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Autobiografie

Eine Autobiografie (von griech.: autós: selbst; bíos: Leben; gráphein: beschreiben) ist die Beschreibung der eigenen Lebensgeschichte oder von Abschnitten derselben aus der Retrospektive (im Gegensatz etwa zum Tagebuch). Das Besondere dieser literarischen Form besteht in der Identität zwischen Autor und Erzähler sowie Erzähler und Protagonisten. Trotz ihrer explizit subjektiven Perspektive hat die Autobiografie in der Regel einen tendenziell größeren Objektivitätsanspruch als andere fiktionale Gattungen, wie etwa der (autobiografische) Roman. Zugleich eignen ihr Elemente der Memoiren, die grundsätzlich stärker auf die Darstellung ihres jeweiligen Zeitgeschehens abzielen. Ihr Grenzgängertum zwischen Geschichte und Literatur bringt die Autobiografie in eine literarische Randposition. Mit ihrer Hilfe werden jedoch auch Kernbereiche der Literaturwissenschaft grundlegend neu definiert (etwa von Paul de Man).

Inhaltsverzeichnis

Theorie der Autobiografie

Autobiografien beziehen sich in gewisser Weise auf die historische Realität, dies macht die Autobiografie zu einem referentiellen Text. Andererseits ist es auch offenkundig, dass sie diesem Anspruch nicht genügen kann, da der objektiven Berichterstattung die subjektive Autorposition gegenübersteht. Es ist offensichtlich, dass niemand in der Lage ist, die subjektive Wahrnehmung hinter sich zu lassen. Bereits die Psychoanalyse bezeichnet die Selbsterkenntnis als Selbstverkenntnis. Die Autobiografie ist, im Gegensatz zu den rein fiktionalen Gattungen, durch die strukturelle Offenheit zum Ende hin gekennzeichnet: den eigenen Tod hat noch kein Autobiograf beschrieben. In der Literatur gibt es allerdings zahlreiche Beispiele, wo Schriftsteller ihren eigenen Tod imaginiert und vorweggenommen haben, siehe das Testament des François Villon, Franz Kafkas In der Strafkolonie und Die Verwandlung. Einige autobiografische Bücher, die der Bewältigung der eigenen, lebensbedrohlichen und auf Dauer traumatisierenden Erlebnisse in den Konzentrationslagern der Nazis dienten, so beispielsweise Imre Kertesz, beinhalten auch Todeserfahrungen.

In diesem Sinne schreibt Wilhelm II. seine Memoiren; Goethes Autobiografie Dichtung und Wahrheit endet mit seinem ersten großen Bucherfolg.

Bekannte Autobiografien

Ein Name für solch ein Werk in der Antike war apologia. Es handelte sich dabei eher um eine Rechtfertigung als um Introspektion. John Henry Newmans Autobiografie ist eine Apologia pro vita sua. Augustinus benutzte den Titel Confessiones für sein autobiographisches Werk und Jean-Jacques Rousseau übernahm diesen Titel auf Französisch: Confessions. The Autobiography of Benjamin Franklin, die erste säkulare Biografie, die in den USA publiziert wurde, diente späteren US-amerikanischen Autobiografien als Modell. Die berühmteste deutschsprachige Autobiografie ist wohl noch immer Goethes Dichtung und Wahrheit.

Elias Canetti hat einen mehrteiligen Autobiografie-Zyklus veröffentlicht, für den er u.a. 1981 den Nobelpreis bekam. Mark Twain war wahrscheinlich die erste Person, die Fotografien in ihre Autobiografie aufnahm.

Überblick

Geschichte der Autobiografie

Autobiografie in der klassischen Antike

Bei der Feststellung der griechischen Autobiografie der klassischen Zeit stößt man auf Probleme. So gibt es zwar Texte mit autobiografischen Tendenzen, aber keine Autobiografie an sich. Ein Beispiel ist der nur in Fragmenten erhaltene Reisebericht des Ion von Chios (FGrHist 392 F 4-7). Auch in den nächsten beiden Punkten wird deutlich, dass man sich anderer Gattungen bedienen muss, um autobiografische Texte abzufassen.

Neuzeitliche Autobiografik

Eine außergewöhnliche Position im Mittelalter nimmt die Geschichte des Petrus Abaelardus ein. Mit der wachsenden Rolle des Individuums ab der Renaissance wächst auch wieder das Potential für autobografisches Schrifttum (vgl. zum Beispiel Francesco Petrarca. Eine besondere Schwelle stellt dabei die Aufklärung im 18. Jahrhundert dar (Jean Jacques Rousseaus "Bekenntnisse" als säkularisiertes Pendant zu den Confessiones des Augustinus).

Seit dem 19.Jahrhundert hat sich die Produktion autobiographischer Literatur stetig vermehrt und ist heute Teil des boomenden Sachbuchmarktes geworden. Politiker, Künstler und andere Prominente verfassen heutzutage, häufig mithilfe von Ghostwritern, Autobiografien, die nicht selten den Charakter von Rechtfertigungsschriften haben. Für Autobiografien, die aus dem Wunsch heraus geschrieben werden, eine vorübergehende Berühmtheit kommerziell zu nutzen, hat Paul Delaney den Begriff der Ad-hoc-Autobiografe geprägt. Aber auch die sogenannten "einfachen" und "kleinen" Leute lassen sich beim Verfassen ihrer Lebensgeschichten immer häufiger von professionellen Ghostwritern beziehungsweise Autobiografikern helfen.

Wissenschaftlich findet seit den 1970er Jahren im Zuge der Forschungsausrichtung Geschichte von unten und der sozialwissenschaftlichen Biografieforschung die populare Autobiografik vermehrtes Interesse. Es handelt sich dabei in der Regel um privat für den Familienkreis verfasste Schriftem, die als Quellen für vergangene historische Verhältnisse dienen können. Auch die Oral History von Zeitzeugen wird zunehmend in Interviewform schriftlich festgehalten. Die Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen an der Universität Wien verfügt etwa über eine Sammlung von etwa 3000 solcher autobiografischer Lebenszeugnisse. Ähnliche Institutionen finden sich heute in nahezu allen europäischen Ländern. Ein besonders prominenter Sammler autobiografischer Zeugnisse war der deutsche Schriftsteller Walter Kempowski (Das Echolot).

Siehe auch

Literatur

 Wiktionary: Autobiografie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik