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Novemberrevolution

Die Novemberrevolution von 1918/19 führte in der Endphase des Ersten Weltkriegs zur Umwandlung des Deutschen Reiches von einer konstitutionellen Monarchie in eine parlamentarisch-demokratische Republik.

Inhaltsverzeichnis

Überblick

Die tieferen Ursachen der Revolution waren die sozialen Spannungen im Kaiserreich, dessen vordemokratische Struktur und die Reformunfähigkeit seiner Machteliten. Unmittelbar ausgelöst wurde sie durch die Politik der Obersten Heeresleitung (OHL) und durch den Beschluss der Marineleitung, angesichts der schon feststehenden Kriegsniederlage Deutschlands der Royal Navy eine letzte Seeschlacht zu liefern. Der Matrosenaufstand, der daraufhin in Wilhelmshaven und Kiel ausbrach, entwickelte sich innerhalb weniger Tage zu einer Revolution, die ganz Deutschland erfasste. Sie führte am 9. November 1918 zur Ausrufung der Republik, der wenig später die formelle Abdankung des Deutschen Kaisers Wilhelm II. folgte.

Weiterführende, von sozialistischen Ideen geleitete Ziele der Revolutionäre scheiterten im Januar 1919 am Widerstand der SPD-Führung. Aus Furcht vor einem Bürgerkrieg wollte sie – wie auch die bürgerlichen Parteien – die alten kaiserlichen Eliten nicht vollständig entmachten, sondern sie mit den neuen demokratischen Verhältnissen versöhnen. Dazu ging sie ein Bündnis mit der OHL ein und ließ den so genannten Spartakusaufstand mit Hilfe rechtsgerichteter Freikorpstruppen gewaltsam niederschlagen.

Ihren formellen Abschluss fand die Revolution am 11. August 1919 mit der Verabschiedung der neuen Weimarer Verfassung.

Die Vorgeschichte

Das Kaiserreich und die Sozialdemokratie

Die bürgerliche Märzrevolution von 1848/49 war vor allem an dem Problem gescheitert, die Demokratisierung und die nationale Einigung Deutschlands zugleich schaffen zu müssen. In den folgenden Jahrzehnten arrangierte sich der größte Teil des deutschen Bürgertums mit dem Obrigkeitsstaat, vor allem nachdem die nationale Einheit in Form der Kleindeutschen Lösung unter preußischer Führung 1871 doch noch zustande gekommen war.

Das neu gegründete Deutsche Reich war eine konstitutionelle Monarchie. Für den Reichstag galt das allgemeine, gleiche und geheime Männerwahlrecht, aber sein Einfluss auf die Reichspolitik war begrenzt. Von ihm vorgeschlagene Gesetze konnten nur mit Zustimmung des Bundesrats und des Kaisers in Kraft treten; diese konnten ihn jederzeit auflösen und Neuwahlen anberaumen. Seine einzig wichtige Befugnis war die Bewilligung des Staatshaushalts, über dessen größten Posten, den Militäretat, er aber nur bedingt mitentscheiden durfte. Auch die Reichsregierung war nicht ihm, sondern allein dem Kaiser verantwortlich.[1]

Seit 1871 waren auch Sozialdemokraten im Reichstag vertreten, deren Parteien sich später zur SPD zusammenschlossen. Als einzige politische Partei im Deutschen Kaiserreich trat diese offen für eine republikanische Staatsform ein. Otto von Bismarck ließ sie daher von 1878 bis zu seiner Entlassung 1890 auf der Grundlage der Sozialistengesetze verfolgen. Dennoch konnten die Sozialdemokraten ihren Stimmenanteil bei fast jeder Wahl steigern. Im Reichstag von 1912 stellten sie mit 110 Abgeordneten oder 28 Prozent der Stimmen die stärkste Fraktion.

In den 43 Jahren von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg nahm die SPD nicht nur an Bedeutung zu, sondern veränderte auch ihren Charakter. In dem seit 1898 geführten Revisionismusstreit wollten die so genannten Revisionisten das Ziel der Revolution aus dem Parteiprogramm streichen. Sie traten stattdessen für soziale Reformen auf der Basis der bestehenden Wirtschaftsordnung ein. Dagegen setzte sich die marxistisch orientierte Parteimehrheit noch einmal durch. Doch die weiterhin revolutionäre Rhetorik verdeckte nur mühsam, dass die SPD seit der Aufhebung der Sozialistengesetze 1890 praktisch reformistisch geworden war. Die lange als „vaterlandslose Gesellen“ diffamierten Sozialdemokraten verstanden sich als deutsche Patrioten. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde offensichtlich, dass die SPD zu einem integralen – wenn auch oppositionellen – Bestandteil des Kaiserreichs geworden war.[2]

Die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten

Um 1900 galt die deutsche Sozialdemokratie als führende Kraft der internationalen Arbeiterbewegung. Auf den gesamteuropäischen Kongressen der Zweiten Sozialistischen Internationale hatte die SPD stets Resolutionen zugestimmt, die ein gemeinsames Handeln der Sozialisten im Falle eines Kriegsausbruchs vorsahen. Noch während der Julikrise, die auf das Attentat von Sarajevo folgte, organisierte sie – wie auch andere sozialistische Parteien in Europa – große Antikriegsdemonstrationen. Dabei rief etwa Rosa Luxemburg, die Wortführerin der Parteilinken, im Namen der gesamten SPD zu Kriegs- und Gehorsamsverweigerung auf. Die Reichsregierung plante daher, die Parteiführer sofort nach Beginn der Kampfhandlungen zu verhaften. Friedrich Ebert, seit 1913 einer der beiden Parteivorsitzenden, reiste zusammen mit Otto Braun nach Zürich, um die Parteigelder vor dem Zugriff des Staates in Sicherheit zu bringen.

Als jedoch am 1. August 1914 die deutsche Kriegserklärung an das zaristische Russland erfolgte, ließ sich die Mehrheit der SPD-Parteizeitungen von der allgemeinen Kriegsbegeisterung anstecken. Ihre Berichterstattung wurde von der Parteiführung zwar scharf kritisiert, die Redakteure glaubten in den ersten Augusttagen jedoch, der Linie des 1913 verstorbenen SPD-Vorsitzenden August Bebel zu folgen. Er hatte 1904 im Reichstag gesagt, die SPD werde sich an der bewaffneten Verteidigung Deutschlands im Falle eines ausländischen Angriffskriegs beteiligen. 1907 hatte er auf dem Essener Parteitag bekräftigt, er selbst werde dazu noch „die Flinte auf den Buckel nehmen“, wenn es gegen Russland, den „Feind aller Kultur und aller Unterdrückten“ gehe.[3]

Angesichts der kriegsbereiten Stimmung in der Bevölkerung, die an einen Angriff seitens der Entente-Mächte glaubte, fürchteten viele SPD-Abgeordnete, sich durch konsequenten Pazifismus ihren Wählern zu entfremden. Darüber hinaus drohte ein von Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg für den Kriegsfall geplantes Parteiverbot. Andererseits nutzte der Reichskanzler die antizaristische Haltung der SPD geschickt, um ihre Zustimmung zum Krieg zu erreichen.

Parteiführung und Reichstagsfraktion waren in ihrer Haltung zum Krieg gespalten: Mit Friedrich Ebert bejahten 96 Abgeordnete eine Zustimmung zu den von der Reichsregierung geforderten Kriegskrediten. 14 Parlamentarier, an der Spitze der zweite Vorsitzende Hugo Haase, sprachen sich dagegen aus, stimmten aber wegen der Fraktionsdisziplin dennoch dafür. So bewilligte die gesamte SPD-Fraktion am 4. August die Kriegskredite. Zwei Tage zuvor hatten die Freien Gewerkschaften bereits einen Streik- und Lohnverzicht für die Kriegszeit beschlossen. Mit dem Gewerkschafts- und dem Parteibeschluss wurde die volle Mobilisierung des deutschen Heeres möglich. Haase begründete den von ihm abgelehnten Beschluss im Reichstag mit den Worten: Wir lassen das Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stich!.[4] Der Kaiser begrüßte den so genannten Burgfrieden der deutschen Innenpolitik am Ende seiner Thronrede mit dem berühmt gewordenen Satz: Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche![5]

Auch Karl Liebknecht, der später zur Symbolfigur der entschiedenen Kriegsgegner wurde, beugte sich anfangs der Parteiräson: Er blieb der Abstimmung fern, um nicht gegen die eigene Fraktion stimmen zu müssen. Wenige Tage darauf trat er jedoch in die Gruppe Internationale ein, die Rosa Luxemburg am 5. August 1914 mit sechs weiteren Parteilinken gegründet hatte und die an den Vorkriegsbeschlüssen der SPD festhielt. Daraus ging am 1. Januar 1916 der reichsweite Spartakusbund hervor. Am 2. Dezember 1914 stimmte Liebknecht, zunächst als einziger Reichstagsabgeordneter, gegen weitere Kriegskredite. Dieser offene Verstoß gegen die Fraktionsdisziplin galt als Tabubruch und isolierte ihn auch unter denjenigen SPD-Abgeordneten um Haase, die fraktionsintern für eine Ablehnung der Kredite warben. Liebknecht wurde 1915 auf Betreiben der Parteiführung als einziges SPD-Fraktionsmitglied zum Militär eingezogen. Wegen seiner Versuche, die Kriegsgegner zu organisieren, wurde er aus der SPD ausgeschlossen und im Juni 1916 wegen Hochverrats zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Auch Rosa Luxemburg wurde nach vorübergehender Freilassung bis zum Kriegsende inhaftiert.

Die Spaltung der SPD

Je länger der Krieg dauerte und je mehr Opfer er forderte, desto weniger SPD-Mitglieder waren bereit, den „Burgfrieden“ von 1914 aufrecht zu erhalten: um so weniger, da seit 1916 nicht mehr Kaiser und Reichsregierung die Richtlinien der deutschen Politik bestimmten, sondern die – mittlerweile dritte – OHL unter den Generälen Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff. Sie regierten faktisch als Militärdiktatoren, wobei Ludendorff die wesentlichen Entscheidungen traf. Sie verfolgten expansionistische und offensive Kriegsziele und unterwarfen auch das zivile Leben ganz den Bedürfnissen der Kriegsführung und -wirtschaft. Für die Arbeiterschaft bedeutete dies u. a. einen 12-Stunden-Tag bei minimalem Lohn und mangelhafter Versorgung.

Nach Ausbruch der russischen Februarrevolution 1917 kam es auch in Deutschland zu ersten organisierten Streiks. Im März und April 1917 beteiligten sich daran etwa 300.000 Rüstungsarbeiter. Da der Kriegseintritt der USA am 6. April eine weitere Verschlechterung der Lage wahrscheinlich machte, versuchte Kaiser Wilhelm II., die Streikenden mit seiner Osterbotschaft vom 7. April zu beschwichtigen: Er versprach für die Zeit nach dem Kriegsende allgemeine, gleiche Wahlen auch für Preußen, wo bis dahin das Dreiklassenwahlrecht galt.

Nach dem Ausschluss der Kriegsgegner aus der SPD reagierten außer den Spartakisten auch sogenannte Revisionisten wie Eduard Bernstein und Zentristen wie Karl Kautsky auf den wachsenden Unmut in der Arbeiterschaft. Am 9. April 1917 gründeten sie die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) unter Hugo Haase. Sie verlangte die sofortige Beendigung des Krieges und die weitere Demokratisierung Deutschlands, hatte aber kein einheitliches sozialpolitisches Programm. Der Spartakusbund, der eine Parteispaltung bis dahin abgelehnt hatte, bildete nun den linken Flügel der USPD. Um sich von der USPD abzugrenzen, nannte sich die SPD fortan bis 1919 Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands (MSPD).

Siegfrieden oder Verständigungsfrieden?

Seit dem Kriegseintritt der USA wurde die Lage an der Westfront für Deutschland immer prekärer. Daher – und um der USPD den Wind aus den Segeln zu nehmen – bildeten MSPD, katholische Zentrumspartei und liberale Fortschrittliche Volkspartei den Interfraktionellen Ausschuss. Sie verabschiedeten im Reichstag im Sommer 1917 eine Friedensresolution, die einen Verständigungsfrieden ohne Annexionen und Kontributionen verlangte.

