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Indologie

Indologie ist eine geisteswissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Beschreibung und Erklärung der Sprachen, Kulturen und Geschichte des indischen Kulturraumes befasst. Ausgangspunkt der modernen europäischen Indologie im 18. Jahrhundert waren, in Deutschland angeregt durch die Romantik, Studium und Übersetzung der klassischen Sanskrittexte.

Das Fachgebiet der alt- und mittelindischen Sprachen wurde nach dem 2. Weltkrieg um die Beschäftigung mit modernen indischen Nationalsprachen und deren Literaturen erweitert.

Teilweise zielt ein neues Verständnis in den letzten Jahren unter dem Begriff Südasienkunde in Richtung einer anwendungsorientierten Hilfsdisziplin.

Inhaltsverzeichnis

Die sprachlichen Quellen

Die kulturhistorisch wichtigsten Quellsprachen des indischen Altertums und der Vormoderne sind die Sprache des Veda (Vedisch), das (klassische) Sanskrit und mittelindische Idiome, die sogenannten Prakrits, (insbesondere Pali) sowie Tamil. Mit den Primärmethoden der historisch-kritischen Philologie erforscht die Indologie systematische Teilbereiche des indischen Kulturraums, besonders die indische Geistes- und Kulturgeschichte und versucht, durch objektive Datenerhebung eine universalgeschichtliche Beurteilung Indiens zu ermöglichen.

Teildisziplinen der Indologie

Unter die indologischen Teildisziplinen fallen auch politische Geschichte, Sprachen, Literaturen, Philosophie, Medizin, Rituale, Religionen, Kunst und Recht des indischen Subkontinents. Um die Texte in ihrem zeitgenössisch ausgedrückten Sinn verstehen und interpretieren zu können, muss die Indologie intra-disziplinär arbeiten, d.h., sich den Verständnis- und Wissenshorizont der alten indischen Autoren aneignen und sich in ihre sakralen Überlieferungen und säkularen Wissenschaften einarbeiten. Die Erforschung des modernen Indien bietet der Indologie die Möglichkeit, Methoden gegenwartsbezogener Fächer wie Soziologie oder Ethnologie als Hilfswissenschaften anzuwenden. Hier ist die Beherrschung und Anwendung der zahlreichen neuindischen Idiome maßgeblich, deren Lehre und Studium besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s auf großes Interesse stieß. Auch die darstellende Kunst, wie beispielsweise klassischer indischer Tanz, wird von der mehr gegenwartsbezogen arbeitenden Indologie berücksichtigt.

Der Beginn europäischer Sanskrit-Studien

Die moderne, wissenschaftliche indologische Forschung setzt im späten 18. Jh. ein, mit der Gründung der Asiatic Society of Bengal (1784) in Calcutta durch William Jones (1746–1794). Eine große Wirkungsgeschichte erzielten auch Charles Wilkins (1750–1833) und Henry Thomas Colebrooke (1765–1837), die sich ebenfalls auf Originalquellen in Sanskrit stützten, und nicht mehr das Persische als indirektes Medium der Vermittlung heranzogen. Dies war erst aufgrund der kolonialen Präsenz der Briten in Ostindien möglich geworden.

Geschichte der deutschen Indologie

Heinrich Roth

Der erste deutsche Sanskrit-Gelehrte war der Jesuit und Missionar Heinrich Roth (1620-1668). Während eines längeren Indienaufenthalts lernte er die altindische Sprache und schrieb sogar eine Grammatik, die jedoch nie gedruckt wurde, da Roth nicht die Zeit fand, die Druckarbeiten zu betreuen. Es wird berichtet, dass er nicht nur die Sanskrit-Sprache fließend beherrschte, sondern auch gute Kenntnisse der Sanskrit-Literatur und -Philosophie besaß.

Wilhelm von Humboldt

Der eigentliche Beginn der Sanskrit-Studien in Deutschland erfolgte jedoch erst Anfang des 19. Jahrhunderts. Die damaligen Gelehrten waren zum Teil berühmte Persönlichkeiten des deutschen Kulturlebens wie Wilhelm von Humboldt (1767-1835). Er hatte Sanskrit von dem in Mainz geborenen Berliner Linguisten Franz Bopp (1791-1867) gelernt und veröffentlichte u.a. einen Essay über die Bhagavadgita, auf den Hegel in einer kritischen Rezension antwortete. Humboldt unternahm auch viele bedeutende Studien zur Vergleichenden Sprachwissenschaft.

