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Gilhofer

Gilhofer
Unternehmensform 1883–1938: Kapitalgesellschaft; 1938–1947 GmbH;
1947–2005 Kommanditgesellschaft [1]
Gründung 1883
Unternehmenssitz Wien, Österreich
Unternehmensleitung
  • 1883–1903: Hermann Gilhofer
  • 1884–1914: Heinrich Ranschburg
  • 1915–1938: Erben nach H. Ranschburg, Ernst Ph. Goldschmidt, Wilhelm H. Schab
  • 1938–1970: Hans Werner Taeuber; ab 1958 Rudolf Hoffmann
  • 1970–1988 Werner Taeuber
  • 1989–2005: Elisabeth Hoffmann
Branche Buch- und Kunstantiquariat
Produkte

Seltene Bücher, alte Drucke, Druckgraphik
Autographen
Auktionen
Sortimentsbuchhandel

Website [2]

Das Wiener Buch- und Kunstantiquariat Gilhofer (zu seiner Blütezeit 1884–1938 als "Gilhofer und Ranschburg" firmierend) galt über ein Jahrhundert lang als das "erste Haus am Platz".[2] Das Geschäftslokal mitten in der Wiener Innenstadt, an der Ecke Bognergasse/Tuchlauben und damit genau an den Endpunkten der bekanntesten Wiener Geschäftsstraßen, des Grabens und des Kohlmarkts, gelegen, war eines der international renommiertesten Zentren des Antiquariatsbuchhandels.

Geschichte

Das Unternehmen wurde im Sommer 1883 als Sortimentsbuchhandlung von Hermann Gilhofer (1852–1913) gegründet, der vormals bei der Firma Franz Leo als Prokurist gewirkt hatte. Bereits im Folgejahr, am 1. Oktober 1884, trat der 24jährige Heinrich Ranschburg (1860–1914) als Gesellschafter ein. Er erweiterte die Geschäftstätigkeit des nunmehr als "Gilhofer und Ranschburg" firmierenden Hauses auf das Antiquariat und wurde somit eigentlicher Begründer des Unternehmens, das binnen eines knappen Jahrzehnts zu den bedeutendsten seiner Branche zählen sollte. Als Hermann Gilhofer 1903 wieder aus seiner Firma austrat, war ihr Weltruf bereits gesichert: die von Ranschburg veranstalteten Versteigerungen wertvoller Bücher und Kunst brachten Käufer aus ganz Europa und Übersee nach Wien, neben bedeutenden Privatsammlern auch die wichtigsten Bibliotheken und öffentlichen Sammlungen der Welt.[3]

Allein bis 1912 erschienen fast 200 Lagerkataloge und Listen; 1924 wurde eine Zweigstelle in Luzern gegründet. Zu den Höhepunkten der Geschäftstätigkeit dieser Jahre zählten die Auktionen der Bibliotheken Metternich und Dietrichstein sowie der Sammlungen der Zaren Nikolaus I., Alexander und Zarin Katharina II., aber auch die Versteigerung der Doubletten aus der Albertina.[4] Das Lager umfasste zu dieser Zeit ca. 300.000 Bücher, 100.000 Blätter Graphik und 25.000 Autographen. Zahlreiche spätere Antiquare lernten hier ihr Handwerk, aber auch Sir Rudolf Bing (1902–1997), der langjährige Leiter der New Yorker Metropolitan Opera, ging hier als Siebzehnjähriger in die Lehre.[5]

Als Heinrich Ranschburg 1914 starb, folgten ihm seine Witwe Ida sowie Dr. Ernst Philipp (Moritz) Goldschmidt (1887–1954) und Wilhelm Heinrich Schab (1888–1975) als Geschäftsführer nach. Insbesondere Goldschmidt, selbst Sammler und langjähriger Kunde des Hauses, wurde später von Fachkollegen gerühmt als "der gelehrteste Antiquar, den es je gab".[6] Nach seinem Ausscheiden wiederum trat Ranschburgs Sohn Otto (1900–1985) als Erbenvertreter in die Firma ein.

