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Grauen

Das Grauen (seltener: der Graus) ist ein Substantiv der gehobenen Umgangssprache für ein gesteigertes Angstgefühl oder Entsetzen. Es rührt sprachgeschichtlich vom mhd. grûwen („Schauder“) her.

Das zugehörige reflexive Verb ist sich grauen. In der Alltagssprache wird bei einem (kleinen) Malheur oder Fehler noch Das ist ja grauenhaft! gesagt. In die Kindersprache gehört, sich „zu graulen“ oder „zu gruseln“.

Abgeleitet davon sind die Wörter Grausamkeit und Gräuel.

Inhaltsverzeichnis

Sozialwissenschaftliche Aspekte

Grauen ist eine Reaktion auf Unheimliches. Es kommt manifest nicht nur in Kulturen vor, die dem Unheilvollen magische oder religiöse Bedeutung zumessen (vgl. Tabu), sondern auch latent in der ‚Wissenschaftlichen Zivilisation‘. Ethnologie, Kultursoziologie und Psychoanalyse befassen sich damit. Bräuche (etwa im Bestattungswesen), die nach wie vor das Grauen vor Toten einzudämmen versuchen, untersuchen Volkskunde und Thanatosoziologie.

In Mitteleuropa wurden bis ins 19. Jh. hinein als Grauen erweckend zumal Friedhöfe des Nachts (in der „Geisterstunde“) oder dunkle Wälder angesehen (vgl. Spuk). Mit der Ausbreitung des wissenschaftlichen Weltbildes machte jedoch jemandes Eingeständnis, etwas sei ihm unheimlich, ihn im Alltagsleben zunehmend lächerlich, und damit auch ein Eingeständnis, man graue sich. Es ist nichtsdestoweniger für Kinder noch bedeutsam, etwa in dunklen Kellern oder angesichts einiger Tiere (z. B. großer Spinnen) oder erschreckender Kostümierungen. Dass latentes Grauen selbst in den USA nicht verschwunden ist, lässt sich soziologisch daraus erschließen, dass es kommerziell durch ein besonderes Genre des Spielfilms, den Horrorfilm, abrufbar geblieben ist (wo sogar in Europa harmlose Figuren, z. B. der Clown, grauenvolle Züge annehmen). Zum Teil wird es dann durch Komik angestrengt entschärft („Grusical“).

Belletristik

In der Dichtung spielte und spielt das Grauen als starke Emotion immer eine Rolle. Zu erinnern ist an das „Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ der Brüder Grimm mit dem wiederholten Ausspruch eines Menschen; der sich nicht grauen kann, wie sonst alle: Ach, wenn mir’s nur gruselte!

Goethe gebraucht als Schlusszeile des Ersten Teils seines „Faust“ das Wort „Grauen“ hochemphatisch, mit Gretchens Aufschrei: Heinrich! Mir grauts vor dir!

Schiller benutzt das Wort als ebenfalls nachdrücklichen Schlusspunkt, wenn sein „Taucher“ alle Welt davor warnt, sich von der Freude abzuwenden:

[ ... ] es freue sich,
Wer da atmet im rosichten Licht!
Da unten aber ists fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht,
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.

Ein Virtuose des Grauens war unter den Dichtern Edgar Allan Poe und ist unter den lebenden Autoren Stephen King.

Andere Künste

Beispiele sind hier in der Musik die sinfonische Dichtung Eine Nacht auf dem kahlen Berge von Modest Mussorgski, in der Malerei Der Nachtmahr von Johann Heinrich Füssli (siehe oben).

Literatur

Siehe auch

 Wiktionary: Grauen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik

Andere Wortbedeutungen

Als intransitives Verb bedeutet „grauen“, die graue Farbe anzunehmen (der Morgen graute bereits), vgl. „ergrauen“ (sein Haar ergraute früh) und ist von grau (ahd. grâwên, mhd. grâwen) abgeleitet.