Die Brüder Schlegel

Friedrich Schlegel (1772-1829) der vielseitige Autor, Kritiker und Mitbegründer der romantischen Bewegung, lernte Sanskrit von dem englischen Marine-Offizier Alexander Hamilton, der als Gefangener der napoleonischen Kriege in Paris festsaß und als einziger in der Stadt Sanskrit-Kenntnisse besaß. Im Jahr 1808 schrieb Schlegel seine berühmte Abhandlung "Über die Sprache und Weisheit der Inder", die wichtige Impulse für spätere indologische Forschungen gab. Doch Friedrich Schlegel hatte auch viele andere Interessen, und so wurde nicht er, sondern sein Bruder August Wilhelm (1767-1845), bekannt insbesondere als Shakespeare-Übersetzer, im Jahr 1818 zum ersten deutschen Professor der Indologie in Bonn. Mit den Methoden der Klassischen Philologie erstellte er kritische Editionen und historisch-kritische Übersetzungen der Sanskrit-Literatur. Er ließ in Paris Devanagari-Schrifttypen fertigen und brachte 1823 die Bhagavadgita in Originalschrift heraus, begleitet von seiner lateinischen Übertragung.

Friedrich Rückert

Der Dichter und Orientalist Friedrich Rückert (1788-1866) war ursprünglich Professor für Arabisch und Persisch, studierte später jedoch auch die Sanskrit-Sprache und verfasste meisterhafte Übersetzungen indischer schöner Literatur, darunter die Episode „Nala und Damayanti“ aus dem Mahabharata und das „Gita Govinda“, ein lyrisches Gedicht aus dem 12. Jahrhundert, das von Krishnas Jugend als Hirtenjunge und seiner Liebesbeziehung zum Hirtenmädchen Radha handelt.

Es war eine Zeit großer aufkeimender Indienbegeisterung, und aufgrund der Rezeption indischer Werke durch weitere deutsche Dichter und Denker wie Goethe, Herder, Schopenhauer und Nietzsche kam es im Laufe der Zeit zu einer Diffusion indischen Gedankenguts in das Bildungsbürgertum, obwohl zunächst noch häufig über sekundäre deutsche Übersetzungen, da keine oder nur wenige direkte Übertragungen aus dem Sanskrit vorlagen.

Franz Bopp

Franz Bopp (1791-1867) war ein vielseitig begabter Linguist, der als erster vergleichende Studien der Grammatik indoeuropäischer Sprachen unternahm und 1816 den Nachweis der Sprachverwandtschaft des Sanskrit mit den antiken, iranischen und germanischen Sprachen erbrachte und die Vergleichende Sprachwissenschaft (Indogermanistik) als selbständige Wissenschaft begründete. Er übersetzte u.a. die Nala-Episode aus dem Epos Mahabharata in die lateinische Sprache und wurde 1825 mit Unterstützung von Humboldt Professor für Sanskrit in Berlin.

Adolf Friedrich Stenzler

Adolf Friedrich Stenzler (1807-1887) war Professor der Indologie in Breslau und veröffentlichte viele wichtige Texteditionen sowie Übersetzungen von Sanskrit-Texten, darunter das Epos "Raghuvamsha" des berühmten indischen Dichters Kalidasa. Sein "Elementarbuch der Sanskrit-Sprache", der "Stenzler", ist das bekannteste Lehrbuch der deutschen Indologie und wurde seit seinem Erscheinen im Jahr 1869 von zahllosen Generationen von Studenten genutzt.

