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Goldene Regel

Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen werden unter Goldene Regel (Begriffsklärung) aufgeführt.

Als goldene Regel wird allgemein ein für eine gesellschaftliche Gruppe wichtiger Merkspruch oder ein markantes Motto bezeichnet, im engeren Sinne bezieht sich die Bezeichnung aber auf die in dem Sprichwort

Was du nicht willst, dass man dir tu', das füg' auch keinem andern zu.

ausgedrückte moralische Regel, die in mannigfaltigen Variationen Grundbestandteil der ethischen Vorstellungen vieler Religionen ist. Einerseits ist sie von Kants kategorischem Imperativ zu unterscheiden, denn die goldene Regel bezieht sich auf den Einzelnen (und sein Gegenüber), nicht auf ein allgemeines Sittengesetz. Andererseits erhebt auch die goldene Regel formal einen universellen Geltungsanspruch und abstrahiert vom konkreten Einzelfall. Manche bezeichnen sie als volkstümliche Variante des kategorischen Imperativs. Für viele Philosophen beinhaltet die goldene Regel den Kern von Moral, weil sie an die menschliche Vorstellungskraft, Einfühlung, Gegenseitigkeit und Folgenbewusstsein appelliert.

Inhaltsverzeichnis

Der Inhalt der Goldenen Regel

Anhand dieser Regel prüft man die moralische Zulässigkeit einer bestimmten eigenen Handlung in Bezug auf andere Menschen, indem man sich fragt, ob man seinerseits von ihnen in dieser Weise behandelt werden möchte. Wenn man das nicht will, dann ist die Handlung unmoralisch und man soll sie unterlassen. So kann jeder aus seinen eigenen Abneigungen konkrete moralische Normen für das eigene Handeln ableiten. Wenn ich z. B. selbst nicht will, dass man mich anschreit, so soll ich es gemäß der Goldenen Regel auch meinerseits unterlassen, andere anzuschreien.


Bei gleichartigen Abneigungen der Einzelnen führt die Anwendung der Goldenen Regel durch verschiedene Personen zu übereinstimmenden Ergebnissen. Da sie einfach anzuwenden ist, leistet sie in der moralischen Erziehung gute Dienste.

Beispiele

Religionen

Die Goldene Regel ist in den meisten Weltreligionen (Ausnahme ist der Islam, siehe hierzu Islamische Ethik) fest verankert. Daher wurde sie auch im Projekt Weltethos von Hans Küng und der „Erklärung zum Weltethos“ durch das Parlament der Weltreligionen von 1993 wichtig. Aus der Goldenen Regel werden hier vier Prinzipien als „unverrückbare Weisungen“ entwickelt:

  1. Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben
  2. Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung
  3. Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit
  4. Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau

Zwischen den einzelnen Versionen sind leichte, aber relevante Unterschiede feststellbar. So ist die Bahá'í-Variante wie auch die aus der Bergpredigt entnommene christliche positiv formuliert und fordern nicht nur das Nichttun dessen, was selbst nicht gewünscht wird, sondern auch das Tun dessen, was man selbst erstrebt.

Chronologie verwandter Regeln

Kritik an der Goldenen Regel

In präferenzutilitaristischen Theorien (wie Peter Singers Praktische Ethik) wurden diverse Präzisierungen und Modifikationen vorgeschlagen. Auch einige deontologische Theorien wie die kantische Ethik haben einige der vorbenannten Probleme nicht.

Positive und negative Form

Die positive Form der Goldenen Regel kann man in die Worte fassen: „Behandele andere so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest!“ Daraus können Gebote in Bezug auf das eigene Handeln abgeleitet werden. Man kann sich z. B. fragen, ob man andere Menschen höflich behandeln soll. Wenn man selbst höflich behandelt werden möchte, dann soll man gemäß der positiven Goldenen Regel auch andere höflich behandeln.

Die positive Formulierung der Goldenen Regel führt jedoch noch deutlicher als die negative Formulierung in vielen Fällen zu inakzeptablen Ergebnissen. Ein Beispiel: Ich hätte es gern, wenn mir mein Nachbar monatlich 1000 € schenkt. Gemäß der positiv formulierten Regel müsste ich in diesem Fall meinem Nachbarn meinerseits monatlich 1000 € schenken. Eine Möglichkeit, auf derartige Probleme zu reagieren, sind weitere Universalisierungsforderungen, etwa, die Regel auf allgemeine Handlungsprinzipien anstatt konkrete Wünsche wie im voranstehenden Beispiel zu beziehen, oder aber sie nur auf selbst wiederum moralisch legitime Wünsche zu beziehen.

Die negative Form „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu“ fordert aktives Unterlassen ein: etwas ist bewusst nicht zu tun.

Einzelnachweise

  1. Übersetzung von Fridolin Stier
  2. Siehe J.L. Mackie: Ethics. Harmondsworth 1977. Kapitel 4.

Literatur