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Telegrafie

Als Telegrafie (auch Telegraphie, griech. tele „weit, fern“ und griech. gràphein „ritzen, schreiben“) bezeichnet man verschiedene Formen der Übermittlung von Texten über mehr oder weniger weite Entfernungen. Im Gegensatz zum Sprechfunk und der Telefonie wird bei der Telegrafie nicht gesprochen, sondern die Buchstaben werden über einen Code übertragen. Die Übertragung funktioniert gleichzeitig nur in eine Richtung, im Gegensatz zur bidirektionalen Verbindung via Telefon.

Die älteste Form ist die optische Telegrafie, bei der die Codes von Menschen erzeugt und ausgewertet wurden. Bei der jüngeren Morsetelegrafie war dies ebenfalls notwendig. Erst mit dem Zeigertelegraf und später dem Fernschreiber wurde die Buchstabenkodierung automatisch durchgeführt.

Besondere Telegrafen waren früher: Feuertelegrafen, optische Telegrafen (Semaphore), Feldtelegrafen, Eisenbahntelegrafen, Haustelegrafen und Schiffstelegrafen.

Inhaltsverzeichnis

Optische Telegrafie

Die optische Telegrafie mithilfe von Fackeln und Spiegeln war bereits in der griechischen Antike bekannt. Im Mittelalter fristete die Telegrafie ein Schattendasein, bevor dann die Fackeltelegrafie in der Renaissance wiederentdeckt wurde.

Die moderne optische Telegrafie basiert auf Signalflügeln (sog. Semaphore). Sie beginnt gegen Ende des 18. Jahrhunderts.

Wenig bekannt sind erste Versuche durch Christoph Ludwig Hoffmann. In einem Brief an den Grafen Ludwig, Sohn des Grafen Karl von Bentheim Steinfurt: „Unter seiner Regierung erfand ich in Burgsteinfurt die Telegraphie. In Münster ließ ich im Jahre 1782 von dieser Sache eine abgekürzte Nachricht abdrucken, also zehn Jahre früher, als die Franzosen der Welt von etwas bekannt gemacht haben. Nicht die Teutschen, die Franzosen haben mich geschätzet.“

In einem Artikel unter dem Titel Description d´un telégraph trés simple et à la portée le monde A. Paris et Amsterdam 1800 findet man folgenden (hier übersetzten) Hinweis: "Im siebenjährigen Krieg wurde sie in Schönbusch auf der Anhöhe bei Burghorst (Borghorst) ausgeführt. Seine Hochgräflichen Gnaden Dero selbiger Herr Vater hatten an der Ausführung Anteil." Diese Versuche wurden nicht weitergeführt und kamen in Vergessenheit.

Erste Versuche zur optischen Telegrafie unternahm der französische Techniker Claude Chappe 1792 mit der Errichtung einer ersten aus optischen Flügeltelegrafen aufgebauten 70 km langen Telegrafenlinie zwischen Pelletier St. Fargaux und St. Martin de Thetre. Diese Flügeltelegrafen besitzen schwenkbare Arme, deren Stellung vorher abgesprochenen Zeichen entspricht und welche durch Fernrohre erkannt und weitervermittelt werden können.

Die erste optische Telegrafenlinie auf heutigem deutschem Gebiet war die Optische Telegrafenlinie Metz–Mainz von 1813. Die nächste wurde erst 1830 zwischen Berlin und Potsdam aufgenommen.

Dies reichte jedoch bald nicht mehr aus. Da Preußen aus den Beschlüssen des Wiener Kongresses als „Wacht am Rhein“ hervorgegangen war, benötigte man zur schnellen Nachrichtenübermittlung ein stationäres System im großen Stil.

Dies wurde unter Leitung des Majors im Generalstab Franz August O’Etzel (1783–1850) und des Entwicklers des Telegrafen, dem Geheimen Postrat Carl Philipp Heinrich Pistor (1778–1847), welcher auch für die Ausrüstung der Stationen mit Signalgebern und Fernrohren verantwortlich war, angelegt.

