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Sprachen in der Schweiz

Die Bevölkerung der Schweiz bildet – wie diejenige der meisten anderen Staaten Europas auch – sprachlich keine Einheit. Angestammt, also nicht durch Einwanderung jüngster Zeit in die Schweiz gekommen, sind die vier Sprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch.

Inhaltsverzeichnis

Gesetzliche Grundlagen

Auf Bundesebene gibt es in der Schweiz vier Amtssprachen, nämlich

Dabei gilt laut der Bundesverfassung der Schweiz das Rätoromanische nur dann als Amtssprache, wenn es im Verkehr mit rätoromanisch sprechenden Leuten gebraucht wird.[1] Diese Bürger haben somit das Recht, in ihrer Muttersprache an die Bundesverwaltung zu gelangen und auch auf rätoromanisch eine Antwort zu erhalten.

Weil die schweizerische Bundesverwaltung vier Landessprachen anerkennt, nehmen manche Personen an, die meisten Schweizer sprächen vier Sprachen. Das ist nicht richtig: Die meisten Schweizer haben nur eine Muttersprache und beherrschen allenfalls eine oder zwei weitere Landessprachen (und Englisch) als Fremdsprachen mehr oder weniger gut. Tatsächlich viersprachig ist einzig der Bundesstaat als Institution.

Auf Kantons- und Gemeindeebene sieht es anders aus. Jeder Kanton und je nach Kanton sogar jede Gemeinde kann selber bestimmen, welche Sprachen im Verkehr mit Kanton bzw. Gemeinde als Amtssprache gelten. Die Bundesverfassung legt die Sprachgebiete der Schweiz nicht fest. Artikel 70 Absatz 2 weist den Kantonen die Kompetenz zu, ihre Amtssprachen zu bestimmen. Wer aus einem anderssprachigen Landesteil zuzieht, hat kein Recht darauf, in seiner angestammten Sprache mit den neuen Kantons- und Gemeindebehörden zu verkehren (Territorialitätsprinzip). Unter den mehrsprachigen Kantonen haben nur Bern und Wallis die Sprachgebiete räumlich festgelegt. Die Kantone Tessin und Jura definieren sich sogar als ganz zum italienischen bzw. französischen Sprachgebiet zugehörig, obwohl je eine Gemeinde eine deutschsprachige Mehrheit aufweist.

Als einziger Kanton der Schweiz hat Graubünden drei Amtssprachen: Deutsch, Rätoromanisch und Italienisch. Gleichzeitig ist es der einzige Kanton, in dem Rätoromanisch auf Kantonsebene Amtssprache ist. Auf Gemeindeebene darf in Graubünden jede Gemeinde in ihrer jeweiligen Verfassung regeln, ob Rätoromanisch auch Amts- und/oder Schulsprache ist. Oft sind Gemeinden offiziell als romanischsprachig definiert, es dominiert aber Deutsch als Verkehrsprache. Das bedeutet, Rätoromanisch ist die Verwaltungs- und Schulsprache, im Alltag reden die Menschen trotzdem Schweizerdeutsch.

Verbreitung

Deutsch (orange; 63.7 Prozent der Bevölkerung; Stand 2002) ist die meistverbreitete Muttersprache der Menschen in der Schweiz; 17 der 26 Kantone sind einsprachig deutsch. Die einheimische Bevölkerung spricht in der Deutschschweiz einen der vielen schweizerdeutschen Dialekte des Alemannischen. Eine Ausnahme bildet Samnaun, wo ein südbairischer Dialekt gesprochen wird.

Französisch (grün; 20.4 Prozent) wird von der Bevölkerung im Westen der Schweiz gesprochen. Dieser Landesteil wird häufig die Romandie, die Suisse romande oder das Welschland genannt. Nur vier Kantone sind einsprachig französisch: Genf, Jura (ausser der deutschsprachigen Gemeinde Ederswiler), Neuenburg, Waadt. Drei weitere Kantone sind offiziell zweisprachig: Bern (mit deutschsprachiger Mehrheitsbevölkerung), Freiburg und Wallis (wo das Französische die Bevölkerungsmehrheit hat).