Stenzlers Werk ist zugleich eine Grammatik und ein Studienbuch, das viele Male von verschiedenen Gelehrten umgearbeitet und ergänzt wurde. Die 18. Aufl. wurde von dem Hamburger Indologen Albrecht Wezler umfangreich neu bearbeitet und erweitert, wobei aufgrund eines technischen Versehens zahlreiche Druckfehler in den Text gelangten. Die aktuelle 19. Aufl. (2002) wurde neu gesetzt und von Wezler unter Berücksichtigung von Vorschlägen anderer Gelehrter weiter modifiziert. Das Buch enthält eine übersichtliche Grammatik in indischer Devanagari-Schrift, Übungsbeispiele und Lesestücke der Sanskrit-Literatur zum Übersetzen sowie ein Wörterbuch für diese Texte. Für ein Selbststudium des Sanskrit ist der "Stenzler" im Regelfall nicht geeignet, jedoch sehr hilfreich als Ergänzung anderer Lehrbücher oder als Übungsbuch für Anfänger mit guten Vorkenntnissen.

Otto von Böhtlingk

Einer der bedeutendsten deutschen Indologen des 19. Jahrhunderts war Otto von Böhtlingk (1815-1904), der zusammen mit Rudolf von Roth das Große Petersburger Wörterbuch herausgab (1852-75). Während von Roth die vedische Literatur betreute, übernahm von Böhtlingk die klassische Sanskrit-Literatur und trug etwa 9/10 des Textes zum Wörterbuch bei, das weltweit zum umfangreichsten wurde und auch ins Englische übertragen worden ist. Böhtlingk leistete noch viele weitere wertvolle Beiträge zur Indologie, darunter herausragende Texteditionen und Übersetzungen ebenso wie ein Werk über Paninis Grammatik, in dem der überaus schwierige Originaltext westlichen Gelehrten erstmals zugänglich gemacht wurde.

Friedrich Max Müller

Weltweit bekannt wurde der deutsche Indologe Max Müller (1823-1900), nach dem heute noch einige Goethe-Institute in Indien benannt sind (Max Mueller Bhavan). Er war ein herausragend begabter Philologe und studierte außer dem klassischen auch das vedische Sanskrit. Im Jahr 1846 zog er nach England und publizierte dort erstmals den vollständigen Text des Rigveda - das älteste sprachliche Dokument des indischen Kulturraums - zusammen mit einem Kommentar des Sayana, eines bedeutenden indischen Gelehrten des 14. Jh. Weitere Werke wie eine Sanskrit-Literaturgeschiche folgten, später 50 Bände "Sacred Books of the East", die er herausgab und zu denen er viele eigene Übersetzungen wie etwa jene der wichtigsten Upanishaden beitrug. Sein letztes großes Werk "The Six Systems of Indian Philosophy" war die erste umfassende Darstellung aller philosophischen Systeme Indiens in einem Buch.

Albrecht Weber

Albrecht Weber (1825-1901) war einer der großen Gelehrten der zweiten Hälfte des 19 Jhs., er brachte die Indologie durch seine unermüdlichen Forschungen in vielen Feldern voran. Seit 1857 lehrte er als ordentlicher Professor in Berlin, wo er auch Mitglied der Akademie der Wissenschaften war.

Weber beschäftigte sich intensiv mit der alten vedischen Literatur und gab erstmals einige bedeutende umfangreiche Sanskrit-Texte wie den Weißen Yajurveda in sorgfältig erstellten und kommentierten Editionen heraus. Im Jahr 1853 veröffentlichte er sein wichtigstes Werk "Akademische Vorlesungen über Indische Literaturgeschichte", worin er die vedische Literatur sehr detailliert behandelte und auch nach Themen ordnete. Neben den Epen und Puranas erläuterte er die alte indische Grammatik, Medizin ebenso wie Musik und Künste und die Sanskrit-Literatur des Buddhismus. Moritz Winternitz, selbst prominenter Autor einer Sanskrit-Literaturgeschichte, nannte Webers Werk "einen Meilenstein in der Geschichte der Indologie".

Im Jahr 1849 hatte Weber die Zeitschrift "Indische Studien" begründet und veröffentlichte darin zahlreiche eigene Artikel über seine Forschungen. Als richtungweisend gilt seine Übersetzung von Kalidasas Drama "Mâlavikâgnimitra", das die Liebesgeschichte des Königs Agnimitra und der Zofe Mâlavikâ schildert, welche - wie sich im Laufe des Geschehens herausstellt - in Wirklichkeit eine Prinzessin ist.

