Philipp Holzmann
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Philipp Holzmann

Die Philipp Holzmann AG war ein weltweit tätiger deutscher Baukonzern mit Sitz in Frankfurt am Main.

Inhaltsverzeichnis

Gründung und Unternehmensgeschichte

Das Bauunternehmen wurde 1849 von Johann Philipp Holzmann in Dreieich gegründet. Er begann 1818, im Alter von 13 Jahren nach dem frühen Tod seines Vaters, seine unternehmerische Tätigkeit mit der Übernahme der Kreuzmühle, anfangs unterstützt von seiner Mutter. Er baute zusätzlich ein Sägewerk und lieferte 1840 Schwellen für die Taunus-Eisenbahn. Philipp Holzmann löste sich 1849 mit der Gründung einer eigenen Firma Holzmann aus einer persönlichen, vertraglich unklaren Verflechtung mit anderen Firmen. Er erweiterte laufend die Leistungen für den Eisenbahnbau. Handarbeit und Pferdebetrieb waren die einzigen Mittel, um damals Erdarbeiten auszuführen. 1865 übergab er die Firma „Holzmann“ an seine beiden Söhne Philipp und Johann Wilhelm. Philipp berichtet über die Anfangsjahre: „Menschen und an hundert Pferde haben alle unter einem Dach gewohnt. Die Mutter hat für alle Aufseher und Knechte gekocht. Der Betrieb ging Tag und Nacht.“ (Hans Meyer-Heinrich, S. 27)[1].

Philipp Holzmann im Alter von 24 Jahren, 1860

Philipp erweiterte als Unternehmer laufend die Geschäftsbereiche und war überregional ausgerichtet. 1873 folgte eine kommerzielle Trennung der Anteile der Brüder und Philipp gründete die Kommanditgesellschaft Philipp Holzmann & Cie. Wilhelm blieb dem Unternehmen verbunden und übernahm nach dem Tod von Philipp 1904 den Vorsitz im Beirat der Firma, bis zu seinem Tod 1913. Eine eigene Baufabrik (siehe Bild des Fabrikhofes) wurde zur Unterstützung des eigenen Hochbaus errichtet, so wurden in den achtziger Jahren in der „Holzschneiderei“ von 300 Zimmerleuten Bauteile angefertigt, beispielsweise schwere Tore für die Main-Kanalisierung hergestellt. Im innerstädtischen Kanalbau war die Firma stark an der hygienischen Sanierung der rasch wachsenden Städte beteiligt. Weitere Schwerpunkte waren Eisenbahnbau und Brückenbau.

Internationale Aufmerksamkeit erlangte Holzmann durch die 1902 begonnene und von der Deutschen Bank finanzierte Bagdadbahn. Das zeitweise größte deutsche Bauunternehmen war anfangs überwiegend im Eisenbahnbau tätig, erweiterte sein Arbeitsgebiet aber bald in alle Bereiche des Hoch- und Tiefbaus. Das erste große Bauprojekt war der 1854 fertiggestellte Schwarzkopftunnel der Main-Spessart-Bahn.

1856 folgte der Umzug nach Frankfurt, wo 1863 eine eigene Baufabrik entstand.

Fortan war die Baugeschichte Frankfurts auch eng mit Holzmann verbunden. 1873 beteiligte sich Holzmann am Bau des Frankfurter Opernhauses

1877 folgte die Wettsteinbrücke über den Rhein in Basel als erstes Auslandsprojekt, 1882 der Hauptbahnhof Amsterdam, 1883 das Empfangsgebäude des Hauptbahnhofs Frankfurt, 1889 Arbeiten für den Nord-Ostsee-Kanal und 1892 der Justizpalast München. Ebenfalls 1899 beteiligte sich das Unternehmen als Gesellschafter an der Studiengesellschaft für Elektrische Schnellbahnen (St.E.S.) in Berlin.

1906 begann das Holzmann-Engagement in Südamerika mit Beteiligungsgesellschaften in Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Peru und Uruguay. 1907 war Holzmann am Bau des Elbtunnels in Hamburg beteiligt, 1910 an der Edertalsperre. 1917 folgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Auch im Wohnungsbau war das Unternehmen mit den Siedlungen Hellerhof und Riederwald in Frankfurt tätig. Ein weiteres Großprojekt war 1925 der Hindenburgdamm.