Die OHL ignorierte die Resolution jedoch und setzte in den Verhandlungen über einen Separatfrieden mit Russland von Ende 1917 bis März 1918 einen „Siegfrieden“ durch. Auch das 14-Punkte-Programm des US-Präsidenten Woodrow Wilson vom 18. Januar 1918 wies sie zurück. Dieses proklamierte das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ und sah einen Frieden „ohne Sieger und Besiegte“ vor. Hindenburg und Ludendorff lehnten das Angebot ab, da sie nach dem inzwischen errungenen Sieg über Russland glaubten, auch gegenüber den verbliebenen Kriegsgegnern einen „Siegfrieden“ mit weit reichenden Annexionen erreichen zu können.

Auswirkungen der Oktoberrevolution

Im Verlauf der russischen Februarrevolution musste Zar Nikolaus II. am 15. März 1917 abdanken. Die Macht übernahm eine Regierung, die sich aus Konstitutionellen Demokraten und Menschewiki unter Fürst Georgi Lwow zusammensetzte. Obwohl sie den Krieg an der Seite der Ententemächte fortsetzte, sah die deutsche Reichsregierung in der neuen Situation eine Chance für einen Sieg im Osten. Um die Antikriegsstimmung in Russland zu verstärken, ließ sie Wladimir Iljitsch Lenin, den Führer der russischen Bolschewiki, von seinem Exil in der Schweiz in einem versiegelten, für exterritorial erklärten Waggon über Schweden und Finnland nach Sankt Petersburg schleusen.

In der Oktoberrevolution setzte sich die Kaderpartei Lenins, die für die sofortige Beendigung des Krieges eintrat, gegen die parlamentarische Mehrheit aus gemäßigten Sozialisten und Bürgerlichen durch und eroberte die Macht in Russland. Lenins Erfolg stärkte im deutschen Bürgertum die Furcht vor einer Revolution wie der russischen.

Auch die SPD-Führung wollte eine vergleichbare Entwicklung in Deutschland verhindern. Dies bestimmte ihr Verhalten während der Novemberrevolution. Vorstandsmitglied Otto Braun verdeutlichte die Haltung seiner Partei im Januar 1918 im Parteiorgan Vorwärts in dem Leitartikel Die Bolschewiki und wir:

Der Sozialismus kann nicht auf Bajonetten und Maschinengewehren aufgerichtet werden. Soll er auf Dauer Bestand haben, muß er auf demokratischem Wege verwirklicht werden. Dazu ist freilich Vorbedingung, daß die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse für die Sozialisierung der Gesellschaft reif sind. Wäre das in Russland der Fall, würden sich die Bolschewiki zweifellos auf eine Mehrheit im Volke stützen können. Da dem nicht so ist, haben sie eine Säbelherrschaft etabliert, wie sie brutaler und rücksichtsloser unter dem Schandregiment des Zaren nicht bestand. (...) Deshalb müssen wir zwischen den Bolschewiki und uns einen dicken, sichtbaren Trennungsstrich ziehen.[6]

Im selben Monat kam es zu den so genannten Januarstreiks, an denen sich im ganzen Reich über eine Million Arbeiter beteiligten. Organisiert wurde diese Bewegung von den Revolutionären Obleuten unter ihrem Vorsitzenden Richard Müller von der USPD, die schon 1916 und 1917 erfolgreich Massenstreiks gegen den Krieg organisiert hatten und später eine wichtige Rolle spielen sollten. Die Berliner Streikleitung im Januar 1918 nannte sich „Arbeiterrat“ in Anlehnung an die russischen „Sowjets“ und stand Pate für die spätere Rätebewegung. Um ihren Einfluss zu schwächen, trat Ebert in die Berliner Streikleitung ein und erreichte ein vorzeitiges Streikende.

Im März 1918 stimmte die neue Sowjetregierung dem von Leo Trotzki ausgehandelten Frieden von Brest-Litowsk mit Deutschland zu. Er erlegte Russland härtere Friedensbedingungen auf, als später der Versailler Vertrag dem Deutschen Reich. Die OHL konnte die im Osten frei gewordenen Truppen nun zum Teil an der Westfront einsetzen. Die meisten Deutschen glaubten, dass damit nun auch im Westen ein siegreiches Kriegsende in greifbare Nähe gerückt sei.

Waffenstillstandsgesuch und Verfassungsänderung

Nach dem Sieg im Osten befahl die OHL 1918 eine neue Frühjahrsoffensive im Westen, um die kriegsentscheidende Wende zu erzwingen. Es erwies sich jedoch, dass die neu an die Westfront verlegten Soldaten nicht die Verstärkungen aufzuwiegen vermochten, die England und Frankreich durch die frisch eingetroffenen US-Truppen erhalten hatten. Als im Juli die letzten deutschen Reserven verbraucht waren, war die militärische Niederlage Deutschlands besiegelt. Am 8. August 1918 durchbrachen englische Tanks die Westfront; Mitte September zerbrach auch die Balkan-Front. Am 27. September kapitulierte Bulgarien, das mit den Mittelmächten verbündet war. Auch Österreich-Ungarn stand vor dem Zusammenbruch.

Am 29. September informierte die OHL den Kaiser und Reichskanzler Georg von Hertling im belgischen Spa über die aussichtslose militärische Lage. Ludendorff forderte ultimativ ein Waffenstillstandsgesuch an die Entente, da er nicht garantieren könne, die Front länger als 24 Stunden zu halten. Er empfahl ferner, eine zentrale Forderung Wilsons zu erfüllen und die Reichsregierung auf eine parlamentarische Basis zu stellen, um günstigere Friedensbedingungen zu erlangen. Damit schob er den demokratischen Parteien die Verantwortung für die bevorstehende Kapitulation und deren Folgen zu: Sie sollen die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben, erklärte er am 1. Oktober gegenüber Offizieren seines Stabes.[7] Dies war der Keim der späteren Dolchstoßlegende.

Trotz des Schocks über Ludendorffs Lagebericht waren die Mehrheitsparteien, vor allem die SPD, bereit, in letzter Minute die Regierungsverantwortung zu übernehmen. Da der Monarchist Hertling die Parlamentarisierung ablehnte, ernannte Wilhelm II. am 3. Oktober den als liberal geltenden Prinzen Max von Baden zum neuen Reichskanzler. In dessen Kabinett traten auch Sozialdemokraten ein, darunter Philipp Scheidemann als Staatssekretär ohne Geschäftsbereich. Am Folgetag bot die neue Regierung den Alliierten den von Ludendorff geforderten Waffenstillstand an.

Die deutsche Öffentlichkeit erfuhr erst am 5. Oktober davon. Im allgemeinen Schock über die nun offenkundige Kriegsniederlage blieben die Verfassungsänderungen fast unbeachtet. Diese beschloss der Reichstag am 28. Oktober auch formell. Fortan waren Kanzler und Reichsminister an das Vertrauen der Reichstagsmehrheit gebunden. Der Oberbefehl über die Streitkräfte ging vom Kaiser auf die Reichsregierung über. Damit war das Deutsche Reich von einer konstitutionellen zu einer parlamentarischen Monarchie geworden. Aus Sicht der SPD-Führung erfüllte die Oktoberreform alle ihr wichtigen verfassungsrechtlichen Ziele. Ebert betrachtete den 5. Oktober daher als „Geburt der deutschen Demokratie“ und hielt eine Revolution nach dem freiwilligen Machtverzicht des Kaisers für überflüssig.

Die dritte Wilson-Note und Ludendorffs Entlassung

In den folgenden drei Wochen antwortete US-Präsident Wilson auf das deutsche Waffenstillstandsgesuch mit drei diplomatischen Noten. Als Vorbedingungen für Verhandlungen forderte er darin den Rückzug Deutschlands aus allen besetzten Gebieten, die Einstellung des U-Boot-Kriegs und – wenn auch verklausuliert – die Abdankung des Kaisers, um den demokratischen Prozess in Deutschland unumkehrbar zu machen.

Nach der dritten Wilson-Note vom 24. Oktober bezeichnete Ludendorff die Bedingungen der Alliierten plötzlich als unannehmbar. Er forderte nun, den Krieg wieder aufzunehmen, den er einen Monat zuvor für verloren erklärt hatte. Dabei hatte erst das auf sein Verlangen abgegebene Waffenstillstandsgesuch der Entente die ganze militärische Schwäche des Reichs enthüllt. Die deutschen Truppen hatten sich auf das nahe Kriegsende eingestellt und drängten darauf, nach Hause zu kommen. Ihre Kampfbereitschaft war kaum neu zu wecken, und Desertionen häuften sich.

Daher blieb die Reichsregierung auf dem von Ludendorff selbst eingeschlagenen Weg und ersetzte ihn als 1. Generalquartiermeister durch General Wilhelm Groener. Ludendorff floh mit falschem Pass in das neutrale Schweden. Am 5. November stimmten die Alliierten der Aufnahme von Waffenstillstandsverhandlungen zu. Doch die dritte Wilson-Note hatte bei vielen Soldaten und in der Zivilbevölkerung den Eindruck erweckt, der Kaiser müsse abdanken, um Frieden zu erreichen.

Die Revolution

Der Matrosenaufstand

Während die kriegsmüden Truppen und die von der kaiserlichen Regierung enttäuschte Bevölkerung das baldige Kriegsende erwarteten, plante in Kiel die deutsche Marineleitung unter Admiral Franz von Hipper eigenmächtig, die Flotte zu einer letzten Schlacht gegen die Royal Navy in den Ärmelkanal zu entsenden. Der Flottenbefehl vom 24. Oktober 1918 und die Vorbereitungen zum Auslaufen lösten zunächst eine Meuterei unter den betroffenen Matrosen und dann eine allgemeine Revolution aus, die in wenigen Tagen die Monarchie im Reich beseitigte. Die meuternden Matrosen wollten nicht im bereits verlorenen Krieg sinnlos geopfert werden. Zudem waren sie überzeugt, im Sinne der neuen Regierung zu handeln, die Friedensverhandlungen mit der Entente anstrebte. Deren Glaubwürdigkeit hätte ein gleichzeitiger Angriff der Flotte zunichte gemacht.

Der Matrosenaufstand begann auf Schillig-Reede vor Wilhelmshaven, wo die deutsche Hochseeflotte in Erwartung der geplanten Seeschlacht vor Anker gegangen war. In der Nacht vom 29. zum 30. Oktober 1918 kam es zur Befehlsverweigerung einiger Schiffsbesatzungen. Auf drei Schiffen des III. Geschwaders weigerten sich die Matrosen, die Anker zu lichten. Auf den Schlachtschiffen des I. Geschwaders „Thüringen“ und „Helgoland“ kam es zur offenen Meuterei und Sabotage eines Teils der Besatzung. Als einige Torpedoboote am 31. Oktober ihre Geschütze auf diese Schiffe richteten, ergaben sich die Meuterer und ließen sich widerstandslos abführen.

Da die Marineleitung sich des Gehorsams der Mannschaften nicht mehr sicher war, ließ sie ihren Schlachtplan fallen und beorderte das Geschwader nach Kiel zurück. Nach einer störungsfreien Übung in der Helgoländer Bucht ließ Geschwaderkommandeur Vizeadmiral Kraft während der Fahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal 47 Matrosen der „Markgraf“, die als Haupträdelsführer galten, verhaften und in Kiel arrestieren.

Die Matrosen und Heizer versuchten nun, ein erneutes Auslaufen zu verhindern und die Freilassung ihrer Kameraden zu erreichen. Etwa 250 von ihnen trafen sich dazu am Abend des 1. November im Kieler Gewerkschaftshaus. Sie schickten Delegationen zu den Offizieren, die aber nicht angehört wurden. Daraufhin suchten sie verstärkt Kontakt zu Gewerkschaften, USPD und SPD. Nachdem die Polizei das Gewerkschaftshaus für den 2. November gesperrt hatte, versammelten sich am Folgetag mehrere tausend Matrosen und Vertreter der Arbeiter nachmittags auf dem Großen Exerzierplatz. Sie waren einem Aufruf des Matrosen Karl Artelt und des Werftarbeiters Lothar Popp, beide USPD-Mitglieder, gefolgt. Die Menge forderte unter der Losung Frieden und Brot die Freilassung der Meuterer, die Beendigung des Krieges und eine bessere Lebensmittelversorgung. Zuletzt zogen die Teilnehmer zur Arrestanstalt, um die verhafteten Matrosen zu befreien.