Johann Georg Bühler

Johann Georg Bühler (1837-1898) gehörte zu den bedeutendsten Indologen des 19 Jhs. Er verbrachte fast die Hälfte seiner Zeit als Gelehrter in Indien, wo er 1863 Professor für Orientalische Sprachen wurde. Bühler konnte - ähnlich wie Paul Deussen - fließend Sanskrit sprechen, was ihm half, das Vertrauen indischer Gelehrter zu gewinnen, als er nach seltenen alten Manuskripten forschte. Er sammelte viele wertvolle Texte, übersetzte Inschriften und schrieb Standardwerke über das indische Recht. Bis heute bekannt ist er insbesondere durch sein Sanskrit-Lehrbuch, den "Leitfaden für den Elementarkursus Sanskrit", der 1883 erschien.

Bühler nutzte in seinem Lehrbuch seine herausragende Beherrschung des Sanskrit und verfasste in den Übungstexten anspruchsvolle Sätze, die etwas von der indischen Kultur und Philosophie vermitteln. In der Didaktik folgte er dem bewährten Muster von Lehrbüchern des Lateinischen oder Griechischen mit einer einführenden Grammatik-Lektion, einem Vokabular und einem Übungstext. Die Devanagari-Schrift wird schrittweise eingeführt und ist in den ersten Lektionen noch von einer Transkription begleitet.

Bühlers Lehrbuch erschien in zahlreichen Reprints und war noch bis Ende des 20. Jhs. im Umlauf. Weiterhin im Handel ist die englische Ausgabe (E.D. Perry, A Sanskrit Primer), die gegenüber dem Originaltext einige Verbesserungen aufweist. Es spricht für Bühlers Genie, dass bis heute kein deutschsprachiger Autor sein Lehrbuch durch ein besseres gleicher Art abzulösen vermochte. Dies gelang erst dem amerikanischen Indologen Walter Harding Maurer mit seinem Titel "The Sanskrit Language" (Revised Ed. 2001), der ebenfalls hochwertige Sanskrit-Übungssätze enthält und um ein Vielfaches umfangreicher ist als Bühlers Werk.

Paul Deussen

Paul Deussen (1845-1919) war nicht nur ein bedeutender Philologe, sondern auch Philosophiehistoriker. Er lernte Friedrich Nietzsche in Schulpforta kennen und war sein lebenslanger Freund. Deussen schrieb eine Reihe wichtiger Bücher über verschiedene Epochen der indischen Philosophie, insbesondere über den Veda und die Upanishaden. Seine Übersetzung "Sechzig Upanishads des Veda" (1897) stellte Forschern auch anderer Fachbereiche wertvolles Quellenmaterial zur Verfügung. In seinem Werk "Allgemeine Geschichte der Philosophie" widmete er die ersten drei Bände der indischen Philosophie, die letzten drei westlichen Traditionen. Seine Übersetzung der Brahma-Sutras war die erste vollständige Übertragung in einer europäischen Sprache.

Heinrich Zimmer

Heinrich Zimmer (1890-1943) war ein Außenseiter in der Welt der Indologie. Seine Herangehensweise unterscheidet sich zum Teil wesentlich von jener seiner Fachkollegen, die sich zumeist einer streng philologischen Textinterpretation verpflichtet fühlen und eine gewisse Distanz zu den Texten wahren. Zimmer dagegen ließ sich intensiv auf die Inhalte der von ihm erforschten Quellen ein und legte eigene, psychologische Interpretationen vor, die u.a. C.G. Jung so nachhaltig beeindruckten, dass er Freundschaft mit dem deutschen Indologen schloss.

Zimmer hatte zunächst als Dozent der Indologie in Greifswald und Heidelberg gewirkt und indische Philosophie unterrichtet, musste jedoch 1939 Deutschland verlassen, da er mit Christiane von Hofmannsthal, Tochter des jüdischen Dichters Hugo von Hofmannsthal, verheiratet war. Er ging zunächst nach England und emigrierte wenige Jahre später in die USA, wo er eine Gastprofessur an der Columbia University übernahm. John Campbell, einer seiner Studenten, brachte später einige von Zimmers unveröffentlichten Texten heraus, die zum Teil in englischer Sprache geschrieben waren.