In einer Epoche der Expansion von 1895 bis 1917 etablierte sich die Firma global in vielen Tätigkeitsbereichen. Die Leistung im Ausland näherte sich dem Umfang der deutschen Projekte an, teils mit Neugründungen, so wurde 1912 die „Russische Gesellschaft für Hoch- und Tiefbauten Philipp Holzmann & Cie“ gegründet, Projekte waren die Erweiterungen der Hafenanlagen von St. Petersburg, sowie Baggerungen, Molenbauten und Hellinge (für Trockenarbeiten an Schiffen) in Reval. Beginnend 1903 wurden wesentliche Teile der Bagdadbahn erbaut, ähnlich eine Reihe von weiteren Bahnlinien, Hafenanlagen usw. in Afrika. In den USA wurden Talsperren, Kanäle und Hafenanlagen gebaut, entsprechend in Argentinien Hafenanlagen, Anlagen für die „Deutsch-Überseeische-Elektrizitätsgesellschaft“ sowie die erste Strecke der Untergrundbahn in Buenos Aires. Dabei gab es Behinderungen und Rückschläge durch die kriegerischen Ereignisse, so wurden die Gebiete der Tanganjika-Bahn und Ruanda-Bahn von englischen Truppen besetzt und alle großen Bauwerke mussten gesprengt werden.

Am 30. Oktober 1917 wurde die über viele Jahre enge Zusammenarbeit mit der „Internationalen Baugesellschaft“ umgesetzt zur Gründung der „Philipp Holzmann Aktiengesellschaft“. Damit wurde bewusst eine Organisationsform geschaffen, mit der man auf die sich für die Zeit nach Kriegsende abzeichnenden Turbulenzen besser reagieren konnte (Hans Meyer-Heinrich, S. 136)[1]. 1920 wurde den Leitern (später: Direktoren) der Niederlassungen größere Verantwortung bei der Akquisition von Aufträgen und der Baudurchführung vor Ort übertragen (Hans Meyer-Heinrich, S. 139)[1]. Deutlich war der Fortschritt der Mechanisierung der Bauvorgänge (Hans Meyer-Heinrich, S. 151)[1]: In der Bilanz von 1924 standen in Deutschland 100 Bagger aller Art, 87 Kräne, 233 Lokomotiven. 665 Pumpen mit Zubehör, insgesamt 56.800 Tonnen Geräte. Das sind bei einer deutschen Belegschaftsstärke von rund 10.000 Mann fast 6 Tonnen Baugerät pro Bauarbeiter. Laufend wurde modernisiert, so wurde die Dampfmaschine weitgehend durch den Dieselmotor verdrängt.

Die chaotischen Verhältnisse während der Inflation erzwangen auch bei der Philipp Holzmann AG flexible Improvisationen. Strategische Überlegungen zur Sicherung der Energieverfügbarkeit führten zu mehr „weißer Kohle“ (Elektrizität), innerhalb von sieben Jahren wurden von Philipp Holzmann AG 18 Großbauten (Kraftwerke, Staustufen) erstellt (Hans Meyer-Heinrich, S. 179)[1], so 1931 die Bleilochtalsperre in der oberen Saale. Mit besonderem Nachdruck wurde in den Jahren 1933 – 1939 der Straßenbau gefördert. Auch zum Westwall, einer 400 km langen Befestigungslinie an der Westgrenze des Deutschen Reiches trug die Philipp Holzmann AG bei. Zusammen mit 85 „Nachunternehmern und Handwerker Akkordanten“ wurden 14.000 Arbeiter und Angestellte eingesetzt und in 621 Bauwerke 440.000 m³ Beton und Stahlbeton eingebaut (Hans Meyer-Heinrich, S. 222)[1]. In den fünf Jahren 1940 – 1945 wurde die zehnfache Menge Stahlbeton verbaut, oft in Bauwerke, die nach dem Krieg wieder zerstört werden mussten.