Um die Demonstranten kurz vor ihrem Ziel am weiteren Vordringen zu hindern, befahl Leutnant Steinhäuser seiner Patrouille, zunächst Warnschüsse, dann gezielte Schüsse in die Menge abzugeben. Dabei wurden sieben Personen getötet und 29 schwer verletzt. Auch aus der Demonstration heraus wurde geschossen. Steinhäuser wurde durch Kolbenhiebe und Schüsse schwer verletzt, aber entgegen später verbreiteter Aussagen nicht getötet. [8] Nach dem Gewaltausbruch zogen sich sowohl die Demonstranten als auch die Patrouille zurück.

Dennoch wurde aus dem Massenprotest nun ein allgemeiner Aufstand. Am 4. November durchstreiften Gruppen Aufständischer die Stadt. In der großen Kasernenanlage im Norden Kiels kam es zu Demonstrationen. Karl Artelt organisierte den ersten Soldatenrat, dem bald weitere folgten. Soldaten und Arbeiter brachten die öffentlichen und militärischen Einrichtungen Kiels unter ihre Kontrolle. Der Gouverneur der Marinebasis, Wilhelm Souchon, sah sich gezwungen, zu verhandeln und die inhaftierten Matrosen freizulassen. Als entgegen seiner Absprache mit Artelt auswärtige Truppen zur Niederschlagung der Bewegung anrückten, wurden diese von den Aufständischen abgefangen. Sie kehrten entweder um oder schlossen sich der Aufstandsbewegung an. Damit war Kiel am Abend des 4. November fest in der Hand von etwa 40.000 revoltierenden Matrosen, Soldaten und Arbeitern.

Noch am selben Abend traf der SPD-Reichstagsabgeordnete Gustav Noske in Kiel ein. Um den Aufstand im Auftrag der neuen Reichsregierung und der SPD-Führung unter Kontrolle zu bringen, ließ er sich zum Vorsitzenden des Soldatenrats wählen. Einige Tage später übernahm er den Posten des Gouverneurs, während Lothar Popp Vorsitzender des Obersten Soldatenrats wurde. Noske gelang es in der Folgezeit, den Einfluss der Räte in Kiel zurückzudrängen. Die Ausweitung der Revolution auf Deutschland jedoch konnte er nicht verhindern.

Die Revolution erfasst das ganze Reich

Abordnungen der Matrosen schwärmten seit dem 4. November in alle größeren deutschen Städte aus. Am 6. November war Wilhelmshaven in ihrer Hand; am 7. November erfasste die Revolution alle größeren Küstenstädte sowie Hannover, Braunschweig, Frankfurt am Main und München. Dort zwang ein Arbeiter- und Soldatenrat den letzten bayerischen König Ludwig III. zum Thronverzicht. Kurt Eisner von der USPD rief in Bayern als erstem Land des Reiches die Republik aus. Auch in den übrigen deutschen Staaten dankten in den nächsten Tagen alle regierenden Fürsten ab, am 22. November zuletzt Günther von Schwarzburg-Rudolstadt.

Die Arbeiter und Soldatenräte bestanden zum weitaus größten Teil aus Anhängern von SPD und USPD. Ihre Stoßrichtung war demokratisch, pazifistisch und antimilitaristisch. Sie entmachteten neben den Fürsten nur die bis dahin allmächtigen militärischen Generalkommandos. Alle zivilen Behörden und Amtsträger des Kaiserreichs – Polizei, Stadtverwaltungen, Gerichte – blieben unangetastet. Auch Beschlagnahmungen von Eigentum oder Betriebsbesetzungen fanden kaum statt, da man solche Maßnahmen von einer neuen Reichsregierung erwartete. Um eine der Revolution und der künftigen Regierung verpflichtete Exekutive zu schaffen, beanspruchten die Räte zunächst nur die Oberaufsicht über die Behörden, die zuvor in den Händen der Generalkommandos gelegen hatte.

Die SPD erhielt dadurch eine reale Machtbasis auf lokaler Ebene. Doch während die Räte glaubten, damit im Interesse der neuen Ordnung zu handeln, sahen die Parteiführer der SPD in ihnen störende Elemente für einen friedlichen Machtwechsel, den sie schon vollzogen wähnten. Wie die bürgerlichen Parteien forderten sie möglichst rasche Wahlen zu einer Nationalversammlung, die über die endgültige Staatsform befinden sollte. Dies brachte sie bald darauf in einen Gegensatz zu einem großen Teil der Revolutionäre. Deren Forderungen versuchte vor allem die USPD aufzugreifen. Auch sie war für möglichst späte Wahlen zu einer Nationalversammlung, um schon vor deren Zusammentritt Fakten schaffen zu können, die den Erwartungen eines Großteils der Arbeiterschaft entsprachen.

Reaktionen in Berlin

Ebert war sich mit Max von Baden darin einig, dass eine soziale Revolution verhindert und die staatliche Ordnung unter allen Umständen aufrechterhalten bleiben müsse. Er wollte die bürgerlichen Parteien, die ja schon 1917 im Reichstag mit der SPD zusammengearbeitet hatten, sowie die alten Eliten des Kaiserreichs für den Staatsumbau gewinnen und eine befürchtete Radikalisierung der Revolution nach russischem Vorbild vermeiden. Dazu kam seine Furcht, die ohnehin prekäre Versorgungslage könne zusammenbrechen, wenn die bestehende Verwaltung von in administrativen Dingen ungeübten Revolutionären übernommen würde. Er glaubte, die SPD werde in Zukunft zwangsläufig parlamentarische Mehrheiten erringen, die sie in die Lage versetzen würden, ihre Reformvorhaben umzusetzen. Aus diesen Gründen handelte er möglichst übereinstimmend mit den alten Mächten.

Um seinen Anhängern einen Erfolg vorweisen zu können, zugleich aber die Monarchie zu retten, forderte Ebert seit dem 6. November den Thronverzicht des Kaisers. Doch Wilhelm II., der sich weiterhin im Hauptquartier der Obersten Heeresleitung im belgischen Spa aufhielt, spielte auf Zeit. Nachdem die Entente am selben Tag Waffenstillstandsverhandlungen zugesagt hatte, hoffte er, an der Spitze der bald frei werdenden Fronttruppen ins Reich zurückkehren und die Revolution gewaltsam niederschlagen zu können.

Laut Aufzeichnungen Max von Badens hat Ebert am 7. November erklärt: Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sünde.[9] Der Reichskanzler wollte nach Spa reisen, um den Kaiser persönlich von der notwendigen Abdankung zu überzeugen. Doch dazu kam es nicht mehr, da sich die Lage in Berlin rasch weiter zuspitzte.

Der 9. November 1918: Das Ende der Monarchie

Am Abend des 8. November hatte die USPD 26 Versammlungen in Berlin einberufen, auf denen ein Generalstreik und Massendemonstrationen für den nächsten Tag angekündigt wurden. Ebert hatte daraufhin noch einmal ultimativ die Abdankung des Kaisers gefordert, und wollte diesen Schritt auf den Versammlungen als Erfolg der SPD verkünden. Um möglichen Unruhen entgegen zu treten, ließ Prinz Max von Baden am Abend das als besonders zuverlässig geltende 4. Jägerregiment aus Naumburg (Saale) nach Berlin verlegen.

Doch selbst die Soldaten dieses Regiments waren nicht gewillt, auf Landsleute zu schießen. Als ihre Offiziere ihnen am frühen Samstagmorgen des 9. November Handgranaten aushändigten, schickten sie eine Abordnung zur Redaktion des sozialdemokratischen Parteiorgans Vorwärts, um Aufklärung über die Situation zu verlangen. Dort trafen sie auf den SPD-Reichstagsabgeordneten Otto Wels. Er konnte die Soldaten davon überzeugen, die Führung der SPD und ihre Politik zu unterstützen. Anschließend gewann er weitere Regimenter dafür, sich Ebert zu unterstellen.

Damit war die militärische Kontrolle über die Hauptstadt den Sozialdemokraten zugefallen. Doch Ebert fürchtete, sie könne ihnen rasch wieder entgleiten, wenn USPD und Spartakisten die Arbeiter bei den angekündigten Demonstrationen auf ihre Seite ziehen würden. Denn vormittags zogen Hunderttausende Menschen in mehreren Demonstrationszügen ins Zentrum von Berlin. Auf ihren Plakaten und Spruchbändern standen Parolen wie „Einigkeit“, „Recht und Freiheit“ und „Brüder, nicht schießen!“

Etwa zur gleichen Zeit erfuhr der Kaiser das Ergebnis einer Befragung unter 39 Kommandeuren: Auch die Frontsoldaten waren nicht mehr bereit, seinen Befehlen zu folgen. Am Abend zuvor hatte erstmals auch ein Garderegiment den Gehorsam verweigert. Telegramme aus Berlin hatten ihn dringend um sofortige Abdankung gebeten, damit die Nachricht davon noch eine besänftigende Wirkung erzielen könne. Dennoch zögerte er weiter und erwog, nur als Deutscher Kaiser abzudanken, nicht aber als König von Preußen.

Schließlich handelte Max von Baden in Berlin auf eigene Faust. Ohne die Entscheidung aus Spa abzuwarten, gab er telegrafisch am Mittag dieses Tages folgende Erklärung heraus:

Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die mit der Abdankung des Kaisers, dem Thronverzicht des Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind.[10]

Daraufhin floh Wilhelm II. in die Niederlande, wo er bis zu seinem Tod 1941 lebte. Da er die förmliche Abdankungsurkunde erst Wochen später im Exil unterzeichnete, kam sein Grenzübertritt einer Fahnenflucht gleich. Das kostete ihn nun auch die Sympathien seiner Militärs.

Um weiter Herr der Lage bleiben zu können, forderte Ebert am Mittag des 9. November das Amt des Reichskanzlers für sich und bat Max von Baden, das Amt eines Reichsverwesers zu übernehmen. Dieser gab nur sein Kanzleramt ab. Damit glaubte Ebert, eine Übergangsregelung bis zur Bestellung eines Regenten gefunden zu haben.

Die Nachricht vom Thronverzicht des Kaisers kam zu spät, um auf die Demonstranten noch Eindruck zu machen. Niemand befolgte die in Sonderausgaben des Vorwärts veröffentlichten Aufrufe, nach Hause oder in die Kasernen zurück zu kehren. Immer mehr Demonstranten forderten die Abschaffung der Monarchie. Karl Liebknecht, erst kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassen, war sofort nach Berlin gereist und hatte am Vortag den Spartakusbund neu gegründet. Nun plante er die Ausrufung der sozialistischen Republik.