Italienisch (blau; 6.5 Prozent) wird von den Menschen im Tessin und vier Südtälern des Kantons Graubünden, in der sogenannten italienischen Schweiz, gesprochen. Innerhalb des Italienischen gehören diese Dialekte zur Gruppe des Lombardischen. In diesen beiden Kantonen ist Italienisch auch Amtssprache. Der Bund fördert diese Sprache aktiv.

Dies ist auch der Fall beim Rätoromanischen (violett; 0.5 Prozent), das in Graubünden gesprochen wird. Die meisten Rätoromanen sind mindestens zweisprachig, d. h. die Menschen hier sprechen neben ihrer rätoromanischen Muttersprache auch Deutsch und zwar den Bündner Dialekt und Hochdeutsch.

Jenisch ist die auf dem Deutschen bzw. in der Schweiz auf Schweizer Mundarten basierende, durch Wortschatzanteile besonders aus dem Jiddischen und dem Romani charakterisierte interne Gruppensprache der Jenischen, die nicht im Verkehr mit der übrigen Bevölkerung verwendet wird. Die Zahl der Sprecher wird in der Schweiz nicht erhoben. In offiziellen Erklärungen der Schweiz wird die Gesamtzahl der Fahrenden (gens du voyage) mit Schweizer Staatsbürgerschaft, unter denen die Jenischen neben einer geringeren Zahl von Sinti bzw. Manouches und Roma die überwiegende Mehrzahl bilden, auf 25'000–30'000[2] [3] bzw. 30'000[4], oder auch unter Vernachlässigung der nicht-jenischen Gruppen die Zahl der Jenischen selbst auf 30'000–35'000[5] geschätzt. Das entspricht annähernd 0.5 Prozent der Schweizer Gesamtbevölkerung. Im Rahmen der Ratifizierung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (1997) hat die Schweiz Jenisch als territorial nicht gebundene Sprache der Schweiz anerkannt und mehrfach den Anspruch der Jenischen auf Massnahmen zur Förderung ihrer Sprache bejaht. Weil viele Jenische Wert auf den geheimsprachlichen Charakter ihrer Sprache legen, besteht unter ihnen jedoch bisher keine Einigkeit über geeignete Förderungsmaßnahmen. Die Radgenossenschaft der Landstrasse, der in der Zusammenarbeit mit der Regierung führende Dachverband, lehnt alle Massnahmen ab, die eine Erschliessung der Sprache „anderen Kulturkreisen gegenüber zum Ziel haben“.[6]

Jiddisch besitzt in der Schweiz nur eine begrenzte Tradition, die sich heute weitgehend auf den Gebrauch bei einigen Mitgliedern orthodoxer Gemeinden beschränkt. Zahlen über die Sprecher werden nicht erhoben. Lokal sprachprägenden Einfluß haben besonders die heute nicht mehr existierenden jüdischen Gemeinden der Surbtaler Dörfer Lengnau und Endingen auf die örtliche Mundart ausgeübt. Im Verständnis der Schweiz fällt auch Jiddisch als Sprache der Schweizer Juden unter den Begriff der Minderheitensprachen ohne Territorium. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund hat sich jedoch in einer Stellungnahme gegen Fördermaßnahmen ausgesprochen.[7]

Die Gebärdensprachen werden von über 10'000 in der Schweiz lebenden Personen mehr oder weniger beherrscht. In der Schweiz wird die Deutschschweizer Gebärdensprache, die Langue des Signes Française sowie die Tessiner Gebärdensprache von den Gehörlosen eingesetzt. Auf Staatsebene wird die Gebärdensprache nicht anerkannt, auf Kantonsebene anerkennt jedoch der Kanton Zürich die Gebärdensprache verfassungsmässig (Art. 12 der neuen Zürcher Verfassung) und wird von Amtes Wegen im Verkehr mit Gehörlosen auf Verlangen eingesetzt, ähnlich wie das Rätoromanische auf Bundesebene.