Zimmers Buch "Philosophie und Religion Indiens" ist bis heute ein Klassiker der Indien-Literatur, in Deutschland seit 1961 von Suhrkamp verlegt. Der Autor handelt darin Themen wie Hinduismus, Jainismus, Buddhismus, Sankhya und Yoga ab und erläutert die Beziehung der östlichen Philosophie zur abendländischen. Sein Titel "Der Weg zum Selbst" (1944) war die erste deutsche Biographie über Ramana Maharshi, den Weisen von Tiruvannamalai, der durch einen Bericht des englischen Schriftstellers Paul Brunton berühmt wurde. Weitere wichtige Titel sind "Indische Mythen und Symbole" sowie "Kunstform und Yoga im indischen Kultbild".

Zimmer war der erste deutsche Indologe, der sich intensiv mit Yoga und Tantra befasste, wobei er von Arbeiten des britischen Forschers Sir John Woodroffe (Arthur Avalon) beeinflusst war. Doch obwohl Zimmer den hohen Wert des Yoga an sich anerkannte, hegte er Zweifel, ob dieser Weg für den Westmenschen geeignet wäre. Zimmer forschte auch viel über den Buddhismus und übersetzte einige Quellentexte.

Helmuth von Glasenapp

Helmuth von Glasenapp (1891-1963) war ein Indologe, der nicht nur herausragende Forschungsarbeit leistete, sondern auch die Fähigkeit hatte, seine Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit in gut lesbaren Büchern mitzuteilen. Seine Buchtitel "Die Philosophie der Inder" und "Die Literaturen Indiens" waren wichtige Standardwerke, und in seinem Titel "Das Indienbild deutscher Denker" erläuterte er kenntnisreich die Einstellung prominenter deutscher Geistesgrößen wie Kant, Herder oder Spengler zu Indien und indischer Philosophie. Er war zudem ein Experte in den Religionen von Hinduismus, Dschainismus und Buddhismus und schrieb einen Beitrag über "Die nichtchristlichen Religionen" für ein großes Lexikon.

Paul Thieme

Paul Thieme (1905-2001) war einer der großen Universalgelehrten der Indologie des 20 Jhs. Mit viel Akribie und philologischer Expertise ergründete er auch die schwierigsten Texte und beschäftigte sich mit den Veden und Upanishaden, Sanskrit-Dichtung, Wissenschaft und Grammatik des alten Indien. Er beherrschte Sanskrit fließend, und es wird berichtet, dass er im Jahr 1981 anlässlich der Verleihung des Ehrendoktortitels durch die Banaras Hindu University seine Dankesrede frei auf Sanskrit hielt.

Thiemes Lehrtätigkeit im Bereich der Indologie und Indogermanistik führte ihn nach Breslau, Halle, Frankfurt und an die Yale University in New Haven, wo er 1954 einen renommierten Lehrstuhl übernahm. 1960 kehrte er nach Deutschland zurück und bildete in Tübingen eine Reihe von Studenten aus, die später zu angesehenen Indologen wurden. Thieme hinterließ kein großes Standardwerk seines Faches, aber zahlreiche für Experten bedeutende Einzelstudien in deutscher und englischer Sprache. Im Buchhandel erhältlich sind die vielgelesenen Titel "Upanishaden" und "Gedichte aus dem Rig-Veda" mit Auszügen aus den alten indischen Texten.

Klaus Mylius

Klaus Mylius (geb. 1930 in Berlin) studierte zunächst Geographie, bevor er sich der Indologie zuwandte. 1976 wurde er Professor für Sanskritistik und indische Altertumskunde an der Universität Leipzig. Zu seinen über 250 Veröffentlichungen gehören Standardwerke der Indologie wie das Wörterbuch Sanskrit-Deutsch / Deutsch-Sanskrit (1975-1988), eine "Chrestomathie der Sanskrit-Literatur" (1978) sowie die "Geschiche der altindischen Literatur - Die 3000jährige Entwicklung der religiös-philosophischen, belletristischen und wissenschaftlichen Literatur Indiens von den Veden bis zur Etablierung des Islam". (3. überarb. Aufl. Wiesbaden 2003).

