als im Volke beliebt und den konservativen Kräften der Restauration entgegenstehend zeigten sich die national und demokratisch gesinnten Bewegungen der Revolutionen von 1848/1849. Beginnend mit der französischen Februarrevolution sprang der Funke auf fast ganz Europa über, auch auf die Fürstentümer des Deutschen Bundes, darunter die Monarchien Preußen und Österreich als dessen mächtigste Staaten (Märzrevolution).

In den geschichtlichen Vordergrund getreten sind letztlich aber die nationalen Antagonismen, die nach dem rasanten technischen Fortschritt des 19. und 20. Jahrhunderts. zu den verheerenden Ergebnissen moderner Kriegsführung mit Millionen von Toten führten.

Aber auch der Zerfall von Machtstrukturen führt zum Ausbrechen nationalistischer Bestrebungen, etwa beim Zusammenbruch der Kolonialreiche in der Folge des Zweiten Weltkrieges. Die nach Unabhängigkeit strebenden ehemaligen Kolonialvölker erreichten zum Teil in blutigen Befreiungskriegen ihre Selbständigkeit. Dabei griffen sie auf die bereits bekannten Prinzipien des Nationalismus zurück und setzten dessen emanzipatorisches Element, verbunden mit einem politischen Gleichheitsversprechen gegenüber allen zur Nation zählenden Menschen ein, um den Kolonialismus zu delegitimieren.

Hier zeigt sich wieder sein Doppelcharakter: Inklusion und Exklusion sind elementare Bestandteile des Nationalismus. Während einerseits die politische Gleichheit der in einer Nation vereinten Gruppe betont wird, erfolgt gleichzeitig der Ausschluss der nicht zur Nation gehörigen Gruppen. Dies kann von einer kommunikativen Betonung der Andersartigkeit dieser Ausgeschlossenen bis zu ihrem physischen Ausschluss (ethnische Säuberung) oder ihrer Vernichtung führen (Holocaust).

Nationalismus als primordiales Phänomen

Im Gegensatz zu modernistischen Theoretikern gestehen eine Reihe anderer Nationalismusforscher (z.B. Anthony D. Smith oder Clifford Geertz) ethnischen Nationen, die sich über Sprache, Religion, Verwandtschaftsnetzwerke, kulturelle Eigenarten oder quasi-rassische Gemeinsamkeiten definieren, ein Eigenleben ohne Nationalismus zu. Für diese Theoretiker ist Nationalismus zumindest teilweise eine Manifestation eines primordialen (uranfänglichen) Zusammengehörigkeitsgefühls.

Siehe auch

 Wiktionary: Nationalismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik
 Wikiquote: Nationalismus – Zitate

Einzelnachweise

  1. Vgl. z.B. Georg Schmidt: Friedrich Meineckes Kulturnation. Zum historischen Kontext nationaler Ideen in Weimar-Jena um 1800. In: Historische Zeitschrift 284, 2007, S. 597–622. Meinecke meint demnach den deutschen Sonderweg ideengeschichtlich auf gemeinsamen „Kulturbesitz“ gründen zu können, der Deutschland in Abgrenzung zu den westeuropäischen Staatsnationen zu einer „Kulturnation“ mache.

Literatur

englischsprachige Literatur