1938 beendete die Machtübernahme der Nationalsozialisten schlagartig die Erfolgsgeschichte des Unternehmens: Im Zuge der "Arisierung" wurden Ranschburg und Schab gezwungen, ihre Firma zu veräußern.[7] Aufgrund des hohen Prestiges des Hauses und seiner internationalen Bedeutung für die Branche war den neuen Machthabern sehr an einer Erhaltung des Unternehmens gelegen, gab es doch im ganzen großdeutschen Raum kaum ein anderes, das Gilhofer & Ranschburg an Geschäftsumfang und Status gleichkam.[8] Schab nahm Kontakt mit seinem Münchner Freund und Kollegen Hans Werner Taeuber (1887–1970) auf und verkaufte ihm das Unternehmen; ab 1. August 1938 lautete der "arisierte" Wortlaut der nunmehr in eine GmbH umgewandelten Firma "Gilhofer Buch- und Kunstantiquariat". Schab gelang die Flucht über Luzern in die USA, wo er unter eigenem Namen ein Antiquariat in New York gründete. Die Schweizer Zweigstelle musste ihre Geschäftstätigkeit einstellen, war aber noch 1939 Gründungsmitglied der "Vereinigung der Buchantiquare und Kupferstichhändler in der Schweiz"[9] und wurde 1956 unter dem alten Namen, jedoch unter neuer Leitung wiedergegründet. Otto Ranschburg emigrierte ebenfalls nach New York. Schon 1939 betrieb er unter eigenem Namen ein Antiquariat; 1951 übernahm er das renommierte Haus Lathrop C. Harper, dem er bis zu seinem Tod 1985 vorstand.

Nach Kriegsende beschloss die Rückstellungskommission mit Wirkung vom 8. April 1949 die Rückstellung der Firma an Schab und die Nachkommen Ranschburgs; danach wurde die "Gilhofer KG" in einer abschließenden einvernehmlichen Einigung an Taeuber übergeben. 1958 trat Rudolf Hoffmann, vordem beschäftigt im Wiener Antiquariat Christian M. Nebehay, als Mitgeschäftsführer in die Firma ein. Es ist sein Verdienst, durch unermüdliche Reise- und Einkaufstätigkeit den Namen Gilhofer wieder auf dem internationalen Markt verankert zu haben. Nach dem Tod Hans Werner Taeubers im Jahre 1970 wurde sein Sohn Dkfm. Werner Taeuber (1920–1988) Teilhaber und Mitgeschäftsführer. Das hundertjährige Firmenjubiläum 1983 wurde unter reger Anteilnahme des internationalen Handels, der Bibliotheken und Sammler begangen. 1989 übergab Hoffmann die Unternehmensleitung an seine Tochter Elisabeth, die das Geschäft noch 15 Jahre fortführte.

Mit Beendigung ihrer eigenen Geschäftstätigkeit Ende 2004 ging die Gilhofer KG in der Inlibris GmbH auf. Letzteres Unternehmen firmiert nach Übernahme von Handbibliothek und Firmenarchiv sowie einem Teil des Altlagers seit Jänner 2005 unter dem Namen Antiquariat Inlibris, Gilhofer Nfg. GmbH.


Fußnoten

  1. Firmenarchiv Inlibris, Gilhofer Nfg.
  2. F. Endler, Ein erstes Haus am Platz. Das Wiener Buch- und Kunstantiquariat Gilhofer feiert sein 100jähriges Bestehen. In: Die Presse, 1./2. Oktober 1983, Kunstszene VII.Presse
  3. Vgl. J. Eisenstein, Der Antiquariatsbuchhandel in Österreich und Ungarn. In: Oesterreichisch-ungarische Buchhändler-Correspondenz. Festnummer anlässlich des 50jährigen Bestehens. Bd. I. Wien, 1910, S. 62–69, hier: S. 67.
  4. Vgl. H. W. Taeuber, Hundert Jahre Gilhofer. In: Gilhofer Buch- und Kunstantiquariat Wien. Katalog 132. Wien, 1983, S. 4–10.
  5. Vgl. R. Bing, Die Sir Rudolf Bing Memoiren. 5000 Abende in der Oper. München, Kindler, 1973, S. 15.
  6. C. M. Nebehay, Die goldenen Sessel meines Vaters. Wien, C. Brandstätter, 1983, S. 197.
  7. Vgl. A. Schildorfer und U. Simonlehner, "Arisierungen" im Falle der Buch- und Kunstantiquariate "Gilhofer und Ranschburg" und "Dr. Ignaz Schwarz". Seminararbeit Wien, 2002, S. 16.
  8. Vgl. Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik, Vermögensverkehrsstelle, Handel 5509: Brief WP Dr. jur. Emil Steinfelder an Vermögensverkehrsstelle: Wirtschaftsprüfung der Fa. Gilhofer & Ranschburg, 1.11.1939.
  9. VEBUKU [1]