Heim

Taijiquan

Das Tàijíquán [tʰaitɕitɕʰyɛn] (chin. 太極拳 / 太极拳, W.-G. T'ai-chi-ch'üan), auch T'ai-Chi-Ch'uan oder chinesisches Schattenboxen genannt, ist eine im Kaiserreich China entwickelte innere Kampfkunst. In der Volksrepublik China ist Taijiquan in zumeist stark vereinfachter Form ein Volkssport und in den Parks der Städte sieht man in den Morgenstunden tausende Menschen beim Üben der Bewegungen.

Über den Aspekt als Kampfkunst und Selbstverteidigung hinaus wird Taijiquan häufig als allgemeines System der Bewegungslehre oder als Gymnastik betrachtet, das einerseits der Gesundheit sehr förderlich ist, andererseits der Persönlichkeitsentwicklung und der Meditation dienen kann. Besonders im Westen tritt der Kampfkunstaspekt häufig hinter diesen Aspekten zurück.

Inhaltsverzeichnis

Praxis

Grundlagen

In den verschiedenen Stilen und Schulen werden verschiedene Basisübungen praktiziert. Häufig werden dabei Übungen aus Systemen des Qigong verwendet, die auf das Praktizieren des Taijiquan vorbereiten.

Form

Im Zentrum des Übens von Taijiquan steht meistens eine so genannte Form (chin. 套路, taolu), ein klar umschriebener Bewegungsablauf aufeinanderfolgender, meist fließender Bewegungen (vergleichbar einer Kata in den japanischen Kampfkünsten). Eine Form setzt sich aus mehreren Bildern bzw. Einzelbewegungen zusammen. Viele Formen werden deswegen nach der Anzahl ihrer Bilder benannt, so zum Beispiel die 24-Bilder-Form (Pekingform) oder die 37-Bilder-Form nach Zheng Manqing (chin. 鄭曼青, W.-G. Cheng Man-ch'ing, 1899-1974). Die längsten Formen können über 100 Bilder haben. Die Ausführung der Form kann von wenigen Minuten bis zu eineinhalb Stunden dauern, je nach Anzahl der Bilder und Geschwindigkeit der Ausführung.

Taijiquan-Formen werden meistens langsam und ruhig ausgeführt, doch kann es je nach Stil, Form und Erfahrung des Übenden große Unterschiede geben.

Darüber hinaus herrscht Verwirrung im Umgang mit den Worten „Form“, „Bewegung“, „Bild“, „Movement“ und „Routine“. Im Deutschen bilden mehrere Bewegungen oder Bilder eine Form. Übersetzt in das Englische müsste man davon ausgehen, dass mehrere „Movements“ ebenfalls als „Form“ bezeichnet werden. Meist wird jedoch von mehreren „Forms“ (also Formen) gesprochen die eine „Routine“ bilden. Somit ist gerade für den Anfänger nicht immer leicht verständlich, ob nun bei einer Form von der gesamten Taolu oder nur einem Ausschnitt gesprochen wird.

Waffenformen

Die gebräuchlichsten Formen sind waffenlos, doch gibt es auch zahlreiche Waffen- oder Geräteformen. In traditionell orientierten Taijiquan-Schulen werden fortgeschrittene Schüler in den Waffenformen unterrichtet. Waffen des Taijiquan sind

Am häufigsten werden Soloformen geübt, es gibt jedoch auch Partnerformen. Auch freie Anwendungen und freier Kampf werden zum Teil unterrichtet.

Partnerübungen

Neben dem Solo-Formtraining gibt es auch Partnerübungen.

Die bekannteste Partnerübung ist vermutlich das Tuishou (chin. 推手, tuī shǒu „schiebende Hände“, engl. Pushing hands), bei dem sich die Partner gegenüberstehen und einander an den Armen oder Händen berühren. In einer kontinuierlichen Bewegungsschleife übt einer der Übenden Druck auf die Arme des anderen Übenden aus, der versucht, dem Druck nachzugeben und zu neutralisieren, um anschließend selbst Druck auszuüben.

Je nach Taijiquan-Stil gibt es weitere Partnerübungen (z.B. Dalü, San sau), die aufeinander aufbauend von einfachen Grundlagen bis zu freieren Sequenzen das Taijiquan in Anwendung, Selbstverteidigung und Wettkampf trainieren.