Englisch ist für die meisten Schweizer neben Deutsch oder Französisch die zweite Fremdsprache. Einzelne Deutschschweizer Kantone haben begonnen, Englisch in den Schulen als erste Fremdsprache zu unterrichten, also nicht mehr mit Französisch zu beginnen. Im deutschsprachigen Kanton Uri wird aufgrund der Nähe zum Kanton Tessin Italienisch als erste Fremdsprache unterrichtet.

Die Ausländer, die sich in der Schweiz niedergelassen haben, haben ihre eigene Sprache mitgebracht; ihre in der Schweiz aufwachsenden Kinder (Secondo, Seconda) sind meist mehrsprachig. Zusammen sind diese Sprachen (9 Prozent) weiter verbreitet als das Italienische bzw. das Rätoromanische. Die grösste dieser Sprachgruppen ist die serbokroatische mit 1.5 Prozent; Englisch ist die Hauptsprache für 1 Prozent der Bevölkerung. Diese nicht offiziellen Sprachen der Schweiz sind im ganzen Land verteilt, aber konzentriert in den grösseren Städten.

Geschichtliche Entwicklung

In den letzten Jahren gab es die leichte Tendenz, dass die französische Sprache ihren Anteil ein wenig ausbauen konnte, während das Deutsche ungefähr konstant blieb und das Rätoromanische und Italienische verloren. So hat sich die Sprachgrenze zwischen dem Deutschen und dem Französischem in den letzten Jahrzehnten sehr leicht Richtung Osten verschoben. Die wohl stärkste Veränderung gab es im Kanton Graubünden, wo das Rätoromanische durch das Deutsche immer mehr ersetzt wird. Oft ist es so, dass die Kinder fast nur noch deutsch reden, auch wenn sie das Räterromanische der Alten zum Teil noch verstehen. Auch im italienischsprechenden Tessin gibt es vor allem in manchen Ufergemeinden der Seen die Angst, dass das Deutsche in weiterer Zukunft zu einer beherrschenden Sprache werden könne.

Sprachanteile gemäss der Eidgenössischen Volkszählung, BFS:

Jahr Deutsch Französisch Italienisch Rätoromanisch Nichtlandessprachen
2000 63,7 20,4 6,5 0,5 9,0
1990 63,6 19,2 7,6 0,6 8,9
1980 65,0 18,4 9,8 0,8 6,0
1970 64,9 18,1 11,9 0,8 4,3
1960 69,4 18,9 9,5 0,9 1,4
1950 72,1 20,3 5,9 1,0 0,7

Literatur

Siehe auch

 Portal: Schweiz – Überblick über vorhandene Artikel zum Thema «Schweiz»

Anmerkungen

  1. Artikel 70 Abs. 1 der Bundesverfassung der Schweiz: "Die Amtssprachen des Bundes sind Deutsch, Französisch und Italienisch. Im Verkehr mit Personen rätoromanischer Sprache ist auch das Rätoromanische Amtssprache des Bundes."
  2. Rapport initial du Gouvernement suisse sur la mise en oeuvre de la Convention-cadre du Conseil de l'Europe pour la protection des minorités nationales (April 2001) [1], Nr. 24, S. 13, Nr. 96, S. 35
  3. Bericht des Bundesrats über die Situation der Fahrenden in der Schweiz (Oktober 2006) [2], Teil I, 1.2, S. 5f.
  4. Zweiter Bericht der Schweiz zur Umsetzung des Rahmenübereinkommens des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten (Januar 2007), Nr. 30, S. 25f.
  5. Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen, Dritter Bericht der Schweiz (Mai 2006) [3], 4, S. 22
  6. Zweiter Bericht der Schweiz zur Umsetzung des Rahmenübereinkommens des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten (Januar 2007), Nr. 69, S. 49f.
  7. Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen, Zweiter Bericht der Schweiz (2002) [4], Nr. 4, S. 12f.