Vom Baubedarf im Nationalsozialismus profitierte auch die Philipp Holzmann AG als einer der größten deutscher Bauunternehmer. Dabei wurden auch Zwangsarbeiter eingesetzt:

Nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligte sich die Philipp Holzmann AG an der Gründung der Frankfurter Trümmerverwertungsgesellschaft, die aus Bauschutt neues Baumaterial herstellte. Bei den Brückenbauten über den Rhein waren die gesprengten und sperrigen Trümmer der alten Tragwerke ein schwer zu beseitigendes Hindernis; sie mussten mit Unterwasserschneidgeräten durch Taucher zerlegt und durch große Schwimmkräne aus dem Flussbett geholt werden. Holzmann war u. a. in Frankfurt am Wiederaufbau des Goethe-Hauses, des Rathauses und der Paulskirche beteiligt. Im Verkehrsbereich baute Holzmann auf dem Frankfurter Flughafen und auch bei der Frankfurter U-Bahn mit.

Vor der Insolvenz 2002 war die Philipp Holzmann AG einer der größeren „global player“. Das Ende war die Folge von Fehlern des Managements, so übergab der Vorstandsvorsitzende Lothar Mayer 1997 die Firma mit 1,64 Mrd. DM Schulden an Heinrich Binder.

Notwendige Berichtigungen ergaben für die Bilanz 1999 einen Verlust von 2,7 Mrd. DM. Am 25. Oktober 1999 hatte die Firma ihren 150igsten Geburtstag gefeiert. Am 15. November 1999 gab der Vorstandsvorsitzende Heinrich Binder eine Überschuldung „aus bisher unentdeckten Altlasten“ bekannt. Am 23. November 1999 waren die Verhandlungen mit den Banken gescheitert, der Insolvenzantrag wurde gestellt. Am 24. November 1999 wurde nach Initiative von Bundeskanzler Schröder ein „Rettungspaket“ verkündet, mit Übergangskrediten der Banken von 520 Mio. Euro und einer Bürgschaft des Bundes von 130 Mio. Euro, die erst nach allen neuen Leistungen der Banken eingelöst werden könnte und deshalb nie beansprucht wurde. Ein Konsortium von 19 Banken hatte sich nach weiteren Verhandlungen an der Finanzierung eines Sanierungskonzepts des Unternehmens beteiligt. Das damalige Sanierungspaket umfasste etwa 1,6 Mrd. Euro und bestand aus der Einräumung einer Kreditlinie, der Beteiligung an einer Kapitalerhöhung und dem Tausch von Forderungen in Wandelgenussrechte.

Die Sanierung der Philipp Holzmann AG scheiterte jedoch trotz der Anstrengungen aller Beteiligten im März 2002 endgültig. Im Rahmen einer Krise der Bauwirtschaft gingen die Arbeitsplätze von 28.300 Ende 1999 bis März 2002 auf 10.600 (25.000 inklusive Nachunternehmen) zurück. Weitere Verluste und insgesamt 1,5 Mrd. Verbindlichkeiten bei den Banken führten zur endgültige Insolvenz am 21. März 2002. Zu diesem Zeitpunkt bestanden überwiegend erfolgreiche Niederlassungen der Philipp Holzmann AG unter anderem in Österreich, Frankreich, USA, China, Saudi Arabien und Malaysia. Die Verkäufe erwiesen sich jedoch in den Folgejahren als schwierig; 7000 Arbeitsplätze konnten durch Verkäufe gerettet werden.[5]

Zum umstrittenen „Rettungspaket“ des Kanzlers von 1999 führte Klaus Zimmermann (Chef des DIW) in eime Interview[6] aus, große, ehemals marktfähige Unternehmen seien „schwer aufzubauen und leicht kaputt zu machen.“ Allerdings müssten sie für die Ausnahme eines Eingriffs einer Regierung „entweder in einer Zukunftsbranche sein oder die Rettung darf nicht zu teuer sein.“ Auf die Frage: „Mischt sich der deutsche Staat zuviel ein?“ antwortete er: „In Deutschland ist eine generelle Tendenz zu beobachten, sich der EU zu widersetzen, die auf mehr Marktöffnung und Wettbewerb drängt. Das ist ein Problem. Denn so verstärkt sich das Image der deutschen Wirtschaft als starr, unflexibel und marktresistent. Ausländische Investoren werden von diesem Image verprellt. Und: Marode Industrien wie Bergbau sollten nicht unterstützt werden.“