Prinzipien

Qi (Ch'i)

Wegen seiner engen Verbindung zum philosophischen Daoismus kommt im Taijiquan wie in allen inneren Kampfkünsten dem Konzept des Qi (chin.  / , , W.-G. Ch'i) eine wichtige Bedeutung zu. Durch das Üben des Taijiquan soll der Übende in zunehmendem Maße in der Lage sein, das Qi wahrzunehmen und schließlich zu kontrollieren. Das Qi wird von vielen Praktizierenden als eine Art Energiefluss beschrieben, den man im Körper zirkulieren lassen kann.

Das Qi soll einerseits der Gesunderhaltung und Körperkontrolle dienen und andererseits im Kampf anwendbar sein.

Im Westen wird gerne versucht, die Natur des Qi zu erklären. Für einige handelt es sich dabei um eine rein subjektive Empfindung, die sich beim Üben einstellt, andere verstehen darunter eine erhöhte Sensitivität und Körperkontrolle, für wieder andere ist es eine für westliches Verständnis nicht greifbare Energie, die physische Wirkungen hervorruft und in der Kampfanwendung an Stelle von Muskelkraft eingesetzt werden kann.

Die 10 Grundregeln

Die folgenden zehn Grundprinzipien werden Yang Chengfu (W.-G.: Yang Cheng-Fu, 1883-1936) zugeschrieben und sollen beim Üben eingehalten werden:

Umschrift, Bedeutung und Übersetzung

In der heute für das Chinesische allgemein üblichen Pinyin-Umschrift wird der Name der Kampfkunst als Taijiquan transkribiert. Die in Deutschland häufig anzutreffende Umschrift T'ai chi ch'uan oder T'ai chi ch'üan geht auf das ältere, heute ungebräuchliche Wade-Giles-System zurück, die im Kampfkunstumfeld noch an vielen Stellen verwendet wird.

Taiji (chin. 太極 / 太极, Tàijí) ist im Daoismus ein Synonym für das allerhöchste Wirkprinzip und schwer zu übersetzen, da es keinen entsprechenden Begriff in der deutschen Sprache gibt. Es wird meist dargestellt durch nebenstehendes Symbol, welches das harmonische Wechselspiel der Kräfte Yin und Yang zeigt. Quán (chin. ) bedeutet „Faust“, im Zusammenhang mit Kampftechniken wird es benutzt, wenn mit leerer Hand, also ohne Waffen gekämpft wird. Eine mögliche Übersetzung von Taijiquan wären daher: Kampfkunst nach den Prinzipien von Yin und Yang.

Historisch gesehen ist die Bezeichnung Taijiquan etwa seit Beginn des 20. Jahrhunderts gebräuchlich, davor wurden andere Bezeichnungen für die Kampfkunst verwendet.

Im Westen wird das Taijiquan häufig abgekürzt als Tai Ji oder Tai Chi bezeichnet. Genaugenommen ist diese Bezeichnung falsch, da Taiji im Chinesischen eine eigene, gänzlich andere Bedeutung trägt (siehe oben). Da in Deutschland der Kampfkunstaspekt des Taijiquan manchmal vollständig in den Hintergrund tritt, der im Wort quán (chin.  „Faust“) steckt, wird die verkürzte Bezeichnung dabei teilweise sogar bewusst verwendet.

Selten liest man auch die Schreibweise Thai Chi, die keiner gebräuchlichen Transkription entspricht und vermutlich einfach auf einen Schreibfehler zurückgeht.

Legenden und Geschichte

Über die Entwicklungsgeschichte des Taijiquan gibt es widersprüchliche Angaben. Die meisten der heute Taijiquan Praktizierenden berufen sich auf Vorläufer oder Wurzeln aus dem 15. Jahrhundert oder früher. Des Weiteren sollen die Wurzeln oder Vorläufer nur einem engen Personenkreis zugänglich gewesen sein, etwa einem Kloster oder einer Familie. Entsprechend entziehen sich diese auch der offiziellen Geschichtsschreibung. Erschwerend kommt hinzu, dass es im chinesischen Kaiserreich üblich war, sich in eine Reihe von Vorfahren oder Lehrern zu stellen, die möglichst hoch angesehen oder gar Sagengestalten waren, d.h. es wurden nicht immer die tatsächlichen Sachverhalte weitergegeben. All dies leistete der Mythenbildung Vorschub.