Beim Mittagessen im Reichstag erfuhr der stellvertretende SPD-Vorsitzende Philipp Scheidemann davon. Er wollte den Spartakisten nicht die Initiative überlassen und trat kurz entschlossen auf einen Balkon des Reichstagsgebäudes. Von dort verkündete er – gegen Eberts erklärten Willen – vor einer demonstrierenden Menschenmenge seinerseits die Republik mit den Worten:

Der Kaiser hat abgedankt. Er und seine Freunde sind verschwunden, über sie alle hat das Volk auf der ganzen Linie gesiegt. Prinz Max von Baden hat sein Reichskanzleramt dem Abgeordneten Ebert übergeben. Unser Freund wird eine Arbeiterregierung bilden, der alle sozialistischen Parteien angehören werden. Die neue Regierung darf nicht gestört werden in ihrer Arbeit für den Frieden und der Sorge um Arbeit und Brot. Arbeiter und Soldaten, seid euch der geschichtlichen Bedeutung dieses Tages bewußt: Unerhörtes ist geschehen. Große und unübersehbare Arbeit steht uns bevor. Alles für das Volk. Alles durch das Volk. Nichts darf geschehen, was der Arbeiterbewegung zur Unehre gereicht. Seid einig, treu und pflichtbewusst. Das alte und morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue. Es lebe die deutsche Republik![11]

Erst Stunden später veröffentlichten Berliner Zeitungen, dass Liebknecht im Berliner Tiergarten – wahrscheinlich fast zeitgleich – die sozialistische Republik ausgerufen hatte, auf die er gegen 16 Uhr eine am Berliner Stadtschloss versammelte Menschenmenge nochmals einschwor:

Parteigenossen, ich proklamiere die freie sozialistische Republik Deutschland, die alle Stämme umfassen soll. In der es keine Knechte mehr geben wird, in der jeder ehrliche Arbeiter den ehrlichen Lohn seiner Arbeit finden wird. Die Herrschaft des Kapitalismus, der Europa in ein Leichenfeld verwandelt hat, ist gebrochen.[12]

Liebknechts Ziele, die mit den Forderungen des Spartakusbundes vom 7. Oktober übereinstimmten, waren bis dahin noch kaum öffentlich bekannt geworden. Dazu gehörten vor allem die Umgestaltung der Wirtschaft, des Militärs und der Justiz, u. a. die Abschaffung der Todesstrafe. Zum größten Streitpunkt mit der SPD wurde die Forderung, schon vor der Wahl einer verfassungsgebenden Nationalversammlung einige kriegswichtige Wirtschaftsbereiche zu sozialisieren, d.h. der direkten Kontrolle von Arbeitervertretern zu unterstellen. Die MSPD dagegen wollte die zukünftige Wirtschaftsordnung Deutschlands der Konstituante überlassen.

Um der revolutionären Stimmung die Spitze zu nehmen und die Forderung der Demonstranten nach Einigkeit der Arbeiterparteien zu erfüllen, bot Ebert der USPD nun den Eintritt in die Regierung an und erklärte sich bereit, Liebknecht als Minister zu akzeptieren. Dieser forderte die Kontrolle der Arbeiterräte über die Soldaten und machte seine Regierungsbeteiligung davon abhängig. Wegen der Debatten darüber und weil der Parteivorsitzende Hugo Haase sich in Kiel aufhielt, konnten sich die USPD-Vertreter an diesem Tag nicht mehr über Eberts Angebot einigen.

Weder die vorzeitige Verkündung des kaiserlichen Thronverzichts durch Max von Baden und seine Übergabe des Kanzleramts an Ebert noch die Ausrufung der Republik durch Scheidemann waren verfassungsrechtlich gedeckt. All dies waren im Grunde revolutionäre Handlungen von Akteuren, welche die Revolution nicht wollten, die aber dennoch dauerhafte Fakten schufen. Noch am selben Abend fand dagegen eine bewusst revolutionäre Aktion statt, die sich jedoch am Ende als vergeblich erweisen sollte.

Gegen 20 Uhr besetzte eine Gruppe von 100 Revolutionären Obleuten aus Berliner Großbetrieben den Reichstag und bildete ein Revolutionsparlament. Es handelte sich weitgehend um dieselben Personen, die schon im Januar als Streikführer aufgetreten waren. Sie misstrauten der SPD-Führung und hatten unabhängig vom Matrosenaufstand einen Umsturz für den 11. November geplant, waren aber von den revolutionären Ereignissen seit Kiel überrascht worden. Um Ebert die Initiative zu entreißen, beschlossen sie nun, Wahlen für den nächsten Tag auszurufen: Jeder Berliner Betrieb und jedes Regiment sollte an diesem Sonntag Arbeiter- und Soldatenräte bestimmen, die dann eine aus beiden Arbeiterparteien bestehende Revolutionsregierung wählen sollten. Dieser Rat der Volksbeauftragten sollte nach dem Willen der Revolutionäre die Beschlüsse des Revolutionsparlaments ausführen und Eberts Funktion als Reichskanzler ersetzen.

Der 10. November: SPD-Führung gegen Revolutionäre Obleute

Die SPD-Führung erfuhr noch am Samstagabend von diesen Plänen. Da die Wahlen und die folgende Räteversammlung nicht mehr zu verhindern waren, schickte Ebert noch in der Nacht und am folgenden frühen Morgen Redner zu allen Berliner Regimentern und in die Betriebe. Sie sollten die Wahlen zu seinen Gunsten beeinflussen und die ohnehin geplante Regierungsbeteiligung der USPD bekannt geben.

Diese Aktivitäten entgingen wiederum den Obleuten nicht. Als absehbar war, dass Ebert auch in der neuen Regierung den Ton angeben würde, planten sie, der Versammlung außer der Wahl einer Regierung auch die Einsetzung eines Aktionsausschusses vorzuschlagen. Dieser sollte die Tätigkeit der Arbeiter- und Soldatenräte koordinieren. Die Obleute hatten für diese Wahl schon eine Namensliste vorbereitet, auf der die SPD nicht vertreten war. So hofften sie, eine ihnen genehme Kontrollinstanz über der Regierung installieren zu können.

In der Versammlung, die am Nachmittag des 10. November im Circus Busch zusammentrat, stand die Mehrheit auf Seiten der SPD: fast alle Soldatenräte und ein Großteil der Arbeitervertreter. Sie wiederholten nun die Forderung nach „Einigkeit der Arbeiterklasse“, die am Vortag von den Revolutionären aufgestellt worden war und nutzten die Parole jetzt, um Eberts Linie durchzusetzen. In den sechsköpfigen „Rat der Volksbeauftragten“, der nun gewählt wurde, entsandte die USPD wie geplant drei ihrer Vertreter: ihren Vorsitzenden Haase, den Reichstagsabgeordneten Wilhelm Dittmann und Emil Barth für die Revolutionären Obleute. Die drei SPD-Vertreter waren Ebert, Scheidemann und der Magdeburger Reichstagsabgeordnete Otto Landsberg.

Der für die SPD-Führung überraschende Vorschlag der Obleute, zusätzlich einen Aktionsausschuss als Kontrollorgan zu wählen, löste hitzige Debatten aus. Ebert erreichte schließlich, dass auch dieser 24-köpfige Vollzugsrat des Arbeiter- und Soldatenrats paritätisch mit SPD- und USPD-Mitgliedern besetzt wurde. Der Vollzugsrat beschloss, für Dezember einen Reichsrätekongress nach Berlin einzuberufen.

Obwohl Ebert die bestimmende Rolle der SPD gewahrt hatte, war er mit den Ergebnissen unzufrieden. Er sah das Räteparlament und den Vollzugsrat nicht als Hilfen, sondern nur als Hindernisse auf dem Weg zu einer Staatsordnung, die nahtlos an das Kaiserreich anknüpfen sollte. Die gesamte SPD-Führung betrachtete hauptsächlich die Räte, nicht aber die alten Eliten aus Militär und Verwaltung als Gefahr. Sie überschätzte erheblich deren Loyalität zur neuen Republik. Ebert störte vor allem eines: Er konnte vor ihnen nun nicht mehr als Reichskanzler auftreten, sondern nur noch als Vorsitzender einer Revolutionsregierung. Konservative betrachteten ihn in der Tat als Verräter, obwohl er nur deshalb an die Spitze der Revolution getreten war, um sie zu bremsen.

Während der achtwöchigen Doppelherrschaft von Räten und Reichsregierung war letztere immer dominant. Die höheren Beamten arbeiteten allein Ebert zu, obwohl Haase im Rat formal gleichberechtigter Vorsitzender war. Den Ausschlag in der Machtfrage gab noch am Abend des 10. November ein Telefonat Eberts mit General Wilhelm Groener, dem neuen 1. Generalquartiermeister im belgischen Spa. Dieser sicherte Ebert die Unterstützung des Heeres zu und erhielt dafür Eberts Zusage, die militärische Rangordnung wieder herzustellen und gegen die Räte vorzugehen.

Hinter dem geheimen Ebert-Groener-Pakt stand die Sorge der SPD-Führung, die Revolution könne in eine Räterepublik nach russischem Vorbild münden. Die Erwartung, das kaiserliche Offizierkorps damit für die Republik gewinnen zu können, sollte sich jedoch nicht erfüllen. Gleichzeitig wurde Eberts Verhalten für die revolutionären Arbeiter und Soldaten und ihre Vertreter zunehmend unverständlich. So büßte die SPD-Führung immer mehr Vertrauen bei ihren Anhängern ein, ohne an Sympathien bei den Gegnern der Revolution zu gewinnen.

In den Turbulenzen dieses Tages war fast untergegangen, dass die Regierung Ebert am Morgen nach einer erneuten Aufforderung durch die OHL die harten Bedingungen der Entente für einen Waffenstillstand akzeptiert hatte. Am 11. November unterzeichnete der Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger im Auftrag Berlins das Waffenstillstandsabkommen von Compiègne. Damit endeten die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs.

Das Stinnes-Legien-Abkommen

Wie über die Staatsordnung, so herrschten auch über die künftige Wirtschaftsordnung bei den Revolutionären heterogene Vorstellungen. Sowohl in der SPD wie in der USPD weit verbreitet war die Forderung, zumindest die kriegswichtige Schwerindustrie demokratischer Kontrolle zu unterstellen. Die linken Flügel beider Parteien und die Revolutionären Obleute wollten weiter gehen und eine direkte Demokratie im Produktionsbereich etablieren. Die dort gewählten Delegierten sollten auch die politische Macht kontrollieren. Diese Rätedemokratie zu verhindern lag nicht nur im Interesse der SPD, sondern auch der Gewerkschaften, die durch die Räte überflüssig zu werden drohten.

Parallel zu den Revolutionsereignissen trafen sich daher die Gewerkschaftsführer unter Carl Legien vom 9. bis 12. November in Berlin mit den Vertretern der Großindustrie unter Hugo Stinnes und Carl Friedrich von Siemens. Sie unterzeichneten am 15. November ein „Arbeitsgemeinschaftsabkommen“ mit Vorteilen für beide Seiten: Die Gewerkschaftsvertreter sicherten zu, einen geordneten Produktionsverlauf zu garantieren, wilde Streiks zu beenden, den Einfluss der Räte zurückzudrängen und eine Sozialisierung von Produktiveigentum zu verhindern. Die Arbeitgeber garantierten im Gegenzug die Einführung des 8-Stunden-Tages, den die Arbeiter schon seit Jahren vergeblich verlangt hatten. Sie sicherten den Gewerkschaften den Alleinvertretungsanspruch und dauerhafte Anerkennung anstelle der Räte zu. Beide Seiten bildeten einen „Zentralausschuss zur Aufrechterhaltung der Wirtschaft“. Ein „Schlichtungsausschuss“ sollte bei künftigen Konflikten vermitteln. Ausschüsse für jeden Betrieb mit mehr als 50 Arbeitern sollten ab jetzt gemeinsam mit der Unternehmensleitung die Einhaltung von Tarifverträgen überwachen.

Damit hatten die Gewerkschaften einige ihrer langjährigen Forderungen erreicht, jedoch alle Bestrebungen nach Sozialisierung von Produktionsmitteln unterlaufen und die Räte weitgehend ausgeschaltet.

Die Übergangsregierung und die Rätebewegung

Der Reichstag wurde seit dem 9. November nicht mehr einberufen. Der Rat der Volksbeauftragten und der Vollzugsrat hatten die alte Regierung ersetzt. Doch der bisherige Verwaltungsapparat bestand fast unverändert fort. Vertreter von SPD und USPD wurden den bis dahin kaiserlichen Beamten nur beigeordnet. Diese behielten ebenso allesamt ihre Funktionen und setzten ihre Arbeit zum großen Teil unverändert fort.

Am 12. November veröffentlichte der Rat der Volksbeauftragten sein demokratisches und soziales Regierungsprogramm. Er hob den Belagerungszustand und die Zensur auf, schaffte die Gesindeordnung ab und führte das allgemeine Wahlrecht ab 20 Jahren ein, erstmals auch für Frauen. Alle politisch Inhaftierten erhielten Amnestie. Bestimmungen zur Vereins-, Versammlungs- und Pressefreiheit wurden erlassen. Auf der Basis des Arbeitsgemeinschaftsabkommens wurde der 8-Stunden-Tag vorgeschrieben und Leistungen der Erwerbslosenfürsorge, der Sozial- und Unfallversicherung ausgeweitet.