Der Preußische optische Telegraf führte von der Sternwarte in der Dorotheenstraße in Berlin über die Dahlemer Dorfkirche zum Telegrafenberg bei Potsdam, weiter über Magdeburg, Oschersleben, Veltheim, Liebenburg, dann zwischen Hahausen bei Seesen und Bevern bei Holzminden durch braunschweigisches Gebiet zum Köterberg westlich der Weser wieder ins preußische Westfalen über Paderborn nach Köln und von dort nach Koblenz. Zwischen 1832 und 1852 bestand diese Linie auf einer Länge von fast 550 km. In Köln-Flittard ist eine rekonstruierte Station dieser Telegrafenlinie zu besichtigen, komplett mit einer ebenfalls rekonstruierten Zeigervorrichtung auf dem Dach. Die Stationen Neuwegersleben bei Oschersleben und Oeynhausen bei Nieheim/Westf. sowie die Straßenhauser Station im Kreis Neuwied wurden ebenfalls rekonstruiert und als Museum eingerichtet. Von der Station 28 auf dem Burgberg bei Bevern (Kreis Holzminden) steht noch der Turm.

Anders als in Frankreich diente die Nachrichtenübermittlung nicht kommerziellen Zwecken. Aufgrund der militärischen Geheimhaltung sind nur wenige Codebücher erhalten. Um 19:00 Uhr wurde ein Zeitsignal von Berlin bis Koblenz gesendet, das nach wenigen Minuten dort ankam.

Pistors Balkentelegraf war einem System des Engländers Barnard L. Watson nachempfunden. Am oberen Ende eines Mastbaums waren sechs Flügel montiert, die durch über Rollen laufende Schnüre mit einem Observationszimmer verbunden waren und sich von dort aus bedienen ließen. Mit insgesamt 4096 Flügelstellungen war somit ein komplexes Übermittlungssystem möglich. Die Nachrichten wurden jeweils von Station zu Station weitergegeben und waren um einiges schneller als vergleichbare Pferdeboten.

Optische Telegrafen kurzer Reichweite waren u. a. einfache Blinkspiegel und komplexere Spiegeltelegrafen, Winkzeichen („WigWag“ bzw. nautisch) sowie die „einfachen“ Flaggensignale. Bis heute sind Morselampen in der Seefahrt für kurze Entfernungen gebräuchlich, Laserfunkverbindungen für Daten und Sprache stellen moderne Kommunikationsmittel in Konkurrenz zu Funkleitungen dar.

Elektrische Telegrafie

Die kabelgebundene, sogenannte elektrische Telegrafie, konnte sich erst nach der Erkenntnis, dass sich elektrischer Strom entlang eines Leiters fortpflanzt (1730) und der Erfindung der Batterie durch Alessandro Volta im Jahr 1800 entwickeln.

Der Anatom Samuel Thomas von Soemmerring konstruierte 1809 in Frankfurt am Main einen elektrischen Telegrafen, bei dem die Zeichen durch galvanische Zersetzung des Wassers übertragen wurden. Ein Modell seiner Konstruktion befindet sich heute im Museum für Kommunikation in Frankfurt.

Nach Entdeckung der elektromagnetischen Induktion durch Michael Faraday im Jahre 1832 führten Wilhelm Weber und Carl Friedrich Gauß 1833 Versuche mit einem elektromagnetischen Telegrafen durch. Im selben Jahr gelang ihnen die erste telegrafische Nachrichtenübertragung, vom Physikgebäude bei der Paulinerkirche in der Göttinger Innenstadt zur Göttinger Sternwarte. Zur Nachrichtenübertragung dienen positive oder negative Spannungspulse, die durch gezieltes Umpolen und Auf- und Abbewegen einer Induktionsspule erzeugt werden. Die Spule wird hierzu über ein Bündel von magnetisierten Stahlschienen geschoben.

Ein Nachbau, den Weber für die Weltausstellung 1873 in Wien in Auftrag gab, wird in der historischen Sammlung des Ersten Physikalischen Instituts der Universität Göttingen aufbewahrt.