Zhang Sanfeng, die Wudang-Berge und Verbindungen zum Daoismus

Innerhalb der Kampfkünste (chin. Wushu) wird Taijiquan zu den inneren Kampfkünsten (chin. Neijia) gerechnet und in Verbindung mit Prinzipien des philosophischen Daoismus gebracht. Als legendärer Begründer der inneren Kampfkünste und damit auch des Taijiquan wird der daoistische Mönch Zhang Sanfeng betrachtet. Der Legende nach entdeckte er die Prinzipien der inneren Kampfkünste in den Wudang-Bergen, nachdem er den Kampf zwischen einer Schlange und einem weißen Kranich beobachtet hatte. Zhang Sanfeng soll zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert gelebt haben, aber seine historische Existenz ist nicht belegt.

Unter Anhängern der Wudang-Hypothese herrscht die Meinung vor, daß seit jener Zeit in den daoistischen Klöstern der Wudang-Berge die inneren Kampfkünste weitergegeben und tradiert wurden. Die drei bekanntesten inneren Kampfkünste Taijiquan, Baguazhang und Xingyiquan sind demnach vielleicht nicht dort erfunden worden, aber zumindest hätten ihre Erfinder Lehrer von dort gehabt oder dort gelernt.

Junger Mönch übt Taijiquan in den Wudang-Bergen

Die Wudang-Hypothese ist historisch umstritten. Manche der Texte der sogenannten Klassiker des Taijiquan tragen Namen von Autoren, die eine solche Verbindung zu den Wudang-Bergen nahelegen, jedoch ist umstritten, wann diese Texte wirklich entstanden sind, oder ob die Namen der Autoren nicht erst später hinzugefügt wurden. Dies könnte aus verschiedenen Gründen geschehen sein: einerseits um den Texten mehr Gewicht zu geben, andererseits um der konfuzianische Tugend der Bescheidenheit zu genügen, oder sogar nur, um die Wudang-Hypothese zu bekräftigen.

Heutzutage wird in den Wudang-Bergen eine Form des Taijiquan als Teil der inneren Kampfkünste praktiziert und gelehrt, die sich von anderen Stilen des Taijiquan unterscheidet. Diese wird von Anhängern des Wudang-Stils direkt auf Zhang Sanfeng und die Traditionen der Klöster zurückgeführt, auch wenn die Bezeichnung Taijiquan für die Form und wahrscheinlich auch die eigentliche Form selbst sicherlich neueren Ursprunges ist.

Entstehung der „5 Familienstile“

Verlässlich lässt sich die Geschichte des Taijiquan bis etwa zur Mitte des 16. Jahrhunderts zurückverfolgen. Damals schrieb Qi Jiguang „Die 32 Arten der Boxformen“. Obwohl darin kein Taijiquan erwähnt wurde, enthält das Buch dennoch einige Techniken und Namen für diese, die auch heute noch im Taijiquan zu finden sind.

Mitte des 17. Jahrhunderts tauchte im Dorf Chenjiagou ein Boxstil auf. Zum Ursprung des Stils gibt es verschiedene Ansichten. Der Überlieferung der Familie Chen zur Folge wurde der Stil von Chen Wangting aus seinen bestehenden Kenntnissen der Kampfkünste entwickelt. Wie intensiv die Einflüsse anderer Künste auf diesen Boxstil tatsächlich waren, ist nicht mehr nachzuvollziehen, oder ob Chen Wangting einen Lehrer hatte. Einer anderen Überlieferung zufolge brachte ein Reisender namens Wang Zongyue oder Jiang Fa den Stil nach Chenjiagou. Nachdem er sich dort erfolgreich einigen Herausforderungen gestellt hatte, wurde er darum gebeten, seinen Stil zu lehren.

Fest steht, dass der Stil seit dieser Zeit zunächst als Familiengeheimnis der Familie Chen weiterentwickelt und tradiert wurde. Das Taijiquan der Chen-Familie wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert erstmals an einen Außenstehenden weiter gegeben: Chen Changxing (1771-1853) akzeptierte Yang Luchan (1799-1872) als Schüler im inneren Kreis der Familie. Yang Luchan entwickelte das Gelernte weiter und wurde zum Begründer des Yang-Stils. Etwas später unterrichtete Chen Qingping (1795-1868) ebenfalls außerhalb der Familie Wu Yuxiang (1812-1880).

So wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Grundlage für die sogenannten 5 Familienstile gelegt, benannt nach den Familiennamen der Stilbegründer. Dies sind:

Man beachte, dass das „Wu“ in „Wu Yuxiang“ ein anderes Schriftzeichen ist als in „Wu Jianquan“ - es handelt sich also um verschiedene Familien. Generell kann man in heutiger Zeit nicht mehr aus dem Namen eines Meisters auf den Taijiquan-Stil zurückschließen. Man sagt, es habe immer wieder Verbindungen zwischen den Taijiquan-Familien gegeben.

Ausbreitung des Taijiquan im Westen

Im Westen wurde das Taijiquan in der Mitte des 20. Jahrhunderts bekannt. Dabei tat sich insbesondere Zheng Manqing (chin. 鄭曼青, W.-G. Cheng Man-ch'ing, 1899-1974) hervor. Er war von 1928 bis 1935 ein Schüler des Yang-Stil Meisters Yang Chengfu und entwickelte eine stark verkürzte Form in 37 Bildern. Im Jahre 1949 wanderte er zunächst nach Taiwan, im Jahre 1964 dann nach New York aus. Dort begann er, seine Form zu unterrichten.

Vermutlich ist es der Einfachheit der Kurzform und der Offenheit von Zheng Manqing zu verdanken, dass sich seine Form im ganzen Westen verbreitete und damit maßgeblich zur Ausbreitung des Taijiquan im Westen beitrug. Dabei ist sowohl Zheng Manqing als auch seine Form nicht unumstritten, und seine Form wird von den Vertretern des Yang-Stils nicht anerkannt.

Neuere Geschichte

Seitdem sich das Taijiquan zunächst in China und später auch im Westen zunehmender Beliebtheit erfreute, ist eine sehr große Diversität von Stilen zu beobachten. Es haben sich unzählige Weiterentwicklungen, Abkömmlinge und Mischungen entwickelt, die unter der Bezeichnung Taijiquan gelehrt und praktiziert werden.

Dabei herrschen zwei Tendenzen vor:

Im Jahre 1956 wurden von offizieller Seite in der VR China die Pekingform mit 24 Bildern eingeführt. Diese Form basiert auf dem Yang-Stil. Darauf aufbauend wurde 1976 eine Form mit 48 Bildern entwickelt, in die auch Elemente anderer Stile eingebunden sind. 1989 entstand die Form mit 42 Bildern als eine neuere Wettkampfform. Sie enthält deutlich Elemente verschiedener Stile. Im gleichen Jahr wurde auch eine Wettkampfform im Yang-Stil mit 40 Bildern vorgestellt. Seit 1999 gibt es im Yang-Stil außerdem noch eine Form mit 16 und eine mit 10 Bildern.

Taijiquan in Deutschland

Die meisten in Deutschland praktizierten Taijiquan-Stile sind Varianten der offiziellen Formen oder Abkömmlinge des Chen-, Yang- oder Wu-Familienstils. Seit einiger Zeit findet auch das Taijiquan der Wudang-Tradition in Deutschland Verbreitung.

In vielen Fällen übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen im Rahmen der Gesundheitsvorsorge zumindest teilweise die Kosten von Taijiquan-Kursen, sofern diese von einem von der Krankenkasse zugelassenen Unterrichtenden durchgeführt werden.

In Deutschland gibt es zahlreiche Verbände, Schulen, Vereine und Einzellehrer, die sich der Verbreitung des Taijiquan verschrieben haben. Eine einzige, übergeordnete, von allen anerkannte Organisationsstruktur existiert bisher nicht. 2003 wurde der Deutsche Dachverband für Qigong und Taijiquan e.V. (DDQT)[1] gegründet, dem einige der großen Verbände der unterschiedlichen Stile angehören, und der Ausbildungsrichtlinien für Taijiquan-Lehrende festlegt. Diese Ausbildungsrichtlinien sind auch in die Leitlinien der Krankenkassen zur Umsetzung von § 20 SGB V eingeflossen, in denen der DDQT e.V. als maßgebliche Fachorganisation zur Anerkennung von Qualifikationen für Qigong- und Taijiquan-Unterrichtende genannt ist.

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

  1. http://www.ddqt.de