Mylius' Sanskrit-Literaturgeschichte ist auf hohem wissenschaftlichem Niveau geschrieben und verwendet durchweg, wie in Fachzeitschriften üblich, alle diakritischen Zeichen für Sanskrit-Begriffe und Eigennamen, aber dennoch ist das Buch auch für interessierte Laien zugänglich und erschien in der 2. Ausg. in einem großen Publikumsverlag. Besonders wertvoll für Indologie-Studierende sind die Anmerkungen am Ende eines jeden Kapitels mit zahllosen nützlichen Literaturhinweisen, welche jeweils die wichtigsten Titel der internationalen Fachliteratur in deutscher und englischer Sprache nennen.

Mylius' Wörterbuch enthält in der aktuellen Ausgabe (Wiesbaden 2005) die ursprünglichen beiden Teile Sanskrit-Deutsch und Deutsch-Sanskrit in einem Band. Der erste Teil enthält 70 000 Sanskrit-Stichwörter, der zweite 26 000 deutsche. Die Sanskrit-Wörter sind in lateinischer Umschrift mit diakritischen Zeichen gedruckt, so dass das Wörterbuch auch von allgemein sprachwissenschaftlich Interessierten benutzt werden kann. Der Umfang des Wörterbuchs ist im Vergleich zu englischen Titeln wie dem "Monier-Williams" (das mehr als doppelt so viele Einträge enthält) zwar relativ begrenzt, reicht aber für die Lektüre vieler wichtiger Werke der Sanskrit-Literatur und ermöglicht dem Anfänger ein ungleich leichteres Nachschlagen.

Weitere bekannte Gelehrte

Die deutsche Indologie hat zahlreiche weitere bedeutende Gelehrte hervorgebracht. Die folgende Übersicht nennt einige bekannte Namen und ihre wichtigsten Tätigkeitsfelder und Forschungsbereiche.

Hermann Graßmann (1809-1877) Rigveda-Übersetzung; auch bek. Mathematiker

Theodor Benfey (1809-1881) Panchatantra, Märchenliteratur, Sanskrit-Grammatik

Lorenz Franz Kielhorn (1840-1908) Sanskrit-Grammatik, Epigraphik

Berthold Delbrück (1842-1922) Indogermanistik, Sanskrit-Syntax

Hermann Jacobi (1850-1937) Jainismus, Astronomie, Texteditionen

Hermann Oldenberg (1854-1920) Religionsgeschichte, Veda, Buddhismus

Richard von Garbe (1857-1927) Samkhya, Yoga, Bhagavadgita-Übersetzung

Heinrich Lüders (1869-1943) Mahabharata, Epigraphik, Buddhismus

Willibald Kirfel (1885-1964) Puranas, Kosmographie

Paul Hacker (1913-1979) Vedanta, Puranas

Michael Witzel (geb. 1943) Rig-Veda-Übersetzung, altindische Geschichte

Axel Michaels (geb. 1949) Hinduismus, Religionsgeschichte

Die internationale Indologie

Österreich

Moriz Winternitz

Moriz Winternitz (1863-1937) war ein österreichischer Gelehrter, der zunächst Altphilologie und Philosophie studierte, sich dann aber auch der Indologie zuwandte. Im Jahr 1911 wurde er Professor der Indologie in Prag und veröffentlichte zahllose wertvolle Studien im Bereich der Religion, Epen und Sanskrit-Literatur. Eine von O. Stein und W. Gampert erstellte Bibliographie nennt nicht weniger als 452 Titel.

Das Hauptwerk von Winternitz war seine "Geschichte der indischen Literatur" in drei Bänden, die von 1905-1922 erschienen und später auch ins Englische übersetzt wurden. Im ersten Band behandelte Winternitz die vedische Literatur, die Epen und die Puranas. Im zweiten folgte die buddhistische und Jaina-Literatur, im dritten schließlich Lyrik und Wissenschaft. Winternitz spezialisierte sich in späteren Jahren noch weiter auf den Buddhismus und erforschte einige Quellentexte.