1836 entdeckte Carl August von Steinheil, dass man die Telegrafieströme auch ohne Kabel durch die Erde führen kann. Hierzu wird an zwei möglichst weit voneinander entfernten Punkten an der Erdoberfläche ein sehr starker elektrischer Strom in die Erde geleitet. Das Ausbreitungsgebiet erstreckt sich bei genügend hoher Stromstärke bis zum Empfangsort, an dem die Signaländerungen (Stromunterbrechung, Stromschließung) festgestellt und aufgezeichnet werden können. Mit Hilfe eines Codes (zum Beispiel der Steinheilschrift oder des Morsealphabets) sind auf diese Weise Nachrichten übermittelt worden.

Der entscheidende Durchbruch kam 1837 mit dem von Samuel Morse konstruierten und 1844 verbesserten Schreibtelegrafen. Am 1. Januar 1847 wurde zwischen Bremen und Bremerhaven die erste längere Telegrafenstrecke innerhalb Europas in Betrieb genommen.

Mit der Verlegung von Seekabeln wurde 1850 begonnen (Dover-Calais). Der erste Versuch, ein Seekabel zwischen Europa und Nordamerika zu verlegen, gelang 1858 – das Kabel funktionierte jedoch nur einige Wochen und musste dann als unbrauchbar aufgegeben werden. Erst 1866 – nach weiteren kostspieligen Fehlschlägen – wurde eine dauerhafte Telegrafenverbindung von Valentia (Irland) nach Heart's Content (Neufundland) hergestellt.

Im Jahr der Erfindung des elektrischen Telegrafen (1833) begann Israel Beer Josaphat aus Kassel in Göttingen seine Banklehre. Er begriff die Möglichkeiten der Erfindung und baute unter dem Namen Paul Julius Reuter ab 1851 von London aus die bekannte Nachrichtenagentur auf.

Telegrafie per Funk

Der deutsche Physiker Ferdinand Braun bekam 1909 den Nobelpreis für Physik für seinen Beitrag zur Entwicklung der Telegrafie per Funk. Er teilte sich den Preis mit Guglielmo Marconi.

Braun hatte bereits am 20. September 1898 eine „Funkenverbindung“ am Physikalischen Institut in Straßburg aufgebaut, die kurz darauf 30 km bis in den Vogesenort Mutzig reichte. 1899 überbrückte er von Cuxhaven aus 3 km bis zur Kugelbake und am 24. September 1900 die 62 km lange Strecke CuxhavenHelgoland.

Marconi errichtete 1899 die erste kabellose Verbindung über den Ärmelkanal. Am 12. Dezember 1901 gelang die erste transatlantische Funkübertragung zwischen Poldhu (Halbinsel The Lizard, Cornwall) und Cape Cod (USA).

Für die Funktelegrafie wurden anfangs "Löschfunkensender" verwendet. Diese Geräte bestanden aus einem wagnerschem Hammer und Kondensatoren, die Serien von Funken und dabei starke Hochspannungsimpulse erzeugten. Diese wurden mit Hilfe eines Telegrafieschlüssels (Morsetaste) nach dem Morsecode getaktet, in eine Antenne eingespeist und in die Atmosphäre als elektromagnetische Wellen (Funkwellen) abgestrahlt. Mit einem einfachen Empfänger (Fritter) konnten dann diese Impulse empfangen und als hörbares Rauschen wiedergegeben werden.

Diese Erfindung wurde schnell von den Marinen als wichtig erkannt und eingeführt. Das Verfahren ist die Grundlage des deutschen Begriffs Rundfunk.

Arthur Korn erfand 1902 die fotoelektrische Abtastung von Bildern, damit gelang eine Bildübertragung über die Strecke München-Nürnberg-München. Die erste kabellose Telegrafie eines Bildes von Europa nach Amerika fand 1923 statt.

Endgeräte und Telegrafiearten

Verwandte Themen

Literatur

 Commons: „Telegraphie“-Kategorie – Bilder, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Telegraphen-Ordnung für das Deutsche Reich. Vom 21. Juni 1872. – Quellentexte