Auf Druck der USPD-Vertreter setzte der Rat der Volksbeauftragten am 21. November eine Sozialisierungskommission ein. Ihr gehörten u. a. Karl Kautsky, Rudolf Hilferding und Otto Hue an. Sie sollte prüfen, welche Industrien „sozialisierungstauglich“ seien, und eine Verstaatlichung der Montanindustrie vorbereiten. Diese Kommission tagte bis zum 7. April 1919 ohne jedes greifbare Ergebnis. Nur im Kohle- und Kalibergbau sowie in der Stahlindustrie wurden „Selbstverwaltungskörperschaften“ eingesetzt, aus denen die heutigen Betriebsräte hervorgingen. Eine sozialistische Enteignung wurde nicht eingeleitet.

Die SPD-Führung arbeitete lieber mit der alten Verwaltung zusammen als mit den neuen Arbeiter- und Soldatenräten, da sie diesen keine geordnete Versorgung der Bevölkerung zutraute. Das führte seit Mitte November zu ständigen Konflikten mit dem Vollzugsrat. Dieser wechselte seine Position laufend, je nach den Interessen derer, die er gerade vertrat. Ebert entzog ihm daraufhin mehr und mehr Kompetenzen mit dem Ziel, das „Herum- und Hereinregieren der Räte in Deutschland“ endgültig zu beenden. Er und die SPD-Führung überschätzten allerdings nicht nur die Macht der Rätebewegung, sondern auch die des Spartakusbundes bei weitem. So kontrollierten die Spartakisten beispielsweise nie die Rätebewegung, wie Konservative und Teile der SPD glaubten.

Die Arbeiter- und Soldatenräte lösten u. a. in Leipzig, Hamburg, Bremen, Chemnitz und Gotha die Stadtverwaltungen auf und unterstellten sie ihrer Kontrolle. In Braunschweig, Düsseldorf, Mülheim an der Ruhr und Zwickau wurden außerdem alle kaisertreuen Beamten verhaftet. In Hamburg und Bremen wurden „Rote Garden“ gebildet, die die Revolution schützen sollten. In den Leunawerken bei Merseburg setzten Räte die Konzerndirektion ab. Häufig wurden die neuen Räte spontan und willkürlich bestimmt und besaßen keinerlei Führungserfahrung. Einige waren korrupt und handelten eigennützig. Den neu ernannten Räten stand eine große Mehrheit von gemäßigten Räten gegenüber, die sich mit der alten Verwaltung arrangierten und gemeinsam mit ihr dafür sorgten, dass in Betrieben und Städten schnell wieder Ruhe einkehrte. Sie übernahmen die Verteilung der Nahrungsmittel, die Polizeigewalt sowie die Unterbringung und Verpflegung der allmählich heimkehrenden Frontsoldaten.

Verwaltung und Räte waren aufeinander angewiesen: Die einen verfügten über Wissen und Erfahrung, die anderen über politischen Einfluss. Meist waren SPD-Mitglieder in die Räte gewählt worden, die ihre Tätigkeit häufig als Übergangslösung betrachteten. Für sie wie für die Mehrheit der übrigen Bevölkerung stand 1918/19 die Einführung einer Räterepublik in Deutschland nie zur Debatte. Viele wollten die neue Regierung stützen und erwarteten von ihr die Abschaffung des Militarismus und des Obrigkeitsstaates. Kriegsmüdigkeit und Not ließen einen Großteil der Menschen auf eine friedliche Lösung hoffen und führten dazu, dass sie das Erreichte teilweise überschätzten.

Der Reichsrätekongress

Wie vom Vollzugsrat beschlossen, schickten die Arbeiter- und Soldatenräte im ganzen Reich Abgeordnete nach Berlin, die am 16. Dezember im Zirkus Busch zum Ersten Allgemeinen Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte zusammentreten sollten. Um dies zu verhindern, planten Ebert und Groener mit Hilfe von nach Berlin beorderten Fronttruppen am 15. Dezember die Kontrolle über die Hauptstadt zurückzugewinnen. Eines der dafür vorgesehenen Regimenter schlug am 6. Dezember zu früh los. Bei dem Versuch, den Vollzugsrat zu verhaften, feuerte die Truppe in einen Demonstrationszug von unbewaffneten „Roten Garden“, den Spartakisten nahe stehende Soldatenräte, und tötete 16 Menschen.

Hier wurden das Gewaltpotential und die Putschgefahr von Rechts bereits sichtbar. Aus dieser Erfahrung heraus forderte Rosa Luxemburg am 12. Dezember in der Roten Fahne, der täglich erscheinenden Zeitung des Spartakusbundes, die friedliche Entwaffnung der heimgekehrten Militäreinheiten durch die Berliner Arbeiterschaft, die Unterstellung der Soldatenräte unter das Revolutionsparlament und die Umerziehung der Soldaten.

Zuvor hatte am 10. Dezember Ebert zehn von der Front heimkehrende Divisionen begrüßt, in der Hoffnung, diese gegen die Räte einsetzen zu können. Es stellte sich jedoch heraus, dass auch diese Truppen nicht mehr gewillt waren, weiter zu kämpfen. Der Krieg war zu Ende, Weihnachten stand vor der Tür, und die meisten Soldaten wollten nur noch nach Hause zu ihren Familien. So liefen sie kurz nach ihrem Einzug in Berlin auseinander. Der geplante Schlag gegen den Reichsrätekongress fand nicht statt.

Er wäre ohnehin unnötig gewesen. Denn der Kongress, der am 16. Dezember im Preußischen Abgeordnetenhaus seine Arbeit aufnahm, bestand in seiner Mehrheit ebenfalls aus Anhängern der SPD. Nicht einmal Karl Liebknecht war es gelungen, dort ein Mandat zu erlangen. Seinem Spartakusbund wurde keine Einflussnahme zugebilligt. Am 19. Dezember stimmten die Räte mit 344 zu 98 Stimmen gegen die Schaffung eines Rätesystems als Grundlage einer neuen Verfassung. Vielmehr unterstützten sie den Regierungsbeschluss, so bald wie möglich Wahlen zu einer verfassungsgebenden Nationalversammlung durchzuführen, die über die endgültige Staatsform entscheiden sollte.

Der einzige Streitpunkt zwischen Ebert und dem Kongress bestand in der Frage der Kontrolle über das Militär. Der Kongress verlangte unter anderem ein Mitspracherecht des von ihm gewählten Zentralrats im Oberbefehl über die Streitkräfte, die freie Offizierswahl und die Disziplinargewalt für die Soldatenräte. Dies aber lief der geheimen Abmachung zwischen Ebert und Groener zuwider. Beide setzten alles daran, den Beschluss ungeschehen zu machen. Die Oberste Heeresleitung, die inzwischen nach Kassel umgezogen war, begann mit der Aufstellung ihr loyal ergebener Freikorps, die sie gegen die vermeintlich drohende bolschewistische Gefahr einzusetzen gedachte. Bei diesen Truppen handelte es sich – anders als bei den revolutionären Soldaten vom November – um monarchistisch gesinnte Offiziere und Mannschaften, die den Weg zurück ins Zivilleben fürchteten.

Die Weihnachtskrise

Nach dem 9. November hatte die Regierung zu ihrem Schutz die neu gebildete Volksmarinedivision von Kiel nach Berlin beordert und im dortigen Stadtschloss stationiert. Sie galt als absolut loyal und verweigerte in der Tat die Teilnahme an dem Putschversuch vom 6. Dezember. Die Matrosen setzten sogar ihren Befehlshaber ab, weil sie ihn in die Affäre verwickelt sahen. Gerade diese Loyalität aber brachte die Truppe nun in den Ruf, spartakistisch eingestellt zu sein. Ebert verlangte ihre Auflösung und ihren Abzug aus dem Schloss, und Otto Wels, seit dem 9. November Stadtkommandant von Berlin, verweigerte den Matrosen die ausstehende Löhnung.

Der Streit eskalierte am 23. Dezember. Nachdem man sie tagelang hingehalten hatte, besetzten die Matrosen die Reichskanzlei, kappten die Telefonleitungen, stellten den Rat der Volksbeauftragten unter Hausarrest und nahmen Otto Wels gefangen. Anders als von spartakistischen Revolutionären zu erwarten gewesen wäre, nutzten sie die Situation aber nicht, um die Regierung Ebert auszuschalten, sondern bestanden nur weiterhin auf ihrem Sold. Dennoch – und obwohl Wels inzwischen wieder frei gelassen worden war – gab Ebert, der über eine geheime Telefonleitung mit der Obersten Heeresleitung in Kassel in Kontakt stand, am Morgen des 24. Dezember den Befehl, das Schloss mit regierungstreuen Truppen anzugreifen. Diesen Angriff aber schlugen die Matrosen unter ihrem Kommandanten Heinrich Dorrenbach erfolgreich zurück. Dabei verloren etwa 30 Soldaten und Zivilisten ihr Leben. Die Regierungstruppen mussten die Innenstadt räumen. Sie wurden nun ihrerseits aufgelöst oder in die neu gebildeten Freikorps integriert. Um den Gesichtsverlust auszugleichen, besetzten sie vorübergehend die Redaktionsräume der Roten Fahne. Doch die militärische Macht in Berlin lag nun wiederum in den Händen der Volksmarinedivision, und erneut nutzte sie diese nicht aus.

Das zeigt zum einen, dass die Matrosen keine Spartakisten waren, zum anderen, dass die Revolution keine Führung hatte. Selbst wenn Liebknecht der revolutionäre Führer im Sinne Lenins gewesen wäre, den die Legende später aus ihm gemacht hat, hätten ihn die Matrosen wie auch die Räte kaum als solchen akzeptiert. So hatte die Weihnachtskrise, die von den Spartakisten als „Eberts Blutweihnacht“ bezeichnet wurde, lediglich zur Folge, dass die Revolutionären Obleute für den ersten Weihnachtstag zu einer Demonstration aufriefen und die USPD am 29. Dezember aus Protest die Regierung verließ. Dies aber war dem SPD-Vorsitzenden nur recht, hatte er doch die Unabhängigen lediglich unter dem Druck der revolutionären Ereignisse an der Regierung beteiligt. Innerhalb weniger Tage wurde aus einer militärischen Niederlage der Regierung Ebert ein politischer Sieg.

Die Gründung der KPD und der Januaraufstand

Nach ihren Erfahrungen mit SPD und USPD kamen die Spartakisten zu dem Schluss, dass ihre Ziele nur mit einer eigenen Partei zu verwirklichen seien. Daher – und um die Unzufriedenheit vieler Arbeiter mit dem bisherigen Revolutionsverlauf aufzufangen – gründeten sie zusammen mit anderen linkssozialistischen Gruppen aus dem ganzen Reich die KPD.[13]

Rosa Luxemburg verfasste das Gründungsprogramm und trug es am 31. Dezember 1918 vor: Darin hielt sie fest, dass eine Machtergreifung der Kommunisten niemals ohne klaren mehrheitlichen Volkswillen zustande kommen könne. Am 1. Januar 1919 forderte sie nochmals die Teilnahme der KPD an den geplanten Parlamentswahlen, wurde aber überstimmt. Die Mehrheit hoffte noch immer, die Macht durch fortgesetzte Agitation in den Betrieben und den Druck der „Straße“ erringen zu können. Die „Revolutionären Obleute“ entschieden sich jedoch nach Verhandlungen mit den Spartakisten für den Verbleib in der USPD.

Die entscheidende Niederlage der Linken erfolgte in den ersten Tagen des neuen Jahres 1919. Wie im November entstand fast spontan eine zweite Revolutionswelle, die diesmal aber gewaltsam unterdrückt wurde. Sie wurde ausgelöst, als die Regierung am 4. Januar den Polizeipräsidenten von Berlin, das USPD-Mitglied Emil Eichhorn entließ, weil dieser sich in der Weihnachtskrise geweigert hatte, gegen demonstrierende Arbeiter vorzugehen. Seine Entlassung nahmen USPD, Revolutionäre Obleute und die KPD-Führer Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck zum Anlass, für den nächsten Tag zu einer Protestaktion aufzurufen.