Ein weiteres wichtiges Studienfeld war für ihn das Epos Mahabharata. Im Jahr 1901 regte er erstmals die Fertigung einer kritischen Ausgabe auf der Grundlage der zahlreichen Manuskripte an, die in teils abweichenden Versionen vorliegen. Doch erst nach dem Ersten Weltkrieg konnten diese Pläne aufgegriffen und schließlich vom Bhandarkar Oriental Research Institute in Poona (Pune) realisiert werden, das nach jahrzehntelanger Arbeit 1966 die Erstellung der "Critical Edition of the Mahabharata" abschloss, die seitdem als maßgebliche Ausgabe des Epos gilt und deren Haupttext ("Constituted Text") knapp 80 000 Verse umfasst. Obwohl die eigentliche philologische Arbeit von anderen Gelehrten geleistet wurde, ist es Winternitz' großes Verdienst, dieses Projekt - eines der aufwendigsten in der Geschichte der Indologie - angestoßen und als Mitglied des Herausgeber-Gremiums lange begleitet zu haben

Erich Frauwallner

Die indische Philosophie, die ähnlich hoch entwickelt ist wie die antike griechische oder die deutsche, war das bevorzugte Studienfeld des Wiener Gelehrten Erich Frauwallner (1898-1974). Er beschäftigte sich auch intensiv mit buddhistischen Texten und lernte Tibetisch und Chinesisch, um Zugang zu Quellen zu bekommen, deren Sanskrit-Originale verloren gegangen waren.

Bekannt wurde Frauwallner durch seine "Geschichte der Indischen Philosophie", deren erster Band 1953 erschien und sich mit den Veden, Upanishaden, Epen, Buddha und Mahavira (dem Gründer des Jainismus) ebenso wie mit Samkhya und dem klassischen Yoga-System beschäftigte. Drei Jahre später erschien der zweite Band, der vor allem das Vaisheshika-System abhandelt. Eine englische Übersetzung erschien 1973 in Delhi.

Frauwallner war einer jener vielen Indologen in Vergangenheit und Gegenwart, die sich auf die Buddhologie spezialisieren und diese Fachwissenschaft mit oft außergewöhnlichen Sprachkenntnissen voranbringen. In einem späten Lebensstadium lernte er sogar noch Japanisch, um die Fachaufsätze seiner japanischen Kollegen studieren zu können. Ein Resultat seiner Forschungen in diesem Bereich war das Buch "Philosophie des Buddhismus" mit Auszügen aus Werken buddhistischer Denker bis zum 6. Jahrhundert.

Norwegen

Christian Lassen

Christian Lassen (1800-1876) wuchs in Norwegen auf, doch zog seine Mutter nach Hamburg, als er 18 Jahre alt war. Er studierte an verschiedenen europäischen Universitäten und wurde 1840 Professor für alte indische Sprachen und Literatur in Bonn, wo er sein Leben lang blieb und Nachfolger August Wilhelm von Schlegels in der Indologie wurde.

Lassen übernahm eine Reihe von Texteditionen und studierte als einer der ersten westlichen Gelehrten Prakrit und Pali. 1832 übersetzte er die Sânkhya-Kârikâ, das wichtigste Grundlagenwerk der Sankhya-Philosophie. Einige Jahre später leistete er den entscheidenden Beitrag zur Entzifferung der altpersischen Keilinschriften und begründete 1837 die "Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes", in der er viele eigene Artikel veröffentlichte.

Lassens großes literarisches Werk war die "Indische Altertumskunde", die 1847-1861 in vier Bänden erschien mit sehr umfangreichen und detaillierten Ausführungen zur indischen Geschichte und auch Geografie.

Holland

Willem Caland (1859-1932) ist der bekannteste Gelehrte der niederländischen Indologie. Er forschte vor allem auf dem Gebiet des vedischen Opferrituals und übersetzte einige Texte wie das Jaiminîya-Brâhmana und das Apastamba-Shrautasûtra, die als äußerst schwierig gelten. Zudem verfasste er auch eine Vielzahl exegetischer Werke.

Sein Landsmann Jan Gonda (1905-1932) war ein renommierter Orientalist und Religionswissenschaftler, der - abgesehen von zahllosen Artikeln - einige Bücher über den Veda und Hinduismus veröffentlichte. Er war Mitherausgeber eines Handbuchs der Orientalistik.

Literatur