Zur Schuldfrage des Missmanagements wurden Anhaltspunkte bekannt: Im November 2001 hatte sich die Philipp Holzmann AG mit der Haftpflichtversicherung ehemaliger Vorstandsmitglieder außergerichtlich geeinigt. Das Versicherungsunternehmen AIG zahlte danach 38 Mio. DM an die Philipp Holzmann AG. Hintergrund waren die gerichtlich geltend gemachten Schadensersatzforderungen gegen die ehemaligen Vorstandsmitglieder Lothar Mayer, Lothar G. Freitag, Gerhard Lögters, Dieter Rappert, Jürgen Schönwasser und Michael Westphal. Zugleich hatte die Firma mit diesen früheren Vorständen separate Vergleiche verhandelt, die einen wesentlichen Verzicht auf Pensionsleistungen beinhalten. Das vereinbarte Vergleichsvolumen liegt bei 50 Mio. DM. [7]. Ex-Vorstandschef Lothar Mayer und Ex-Finanzvorstand Michael Westphal wurden 2005 vor das Landgericht Frankfurt geladen, im Zusammenhang mit der Ausstellung von Scheinrechnungen (z.B. 13 Mio. DM für den Großflughafen Sperenberg), um einen unerlaubten Aktienrückkauf zu verschleiern – was zu einer Anklage der Untreue wegen gefälschten Angaben zur Mehrwertsteuer führte [8].

Der Insolvenzverwalter über das Vermögen der Philipp Holzmann AG, Rechtsanwalt Ottmar Hermann, hat bis 2007 im Rahmen von außergerichtlichen Vergleichen vereinbart, dass Kreditinstitute einen Betrag von insgesamt rund 210 Mio. Euro zu Gunsten der Insolvenzmasse zahlen. Im Gegenzug verzichtete der Insolvenzverwalter auf alle gegen die Banken geltend gemachten Ansprüche. Über die Details der Vergleiche wurde Stillschweigen vereinbart. Offiziell hieß es. mit den Vergleichen hätten alle Beteiligten langjährige gerichtliche Auseinandersetzungen vermieden.

Das weltweit tätige Traditionsunternehmen hatte in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts durch Missmanagement, das nach Ansicht von Fachleuten die Grenze zum Kriminellen bereits überschritt, in Kombination mit den schwierigen Rahmenbedingungen für die deutsche Bauwirtschaft, einen Verlust von 2,4 Milliarden DM angehäuft. Einen Hauptanateil an diesem Desaster hatten Lothar Mayer sowie Dieter Rappert.[9] Als Berater wurden die Roland Berger Strategy Consultants hinzu geholt.[10] Ein medienwirksam verkündeter Rettungsversuch vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder scheiterte, so dass die Philipp Holzmann AG am 21. März 2002 endgültig Insolvenz anmelden musste.

Auf der Homepage des Unternehmens[11] finden sich Mitteilungen des Insolvenzverwalters der Philipp Holzmann AG i.I. Ottmar Hermann sowie des Vorstandes der Philipp Holzmann AG i.I. , Prof. Dr. Achim Albrecht und Dr. Manfred Hunkemöller zum Stand des Insovenzverfahrens sowie zu:

Im Rahmen der Durchführung des Insolvenzverfahrens wurde 2007 noch ein Mitarbeiter beschäftigt, in 2006 waren es noch vier Mitarbeiter.

Literatur

Einzelnachweise

  1. a b c d e f Hans Meyer-Heinrich (Hrsg.): Philipp Holzmann Aktiengesellschaft, im Wandel von hundert Jahren 1849 – 1949. Umschau Verlag Ffm, 1949.
  2. http://www.shoa.de/news/newsletter_0203.htm
  3. http://www.berliner-unterwelten.de/002/e/002e.htm
  4. http://www.hu-berlin.de/presse/zeitung/archiv/04_05/num_7/seite3.pdf
  5. Annette Ruess: „Schlicht unverkäuflich“, in: Wirtschaftswoche 20. März 2003, S. 68-70
  6. Tagesspiegel 22. März 2002, S. 17
  7. Pressestelle der Philipp Holzmann AG, in www.bauingenieur24.de/fachbeiträge/unternehmen/451htm , Stand 5/2008
  8. Focus 45/2005, S. 204
  9. VDI-Nachrichten vom 26. November 1999
  10. Rainer Frenkel: Die Macht hat ein Gesicht - in: Die Zeit Nr. 15 vom 4. April 2002, S. 23
  11. www.philipp-holzmann.de