Was als Demonstration geplant war, entwickelte sich zu einem Massenaufmarsch, mit dem die Veranstalter selbst nicht gerechnet hatten. Wie am 9. November 1918 strömten am 5. Januar 1919, einem Sonntag, Hunderttausende ins Zentrum Berlins, darunter viele Bewaffnete. Am Nachmittag besetzten sie die Berliner Bahnhöfe sowie das Zeitungsviertel mit den Redaktionsgebäuden der bürgerlichen Presse und des Vorwärts. Einige der betroffenen Zeitungen hatten in den Tagen zuvor nicht nur zur Aufstellung weiterer Freikorps, sondern auch zum Mord an den Spartakisten aufgerufen.

Die Demonstranten waren im Wesentlichen dieselben wie zwei Monate zuvor. Sie forderten jetzt die Einlösung dessen, was sie sich damals erhofft hatten. Die Spartakisten waren daran keineswegs führend beteiligt: Die Forderungen kamen aus der Arbeiterschaft selbst und wurden von den verschiedenen Gruppen links von der SPD unterstützt. Auch der nun folgende so genannte Spartakusaufstand ging nur zum Teil von den KPD-Anhängern aus. Diese blieben unter den Aufständischen sogar in der Minderheit.

Die im Polizeipräsidium versammelten Initiatoren der Demonstrationen wählten einen 53-köpfigen „Provisorischen Revolutionsausschuss“, der aber mit seiner Macht nichts anzufangen und dem Aufstand keine klare Richtung zu geben wusste. Liebknecht forderte den Sturz der Regierung und schloss sich der Mehrheitsmeinung im Ausschuss an, die den bewaffneten Kampf propagierte. Rosa Luxemburg hielt – wie die Mehrheit der KPD-Führer – einen Aufstand zu diesem Zeitpunkt für eine Katastrophe und sprach sich ausdrücklich dagegen aus.

Für den folgenden Montag, den 6. Januar 1919, rief der Revolutionsausschuss zu einer erneuten Massendemonstration auf. Diesem Aufruf folgten noch mehr Menschen. Sie trugen erneut Plakate mit der Aufschrift „Brüder, nicht schießen!“ und verharrten wartend auf einem Versammlungsplatz. Ein Teil der Revolutionären Obleute begann, sich zu bewaffnen und zum Sturz der Regierung Ebert aufzurufen. Doch die Bemühungen der KPD-Aktivisten, die Truppen auf ihre Seite zu ziehen, blieben weitgehend erfolglos. Vielmehr zeigte sich, dass selbst Einheiten wie die Volksmarinedivision nicht bereit waren, den bewaffneten Aufstand aktiv zu unterstützen. Sie erklärte sich für neutral. Die übrigen in Berlin stationierten Regimenter standen weiterhin mehrheitlich zur Regierung.

Während weitere Truppen in seinem Auftrag auf Berlin vorrückten, akzeptierte Ebert ein Angebot der USPD, zwischen ihm und dem Revolutionsausschuss zu vermitteln. Nachdem die Truppenbewegungen und ein SPD-Flugblatt mit dem Titel „Die Stunde der Abrechnung naht“ bekannt wurden, brach der Ausschuss am 8. Januar weitere Verhandlungen ab. Das nahm Ebert nun zum Anlass, die in Berlin stationierten Truppen gegen die Besetzer einzusetzen. Vom 9. Januar an schlugen sie deren improvisierten Aufstandsversuch gewaltsam nieder. Am 12. Januar rückten zudem die republikfeindlichen Freikorps in die Stadt ein, die seit Anfang Dezember aufgestellt worden waren. Gustav Noske, seit wenigen Tagen Volksbeauftragter für Heer und Marine, übernahm am 6. Januar den Oberbefehl über diese Truppen mit den Worten: „Meinetwegen, einer muss der Bluthund werden. Ich scheue die Verantwortung nicht.“[14]

Nachdem die Freikorps mehrere Gebäude brutal geräumt und die Besetzer standrechtlich erschossen hatten, ergaben sich die übrigen rasch. Ein Teil von ihnen wurde dennoch ebenso erschossen. Diesem Vorgehen fielen in Berlin 156 Menschen zum Opfer.

Die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg

Die angeblichen Drahtzieher des Januaraufstands mussten untertauchen, weigerten sich aber trotz dringender Bitten ihrer Genossen, Berlin zu verlassen. Am Abend des 15. Januar 1919 wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in einer Wilmersdorfer Wohnung entdeckt, verhaftet und an das größte Freikorps, die schwer bewaffnete Garde-Kavallerie-Schützen-Division, übergeben. Deren Anführer, der Hauptmann Waldemar Pabst, ließ sie verhören und schwer misshandeln. Noch in derselben Nacht wurden beide Gefangenen mit Gewehrkolben bewusstlos geschlagen und dann durch Schüsse in die Schläfen ermordet. Rosa Luxemburgs Leiche wurde an der Lichtensteinbrücke in den Berliner Landwehrkanal geworfen und erst am 1. Juni 1919 gefunden.

Für diese Tat wurden nur die unmittelbar ausführenden, untergeordneten Befehlsempfänger zu geringfügigen Freiheitsstrafen verurteilt. Noske ließ die Revisionsverfahren gegen sie einstellen. Später entschädigten die Nationalsozialisten einige von ihnen für Haft und Strafverfolgung und überführten die Gardekavallerie in die SA. Der Haupttäter, Waldemar Pabst, wurde nie belangt. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel[15]im Jahr 1962 gab er an, Noske habe seiner Handlungsweise im Nachhinein zugestimmt. In seinen nachgelassenen Memoiren behauptete er dagegen, er habe bereits vor dem Mord mit Noske in der Reichskanzlei telefoniert. Ein angeblicher Mordauftrag von Seiten Noskes konnte aber nie nachgewiesen werden, zumal weder Parlament noch Justiz jemals eine Untersuchung dazu anstellten.

Mit den Morden vom 15. Januar wurde die Gegnerschaft zwischen SPD und KPD noch unversöhnlicher. Dies hatte u. a. zur Folge, dass sich beide Parteien in der Weimarer Republik nicht auf ein gemeinsames Handeln gegen die seit 1930 erstarkende NSDAP einigen konnten.

Weitere Aufstände im Gefolge der Revolution

In den ersten Monaten des Jahres 1919 kam es zu weiteren bewaffneten Aufstandsversuchen in mehreren Gegenden Deutschlands. In einigen Regionen wurden vorübergehend Räterepubliken ausgerufen. Auslöser der erneuten Kämpfe war der Ende Januar gefasste Beschluss Noskes, auch gegen die Bremer Räterepublik gewaltsam vorzugehen. Trotz eines Verhandlungsangebots der Gegenseite befahl er seinen Freikorpsverbänden, in die Stadt einzumarschieren. Bei den darauf folgenden Kämpfen kamen Anfang Februar etwa 400 Menschen ums Leben.

Als Reaktion darauf brachen Massenstreiks im Ruhrgebiet, im Rheinland und in Sachsen aus. Angehörige der USPD und der KPD, ja sogar der SPD, riefen zu einem Generalstreik auf, der am 4. März begann. In Berlin kam es dabei gegen den Willen der Streikleitung erneut zu Straßenkämpfen. Die preußische Regierung, die mittlerweile den Belagerungszustand erklärt hatte, rief die Reichsregierung um Hilfe. So setzte Noske erneut die von Pabst befehligte Gardekavallerie-Schützendivision gegen die Streikenden in Berlin ein. Sie tötete bis zum Ende der Kämpfe in der Stadt am 16. März ca. 1.200 Menschen, darunter viele Unbewaffnete und völlig Unbeteiligte. Unter anderem wurden 29 Angehörige der Volksmarinedivision willkürlich exekutiert, da Noske befohlen hatte, jeden standrechtlich zu erschießen, der mit einer Waffe angetroffen werde.

Auch in Hamburg und Sachsen-Gotha kam es zu bürgerkriegsähnlichen Situationen. Von den Räteregierungen hielt sich die der Münchner Räterepublik am längsten. Ihr bereiteten preußische, württembergische und Freikorps-Truppen erst am 2. Mai 1919 ein Ende, wobei es zu ähnlichen Gewaltexzessen kam wie in Berlin und Bremen.

Nach der heute vorherrschenden Forschungsmeinung[16] lag allerdings die Errichtung einer bolschewistischen Rätediktatur in Deutschland bereits seit dem 9./10. November 1918 nicht mehr im Bereich des Wahrscheinlichen. Dennoch glaubte sich die Regierung Ebert von einem Umsturzversuch der radikalen Linken bedroht und ging das Bündnis mit der Obersten Heeresleitung und den Freikorps ein. Deren brutales Vorgehen während der verschiedenen Aufstände haben viele linke Demokraten der SPD entfremdet. Sie betrachteten das Verhalten Eberts, Noskes und anderer SPD-Führer während der Revolution als Verrat an ihren eigenen Anhängern.

Nationalversammlung und neue Reichsverfassung

Am 19. Januar 1919 fanden die Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung statt, die ersten in Deutschland, für die auch das Frauenwahlrecht galt. Neben SPD und USPD traten die katholische Zentrumspartei und mehrere bürgerliche Parteien an, die sich seit November neu gebildet hatten: die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP), die nationalliberale Deutsche Volkspartei (DVP), und die konservativ-nationalistische Deutschnationale Volkspartei (DNVP). Die KPD nahm entgegen Rosa Luxemburgs Empfehlung nicht an den Wahlen teil.

Die SPD wurde mit 37,4 Prozent der Stimmen stärkste Partei und stellte 165 von 423 Abgeordneten. Die USPD kam nur auf 7,6 Prozent und 22 Abgeordnete. Sie gewann nach dem Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 zwar vorübergehend noch einmal an Bedeutung, löste sich aber 1922 auf. Die Zentrumspartei zog mit 91 Abgeordneten als zweitstärkste Kraft in die Nationalversammlung ein. Die DDP errang 75, die DVP 19 und die DNVP 44 Mandate. Die SPD bildete eine Regierungskoalition mit Zentrum und DDP.

Um den revolutionären Nachwirren in Berlin zu entgehen, trat die Nationalversammlung am 6. Februar in Weimar zusammen. Dort wählte sie am 11. Februar Friedrich Ebert zum vorläufigen Reichspräsidenten und am 13. Februar Philipp Scheidemann zum Ministerpräsidenten der neu gebildeten Koalition. Am 21. August wurde Ebert verfassungsgemäß endgültig als Reichspräsident vereidigt.

Die neue Weimarer Verfassung, die das Deutsche Reich zu einer demokratischen Republik machte, war am 11. August 1919 mit den Stimmen von SPD, Zentrum und DDP verabschiedet worden. Sie stand in der liberalen und demokratischen Tradition des 19. Jahrhunderts und übernahm – wie später das Grundgesetz – viele Passagen wörtlich aus der Paulskirchenverfassung des Jahres 1849. Jedoch blieben zentrale Forderungen der Novemberrevolutionäre wegen der Mehrheitsverhältnisse in der Nationalversammlung unerfüllt: Die Sozialisierung der Montanindustrie und die Demokratisierung des Offizierskorps, die schon der Kieler Arbeiter- und Soldatenrat gefordert und der Reichsrätekongress eingeleitet hatte, blieben ebenso aus wie die Enteignung von Großbanken, Großindustrie und adeligem Großgrundbesitz. Anstellung und Rentenansprüche von kaiserlichen Beamten und Soldaten wurden ausdrücklich geschützt.

Die Weimarer Verfassung enthielt einerseits mehr Möglichkeiten direkter Demokratie als das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, z.B. Volksbegehren und Volksentscheid; andererseits räumte der Notverordnungs-Artikel 48 dem Reichspräsidenten weitreichende Vollmachten ein, auch gegen die Reichstagsmehrheit zu regieren und notfalls das Militär im Innern einzusetzen. Dieser Artikel erwies sich 1932/33 als ein entscheidendes Mittel zur Zerstörung der Demokratie.[17]

Die Revolution aus Sicht von Zeitgenossen und Nachwelt

Die Novemberrevolution ist eines der wichtigsten Ereignisse der jüngeren deutschen Geschichte, im historischen Gedächtnis der Deutschen aber kaum verankert. Das Scheitern der aus ihr hervorgegangenen Weimarer Republik und die darauf folgende Zeit des Nationalsozialismus haben den Blick auf die Ereignisse an der Jahreswende 1918/19 lange Zeit verstellt. Ihre Deutung wird bis heute mehr von Legenden als von Tatsachen bestimmt.

