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Pidgin-Sprachen

Der Begriff Pidgin-Sprache (eigentlich: nur „Pidgin“) bezeichnet eine reduzierte Sprachform, die verschiedensprachigen Personen zur Verständigung dient.

Inhaltsverzeichnis

Begriffsherkunft

Die Etymologie des Begriffes Pidgin ist nicht geklärt. Mehrere Hypothesen sehen im (Handels-)Verkehr der Briten mit dem China des 19. Jahrhunderts eine Erklärung. Eine Theorie über die Etymologie des Begriffes besteht in der Aussprache des englischen Wortes business im Chinesischen: Demnach entwickelte sich aus business bigeon, was dann wiederum in pigeon mündete. Pidgin English war demnach ein Pidgin mit englischen, chinesischen und portugiesischen Bestandteilen, die im 18. und 19. Jahrhundert als Handelssprache in Kanton gebraucht wurde. Diese Theorie ist im renommierten Oxford English Dictionary zu finden; deren Supplement (1982) verweist auf eine Referenz aus dem Jahre 1826 als erstes Vorkommen des Begriffs.
Eine andere Variante der chinesischen Herkunft des Begriffes (Leland 1876) gibt das portugiesische Wort ocupação als Ursprung an: Eine chinesische Aussprache des Wortes könnte demnach über pasao und pasan zum Ausdruck Pidgin geführt haben. Eine dritte Variante des chinesischen Ursprung beschreibt E. C. Knowlton: Er geht davon aus, dass Pidgin aus dem chinesischen pei-ts'in hervorgegangen ist, was Knowlton als Vorgang des Bezahlens von Geld in einer geschäftlichen Transaktion beschreibt.[1]

Eine andere Hypothese besagt, dass pidgin aus der Sprache eines südamerikanischen Indianerstammes (den Yayo) stammt, wo die Form pidian (Menschen) in verschiedenen Zusammensetzungen vorzukommen scheint.[2]

Ein weitere Theorie geht wiederum von portugiesischem Einfluss auf die Etymologie des Begriffes aus. Diesmal jedoch nicht im chinesischen Raum, sondern in Afrika. Demnach wäre das portugiesische Wort pequeno (klein) der Ursprung des Begriffes.[3] Das von Eingeborenen gesprochene vereinfachte Portugiesisch sei als pequeno Português bezeichnet worden. Dazu korrespondiere die Bezeichnung petit nègre für Pidgin Französisch. Indiz für die Herkunft von Pidgin aus diesem Bereich könnte die Tatsache sein, dass das portugiesische pequeno in diversen, auf Englisch-basierenden Pidgins und Creoles überlebt hat, z. B. pikini (Jamaika), pikin (Krio, Sranan).

Franz Winterstein (in Die Verkehrs-Sprachen der Erde, Berlin 1908) bringt pidjom (Handel, Geschäft) als Herkunft des Wortes ins Spiel, ein Wort aus der Sprache der Juden des Londoner Ghettos, welche als Pidjom English bezeichnet wurde. Hierbei ist aber schon die Übersetzung des Wortes pidjom problematisch.

Eine letzte Variante, woher der Begriff Pidgin stammen könnte, stammt direkt aus dem Englischen. Ein anonymer Artikel ("Vitalité du Pidgin" in Présence Africaine 1968, 205-7) kritisiert die Sicht Kiplings auf die Welt und wirft den Briten vor, auf der ganzen Welt nach "Moglis" gesucht und deren "Gestottere" mit der Sprache von Tauben ("the speech of a pigeon") beschrieben zu haben.

Entwicklung

Pidgins entwickeln sich generell in Umgebungen, in denen mindestens zwei – meistens nicht näher verwandte – Sprachen in Kontakt treten. Ein typischer Kontext für die Entstehung von Pidgins ist der Handel (Handels-Pidgins). Historisch gesehen entstand eine hohe Anzahl heute erforschter Pidgins während der Zeit der Kolonisation. Wortschatz und Grammatik des Pidgin unterliegen stark dem Einfluss der in Kontakt stehenden Sprachen.

Pidgins entwickeln sich aus Jargons und dienen meistens nur sehr wenigen Zwecken, wie etwa der rudimentären Kommunikation für Handel, Arbeiten oder zwangsweise soziale Kontakte (etwa in Arbeitslagern). Sie haben somit einen eingeschränkten Funktionsbereich. Ihre Grammatik ist stark vereinfacht, der Sprachcode restringiert. Ein Großteil des gering umfassenden Vokabulars ist der Sprache entlehnt, die in der Sprachkontaktsituation die dominante Sprache ist (im Kolonisationskontext z. B. die Sprache der Herrschenden). Ein Pidgin hat keine muttersprachlichen Sprecher. Im Laufe weniger Generationen können sich Pidgins zu grammatisch voll ausgebildeten Kreolsprachen entwickeln, sofern sie lange genug stabil existieren.

Die „Relexifizierungshypothese“ der Kreolforschung besagt, dass Sprecher der Substratsprachen (während der Kolonisation waren das Sprachen der Sklaven) das Vokabular ihrer Sprache durch Wörter der dominanten Sprache ersetzen, während sie die Grammatik ihrer Muttersprache anwandten. Es wurden jedoch sowohl in Pidgins als auch in Kreolsprachen Phänomene nachgewiesen, die sich auf keine der vorangegangenen Kontaktsprachen zurückführen lassen.

Die allgemeine Lebensdauer eines Pidgins ist meistens an die Existenz eines bestimmten Zweckes gebunden (z. B. die Aufrechterhaltung einer Handelsbeziehung zwischen zwei Sprachgemeinschaften) oder an die Übernahme des Pidgins als Muttersprache, d. h. der Entwicklung zur Kreolsprache (Kreolisierung).

Unterstützt wird die Ausbildung eines Pidgin anstelle des Erwerbs der Zweitsprache nach einigen Erklärungsansätzen durch den Effekt, dass Muttersprachler oft gegenüber Ausländern oder Anderssprachigen, bei denen sie eine geringe Sprachkompetenz in ihrer Muttersprache vermuten, eine vereinfachte und überbetonte Sprache (Ausländersprache, „foreigner talk“) benutzen.

Beispiele

aus Westafrika

Siehe auch

  1. "Pidgin English and Portuguese", in Drake (1967: 228-37)
  2. David Kleinecke: "An etymology for pidgin". In: International Journal of American Linguistics 25, 271-2. Loreto Todd (1990: 20) vermutet allerdings, dass Kleineckes einziges Beweisstück ein schlichter Druckfehler ist; Pidgins and Creoles, S. 20.
  3. Gerald M. Moser, "African literature in Portuguese: the first written the last discovered", African Forum 2: 78-96.