So nährten sowohl die radikale Rechte als auch die radikale Linke – unter jeweils umgekehrten Vorzeichen – die Vorstellung, es habe damals einen kommunistischen Aufstand gegeben mit dem Ziel, Deutschland in eine Räterepublik nach sowjetrussischem Vorbild zu verwandeln. Auch die Parteien der demokratischen Mitte, besonders die SPD, hatten lange Zeit wenig Interesse an einer gerechten Beurteilung der Ereignisse, die Deutschland zur Republik machten. Denn bei genauerer Betrachtung erweisen sie sich als eine von Sozialdemokraten getragene Revolution, die von den sozialdemokratischen Parteiführern gestoppt wurde. Dass die Weimarer Republik sich als schwache Demokratie erwies und schon 14 Jahre später wieder unterging, hat auch mit diesem und anderen Geburtsfehlern während der Novemberrevolution zu tun.

Von großer Bedeutung war die Tatsache, dass die kaiserliche Regierung und die Oberste Heeresleitung sich frühzeitig der Verantwortung entzogen und die Bewältigung der von ihnen verschuldeten Niederlage im Ersten Weltkrieg den Mehrheitsparteien des Reichstags aufbürdeten. Welches Kalkül dahinter steckte, belegt ein Zitat aus der Autobiografie des Ludendorff-Nachfolgers Groener:

Mir konnte es nur lieb sein, wenn bei diesen unglückseligen Waffenstillstands-Verhandlungen, von denen nichts Gutes zu erwarten war, das Heer und die Heeresleitung so unbelastet wie möglich blieb. [18]

So entstand die sogenannte Dolchstoßlegende, nach der die Revolutionäre dem „im Felde unbesiegten“ Heer in den Rücken gefallen seien und erst damit den fast sicheren Sieg in eine Niederlage verwandelt hätten. Zur Verbreitung dieser Geschichtsfälschung trug wesentlich Erich Ludendorff bei, der seine eigenen schweren militärischen Fehlentscheidungen damit kaschieren wollte. In nationalistischen und völkischen Kreisen fiel die Legende auf fruchtbaren Boden. Dort wurden die Revolutionäre und sogar Politiker wie Ebert – der die Revolution gar nicht gewollt und alles getan hatte, um sie zu kanalisieren und einzudämmen – bald als „Novemberverbrecher“ diffamiert. Selbst vor politischen Morden, etwa an Matthias Erzberger und Walter Rathenau, schreckte die radikale Rechte nicht zurück. Es war eine bewusste Symbolik, dass Hitler und Ludendorff ihren Putschversuch von 1923 ebenfalls an einem 9. November unternahmen.

Die Republik war vom Zeitpunkt ihrer Geburt an mit dem Stigma der Kriegsniederlage behaftet. Ein Großteil des Bürgertums und der alten Eliten aus Großindustrie, Großlandwirtschaft, Militär, Justiz und Verwaltung akzeptierten die neue Staatsform nie, sondern sahen in der demokratischen Republik ein Gebilde, das bei erster Gelegenheit wieder beseitigt werden sollte. Auf der Linken dagegen trieb das Verhalten der SPD-Führung während der Revolution viele ihrer einstigen Anhänger den Kommunisten zu. Die gebremste Novemberrevolution führte dazu, dass die Weimarer Republik eine „Demokratie ohne Demokraten“ blieb.[19]

Zeitzeugen

Bereits die Zeitgenossen beurteilten die Novemberrevolution je nach politischer Überzeugung höchst unterschiedlich. Dies verdeutlichen Äußerungen von Zeitzeugen, die zum Teil während oder unmittelbar nach den Ereignissen des Novembers 1918, zum Teil aus der Rückschau erfolgten.

Eher unaufgeregt und mit einer gewissen Erleichterung registrierte der evangelische Theologe und Philosoph Ernst Troeltsch, wie das Gros der Berliner Bürger den 10. November wahrnahm:

Am Sonntagmorgen nach banger Nacht ward das Bild aus den Morgenzeitungen klar: der Kaiser in Holland, die Revolution in den meisten Zentren siegreich, die Bundesfürsten im Abdanken begriffen. Kein Mann tot für Kaiser und Reich! Die Fortdauer der Verpflichtungen gesichert und kein Sturm auf die Banken! (...) Trambahnen und Untergrundbahnen gingen wie sonst, das Unterpfand dafür, daß für den unmittelbaren Lebensbedarf alles in Ordnung war. Auf allen Gesichtern stand geschrieben: Die Gehälter werden weiterbezahlt.[20]

Ein Artikel des liberalen Publizisten Theodor Wolff, der an eben jenem 10. November im Berliner Tageblatt erschien, gab sich dagegen allzu optimistischen Illusionen über den Erfolg der Revolution hin, wie sie auch die SPD-Führung gehegt haben mag:

„Die größte aller Revolutionen hat wie ein plötzlich losbrechender Sturmwind das kaiserliche Regime mit allem, was oben und unten dazugehörte, gestürzt. Man kann sie die größte aller Revolutionen nennen, weil niemals eine so fest gebaute (...) Bastille so in einem Anlauf genommen worden ist. Es gab noch vor einer Woche einen militärischen und zivilen Verwaltungsapparat, der (...) so tief eingewurzelt war, dass er über den Wechsel der Zeiten hinaus seine Herrschaft gesichert zu haben schien. (...) Gestern früh war, in Berlin wenigstens, das alles noch da. Gestern Nachmittag existierte nichts mehr davon.“[21]

Völlig entgegengesetzt nahm wiederum die äußerste Rechte die Ereignisse wahr. In völliger Verkennung oder bewusster Umdeutung der Handlungsweise Ludendorffs schrieb der Journalist Paul Baecker in der konservativen Deutschen Tageszeitung am 10. November einen Beitrag, der bereits wesentliche Elemente der Dolchstoßlegende enthielt, wie sie später auch von Adolf Hitler und den Nationalsozialisten verbreitet wurde:

Das Werk, das unsere Väter mit ihrem kostbaren Blute erkämpft – weggewischt durch Verrat aus den Reihen des eigenen Volkes! Deutschland, das noch gestern unbesiegt war, von Männern, die den deutschen Namen tragen, seinen Feinden preisgegeben, durch Felonie aus den eigenen Reihen niedergebrochen in Schuld und Schande!
Die deutschen Sozialisten wussten, daß der Friede ohnehin im Werden sei und daß es nur noch gelte, Wochen, vielleicht nur Tage lang dem Feinde eine geschlossene, feste Front zu zeigen, um ihm erträgliche Bedingungen abzuringen. In dieser Lage haben sie die weiße Fahne gehisst.
Das ist eine Schuld, die nie vergeben werden kann und nie vergeben werden wird. Das ist ein Verrat, nicht etwa nur an der Monarchie und am Heere, sondern am deutschen Volke selber, das seine Folgen durch Jahrhunderte des Niedergangs und der des Elends zu tragen haben wird.
[22]

In einem Artikel zum 10. Jahrestag der Revolution stellte der linke Publizist Kurt Tucholsky fest, dass weder Wolff noch Baecker Recht gehabt hatten. Zwar warf auch er Ebert und Noske Verrat vor – allerdings nicht an der Monarchie, sondern an der Revolution. Obwohl er in ihr nur einen „Umsturz“ sehen wollte, analysierte Tucholsky den tatsächlichen Gang der Ereignisse klarer als die meisten seiner Zeitgenossen. Er schrieb 1928 in „November-Umsturz“:

Die deutsche Revolution hat im Jahre 1918 im Saale stattgefunden.
Das, was sich damals abgespielt hat, ist keine Revolution gewesen: keine geistige Vorbereitung war da, keine Führer standen sprungbereit im Dunkel; keine revolutionären Ziele sind vorhanden gewesen. Die Mutter dieser Revolution war die Sehnsucht der Soldaten, zu Weihnachten nach Hause zu kommen. Und Müdigkeit, Ekel und Müdigkeit.
Die Möglichkeiten, die trotzdem auf der Straße gelegen haben, sind von Ebert und den Seinen verraten worden. Fritz Ebert, den man nicht dadurch zu einer Persönlichkeit steigern kann, daß man ihn Friedrich nennt, ist so lange gegen die Errichtung einer Republik gewesen, als er nicht merkte, daß hier ein Posten als Vorsitzender zu holen war; der Genosse Scheidemann è tutti quanti sind verhinderte Regierungsräte gewesen. [...]
Folgende Möglichkeiten sind damals ausgelassen worden:
Zerschlagung der Bundesstaaten;
Aufteilung des Großgrundbesitzes;
Revolutionäre Sozialisierung der Industrie;
Personalreform der Verwaltung und der Justiz.
Eine republikanische Verfassung, die in jedem Satz den nächsten aufhebt, eine Revolution, die von wohlerworbenen Rechten des Beamten des alten Regimes spricht, sind wert, daß sie ausgelacht werden.
Die deutsche Revolution steht noch aus. [23]

Eine ähnliche Meinung vertrat Walter Rathenau. Er nannte die Novemberrevolution eine „Enttäuschung“, ein „Zufallsgeschenk“, ein „Verzweiflungsprodukt“, eine „Revolution aus Versehen“. Sie verdiene diesen Namen nicht, da sie „die eigentlichen Missstände nicht beseitigt“ habe, sondern „in einen entwürdigenden Interessenkampf ausgeartet“ sei. Weiter:

„Nicht wurde eine Kette gesprengt durch das Schwellen eines Geistes und Willens, sondern ein Schloss ist durchgerostet. Die Kette fiel ab, und die Befreiten standen verblüfft, hilflos, verlegen, und mussten sich wieder Willen rüsten. Am schnellsten rührten sich, die ihren Vorteil erkannten.“ [24]

Gegen die Auffassungen Tucholskys und Rathenaus wiederum wandte sich der Historiker und Publizist Sebastian Haffner. Er hatte die Revolution in Berlin als Kind miterlebt und schrieb aus dem Abstand von 50 Jahren in seinem Werk Der Verrat folgendes über eine der Legenden, die sich – insbesondere im Bürgertum – um die Ereignisse des Novembers 1918 gebildet hatten:

Eine wirkliche Revolution, so kann man immer noch vielfach hören, habe in Deutschland 1918 gar nicht stattgefunden. Alles was sich wirklich abgespielt hat, war ein Zusammenbruch. Nur die momentane Schwäche der Ordnungsgewalten im Augenblick der Niederlage ließ eine Matrosenmeuterei als Revolution erscheinen.
Wie falsch und blind das ist, das sieht man auf einen Blick, wenn man 1918 mit 1945 vergleicht. Da allerdings gab es wirklich nur einen Zusammenbruch.
Gewiß gab 1918 eine Matrosenmeuterei den Anstoß zur Revolution, aber eben nur den Anstoß. Das Außerordentliche war eben dies: daß eine bloße Matrosenmeuterei in der ersten Novemberwoche 1918 ein Erdbeben auslöste, das ganz Deutschland erschütterte; daß das gesamte Heimatheer, die gesamte städtische Arbeiterschaft, in Bayern überdies noch ein Teil der Landbevölkerung sich erhob. Diese Erhebung aber war keine bloße Meuterei mehr, sie war eine echte Revolution. (...)
Wie jede Revolution stürzte auch diese eine alte Ordnung und setzte an ihre Stelle die Anfänge einer neuen. Sie war nicht nur zerstörerisch, sie war auch schöpferisch. (...)
Als revolutionäre Massenleistung steht der deutsche November 1918 weder hinter dem französischen Juli 1789 noch hinter dem russischen März 1917 zurück.
[25]

Historische Forschung

Während der Zeit des Nationalsozialismus konnten die in den 1930er und 1940er Jahren im Ausland und von Emigranten veröffentlichten Arbeiten zur Weimarer Republik und zur Novemberrevolution in Deutschland nicht rezipiert werden. Dies gilt etwa für die 1935 erstmals erschienene Geschichte der Weimarer Republik von Arthur Rosenberg. Aus seiner Sicht war die politische Situation zu Beginn der Revolution noch offen: Die gemäßigt sozialistisch und demokratisch gesinnte Arbeiterschaft habe durchaus die Chance gehabt, zum eigentlichen sozialen Träger der Republik zu werden und die konservativen Kräfte zurückzudrängen. Gescheitert sei dies zum einen an den Fehlentscheidungen der SPD-Führer, zum anderen an der vom äußersten linken Flügel der Arbeiterbewegung betriebenen Revolutionsstrategie.

Nach 1945 konzentrierte sich die westdeutsche Forschung zur Geschichte der Weimarer Republik vor allem auf deren Ende. So ignorierte Theodor Eschenburg 1951 noch weitgehend den revolutionären Beginn der Republik. Auch Karl Dietrich Bracher stellte die Novemberrevolution 1955 in eine Perspektive mit dem Ende der Republik. Wie wenig die Revolution nach 1945 in damaligen Gesamtdarstellungen beachtet wurde, zeigt z.B. Erich Eyck: Er widmete den Ereignissen in seiner zweibändigen Geschichte der Weimarer Republik nur knapp 20 Seiten. Ähnliches gilt auch für Karl Dietrich Erdmanns Beitrag zur 8. Auflage des Gebhardtschen Handbuchs zur Deutschen Geschichte. Dennoch dominierte die Sicht dieses Autors die Interpretation der Novemberereignisse nach 1945. Danach sei es 1918/19 um die Wahl zwischen der „sozialen Revolution im Bund mit den auf die proletarische Diktatur hindrängenden Kräfte oder die parlamentarische Republik im Bund mit konservativen Elementen wie dem deutschen Offizierskorps“ gegangen.[26] Die drohende „Rätediktatur“ habe die Mehrheitssozialdemokratie also gezwungen, ein Bündnis mit den alten Eliten einzugehen. Die Schuld für das Scheitern von Weimar habe damit letztlich bei der äußersten Linken gelegen. Folgt man dieser Sichtweise, waren die Ereignisse von 1918/19 ein erfolgreicher Abwehrkampf der Demokratie gegen den Bolschewismus.

Diese Interpretation in der Hochphase des Kalten Krieges ging von der Annahme aus, dass die äußerste Linke vergleichsweise stark gewesen sei und tatsächlich eine Bedrohung für eine demokratische Entwicklung dargestellt habe. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass sich viele konservative und liberale Historiker in diesem Punkt mit der marxistischen Geschichtsschreibung einig waren, die vor allem dem Spartakusbund ein erhebliches revolutionäres Potenzial zuwies. Diese übereinstimmende Einschätzung der extremen Linken führte aber zu völlig gegensätzlichen Bewertungen der Rolle der Mehrheits-SPD: Sprachen die meisten Historiker in der Bundesrepublik Deutschland der Nachkriegszeit sie vom Odium der Novemberverbrecher frei, warf ihnen die DDR-Historigrafie „Verrat an der Arbeiterklasse“ und der USPD-Führung Unfähigkeit vor. Ihre Interpretation folgte im Wesentlichen der traditionellen Haltung der KPD nach 1919 und den Thesen des Zentralkomitees der SED von 1958. Danach blieb die Novemberrevolution „ihrem Charakter nach eine bürgerlich-demokratische Revolution, die in gewissem Umfang mit proletarischen Mitteln und Methoden durchgeführt wurde.“ Dass es in Deutschland trotz der „vorhandenen objektiven Bedingungen“ nicht zu einer Revolution der Arbeiterklasse gekommen sei, wurde auf den „subjektiven Faktor“ und insbesondere das Fehlen einer „marxistisch-leninistischen Kampfpartei“ zurückgeführt. Die Gründung der KPD erklärte man folgerichtig zum entscheidenden Wendepunkt der deutschen Geschichte. Abweichend von der offizielle Parteilinie vertrat jedoch Rudolf Lindau die These, es habe sich um eine in der Tendenz sozialistische Revolution gehandelt. Trotz aller ideologischen Voreingenommenheit hat die Forschung in der DDR die Detailkenntnisse im Bereich der Novemberrevolution erweitert.[27]

Während in den 1950er Jahren das Interesse der Forschung in der Bundesrepublik vor allem der Endphase der Weimarer Republik galt, verlagerte sich seit Beginn der 1960er Jahre der Schwerpunkt hin zum revolutionären Anfang der Republik. Dahinter stand die Erkenntnis, dass für das Scheitern der ersten deutschen Republik die Entscheidungen und Entwicklungen während der Novemberrevolution eine zentrale Rolle gespielt haben. Dabei rückten vor allem die Arbeiter- und Soldatenräte in den Vordergrund des Interesses. Deren bisheriges Erscheinungsbild als einer linksextremen Bewegung musste daraufhin weitgehend revidiert werden. Autoren wie Ulrich Kluge, Eberhard Kolb, Reinhard Rürup und andere argumentierten, die soziale Basis für eine demokratische Umgestaltung der Gesellschaft sei in den ersten Wochen der Revolution viel breiter gewesen als bis dahin angenommen und das Potential der extremen Linken sei objektiv schwächer gewesen als etwa die mehrheitssozialistische Führung subjektiv vermutet hatte. Da der „Bolschewismus“ keine reale Gefahr dargestellt habe, sei auch der Handlungsspielraum des Rats der Volksbeauftragten – gestützt auch auf die noch reformorientierten Räte – zur konsequenten Demokratisierung von Verwaltung, Militär und Gesellschaft relativ groß gewesen. Die Führung der MSPD habe diesen Schritt jedoch nicht getan, weil sie einerseits auf die Loyalität der alten Eliten vertraut, der spontanen Massenbewegung der ersten Revolutionswochen dagegen misstraut habe. Das Ergebnis dieser Linie seien Resignation und die Radikalisierung der Rätebewegung gewesen. Diese Thesen wurden durch Veröffentlichung der Protokolle des Rats der Volksbeauftragten untermauert. Die Geschichte der Revolution erschien nun zunehmend als Geschichte ihrer allmählichen Zurücknahme.

Diese Neuinterpretation der Revolution hat sich in der Forschung relativ rasch durchgesetzt, auch wenn sich daneben die älteren Vorstellungen noch weiter halten konnten. Weitgehend unstrittig sind bis heute die mit Quellen leicht zu belegenden Forschungen zur Zusammensetzung der Arbeiter- und Soldatenräte. Dagegen wurden die darauf basierenden Interpretationen des Revolutionsgeschehens schon seit dem Ende der 1970er Jahre kritisiert und teilweise modifiziert. Die Kritik richtete sich gegen die zum Teil idealisierte Darstellung der Arbeiter- und Soldatenräte, wie sie insbesondere im Gefolge der 1968er Bewegung geäußert wurden. Besonders weit war in dieser Hinsicht Peter von Oertzen gegangen, der eine auf die Räte gestützte soziale Demokratie als positive Alternative zur bürgerlichen Republik beschrieb. Dagegen betrachtete Wolfgang J. Mommsen die Räte nicht als einheitlich zielgerichtete Demokratiebewegung, sondern als eine heterogene Gruppe mit einer Vielzahl unterschiedlicher Motivationen und Ziele. Jesse und Köhler sprachen sogar von der „Konstruktion einer [demokratischen] Rätebewegung“. Allerdings schlossen auch diese Autoren einen „Rückfall in die Positionen der fünfziger Jahre“ aus: Weder waren die Räte überwiegend kommunistisch orientiert, noch lässt sich die Politik der Mehrheitssozialdemokraten als in jeder Hinsicht glücklich und rühmenswert kennzeichnen.[28]

Heinrich August Winkler zufolge bestand zwischen dem 9. November 1918 und dem 19. Januar 1919 die größte reale Chance, die „Erblast des Obrigkeitsstaates“ zu verringern und eine breite gesellschaftliche Zustimmung für die erstrebte parlamentarische Demokratie zu schaffen. Um ein Chaos zu vermeiden, seien die Sozialdemokraten an einer „beschränkten Zusammenarbeit mit den Trägern des alten Regimes“ zwar nicht vorbeigekommen, hätten diese aber erheblich intensiver gestaltet als nötig: Die Sozialdemokraten hätten bei stärkerem politischem Gestaltungswillen mehr verändern können und weniger bewahren müssen...Die sozialen Grundlagen der Republik zu sichern, bevor sich ihre Gegner sammeln konnten: Dafür sprachen in der Tat historische Erfahrung und politische Vernunft. Ebert und die SPD-Vertreter in der provisorischen Reichsregierung hätten den Sachverstand der alten Eliten nutzen wollen und auf deren Loyalität gehofft. Darum sei besonders die von den Räten begonnene Sozialisierung des Steinkohlenbergbaus sowie die Demokratisierung des Militärs und der Beamtenschaft nicht fortgesetzt, sondern verhindert worden. Winkler stimmt der Selbstkritik Rudolf Hilferdings vom September 1933 zu, der eben darin entscheidende Fehler der SPD gesehen hatte, die Hitlers Aufstieg ermöglicht hätten.[29]

Bei allen Unterschieden im Detail zeichnet sich als aktuelle Forschungsmeinung ab, dass die Chancen, die Republik auf eine breitere Basis zu stellen, während der Novemberrevolution deutlich größer waren als die Gefahren, die von der extremen Linken ausgingen. Stattdessen habe das Bündnis der Mehrheitssozialdemokraten mit den alten Eliten für die Weimarer Republik zumindest auf mittlere Sicht ein erhebliches Strukturproblem dargestellt.[30]

Siehe auch

Einzelbelege

  1. Volker Ullrich, Die nervöse Großmacht S. 36
  2. Volker Ullrich, a.a.O. S. 173-176
  3. Manfred Scharrer (verdi): Das patriotische Bekenntnis
  4. zit. nach Sebastian Haffner, Der Verrat S. 12
  5. zit. nach Haffner, a.a.O. S. 12
  6. zit. nach Schulze, Weimar. Deutschland 1917-1933, S. 158
  7. zit. nach Haffner, Der Verrat S. 32f
  8. Dirk Dähnhardt, Revolution in Kiel S. 66
  9. zitiert nach v. Baden: Erinnerungen und Dokumente S. 599f
  10. zit. nach Michalka u. Niedhart (Hg.): Deutsche Geschichte 1918-1933, S. 18
  11. zit. nach Michalka u. Niedhart (Hg.): Deutsche Geschichte 1918-1933, S. 20 f.
  12. zit. nach Michalka u. Niedhart (Hg.): Deutsche Geschichte 1918-1933, S. 21
  13. siehe hierzu Winkler, Weimar S. 55 f.
  14. zit. nach Winkler, Weimar S. 58
  15. siehe Der Spiegel v. 18.04.1962
  16. vgl. Schulze, Weimar. Deutschland 1917-1933 S. 169 u. 170
  17. siehe hierzu Mosler, Die Verfassung des Deutschen Reichs vom 11. August 1919
  18. zit. nach Schulze, Weimar. Deutschland 1917-1933 S. 149
  19. siehe hierzu Sontheimer, Antidemokratisches Denken
  20. zit. nach Haffner, Der Verrat S. 85
  21. zit. nach Haffner, Der Verrat S. 95
  22. zit. nach Haffner, Der Verrat S. 96
  23. Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke, Band 6, S. 300
  24. zit. nach Sösemann, Demokratie im Widerstreit, S.13
  25. Haffner, Der Verrat S. 193 f.
  26. zit. nach Kluge, deutsche Revolution 1918/19, S. 15
  27. nach Eberhard Kolb: Die Weimarer Republik. Wien, 1984. S. 154f
  28. zit. nach Kolb, a.a.O. S. 160f
  29. Heinrich August Winkler: Deutschland vor Hitler. In: Walter Pehle (Hrsg.): Der historische Ort des Nationalsozialismus. Annäherungen. Fischer TB, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-596-24445-5, S.14
  30. Kolb, a.a.O. S.143-162; Kluge, Deutsche Revolution S. 10-38

Literatur

Regionale Darstellungen

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